in meinem Mörser und siebte sie durch die Matrosenhalstücher. Zum
Brotbacken braucht man aber bekanntlich einen Ofen, und die Not
macht erfinderisch. Ich baute mir große irdene Gefäße zusammen, die
wohl breit, aber nicht zu tief waren; dann härtete ich diese mehr
pfannenartigen Gefäße im Feuer. Wollte ich nun Brot backen, so zündete
ich ein tüchtiges Feuer auf meinem Herde an, den ich mit rotgebrannten
Steinen eigner Fabrik gepflastert hatte. Sobald das Holz hierauf zu
glühender Kohle ausgebrannt war, breitete ich dieselbe derart auf dem
Boden aus, daß die Steine gehörig durchhitzt wurden. Dann zog ich die
Kohlen zurück, fegte die Asche weg, legte meine Brote oder vielmehr
flachen Kuchen an deren Stelle, bedeckte dieselben mit den beiden
irdenen Gefäßen und häufte ringsumher glühende Kohlen und Asche, um die
Hitze noch zu verstärken. So bereitete ich meine Brote ebenso gut, als
wären sie im besten Ofen der Welt gebacken worden; ja, ich versuchte
mich sogar im Backen verschiedener Arten von Kuchen und Reispuddings,
die in meinen einförmigen Speisezettel eine angenehme Abwechselung
brachten.
Bei all dieser mich sehr in Anspruch nehmenden Arbeit beschäftigten
sich doch meine Gedanken wiederholt mit jenem Küstenlande, welches
ich auf meiner letzten Entdeckungsreise deutlich als dunklen Streifen
am Horizont wahrgenommen hatte. Im Glauben, daß jenes Land zum
amerikanischen Festlande gehöre, flogen meine Wünsche über die weite
Meeresfläche und regten mit aller Gewalt in mir die Sehnsucht an,
dorthin zu gelangen.
Indes empfand ich die Wahrheit des alten Spruches: »Das Wasser hat
keine Balken.« Ich wünschte mir lebhaft meinen treuen Xury und das
Boot mit den lateinischen Segeln zurück, mit dem ich eine so weite und
gefahrvolle Reise längs der afrikanischen Küste zurückgelegt hatte;
ohne Bedenken hätte ich mich dann von neuem dem unsicheren Elemente
anvertraut.
Da fiel mir eines Tages die Schaluppe unsres Schiffes ein, welche
weit auf die Küste geworfen worden war. Flugs machte ich mich auf, um
zu untersuchen, in welcher Verfassung sie sich befände. Ich traf sie
auch noch an der nämlichen Stelle, wo sie zuerst gelegen hatte, aber
in umgekehrter Lage, denn die Gewalt der Fluten und der Stürme hatte
sie auf eine sehr hohe Sandbank geworfen und aufs Trockene gesetzt. Es
kam zunächst darauf an, die Schaluppe wieder umzukehren und flott zu
machen. Nach vielen vergeblichen Mühen und Anstrengungen kam ich auf
den Einfall, den Sand unter dem Boote wegzugraben, um es von selbst
herabgleiten zu lassen und den Abrutsch durch untergeschobene Walzen
und Stützen zu lenken. Aber auch hierdurch gelang es mir nicht, die
Schaluppe vorwärts zu schieben und ins Wasser gelangen zu lassen,
deshalb gab ich nach einer fruchtlosen Arbeit während drei bis vier
Wochen die ganze Sache auf.
So sehr auch meine Hoffnungen vereitelt waren, so wurden doch meine
Begierde und mein Mut nur verstärkt, und ich faßte den Entschluß,
selbst ein Kanoe aus einem Baumstamm zu bauen. Ich hielt dies nicht
nur für möglich, sondern sogar für leicht, zumal ich über viel mehr
Hilfsmittel verfügte als die Neger oder Indianer. Freilich hätte
ich auch überlegen sollen, daß ich Vereinsamter mit ganz andern
Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde als die Indianer, die einander
beistehen. Was half es mir am Ende, falls ich auch das schönste Kanoe
von ganz Amerika zustande brächte, wenn ich es nicht ins Meer zu
schaffen vermöchte?
