Während der langen Zeit meines Aufenthalts war mein Pulver so sehr

auf die Neige gegangen, daß ich ernstlich daran denken mußte, das für

mich so wertvolle Gut zu ersetzen. Wie sollte ich Ziegen und Vögel

schießen? Wie konnte ich mich im Falle eines Angriffs verteidigen? Bis

auf die äußerste Not durfte ich es nicht ankommen lassen, deshalb ging

ich darauf aus, Ziegen zu *fangen*, um meinen letzten Vorrat an Pulver

zu schonen. Besonders gern hätte ich eine Mutter mit ihren Jungen

gehascht, und es mochten sich vielleicht auch schon einige gefangen

haben, aber die Netzstricke waren nicht stark genug, und wenn ich eine

Beute zu haben glaubte, fand ich die Schlingen zerrissen. Endlich

versuchte ich es mit *Fallgruben* und machte an jenen Plätzen, wo die

Ziegen zu weiden pflegten, tiefe Löcher, legte über diese Gruben ein

Flechtwerk von dünnen Ruten, streute Erde darauf und auf diese wiederum

Reis und Gerste. An der Spur der Ziegen bemerkte ich, daß diese die

Körner gefressen hatten, und als ich am andern Morgen erwartungsvoll

meine Fangmaschinen besichtigte, sah ich in der That sämtliches

Getreide abgefressen -- aber keine Ziege gefangen. Nach einigen

weiteren mißlungenen Versuchen hatte ich endlich doch eines Morgens die

Freude, in einer der Gruben einen großen, feisten Bock, sowie in einer

andern drei junge und zwei ältere Ziegen und einen Bock gefangen zu

erblicken. Der letztere, ein alter Bursche, war so wild, daß ich mich

nicht an ihn herangetraute, und ihn zu töten konnte nicht in meiner

Absicht liegen, da sein zähes Fleisch für meinen Gaumen durchaus nicht

verlockend schien. Ich gab ihm daher ohne langes Besinnen die Freiheit,

und er floh in weiten Sätzen davon.

Damals dachte ich freilich noch nicht daran, daß der Hunger selbst

einen Löwen zähmen kann; hätte ich den Bock nur drei bis vier Tage

hungern lassen, ihm dann Wasser und grünes Futter gegeben, so würde

er gewiß zahm geworden sein wie ein Lamm. Meine Zicklein nahm ich

eines nach dem andern aus der Grube, band sie mit Stricken aneinander

und trieb sie nach Hause. Anfangs wollten sie durchaus nicht fressen;

als ich sie jedoch ein paar Tage hatte hungern lassen und ihnen dann

saftige Kräuter vorhielt, ließen sie sich zum Fressen verlocken und

wurden in kurzer Zeit zahm.

Das war der erste Anfang zu meiner Ziegenherde, und ich sah schon im

Geiste der Zeit entgegen, wo ich, ohne Pulver und Blei nötig zu haben,

fortwährend mit Ziegenfleisch versorgt sein würde. Freilich drängte

sich mir bei dieser frohen Aussicht der Gedanke an einen leidigen

Übelstand auf. Da ich nämlich um jeden Preis zu verhüten hatte, daß die

Tiere mit ihren Brüdern im Thale und in den Wäldern zusammenträfen, so

mußte ich einen Park von Hecken oder Palissaden errichten, damit weder

meine zahmen Ziegen entfliehen, noch die wilden von außen hereinbrechen

konnten.

Wer in der Errichtung solcher Gehege einige Übung besitzt, würde sich

kaum eines Lächelns haben enthalten können, hätte er gesehen, wie ich

zu meiner ersten Hürdenanlage eine jener großen Wiesen aussuchte, die

man in den Ländern des Westens Savannen nennt.

Einige klare Bäche schlängelten sich durch den Wiesengrund, an dessen

einem Ende schattige Bäume standen; um aber diese Wiese mit einem Zaune

zu umgeben, bedurfte es einer Reihe Palissaden von beinahe einer halben

Meile Ausdehnung. Hierbei bedachte ich allerdings nicht, daß in einem

so großen Umkreis die Ziegen ebenso schwer zu fangen sein mußten, als

wenn sie frei auf der ganzen Insel hätten umherlaufen dürfen.

