ein Mittel, für dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht immer
einstehen möchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert war, so
versäumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr kleine
Ausflüge in mein »Königreich« zu unternehmen. Einmal stieß ich hierbei
auf herrlich grüne Wiesengründe, die ich vorher noch nicht bemerkt
hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit langen, starken Stengeln,
eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach kam ich in einen waldigen
Grund, wo ich mancherlei eßbare Früchte traf, namentlich saftige
Melonen am Boden liegend, und eine Art wildwachsender Weintrauben,
welche in vollster Reife aus Rebenlaub hervorschauten, das sich von
Baum zu Baum üppig weiterrankte. Diese Trauben sammelte ich, um sie an
der Sonne zu trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem
Zustande genießen, da ich mich erinnerte, daß mehrere englische
Sklaven, die zu viel davon genossen hatten, während meines Aufenthalts
in der Berberei an der Brechruhr gestorben waren.
Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, daß
mich der Abend überraschte, ehe ich es gemerkt hatte. Auch fühlte ich
mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg zurückkehren zu können.
So schlief ich zum erstenmal außerhalb meiner Wohnung. Wie am Tage
meiner Landung auf der Insel, kletterte ich auch heute auf einen Baum
und brachte hier die Nacht unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich
meinen Weg weiter fort und behielt immer die Richtung nach Norden im
Auge, da meine Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hügelreihen
begrenzt war.
Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde aus, das
von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlängelt wurde. Eine
reizende Gegend in grünem Wiesenschmuck, gleich einem Teppich von
tausend und abertausend bunten Blumensternen durchwirkt. Palmen
streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- und Limonenbäume luden
mich ein, ihre Früchte zu pflücken. Schwer beladen mit köstlichen
Früchten schied ich von dem paradiesischen Garten, um meiner länger als
sonst verlassenen Hütte zuzueilen.
Als ich in meinem »Hause« ankam, fand ich die Trauben verdorben und
die Beeren zerquetscht, während die Zitronen, deren ich überhaupt nur
wenige gefunden hatte, vortrefflich erhalten waren.
Jenes Thal mit seinem reichen Pflanzenwuchs zog mich so sehr an, daß
in mir der Gedanke aufstieg, meine Wohnung dorthin zu verlegen; allein
die Erwägung, daß ich von meinem Hause am Strande die offene Aussicht
über das Meer hatte und so ein vielleicht hier vorbeisegelndes Fahrzeug
erspähen könnte, brachte mich von dem schnell gefaßten Plane ab, und
ich beschränkte mich darauf, eine Art Lusthaus in jenem gesegneten und
reizvollen Thale zu errichten. Ohne Zeit zu verlieren, ging ich ans
Werk und umgab meine zweite Wohnstätte mit einer doppelten Pfahlreihe,
die ich noch durch ein Flechtwerk von Schlingpflanzen und Baumstämmen
verstärkte. Diese Arbeiten beschäftigten mich bis Anfang August.
Unterdessen fand ich meine aufgehängten Weintrauben nun genug
getrocknet, und ich beeilte mich, sie einzusammeln, denn schon kündigte
sich die in der heißen Zone übliche Regenzeit auf fühlbare Weise an.
Zweihundert Päckchen von Rosinen schaffte ich in meine Vorratskammer,
und so konnte ich mir nun die folgenden Monate hinreichend versüßen.
Am 14. *August* erlebte ich die Freude einer Vermehrung meiner
Familie. Meine Katze nämlich, die ich vom Wrack mitgenommen hatte, war
eine Zeitlang verschwunden, ohne daß ich mir erklären konnte, wohin
sie geraten sei. Während ich nun an jenem Tage über die Landschaft
schaute, sah ich meine alte Freundin samt drei jungen Sprößlingen
wohlgemut auf meine Hütte zukommen und zögerte nicht, die neuen Gäste
freundlichst aufzunehmen. Sie hatte die Jungen in einem Versteck so
weit groß gezogen, daß sie vor den Angriffen des Katers sicher waren,
und führte sie mir jetzt zu. Mit diesem Tage begann auch die Regenzeit,
und ich machte mich wieder darauf gefaßt, wochenlang in meinem
wohlgeschützten Strandhause zubringen zu müssen. Vom 14. bis 29. August
währte ununterbrochen der Regen; meine Nahrung bestand aus Rosinen,
Ziegenfleisch und gerösteter Schildkröte. Dabei war ich täglich
beschäftigt mit der Erweiterung meines Kellers.