Man sollte denken, daß die Erfahrungen, die ich vordem mit der aufs
Trockene gelegten Schaluppe gemacht hatte, mir hinsichtlich der
Möglichkeit, das Boot in das Wasser zu bringen, einen handgreiflichen
Wink gegeben hätten: nichts von alledem! Meine unstäten Gedanken
verschmolzen sich schon so sehr mit der Meerfahrt, daß ich die Sache
möglichst ungeschickt anfing. Aber stets beschwichtigte ich alle
Befürchtungen mit der thörichten Tröstung: »Laß nur gut sein, Robinson!
Erst das Boot fertig, das übrige wird sich finden!«
Kurz, mein Eigensinn siegte über den Verstand. Ich fand auch einen
prächtigen Baum, der mir für meinen Zweck ganz wie geschaffen schien.
Zwanzig Tage brachte ich dazu, den Riesen zu fällen, und vierzehn Tage
mußte ich darauf verwenden, Äste und Krone abzuhauen. Dann kostete
es fast einen ganzen Monat Zeit, dem Stamme jene bauchförmige äußere
Gestalt des Bootes zu geben, damit er auf dem Wasser schwimmen könne,
ohne sich zur Seite zu neigen. Weiterhin brauchte ich noch drei Monate,
um das Innere auszuhöhlen, und zwar bediente ich mich dazu nicht des
Feuers nach Art der Indianer, sondern nur des Beiles und des Meißels.
Als ich mit meiner Arbeit zu Ende war, empfand ich eine wahrhafte
Freude an meiner Schöpfung, denn ich hatte in der That noch nie einen
so großen, aus einem einzigen Baumstamm gehauenen Ruderkahn gesehen,
groß genug, um mehr als zwanzig Mann zu fassen, und demzufolge auch
mich samt meinen Habseligkeiten zu tragen. Das Boot hatte unzählige
Axt- und Hammerschläge, manchen Schweißtropfen gekostet, und wäre es
mir gelungen, dasselbe flott zu machen, wer weiß, ob ich nicht die
unüberlegteste Reise gewagt hätte, wie sie nur je ein wagehalsiger
Abenteurer unternehmen konnte.
Mein neues Fahrzeug lag zwar nicht weit vom Meere entfernt; aber das
große Hindernis bestand darin, daß das Ufer zum Meere bergan lief.
Ich ließ indes den Mut nicht sinken, sondern versuchte, die Anhöhe
wegzuräumen und das Land nach der Küste zu abfällig zu machen. Als der
Weg so ziemlich geebnet war, befand ich mich um nichts gefördert, denn
das Kanoe rückte äußerst wenig von der Stelle, so wenig wie vordem
die Schaluppe. Hierauf maß ich die Entfernung ab, welche zwischen
meinem Boote und dem Meere lag, sowie die Tiefe des Bodens und die
erforderliche Breite, um einen genügend breiten und tiefen Kanal bis
zum Meere zu bauen und in diesem Bassin mein Boot hinabzuführen. Indem
ich den Kraftaufwand hinsichtlich solch kolossaler Bauten veranschlagte
-- denn der Kanal hätte sehr viel Tiefe haben müssen -- und damit die
mir zu Gebote stehenden Arbeitsmittel, d. h. meine zwei rüstigen Arme,
in Vergleich brachte, erlangte ich als Ergebnis meines Voranschlags die
Überzeugung, daß recht gut zehn bis zwölf Jahre vergehen könnten, ehe
ich ans Ziel meiner Wünsche kommen konnte.
Dieses erfüllte mich mit großer Betrübnis; ich sah jetzt, leider zu
spät, ein, wie thöricht es ist, ein Werk zu beginnen, wenn man sich
vorher nicht Klarheit darüber verschafft, ob der Größe des Unternehmens
gemäß auch die zur Verfügung stehenden Mittel zur Ausführung
hinreichen.