Schon hatte ich etwa 150 Schritte fertig, als mir dieser Gedanke

nachträglich beikam. Ich beschloß deshalb, nur ungefähr 200 Schritt

einzufriedigen, was für eine Herde, wie ich sie in einiger Zeit haben

konnte, wohl genügen mochte. Nach Vollendung jener Arbeit, welche drei

Monate in Anspruch nahm, waren meine Ziegen schon so zahm geworden,

daß sie mir überallhin folgten und mir aus der Hand fraßen. Binnen

zehn Monaten hatte sich meine Herde bis auf zwölf Stück junge und alte

vergrößert, in zwei Jahren war sie auf 43 gestiegen, obgleich ich

mehrere davon zu meinem Lebensunterhalt geschlachtet hatte.

Nicht allein Fleisch hatte ich nun im Überfluß, auch Milch hatte

meine Speisekammer mehr wie ausreichend aufzuweisen. Nach einigen

vergeblichen Versuchen lernte ich sogar Butter und Käse machen, da

ich auch Salz gefunden hatte, was durch Verdunstung von Seewasser in

Vertiefungen am Meeresufer sich in Krusten gebildet hatte.

Die größte Beeinträchtigung erfuhr meine Würde als Herr des Insellandes

durch die Beschaffenheit meiner Kleidung. Mein Anzug würde in jedem

von Menschen bewohnten Lande die größte Heiterkeit oder vielleicht

auch Furcht erregt haben. Als Kopfbedeckung trug ich eine hohe

aus Ziegenfell gefertigte Mütze mit einem Zipfel, der bis auf die

Schultern fiel, um mich vor der Sonne und vor Regen zu schützen. Rock

und Beinkleider stammten gleichfalls von Ziegen her, und meine Füße

schützte ich durch eine Art Sandalen, die an der Seite festgehalten

wurden. Den Rock hielt ein Gurt von Leder zusammen, in welchem statt

des Degens eine Axt und eine Säge hingen. Ein andres umgehängtes

Band diente dazu, um meine mit Pulver und Schrot gefüllten Taschen

festzuhalten. In einem Tragkorbe befanden sich meine Lebensmittel,

meine Flinte hing über der Schulter, und außerdem hatte ich noch meinen

Sonnenschirm zu halten, der sich mir als ganz unentbehrlich zeigte.

Was meine Gesichtsfarbe betrifft, so war sie nicht so braun, als man

bei dem heißen Klima vermuten möchte. Das kam natürlich daher, daß ich

meinen Regen- und Sonnenschirm immer bei mir führte, auch wenn ich mich

nur eine kleine Strecke von meiner Wohnung entfernte.

Jedenfalls war ich in jeder Beziehung ein Landesherr, der

seinesgleichen suchen konnte.

[Illustration: Robinsons Ziegenherde.]

Neuntes Kapitel.

Robinson entdeckt Spuren von Menschen.

Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons

Bangen. -- Untersuchung der Fußspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken.

Mit allem Notwendigen ausgerüstet, begann ich einen neuen Ausflug, auf

den ich fünf bis sechs Tage zu verwenden gedachte. Mein erster Weg

führte mich an jenen Ort, wo ich meinen Anker ausgeworfen hatte, um

die Felsen zu ersteigen und die Gegend zu überblicken. Auch diesmal

erstieg ich die Höhe und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß die See

glatt war wie ein Spiegel, nirgends vermochte ich eine Brandung zu

entdecken. Diese befremdliche Erscheinung hatte jedenfalls ihren

natürlichen Grund in der abwechselnden Bewegung der Ebbe und Flut. Da

ich mir jedoch darüber noch nicht ganz klar war, so wollte ich wie

ein Naturforscher der Sache auf den Grund gehen. Ich stieg deshalb

gegen Abend, als es bereits dämmerte und die Ebbe eintrat, hinauf

auf den Hügel und sah auch jetzt wieder ganz deutlich die ungestüme

Strömung. Zugleich bemerkte ich aber, daß dieselbe eine halbe Stunde

von der Küste entfernt schien, während sie früher dicht an der Sandbank

hinlief. Auf diese Beobachtungen gestützt, sagte ich mir, daß ich die

Insel ohne Schwierigkeit mit meinem kleinen Fahrzeug umschiffen könnte,

wenn ich nur genau auf die Wiederkehr der Flut und Ebbe achtete. Indes

hatten die überstandenen Gefahren einen so nachhaltigen Eindruck in mir

zurückgelassen, daß ich für jetzt auf das Wagnis einer neuen Seefahrt

verzichtete. Es kam mir nun ein ganz entgegengesetzter, wenn auch

höchst mühselig auszuführender Plan in den Sinn.