Gegen Ende September erinnerten mich die Einschnitte, die ich in meinen
hölzernen Kalender gemacht hatte, daß seit meiner Landung auf der Insel
ein Jahr verflossen war. Ich feierte diesen Tag mit dankerfülltem
Herzen gegen Gott, dessen Güte mich so wunderbar beschirmt hatte.
[Illustration: Robinson vor seinem Kalender.]
Sechstes Kapitel.
Robinson als Handwerker und Ackersmann.
Robinson säet Getreide. -- Korbflechterei. -- Töpferarbeiten. --
Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. -- Tierreicher Küstenstrich.
-- Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. --
Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. -- Tageseinteilung. --
Verheerung des Getreidefeldes. -- Exekution an den Kornplünderern. --
Kleine Ernte.
Mit Anfang November ließ der Regen nach, und es lockte mich an dem
ersten schönen Tage nach dem Innern der Insel zu meinem Lusthause. Hier
fand ich noch alles so unversehrt, wie ich es wenige Monate vorher
verlassen hatte. Die Hecke, welche ich um meine Villa gezogen, war
wohl erhalten, nur der »lebendige« Zaun war mit einem Wäldchen grüner
frischer Reiser geschmückt, die in wilder Unordnung sich ineinander
schlangen. Diese verschnitt ich und suchte in das ganze Gewirr einige
Ordnung zu bringen. In der That versprach die Fenz schon nach wenigen
Jahren ein dichtes und schattiges Laubdach zu bilden. Eine gleiche
grüne Mauer zog ich auch um mein festeres Haus am Strande, und die
Folgezeit lehrte, welchen Vorteil mir diese Pflanzung bei Verteidigung
meiner Stammburg brachte.
Da mein ohnehin kleiner Vorrat von Tinte durch die tägliche und
umständliche Aufzeichnung der gewöhnlichen Begebenheiten und
Beschäftigungen sehr auf die Neige ging, so mußte ich ernstlich auf
möglichste Beschränkung meiner Schreibseligkeit Bedacht nehmen, und nur
die merkwürdigsten Ereignisse wurden fortan noch aufgezeichnet.
Schon früher erwähnte ich der mir unerwartet zugekommenen
Getreidehalme. Ich glaubte nun gut zu thun, wenn ich die gewonnenen
Körner nach der Regenzeit säete. Deshalb grub ich ein Stück Land, so
schwer es mir auch wurde, mit einem hölzernen Spaten um, teilte es in
zwei Hälften und übergab die Körner der ernährenden Mutter Erde; den
dritten Teil derselben behielt ich indes aus Vorsorge zurück, falls
ich die Jahreszeit nicht richtig gewählt haben sollte. Der folgende
Monat war ein außerordentlich trockener und ließ meine Saat kaum zum
Aufkeimen kommen; ja, ich mußte ganz auf eine Ernte verzichten, da
sich die Keime vor der wiederkehrenden Regenzeit nicht bis zur Reife
entwickeln konnten. Ich suchte nun einen feuchteren Boden auf, grub
ihn um und säete den zurückbehaltenen Rest der Körner im Februar, kurz
vor dem Eintritt der nassen Jahreszeit. Die regnerischen Monate März
und April waren meiner Pflanzung, auf die ich meine letzten Hoffnungen
gegründet hatte, so günstig, daß ich etwa ein Liter von jeder Gattung
erntete.
Die Jahreszeiten wechselten unter dem Himmel meiner Insel nicht mit so
angenehmen Übergängen wie in der Heimat, sondern sie schieden sich nur
in zwei Perioden, in eine trockene und eine nasse: von Mitte Februar
bis Mitte April Regen, von Mitte April bis Mitte August trockene Zeit;
von Mitte August bis Mitte Oktober Regen, von Mitte Oktober bis Mitte
Februar Trockenheit.