Mitten unter dieser Arbeit hatte ich mein *viertes* Jahr auf dem Eiland
zurückgelegt. Ich feierte den Jahrestag meiner Ankunft, wie in früheren
Jahren, durch ernste und gottergebene Betrachtungen, die mir reichen
Trost einflößten.
An eben demselben Jahrestage, an welchem ich meinen Eltern entlief,
um mich in Hull einzuschiffen, ward ich durch den Seeräuber von Saleh
gefangen genommen und zu Sklavendiensten gezwungen. An dem nämlichen
Tage, als ich aus dem Schiffbruch auf der Reede von Yarmouth gerettet
ward, entfloh ich glücklich aus Saleh. Am 30. September 1659 endlich,
an meinem 26. Geburtstage, wurde ich wunderbar gerettet und auf diese
Insel verschlagen.
Der erste meiner Vorräte, welcher mir nach der Tinte ausging, war der
Schiffszwieback, und obgleich ich mit demselben höchst haushälterisch
umgegangen war, so hatte ich ihn dennoch schon ein Jahr vor meiner
Kornernte gänzlich aufgezehrt, was mich allerdings etwas in
Verlegenheit versetzte.
Mit meiner Kleidung sah es gleichfalls recht windig aus, denn seit
längerer Zeit besaß ich nichts weiter als wenige Matrosenhemden,
die meine Haut vor den stechenden Sonnenstrahlen schützten. Bei
einer Durchsuchung meiner Kisten fand ich jedoch etliche taugliche
Kleidungsstücke sowie ein paar große Überröcke. Fast mußte ich über
den Fund dieser letzteren lächeln, denn ich hätte es in denselben vor
Hitze nicht aushalten können, und doch wußte ich auch hieraus etwas
Brauchbares zu schaffen. Da sich nämlich alle meine Jacken in einem
Zustande bedenkenerregender Zerfahrenheit befanden, so lag es sehr
nahe, mich auch einmal als ehrsamen Kleiderkünstler zu versuchen, und
ich fertigte nun drei Jacken, die ich ziemlich lange tragen zu können
hoffte. War aber schon das Fabrikat derjenigen Kleidungsstücke, die
meinen Oberkörper bedecken sollten, in einer Weise ausgefallen, die
selbst das Mitleid nachsichtiger Leute herausforderte, so legten meine
Versuche hinsichtlich der Beinkleider ein noch glänzenderes Zeugnis
bejammernswürdiger Unbeholfenheit ab.
Ich muß hier nachträglich erwähnen, daß ich die Häute aller getöteten
vierfüßigen Tiere aufbewahrte und auf Stäben an der Sonne trocknen
ließ. Einige derselben waren so hart geworden, daß sie zu nichts mehr
taugten; andre aber, die nicht bis zu jener Steife zusammengedörrt
waren, leisteten mir leidlich gute Dienste.
Das erste, was ich mir nun verfertigte, war eine neue große
Kopfbedeckung aus Ziegenfell, an welchem ich die Haar außerhalb ließ,
um mich so besser gegen den Regen zu schützen.
Noch etwas andres stellte sich mir als unentbehrlich heraus,
nämlich ein *Regen-* oder *Sonnenschirm*. Denn da ich meist im
Freien weilen mußte, so quälte mich die Hitze der tropischen Sonne
äußerst empfindlich. Lange Zeit währte es, bis ich etwas Taugliches
zustande brachte. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, den Schirm
so zu verfertigen, daß ich ihn zusammenlegen konnte; im andern Falle
hätte ich ihn stets aufgespannt tragen müssen, was sicherlich die
Bequemlichkeit nicht sehr vermehrt haben würde. Ich bedeckte dieses
tragbare Wetterdach mit Ziegenfellen, deren Haare ich nach auswärts
kehrte; so schützte ich mich, so gut es gehen wollte, gegen den Regen
wie gegen die Sonnenstrahlen. Bedurfte ich seiner nicht mehr, so
klappte ich den Schirm zusammen.