Sollte es nicht möglich sein, mir eine neue Piroge zu bauen, um auf

jeder Küste meiner Insel ein Fahrzeug zu besitzen?

Ich hatte damals sozusagen zwei Pflanzungen. Zunächst war es am

Fuße des Felsens und in der Nähe des Ufers mein Zelt oder meine

Burg samt Einzäunung und Höhle hinter dem Zelte. Letztere hatte ich

allmählich vergrößert und neue Gemächer geschaffen, worin ich meine

Vorräte, namentlich das Erzeugnis meiner Ernten, in zahlreichen

großen Körben aufbewahrte. Im Verlauf der Jahre waren die Pfähle der

zweiten Umhegung, die, wie ich erwähnte, Zweige getrieben hatten,

bereits zu stattlichen Bäumen angewachsen und ihre Äste so ineinander

verschlungen, daß man selbst in ziemlicher Nähe hinter diesem grünen

Flechtwerk keine menschliche Wohnung bemerkt hätte. Etwas weiter in

das Land hinein lagen meine beiden Kornfelder, auf deren Bebauung ich

stets den größten Fleiß verwandte, so daß ich jährlich durch reichliche

Ernten belohnt wurde.

Eine weitere Pflanzung hatte ich mir noch in der Nähe meines Landhauses

angelegt. Auch dort, in jenem reizenden Thale, wuchs die grüne Hecke

stattlich empor und gewährte erquickenden Schatten. In der Mitte

spannte sich das Zelt von Segeltuch aus, und die Ziegenfelle, welche

ich dorthin gebracht hatte, boten ein weiches Lager, während eine

wollene Decke und ein großer Mantel mir während der kühlen Nächte

zum Zudecken dienten. So konnte ich hier, wenn ich mein »Schloß« auf

einige Zeit mit dem Lusthaus vertauschen wollte, mehrere Tage in aller

Bequemlichkeit zubringen.

Ganz in der Nähe des Landhauses hatte ich, wie bereits erwähnt, die

Einzäunungen für meinen Viehstand angebracht. Die beständige Sorge,

daß mir die Ziegen einmal ausbrechen möchten, ließ mir keine Ruhe,

bis ich das Palissadenwerk so dicht gemacht hatte, daß man kaum

eine Hand hindurchstecken konnte. Als gar während der Regenzeit die

Ruten und Stäbe ausschlugen, bot dieses Gehege den Vorteil einer

undurchdringlichen Mauer.

In demselben Thale befanden sich auch die Weinstöcke, welche mir

beträchtliche Vorräte für den Winter lieferten, und da die wertvollen

Reben meine Tafel mit den saftigsten Beeren versahen, so versäumte ich

nie, zur gehörigen Zeit die Trauben zu trocknen.

Eines Tages überkam mich wieder die Lust zu einem Ausflug nach der Ost-

und Nordseite meiner Insel, und ich wollte im Vorbeigehen auch nach

meiner Barke sehen.

Zunächst begab ich mich an jenen Hügel, von welchem aus ich meine

Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe ab, um bei

niedrigem Wasserstande über die Mündung des Baches zu gelangen, der

am Fuße des Hügels hinfloß. Anfangs hielt ich mich längs des Ufers

desselben, dann aber bog ich nordwärts ab und kam so gegen Abend an

einen Fluß, der bei weitem bedeutender war als alle übrigen, welche ich

bisher aufgefunden hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand

mich bald an der Küste, die sich hier sehr wild und öde, teils hügelig,

teils felsig und nur mit Gestrüpp bewachsen zeigte.

Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug auffand;

ich machte es mir darin so bequem als möglich und war, von dem Ereignis

des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen Schlaf versunken.

Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer erweckt, als ich

wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem ich einige Meilen

zurückgelegt hatte, wurde mir eine Überraschung zu teil, die mich

in die peinlichste und für die Folge auch schädlichste Aufregung

versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur eines -- *Menschenfußes*.

[Illustration: Ein Menschenfuß!]

Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit

einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster

Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wie früher

erwähnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen sollten. Wie vom

Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fußabdrucks stehen; ich

lauschte, ich blickte umher, sah und hörte aber nicht das Geringste.