Die gezwungene Zurückgezogenheit in den Regenmonaten benutzte ich
zu allerhand nützlichen Beschäftigungen. So versuchte ich unter
anderm auch, einen Korb zu flechten, und wurde in dieser Arbeit durch
Erinnerungen aus frühester Kindheit unterstützt. Wie hätte ich vorher
ahnen können, daß die Besuche bei unserm Nachbar Korbflechter, in
dessen Werkstatt ich ein täglicher Gast gewesen, mir später nützlich
sein würden? Die ersten Zweige, mit denen ich meine Arbeit beginnen
wollte, zeigten sich freilich recht spröde. Meine Blicke lenkten sich
unwillkürlich auf die jungen Stecklinge um die Hütte; diese versprachen
besseres Flechtmaterial. Ich fand sie wirklich so geschmeidig wie
Weidenruten, und es ward meinen Künstlerhänden nicht schwer, die
verschiedensten Körbe zu mannigfachen Zwecken herzustellen.
Meine häuslichen Verhältnisse hatten sich immer behaglicher
gestaltet, nur noch ein einziges Gerät vermißte ich schmerzlich: ein
Kochgeschirr. Zwar besaß ich einen Kessel; allein dieser war von so
bedeutender Größe, daß ich darin weder ein kleines Stück Fleisch
kochen, noch weniger mir Fleischbrühe bereiten konnte. Wie ließ
sich diesem Übelstand abhelfen? Ich dachte so: wenn es mir gelänge,
Thonerde zu finden, so könnte wohl die Glut der tropischen Sonne
meine Töpferarbeiten trocknen. Ach! -- meine Töpferarbeiten! Ich
will hier nicht erzählen, wie viel ungeschickte Versuche ich machte,
welche ungeheuerlichen Formen sich die Mutter Erde unter meinen Händen
gefallen lassen mußte, wie oft meine Gefäße in der großen Sonnenhitze
zerbröckelten oder beim Fortschaffen zerbrachen. Erst nach zwei Monaten
hatte ich endlich zwei Erzeugnisse zusammengebracht, die nicht einmal
mit den schlechtesten Schiffskrügen nur annähernd verglichen werden
konnten. Weniger mißlangen meine Versuche im Anfertigen kleinerer
Gefäße, z. B. der Teller, Töpfe, Krüge, kurz aller Gerätschaften,
die sich mit der Hand formen ließen. Dabei kam mir auch die günstige
Witterung zu statten; die Sonne meinte es in diesen Tagen überaus gut,
so daß mein Töpfergeschirr in erwünschter Weise Härte gewann.
Mittels meiner fortschreitenden Töpferkünste hatte ich mir Gefäße zum
Aufbewahren von allerlei Lebensmitteln beschafft, aber noch immer
fehlten mir solche, welche auch das Feuer auszuhalten vermochten. Da
ich weder einen Begriff von der Einrichtung eines Ofens, noch von der
Glasur hatte, mit der die Töpfer ihre Waren überziehen, so beschränkte
ich mich darauf, drei Krüge dicht nebeneinander zu stellen; auf diese
setzte ich kleinere Geschirre, und um die so aufgetürmte Pyramide
zündete ich dann ein tüchtiges Feuer an, welches die Sandbestandteile
der Thonerde schmelzen sollte. Die Töpfe nahmen nach Verlauf von fünf
bis sechs Stunden eine hochrote Farbe an. So wurde ich schließlich
der glückliche Besitzer von drei leidlichen Krügen nebst zwei irdenen
Töpfen, die sich auch als feuerfest erwiesen.
Von meiner Insel blieb noch mancher Teil zu durchstreifen übrig.