Vor der Hand hatte ich nun so ziemlich alle Bedürfnisse befriedigt,
die sich in meiner Einsamkeit überhaupt einstellen konnten; aber nie
schweigen die Wünsche des Menschen still. Ich wollte mit dem gewonnenen
Nützlichen auch das Angenehme verbinden, und was konnte mir da wohl
näher liegen als der Besitz -- einer *Tabakspfeife*? Hatte ich mich
doch in der Töpferei hinlänglich erprobt, daß mir die Fabrikation eines
Pfeifenkopfes nur leichtes Spiel schien; auf künstlerische Verzierung
dieses Thonstückes mußte ich freilich immer noch Verzicht leisten. Ein
ausgehöhltes Rohr herzurichten, machte wenig Kopfzerbrechen, und so
konnte ich nun mit meinem edlen Kraute das Inselreich durchdampfen.
Ich kann nicht sagen, daß mir in fünf Jahren etwas Ungewöhnliches
begegnet sei, denn ich lebte in derselben Lage, an dem nämlichen Orte,
auf die gleiche Weise wie früher. Ich baute mein Korn, buk Brot,
erntete Trauben ein und sorgte immer für einen ausreichenden Vorrat
hinsichtlich aller nötigen Nahrungsmittel; oft ging ich auf die Jagd,
schoß Vögel und Ziegen, fing auch, um eine sehr schmackhafte Suppe zu
haben, dann und wann eine Schildkröte und angelte Fische. Daß ich auch
die ehrsamen Gewerke eines Zimmermanns, Töpfers, Korbflechters, selbst
des Schneiders in Ehren hielt, habe ich bereits erwähnt.
Während dieser fünf Jahre richtete ich mein Hauptaugenmerk darauf, mir
eine andre Barke zu bauen, diesmal aber die Sache klüger anzufangen
als vorher. Zwar fand ich auch jetzt nicht näher am Strande einen für
mein Vorhaben tauglichen Baum; denn die Baumregion begann erst eine
ziemliche Strecke vom Ufer. Da schlenderte ich eines Tages ungefähr
eine halbe Stunde landeinwärts, längs dem Ufer jenes Baches hin, wo
ich mit den Flößen gelandet war. Dort fand ich endlich, etwa zehn
Schritt vom Wasser, was ich suchte. Ich fällte den Baum, handhabte
dann unablässig Beil und Meißel und hatte schließlich die Freude,
meine Piroge fertig zu sehen. Nun grub ich einen Kanal, schaffte unter
manchem Schweißtropfen mein Kanoe von der Werft auf das Wasser und
flößte es nach dem Meere hinab in die Bucht.
[Illustration: Robinsons Tabakspfeife.]
Obgleich ich nicht weniger als zwei Jahre mit meinen
Schiffszimmerarbeiten zugebracht hatte, so entsprach doch die Größe
der Barke nicht dem Zwecke, welchen ich bei Erbauung der ersteren
verfolgte, nämlich dem, mit derselben das gegenüberliegende Festland
zu erreichen, welches nach meiner Schätzung wohl vierzig englische
Meilen entfernt lag. Dennoch empfand ich eine nicht zu beschreibende
Freude, als ich mein selbsterbautes Fahrzeug so sicher und leicht
auf den Wellen dahingleiten sah, und wenn ich auch auf den Wunsch
verzichten mußte, jenes ferne Küstenland zu erreichen, so schien mir
mein Boot doch hinlänglich fest, um in demselben eine Rundreise um
mein Eiland unternehmen zu können. Zu diesem Zwecke pflanzte ich einen
kleinen Mast auf meinen Ruderkahn und brachte ein Segel zustande, das
ich aus mehreren Stück Leinwand zusammenschneiderte. Ebenso sorgte
ich an beiden Seiten für Kästchen und sonstige Behältnisse, um darin
Lebensmittel, Pulver und Blei aufzubewahren und so gegen den Regen und
den Gischt des Meeres gesichert zu sein. Im Innern des Bootes machte
ich der ganzen Länge nach eine Höhlung, legte meine Flinte hinein
und nagelte zum Schutze gegen die Nässe Leinwand darüber. Außerdem
befestigte ich noch meinen Schirm am Hinterteile der Barke, zum Schutze
gegen die brennenden Sonnenstrahlen, setzte ein Steuerruder sowie
einen Anker in Bereitschaft und versuchte mich zunächst in kleinen
Lustfahrten in der Nähe meiner Besitzung.