Ich bestieg in der Nähe einen kleinen Hügel, von welchem aus ich einen

größeren Raum überblicken konnte; dann ging ich wieder an das Ufer des

Meeres hinab und durchlief die Küste von einer Seite zur andern, um

zu sehen, ob noch andre Fußtritte im Sande abgedrückt wären, aber ich

konnte nichts entdecken. Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte

Spur noch einmal, um mich zu vergewissern, ob mich vielleicht meine

Sinne getäuscht hätten. Allein Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile

eines Menschenfußes waren nur zu deutlich abgedrückt. Woher mochte

diese Spur kommen?

Es schien fast unmöglich, dieses Geheimnis zu enträtseln. Entsetzen

durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu bezweifelnde Nähe

von Kannibalenhorden dachte, und in äußerster Verwirrung schlug ich den

Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem Strauche, vor jedem Baume

und fürchtete bei dem Rascheln eines Blattes einen Wilden auf mich

losstürzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit traf ich endlich

wieder in meiner Burg ein, ohne daß ich mich nachträglich besinnen

konnte, ob ich auf der Leiter oder durch die Felsenthür hereingekommen

war. Kein Fuchs sucht hastiger seinen Bau auf, als ich nach meinem

Zufluchtsorte eilte.

Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrücken. Meine

erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die furchtbarsten

Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, daß jene Spur

von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrühre. Konnte denn irgend ein

menschliches Geschöpf ohne Fahrzeug meine Insel erreichen? Wo aber war

irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam es, daß ich nur eine einzige

Fußspur entdeckte, da doch der Boden ringsum ganz dieselbe sandige und

lockere Fläche zeigte?

Die Fußspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten aber nicht

die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen hatte, durch

irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden sein?

Vielleicht fühlten sie, da sie gerade an dem ödesten Teile der Insel

landeten, kein sonderliches Behagen, hier Hütten zu bauen; sie konnten

dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus geschlossen

haben, daß die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, wenn sie nun in

größerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen nahmen und nach

ihrer barbarischen Weise schlachteten und verzehrten? Oder, wenn auch

das nicht, so konnten sie doch meine Ziegen wegführen, meine Felder

zerstören und mich meiner Vorräte berauben.

Solche und ähnliche Gedanken marterten meinen Geist drei Tage und drei

Nächte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt weit von meiner

Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen meine Vorräte an Wasser,

Milch und Gerstenkuchen völlig zu Ende, und ebenso notwendig, als

diese zu ersetzen waren, mußte ich meine Ziegen melken, weil sonst zu

befürchten stand, daß ihnen die Milch vergehen möchte. Da half kein

Zaudern mehr, und so schwer es mir auch ankam, wieder landeinwärts zu

gehen, so mußte ich mich doch der Notwendigkeit fügen. Nachdem ich

einige Schritte gegangen war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing

an, mich über meine Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an

Ort und Stelle angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon

längst erwartet zu haben schienen.

Einige Tage verlebte ich hier, ohne daß ich etwas Besonderes bemerkt

hätte. Ich streifte wieder mit meiner Flinte umher, besichtigte meine

Pflanzungen und melkte meine Ziegen wie zuvor; aber meine frühere

Ruhe und Unbefangenheit waren dahin. »Die Fußspur! die Fußspur!« Ich

mußte Gewißheit darüber haben, ob ich den Abdruck meines eignen oder

eines fremden Fußes gesehen habe. Zu meiner Beruhigung entschloß ich

mich endlich, noch einmal an Ort und Stelle eine genaue Besichtigung

vorzunehmen. Als ich aber den Ort des Schreckens erreichte, überzeugte

ich mich zunächst, daß ich bei meiner Landung mit dem Boote unmöglich

diese Gegend berührt haben konnte, denn sie lag jedenfalls weit davon

entfernt. Nachdem ich vollends die rätselhafte Spur mit meinem Fuße

gemessen hatte, ergab sich's deutlich, daß sie viel länger und breiter

war. Nun stellte es sich für mich als klar und unumstößlich heraus: das

Merkmal rührte von einem fremden und sicherlich wilden Menschen her.

Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich meiner von neuem Angst und

Bangen, eisiger Frost schüttelte mich wie einen Fieberkranken;

ich wußte nicht, was ich beginnen sollte. Die Furcht gab mir die

unsinnigsten Gedanken ein.