Deshalb nahm ich eines Tages meine Flinte samt der nötigen Munition,
ein Beil, zwei Zwiebäcke sowie ein Päckchen Rosinen mit und machte
mich in Begleitung meines Hundes auf den Weg. Am Ende des Thales
angelangt, in welchem meine Villa lag, sah ich westwärts auf das Meer
und, da die Luft äußerst rein und durchsichtig war, fern am Horizont
einen nebligen Streifen, der von West nach West-Süd-West verlief und
eine Ausdehnung von fünf bis sechs Stunden haben mochte. Zwar wußte
ich nicht, ob ich die Küste einer Insel oder die des amerikanischen
Festlandes erblickte; vielleicht war ich auf dem rechten Wege, als
ich vermutete, daß die spanischen Kolonien nicht allzu entfernt von
jenem Küstenstriche lägen, und daß sich doch wohl ein Schiff in diesen
Gewässern sehen lassen müsse. Möglicherweise konnten aber auch dort
jene wilden, menschenfressenden Völkerschaften hausen, die unter dem
Namen »Kannibalen« weithin gefürchtet sind.
Unter solcherlei Gedanken schritt ich über Ebenen und Wiesen, die mit
Pflanzen und Blumen prächtig geschmückt und auch mit Sträuchern besetzt
waren. Auf den Bäumen hatten sich Scharen von Tauben niedergelassen,
deren Gegirr von dem schrillen Geschrei buntgefiederter Papageien
übertönt ward. Solch einen schmucken Papagei mußte ich haben, und in
der That gelang es mir, einen jungen Vogel dieser Art zu fangen, indem
ich ihn durch einen Wurf mit meinem Wanderstab so gut traf, daß er
betäubt vom Aste herabfiel. Ich hob ihn auf, er kam allmählich wieder
zu sich, und ich nahm ihn mit mir.
In den Niederungen sah ich außerdem Tiere, welche ich für Hasen hielt;
wieder andere mochten Füchse sein; aber ich ließ meine Flinte in Ruhe,
denn Ziegen, Tauben und Schildkröten lieferten so leckeres Fleisch, und
ich besaß an Rosinen eine so schmackhafte Zukost, daß selbst der beste
Markt von London nichts Besseres geliefert haben würde.
Auf meiner Entdeckungsreise durch die Insel rückte ich täglich nur
zwei bis drei Meilen vor, doch machte ich nach links und rechts manche
Abstecher, bis ich ermüdet an einem solchen Platze anlangte, welcher
mir zum Nachtlager geeignet schien. Zum Bett mußten entweder die
breiten Äste eines Baumes oder der harte Boden der Erde dienen. Als ich
an das Ufer des Meeres kam, sah ich zu meiner Überraschung, daß die
Küste meines Königreichs viel angenehmer und von Tieren mehr bevölkert
war als der entgegengesetzte Strand. Zahlreiche Schildkröten sonnten
sich hier im Sande, und Seevögel marschierten mit stolzer Würde umher.
[Illustration: Schildkröten und Fetttaucher auf der Insel.]
Trotz alledem verspürte ich keine Lust, meine Wohnung in diese Gegend
zu verlegen. Indessen setzte ich meine Reise noch etwa zwölf Stunden
gegen Osten weiter fort. Den äußersten Grenzpunkt meiner Wanderungen
bezeichnete ein eingerammter Pfahl, der mir später einmal als
Erkennungszeichen dienen sollte. Dann wandte ich mich gegen Westen, um
auf einem andern Wege nach Hause zurückzukehren. Nachdem ich etwa drei
Meilen zurückgelegt hatte, befand ich mich in einem Thalkessel, der
rings von hohen, dicht mit Waldung gekrönten Bergen umsäumt war, so daß
ich mich beim weiteren Fortschreiten, um mich zurecht zu finden, nach
dem Stande der Sonne richten mußte.
Während der drei Tage, die ich in diesem Thale verweilte, hing aber
der Himmel voll trüber Wolken, und ich wußte oft nicht, wohin ich mich
wenden sollte, ob nach Ost, West, Süd oder Nord. So sah ich mich denn
genötigt, nach meinem Pfahl zurückzukehren und von da aus den Heimweg
anzutreten.
Unterwegs fing mein Hund eine junge Ziege ein. Eiligst sprang ich
hinzu, um sie seinem scharfen Gebiß zu entreißen, was mir auch glückte.