Nachdem ich die Tauglichkeit meines Bootes durch solche Ausflüge auf
dem Wasser erprobt hatte, konnte ich doch der Begierde, den ganzen
Umfang meines kleinen Königreichs kennen zu lernen, nicht länger
widerstehen. Ich brachte in mein Kanoe eine hinlängliche Menge
Proviant, nämlich zwei Dutzend Brote oder vielmehr Gerstenkuchen, einen
Topf mit Reis, eine Ziegenhälfte und ein Fläschchen Rum; auch nahm ich
Pulver und Blei mit, sowie zwei Überröcke, die mir in kühlen Nächten
teils als Matratzen, teils als Decke dienen sollten.
So ausgerüstet begab ich mich am 6. November des sechsten Jahres meines
Insellebens an Bord und stach in See. Indessen sollte diese Seefahrt
eine andre Wendung nehmen, als ich gedacht hatte. Nachdem ich eine
Strecke hinausgefahren und an die östliche Küste gelangt war, bemerkte
ich eine Kette von Felsen, die meilenweit ins Meer hinausragten und von
denen einige Klippen über, andre unter der Wasserfläche vorschoben. Am
Ende des Riffs breitete sich noch eine Sandbank von einer halben Stunde
in derselben Richtung aus, so daß ich einen großen Umweg zu machen
hatte, wenn ich die Spitze umsegeln wollte.
Diese Entdeckung kam mir sehr ungelegen, und da mir die Fahrt denn doch
etwas gefährlich schien, steuerte ich in meine Bucht zurück und legte
meine Barke vor Anker. Hierauf griff ich zur Flinte, stieg ans Land
und erklomm einen Hügel, von wo ich das ganze Felsenriff überschauen
konnte.
Ich bemerkte eine heftige Strömung, die in der Richtung nach Osten
ganz nahe an der äußersten Spitze der Sandbank hinlief. Dieser Umstand
konnte für mich sehr gefährlich werden; denn wenn mich der Strom
packte und mit sich fortriß, so mußte ich der Insel vielleicht auf
immer lebewohl sagen. Von der Südseite ließ sich ein ähnlicher Strom
in der Richtung nach Ost-Nordost wahrnehmen, jedoch in einer größeren
Entfernung vom Ufer. Dann sah ich eine ziemlich genau angedeutete
Sandbank, die gegen die Küste verlief. Diesen Beobachtungen zufolge
mußte ich meinen Kurs so nahe an der ersten Sandbank halten, als es
ohne Gefahr, zu stranden, irgend anging.
Ein steifer Wind aus Ost-Südost sauste gerade dem nordöstlichsten Strom
entgegen und drängte das Wasser in heftiger Brandung an das Riff und
die Spitze der Landzunge. Deshalb konnte ich mich nicht auf das Meer
wagen. Wegen der Brandung war es doch zu gefährlich, mich nahe am Lande
zu halten, und die Strömung legte mir anderseits die Notwendigkeit auf,
mich nicht weit vom Lande zu entfernen. Aus diesem Grunde blieb ich
ruhig in meiner Bucht zwei Tage vor Anker liegen.
[Illustration: Robinsons Nachtruhe.]
Achtes Kapitel.
Robinsons unglückliche Bootfahrt.
Gefährliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. --
Sehnsuchtsvolle Betrachtungen. -- Die beiden Strömungen und
glückliche Landung. -- Des Papageis Ruf. -- Robinsons »Familie«. --
Ziegenfang und Ziegenpark. -- Schneiderkünste. -- Neue Beobachtungen.
-- Rückblicke.