Im ersten Augenblick wollte ich meine Umzäunungen niederreißen und

all mein Vieh in den Wald hinauslassen, aus Furcht, daß es der

unbekannte Feind finden und verlockt werden möchte, öfter hierher

zurückzukehren. Dann wollte ich meine Pflanzungen, mein Zelt und

das schützende Wäldchen vernichten, um jede Spur einer menschlichen

Wohnung zu tilgen. Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze

Nacht munter, und erst gegen Morgen schlief ich bis zum Tode ermattet

ein. Als ich erwachte, dachte ich weniger befangen über meine Lage

nach. Endlich kam ich zu dem Schluß, daß die anmutige und fruchtbare,

nur in mäßiger Entfernung vom Festland gelegene Insel nicht so ganz

verlassen sein könne, als es mir bis jetzt vorgekommen, und daß sie

wenigstens mitunter von Wilden, die entweder freiwillig oder gezwungen

mit ihren Kanoes hier landeten, besucht würde. Zwar hatte ich seit

den *fünfzehn Jahren* meines Aufenthalts auf dieser Insel noch keinen

einzigen Menschen gesehen; doch mochte dies ohne Zweifel daher rühren,

daß diejenigen, welche aus irgend einem Grunde hierher kamen, keine

Veranlassung fanden, länger zu verweilen. Die einzige Gefahr für mich

war eine zufällige Landung herumstreifender Menschen vom Festlande. Da

es aber wahrscheinlich war, daß diese nicht leicht aus eignem Antriebe

die Insel besuchen würden, so beeilten sie sich auch wohl, dieselbe

schnell zu verlassen, und mochten sich nicht einmal eine Nacht an der

Küste aufhalten, aus Furcht, die günstige Strömung und die Tageshelle

zur Rückfahrt entbehren zu müssen. Sonach hatte ich also für den Fall,

daß die Anwesenheit von Wilden außer allem Zweifel stand, nichts weiter

zu thun, als mich in meine Festung zurückzuziehen und mich hinter den

Wällen still zu verhalten.

Trotz solcher beruhigenden Erwägungen steigerten Zweifel meine Unruhe

und Angst. Mein Vertrauen auf die allwaltende Güte Gottes war dahin;

Trübsal und Verwirrung umschatteten meinen Geist so sehr, daß er sich

nicht aufzurichten vermochte in einem Gebet zu dem, der da spricht:

»Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten.« Hätte ich nur

auf diese Stimme gehört und den Herrn in meiner Not angerufen, so

wären sicherlich fester Mut und größere Beharrlichkeit in meine Seele

eingezogen; Zaghaftigkeit und Furcht, die alle meine Sinne gefangen

hielten, würden dann niedergekämpft worden sein.

Jetzt bereute ich es, daß ich mir einen Ausgang aus meiner Höhle

gegraben hatte, der nicht durch Verschanzungen gesichert war. Ich

nahm mir daher sogleich vor, in einiger Entfernung von der Mauer eine

zweite Palissadierung im Halbkreise aufzuführen, gerade da, wo ich vor

zwölf Jahren eine doppelte Reihe von Bäumen angepflanzt hatte. Diese

standen ohnehin schon dicht genug, daß es nicht mehr viel bedurfte,

um die Zwischenräume zwischen ihnen auszufüllen, so daß nach wenigen

Jahren ein undurchdringliches Gehege emporwuchs. So schützte mich eine

doppelte Mauer, und die äußere ließ sich noch durch Bohlen, alte Taue,

Schutt und Erdreich verstärken. Diesen Wall führte ich nicht nur über

den Ausgang, sondern auch über die Quelle hinaus, um nie Gefahr zu

laufen, daß es mir an Wasser mangle.

Nachdem dies alles geschehen war, besteckte ich den ganzen Abhang der

kleinen Wiese vor meinem zweiten Befestigungswerke mit mehr als 2000

Schößlingen von jenem weidenähnlichen Holze, ließ aber überall zwischen

denselben und meinem Baumwall einen beträchtlichen freien Raum, damit

ich den Feind herankommen sehen, er aber hinter den jungen Bäumen kein

Versteck finden konnte. Schon nach drei bis vier Jahren war das Gehölz

um meine Festung so dicht, daß es in der That undurchdringlich schien

und kein Mensch hinter diesem Gebüsch eine menschliche Wohnung vermuten

konnte. Da ich keinen Weg nach meinem Schlosse offen gelassen hatte, so

gelangte ich über den äußeren Wall nicht anders als mit Hilfe zweier

Leitern.