Bald war dem Tiere ein Halsband übergeworfen, ein Strick durchgezogen,
und weiter ging nun die Wanderung, bis wir endlich, jedoch erst nach
mehreren Tagemärschen, durch die sengende Sonnenglut aufs äußerste
ermattet, in meinem Wohnsitze ankamen. Ich empfand wirklich eine große
Freude, wieder daheim zu sein! Wie sanft schlief ich nach einer
Abwesenheit von mehr als einem Monate zum erstenmal wieder in meiner
Hängematte.
Das nächste, wofür ich Sorge zu tragen hatte, war, meinem Papagei,
welcher sich an mich bereits etwas gewöhnt hatte, einen Käfig zu bauen,
sowie die Ziege, welcher ich einstweilen in meinem Lusthause ihren
Aufenthalt angewiesen, nach Hause zu schaffen, um das ausgehungerte
Tierchen mit frischem Futter zu versorgen.
Ich fand es angebunden an derselben Stelle, wo ich es verlassen hatte,
und es folgte mir wie ein zahmes Haustier Schritt für Schritt, indem es
fortwährend aus meiner Hand das Futter fraß, mit dem ich es lockte.
* * * * *
Wieder war der 30. September gekommen, und wieder hatte ich unter
inbrünstigem Gebet den Jahrestag meiner Strandung begangen. Zwei Jahre
lebte ich nun schon auf dem Eilande als dessen alleiniger Bewohner,
mein eigner König und mein einziger Unterthan; -- zwei Jahre reich an
Prüfungen und Erfahrungen! Und doch hatte sich mir nicht einmal ein
Strahl von Hoffnung gezeigt, diese einsame Insel verlassen zu können.
Indessen dankte ich Gott für die unendliche Güte, mit welcher er
mein armseliges Dasein fristete und meine Einsamkeit mir erträglich
erscheinen ließ.
Wenn ich in der ersten Zeit meines Verlassenseins hinausstreifte auf
die Ebenen und Berge, sei es, um ein Tier auf der Jagd zu erlegen, oder
sei es, um auf Entdeckungen auszugehen, da begleitete mich der stete
Gedanke an mein Unglück und meine oft trostarme Lage. Ich kam mir vor
wie ein Gefangener, der, eingeschlossen durch die endlosen Riegel und
riesigen Schlösser des Ozeans, in einer Wüstenei, ohne Hoffnung auf
Befreiung, ein erbärmliches Dasein fristet, und aufgelöst in Schmerz
und Betrübnis rang ich die Hände und weinte bitterlich.
Jetzt war es anders! Neue Gedanken, geschöpft aus der Heiligen Schrift,
dem Buche der Bücher, gaben meinem Geiste eine heilsame Richtung, und
ich gewann meine ganze Seelenstärke wieder, wenn meine Augen auf die
Worte des Trostes fielen. Ich fand Beruhigung in dem Gedanken, daß
ich in meinem gegenwärtigen Zustande der Vereinsamung glücklicher sein
könnte, als ich es vielleicht in irgend einer andern Lebensstellung
geworden wäre. Ich dankte dann Gott dafür, daß er mich auf dieses
Eiland geführt hatte. Dann wieder schien mir jener Gedanke zu
weitgehend. »Solltest du wirklich so zwiespältig im Gemüte sein«, sagte
ich zu mir selbst, »Gott für die Versetzung in eine Lage zu danken, aus
welcher erlöst zu werden ein verzeihlicher und natürlicher Wunsch ist?«
Jedenfalls dankte ich Gott doch innig dafür, daß ich jetzt endlich zur
Selbsterkenntnis hinsichtlich der begangenen Fehler gelangt war.
Nun trat ich in das dritte Jahr meines Insellebens. In meine täglichen
Beschäftigungen hatte ich eine gewisse Regelmäßigkeit gebracht.