Am Morgen des dritten Tages legte sich der Wind, das Meer wurde
ruhig, und nun erst begann ich meine Seefahrt. Mein Schicksal möge
unerfahrenen und wagehalsigen Schiffern zur Warnung dienen! Kaum hatte
ich die Spitze der Sandbank erreicht, von dem Ufer nur um die Länge
meiner Barke entfernt, als ein Strom gleich einer Mühlschleuse mich
mit überwältigender Heftigkeit packte. Alle Mühe, dagegen anzukämpfen,
erwies sich als umsonst; immer weiter trieb mich die Strömung von der
Sandbank, die mir zur Linken lag. Weder Segel noch Ruder konnte ich
mit Erfolg gebrauchen. Wurde ich von der Strömung etwa in die See
hinausgeworfen, so schien mein Untergang unvermeidlich, insbesondere
wegen des Mangels an Lebensmitteln. Denn die am ersten Tage in die
Barke geschafften Vorräte nebst einer noch am Meeresufer von mir
gefangenen Schildkröte konnten nicht ausreichen, wenn ich weit hinaus
auf den unermeßlichen Ozean getrieben wurde, vielleicht viele Meilen
von der Küste entfernt.
Jetzt gedachte ich meiner einsamen und verlassenen Insel, die mir
nun wie ein behaglicher und reizender Ort erschien. »Glückliche
Einöde!« klagte ich, »werde ich dich jemals wiedersehen? Nie wollte
ich dich wieder verlassen!« So erkannte ich, als mir meine Besitzung
schon verloren schien, erst ihren vollen Wert. Ich ruderte aus allen
Kräften und blieb möglichst in derselben Richtung, in welcher die
Strömung die Sandbank treffen konnte. Plötzlich erhob sich ein leichter
Süd-Süd-Ostwind, der sich nach einer halben Stunde zu einer frischen
Brise verwandelte. Das Wetter zeigte sich günstig; ich sah nach meinem
Mast, ob er auch noch feststehe, breitete meine Segel aus und suchte
mich aus der Strömung zu bugsieren. Bald bemerkte ich, daß der Strom
nicht mehr so trübe und heftig war und sich an Felsenklippen brach, so
daß der Hauptstrich dieselben nordöstlich liegen ließ und selbst nach
Süden lief. Der andre Arm hingegen, von der Klippe abprallend, strömte
nach Nordost. Mit Hilfe dieser Brechung und vom Winde unterstützt,
segelte ich eine Zeitlang fort, bis ich bemerkte, daß mich die Strömung
zu weit nach Norden und von der Insel ablenken würde. Nun befand ich
mich zwischen zwei großen Flutarmen: dem des Südens, der mich zuerst
mit fortgerissen hatte, und dem des Nordens, welcher auf der andern
Seite der Insel die Strecke von etwa einer Meile beherrschte. Ich bot
daher meine ganze Kraft auf, um mich etwas westlich zu halten und mein
Fahrzeug in stilleres Wasser zu bringen. Es gelang mir, und etwa gegen
5 Uhr nachmittags kam ich, durch den Wind begünstigt, auf meiner Insel
wieder an.
Sobald ich unter meinen Füßen wieder Land fühlte, lieh ich den Gefühlen
meines dankbaren Herzens in einem Gebet zu Gott Worte und gelobte mir
feierlich, auf jeden weiteren Versuch einer Meerfahrt zu verzichten
und mich nicht mehr auf die offene See zu wagen. Nachdem ich mich
erholt und durch eine kleine Mahlzeit gestärkt hatte, legte ich mich
im Schatten der Bäume nieder und schlief bald ein. Am andern Tage
überlegte ich, wie ich die Rückreise zu meiner Behausung antreten
sollte. Ich entschloß mich, an der Küste hin gegen Westen zu steuern,
um ein sicheres Asyl für mein Boot zu finden. Bald entdeckte ich einige
Meilen weiter einen Kanal, der weit in das Land einmündete, immer
schmäler wurde und in einen kleinen Fluß auslief.