Die eine lehnte ich gegen einen sehr hohen Teil des Felsens, auf dem

ich die zweite unterbringen konnte. Waren beide Leitern weggenommen,

so konnte kein Mensch zu mir gelangen, ohne sich der größten

Gefahr auszusetzen. In der inneren Verschanzung brachte ich sieben

Schießlöcher an, nicht größer als nötig, um den Arm durchzustecken;

außerdem verstärkte ich diesen Wall bis auf drei Meter, indem ich

dagegen Erde aufschüttete, die ich aus der Höhle schaffte und mit den

Füßen feststampfte. In jene sieben Öffnungen brachte ich sieben mir

noch übrig gebliebene Musketen, richtete Gestelle für sie auf, auf

denen sie so ruhten, wie Kanonen auf ihren Lafetten, und ich war somit

im stande, alle meine Gewehre binnen einer Minute abzuschießen.

Auf diese Weise hatte ich alle Maßregeln ergriffen, welche die

Klugheit eingeben konnte, und ich fand später, daß sie mir von Nutzen

waren. Während dieser Arbeit versäumte ich jedoch meine übrigen

Angelegenheiten nicht; besonders war ich um meine Ziegenherde besorgt.

Verschiedene kleine Rasenplätze, mit hohen, dichten Wäldern umzäunt,

boten einen geeigneten Park für meine Herden, und dies erschien mir um

so ratsamer, als ich dann nur wenig mittels Einzäunung nachzuhelfen

brauchte. Nach einem Monat hatte ich diese Hecken vollendet und trieb

nun zehn junge Ziegen und zwei Böcke dorthin.

Für die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorräte war jetzt

gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz ausfindig zu

machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen ließe. Bei diesen

Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher geschehen war, gegen die

westliche Spitze der Insel vor, und als ich meine Augen auf die See

hinausrichtete, kam es mir vor, als schaukle ein Boot auf den Wellen.

Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin noch nicht

betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich mich hier

umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklärung über jene Fußspur,

und zwar in einer Art, die meine vormalige Furcht völlig rechtfertigte.

Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschädeln, Arm- und Fußknochen und

andern menschlichen Körperteilen bedeckt. Besonders fiel mir ein

Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben hatten,

um wahrscheinlich innerhalb desselben bei einem großen Feuer ihre

abscheulichen Festmahlzeiten abzuhalten.

[Illustration: Die Reste der Kannibalenmahlzeit.]

Dieser Anblick erschütterte mich so, daß ich im Augenblick an die eigne

Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefühl empörte sich gegen eine

solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser Platz war mir fortan

ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell mich meine Beine trugen,

nach meiner Wohnung zurück. Als ich eine halbe Meile gelaufen, blieb

ich plötzlich stillstehen, um meine Gedanken zu sammeln. Mit thränenden

Augen blickte ich zum Himmel empor und dankte Gott aus der innersten

Tiefe meines Herzens, daß er mich unter Menschen geboren werden ließ,

wo solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch der

Vorsehung, daß sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden ließ,

wo jene Kannibalen nur höchst selten, ja vielleicht niemals landeten,

und daß trotz meiner öfteren Hin- und Herzüge in und um das Land

meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt worden war. Beherrscht

von dieser trostreichen Stimmung, setzte ich meinen Gang fort und

kam endlich in meiner Burg wieder an, weit mehr beruhigt über meine

Sicherheit als zuvor.

Dieses Gefühl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die Unruhe nahm

wieder überhand, und ich verhielt mich fast zwei Jahre lang in meinen

Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, kaum daß ich mich zu meinen

drei Pflanzungen, meinem Lusthause und meiner Weide im Walde hinwagte,

welche letztere ich nur besuchte, um Ziegen zu fangen. In beständiger

Besorgnis, daß die Wilden meinen Aufenthalt auswittern möchten, suchte

ich alles zu vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten

konnte.

Vor allen Dingen unterließ ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschießen,

weil ich befürchtete, von den Wilden gehört zu werden. Aber ein ander

Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem Versteck aufstieg! Wie leicht

konnte er mich den Falkenaugen der Kannibalen verraten! Wenn ich daher

Brot zu backen oder irdene Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich

Holzkohlen an. Ich hatte nämlich als Knabe in der Heimat gesehen,

wie man Holz unter Torferde anzündete und durch Glühen in Kohlen

verwandelte. Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch

das Aufsteigen des Rauches.

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 6 / 16 段