Zunächst verwandte ich auf die Erfüllung meiner religiösen Pflichten,
insbesondere auf das Lesen in der Bibel täglich eine bestimmte Zeit;
dann jagte ich, wenn das Wetter schön war, ungefähr drei Stunden des
Morgens. Kam ich nach Hause zurück, so hatte ich die mitgebrachten
Lebensmittel wohl aufzubewahren oder zuzubereiten. Die Hitze während
der mittleren Tageszeit gestattete keinen Ausflug, und ich überließ
mich dann gewöhnlich der Ruhe. Manchmal arbeitete ich auch des Morgens
und ging des Abends auf die Jagd.
Ende November war herangekommen, und ich konnte bereits meiner Gersten-
und Reisernte entgegensehen. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich
bei einer Besichtigung meines kleinen Ackerfeldes gewahr wurde, daß
die Ziegen alle jungen saftigen Halme abgefressen hatten. Es galt nun,
schleunigst weiteren Verwüstungen vorzubeugen. Ich umgab mein Zelt mit
einer dichten Umzäunung, worüber ich nahe an drei Wochen zubrachte.
Ferner schoß ich auf die Tiere, welche sich am Tage heranwagten, und
ließ während der Nacht meinen Hund Wache halten, so daß sich endlich
die abgeschreckten Eindringlinge fern hielten.
Gleichwie die behaarten Vierfüßler sich zu den kräftig emporsprossenden
Halmen hingezogen fühlten, hatten es die gefiederten Zweifüßler auf
die Körner abgesehen. Als ich eines Tages nach dem Stande meiner
Feldfrüchte sah, wimmelte die ganze Umgebung von zahlreichen
verschiedenartigen Vögeln. Ich schoß unter den dicksten Haufen, und
sofort erhob sich mit wirrem Schreien mitten aus dem Kornfeld eine
wahre Wolke von Vögeln, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte.
Meine Ernteaussichten schienen nach solchen Betrachtungen trostloser
Natur zu sein; doch durfte ich um keinen Preis den Rest meines
Getreides der Vernichtung überlassen.
Während ich nun neben meinem Felde stand und die Flinte von neuem lud,
saßen die durch meinen ersten Schuß aufgescheuchten Vögel auf den
nächsten Bäumen und schienen nur auf meine Entfernung zu harren. Als
ich mich etwas entfernte, fielen die gefräßigen Tiere von neuem über
die Körner her. Ihre für mich so verderbliche Eilfertigkeit versetzte
mich derart in einen unverständigen Zorn, daß ich nicht einmal wartete,
bis alle herangekommen sein würden, sondern sogleich unter die ersten
schoß, wodurch drei der kleinen Räuber getötet wurden. Dann vollführte
ich an ihnen eine Art Strafgericht; gleichwie man anderwärts die Diebe
aufhängt, so hing ich auch die Vögel auf, damit sie ihren lüsternen
Genossen als warnendes Beispiel dienten.
Die Wirkung war auffallend: keines der Tiere wagte sich mehr auf mein
Feld, ja sie verließen sogar allesamt jenen Teil der Insel, auf dem
es ihnen nicht mehr geheuer zu sein schien. Nach diesem Säuberungszug
hatte ich die Freude, gegen das Ende des Dezember, zur Zeit der zweiten
Reife, mein Korn einernten zu können. Ich sammelte die abgemähten Ähren
in einen großen Korb und körnte sie einzeln mit den Händen aus. Das
Liter Samen hatte mir nach oberflächlicher Schätzung zwei Scheffel
Reis sowie einen halben Scheffel Gerste eingetragen, und ich beschloß,
den ganzen Ertrag an Körnern für die nächste Aussaat aufzubewahren.
Inzwischen versuchte ich, zur passenden Umgrabung des Ackerbodens mir
einen Spaten zu fertigen, was mich eine ganze Woche Zeit kostete. Ein
besonderes Meisterwerk war mir mit diesem Spaten allerdings nicht
gelungen, denn er wurde mir vermöge seiner Schwerfälligkeit oft recht
unbequem; indes empfand ich doch ein Gefühl der Befriedigung darüber,
daß sich meine Einrichtungen abermals um einen Schritt weiter
vervollkommnet hatten. Die Getreidekörner wurden auf den geräumigen
Feldern ganz nahe an meiner Wohnung in die Erde gebracht, wobei ich für
den Reis die feuchteste Stelle aussuchte, da, wie ich bemerkt hatte,
derselbe nur auf nassem Boden eine einträgliche Ernte versprach.