Hier ließ ich mein Fahrzeug zurück und beschloß, den Rückweg zu Fuß
zurückzulegen, nahm auch von dem ganzen Gepäck nur mein Gewehr und
meinen Sonnenschirm mit. Wohlbehalten kam ich gegen Abend auf meinem
Landsitze wieder an und fand daselbst alles noch, wie ich es verlassen
hatte. Flugs überstieg ich den Zaun, legte mich im Schatten nieder und
schlief, von der Hitze und dem weiten Wege ermüdet, auch bald ein. Ich
mochte etwa eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Stimme
erweckt wurde, die mehrmals rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe! Wo bist
du? Robin Crusoe, wo bist du? Wo bist du?«
[Illustration: Glückliche Rückkehr nach verunglückter Seefahrt.]
Es war mein lieber Poll, der, auf einem Zaune sitzend, die Worte
sprach, die ich ihn mit vieler Mühe gelehrt hatte, wenn der Kummer über
meine Verlassenheit mich anwandelte. Ich wußte mir nicht zu erklären,
wie das Tier hierher gekommen war; dasselbe setzte sein Geschwätz und
seine Schmeicheleien fort, als wäre es glücklich, mich wieder zu haben.
Natürlich nahm ich den Schwätzer ohne Verzug mit mir. -- Gern hätte ich
mir den Besitz des Fahrzeuges gesichert, aber ich fand kein Mittel,
diesen Wunsch zu verwirklichen; auch fühlte ich geringe Neigung, mich
noch einmal den überstandenen Gefahren auszusetzen.
In ruhiger Stimmung des Gemütes und ohne besondere Wandlungen in
meinen Verhältnissen verbrachte ich fortan einige weitere Jahre. Ich
hatte mich mit meiner Lage ausgesöhnt, so daß ich mich auch ohne
menschliche Gesellschaft leidlich glücklich fühlte. Während dieser Zeit
vervollkommnete ich mich in vielen Handfertigkeiten, die ich in meiner
Lage glaubte besitzen zu müssen. Es gelangen meine Zimmermannsarbeiten,
trotz der mangelhaften Werkzeuge, immer mehr nach Wunsch; auch die
Gerätschaften, die aus meiner Töpferwerkstatt hervorgingen, zeigten
nicht mehr die frühere Unförmigkeit, selbst die Korbflechterei nahm
unter meinen fleißigen Händen einen immer höheren Aufschwung.
Der ernsthafteste Mensch hätte sich eines Lächelns nicht enthalten
können, hätte er mich im Kreise meiner *Familie* gesehen. Vor allem
würde er meine eigne, absonderlich aufgeputzte Person bewundert haben,
mich, den König der Insel, den unumschränkten Herrn über Leben und Tod
aller ihrer Bewohner. Mit königlicher Würde hielt ich Tafel und speiste
in Gegenwart meines gesamten Hofstaates. Poll, mein Günstling, genoß
allein das Vorrecht, mit mir zu sprechen, und machte davon häufigen
Gebrauch, wobei er sich nicht selten auf meine Schulter stellte. Mein
Hund, der alt und gebrechlich geworden war, behauptete stets, wie
ein alter erprobter Diener, den Platz zu meiner Rechten. Zwei Katzen
warteten zu beiden Seiten des Tisches wie ein paar Hofschranzen auf
ein Zeichen meiner Huld und schnappten begierig die Brocken auf, die
ich ihnen zuwarf. Diese zwei Tierchen mit den Samtpfötchen waren aber
nicht diejenigen, welche ich vom Schiffe mitgebracht hatte, denn diese
hatte ich längst mit eigner Hand in der Nähe meiner Wohnung zur Erde
bestattet. Die jüngeren Katzen, die mich jetzt umgaben, waren die
Nachkommen der ersteren. Dieses Geschlecht hatte sich in solchem Grade
vermehrt, daß es endlich eine wahre Geißel für mich wurde; die Tiere
plünderten und hausten in meiner Wohnung schonungslos. So sah ich mich
endlich genötigt, gegen sie energisch einzuschreiten und die Mehrzahl
von ihnen aus der Welt zu schaffen.