Ich umzäunte die Felder mit einem starken Gehege und durfte nun hoffen,
am Ende des Jahres eine grüne und schattige Hecke zu haben, welche nur
hier und da einmal ausgeputzt zu werden brauchte.
Während der inzwischen eingetretenen Regenzeit hielt ich mich meist
im Innern meiner Hütte auf und beschäftigte mich mit mancherlei
häuslichen Verrichtungen. Empfand ich hin und wieder das Bedürfnis,
mich von meinen anstrengenden Arbeiten zu erholen, dann unterhielt ich
mich mit meinem munteren Hausgenossen, dem Papagei, und lehrte diesen
sprechen; bald konnte das gelehrige Tier seinen Namen nachplappern und
wiederholte mit deutlicher Stimme: »Poll! Poll!« Das war der erste
artikulierte, wie von einer Menschenstimme kommende Laut, den ich auf
dem Eilande in meiner Einsamkeit, fern von allen menschlichen Wesen,
vernahm.
[Illustration: Wie Robinson die Halme niedermäht.]
Siebentes Kapitel.
Robinson als Bäcker und Schiffbauer.
Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. -- Ernte. --
Brotbacken. -- Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. --
Robinson baut ein Boot; vereitelte Hoffnungen. -- Rückblicke auf das
dreijährige Inselleben. -- Trauriger Zustand der Kleider. -- Robinson
wird Schneider.
Von allen bekannten Handwerken war mir bis zu dieser Zeit meines Lebens
keines so wildfremd geblieben, wie das eines Steinmetzen, und doch
mußte ich darauf sinnen, mir einen Mörser oder ein andres geeignetes
Werkzeug zu schaffen, um das Getreide in Mehl zu verwandeln. Lange
Zeit suchte ich vergebens nach einem Steinblock, der sich mörserartig
aushöhlen ließe; dann entschloß ich mich endlich, einen harten
Holzblock aus meinem Forst zu holen.
Mit unsäglicher Anstrengung fällte ich einen dicken Baumstamm, hieb
am unteren Ende ein amboßähnliches Stück ab, rundete es ringsum mit
meiner Axt und höhlte es durch Feuer aus, wie es die wilden Eingebornen
Brasiliens mit ihren kleinen Seefahrzeugen (Kanoes) thun. Als Stampfe
diente mir eine wuchtige Keule aus demselben harten Holze.
Aber auch für ein Sieb mußte gesorgt werden, um das durch Stampfen
gewonnene Mehl durchzuschütten und es von der Kleie zu sichten. Hier
war guter Rat teuer, denn ich hatte weder Kanevas noch Bastgeflechte.
Aber unter den Matrosensachen, die ich vom Wrack gerettet hatte,
befanden sich etliche Halstücher von Kattun und Musselin; aus diesen
verfertigte ich drei kleine Siebe, die ich auch ziemlich brauchbar fand.
Die Zeit der Ernte nahte heran. Mit meinen Körben schritt ich hinaus
aufs Feld und überschaute den Früchtereichtum des Bodens. Dann schnitt
ich die Ähren, sammelte sie in Garbenbüscheln in die Körbe und trug die
segenschwere Last nach Hause. Hier ließ ich alles so stehen, wie ich es
eingeheimst hatte, bis ich Zeit und Mittel finden konnte, das Getreide
auszukörnen; denn ich hatte weder eine Tenne noch einen Dreschflegel.
Im ganzen brachte ich 20 Scheffel Gerste und ebensoviel Reis in mein
Kornmagazin, weshalb es sich als notwendig herausstellte, das letztere
besser einzurichten. Aus Erfahrung wußte ich jetzt, daß ich jährlich
zweimal säen und ernten könne; die Entscheidung darüber, was in Zukunft
für mich und meinen Hausstand am zweckmäßigsten sein würde, wollte ich
von der Größe meines diesmaligen Verbrauchs abhängig sein lassen.