Regen ergoß sich in Strömen auf den Erdboden. Da fuhr plötzlich ein
blendender Blitz hernieder und erhellte die Landschaft auf einige
Sekunden mit blaurotem Licht. »Mein Pulver, mein Pulver!« dachte ich.
Mein Herz pochte mit gewaltigen Schlägen; dann ließ ich alle andern
Arbeiten im Stich und beschäftigte mich damit, meinen Pulvervorrat in
kleine Pakete zu teilen und in Kistchen und Beuteln wohl zu verwahren.
So hatte ich 240 Pfund in etwa hundert verschiedene Päckchen gesondert
und jedes derselben vorsichtig so weit von dem andern entfernt
gestellt, daß, wenn sich auch unglücklicherweise eines derselben
entzündete, doch die übrigen nicht zugleich in die Luft fliegen konnten.
Bei meinem ersten Morgenspaziergange, welchen ich, mit einer Flinte
bewaffnet, unternahm, um irgend etwas Eßbares zu schießen, machte
ich die erfreuliche Entdeckung, daß die Insel mit zahlreichen Ziegen
bevölkert war; doch zeigten sie sich so scheu und schnellfüßig, daß ich
mich ihnen nicht auf Schußweite nähern konnte. Ich hatte beobachtet,
daß sie stets erschreckt davonliefen, wenn sie vom Berge herab mich im
Thale bemerkten; weideten sie jedoch im Thale und ich selbst stand auf
dem Felsen, so nahmen sie keine Notiz von mir. Dies brachte mich auf
die Vermutung, daß jene Tiere wohl leicht von oben herab, aber schwer
von unten nach oben sehen könnten. Um zu erfahren, ob meine Vermutung
richtig sei, stieg ich auf einen Berg, während unten die Herde graste.
Mit dem ersten Schuß, den ich abfeuerte, erlegte ich eine Ziege, die
ein Junges bei sich hatte. Als ich mich dem getöteten Tiere näherte,
um es aufzuheben, blieb jenes ganz harmlos stehen, ja es folgte mir
freiwillig in mein Zelt. Ich hoffte, das Junge aufziehen zu können;
doch da es keinerlei Futter annehmen wollte, so sah ich mich genötigt,
es zu schlachten und zu verzehren. Durch diese beiden Tiere war ich auf
etliche Tage hinlänglich mit gutem Fleisch versehen und sparte dadurch
an meinem Vorrat, welchen ich vom Schiffe gerettet hatte.
[Illustration: Robinson erlegt die erste Ziege.]
Einige Zeit nach meiner Landung dachte ich daran, eine *Zeitrechnung*
aufzustellen, um in der Tag- und Monatsfolge nicht ganz irre zu werden
und ebenso den Sonntag nicht mit den Werktagen zu verwechseln. Da
ich weder Papier, noch Tinte, noch Federn besaß, verfiel ich auf die
Abfassung einer Art Kalender.
Ich rammte einen viereckigen Pfahl in die Erde und befestigte an dessen
oberen Teil in Gestalt eines Kreuzes eine länglich viereckige Tafel;
nach den Berechnungen, die ich anstellte, war ich am 30. *September*
1659 an dieser Insel angelangt, die etwa 9° 22' nördlich vom Äquator
gelegen sein mußte: deshalb schnitt ich auf die Tafel mit großen
Buchstaben ein:
»_Hier landete Robinson Crusoe am 30. September 1659._«
An jedem neuen Tage machte ich an der Kante des Pfahles einen
Messereinschnitt, deren siebenter, länger als die übrigen, den Sonntag
bezeichnete. Der erste Tag eines Monats wurde durch einen stärkeren
größeren Schnitt angemerkt. So ging es eine längere Zeit fort, während
welcher ich emsig an der Vergrößerung meiner Höhle arbeitete, auch
einen Tisch und einen Stuhl fertigte. Dabei kamen mir noch allerhand
Dinge zu statten, die ich nicht einzeln, sondern in Kästen und Säcken
verpackt vom Wrack abgeholt hatte. So fand ich mehrere Kompasse,
mathematische Instrumente, Ferngläser, Seekarten, deren Nützlichkeit
mir in meiner damaligen Lage nur wenig einleuchtete. Was mich aber in
eine freudige Aufregung versetzte, war der Fund eines vollständigen
Schreibzeuges. Nun fühlte ich mich in meiner Einöde nicht mehr so
verlassen wie vorher, konnte ich doch dem Papiere alle meine Gedanken
und Eindrücke anvertrauen. Also begann ich ein *Tagebuch* anzulegen und
schrieb meine Lebensgeschichte seit dem 30. September nieder. Leider
hatte ich in meinem Tagebuche gar bald ein Ereignis zu verzeichnen, das
leicht unglücklich für mich hätte ablaufen können. Ich schrieb darüber
die nachstehenden Zeilen nieder:
Am 10. *Dezember*. -- Ich hatte an der Vergrößerung meiner Höhle
gearbeitet, die Erdarbeiten waren glücklich von statten gegangen,
meine Arbeit schien beinahe vollendet; da stürzte plötzlich unter
furchtbarem Gekrach eine gewaltige Erdmasse von der Decke und von
einer Seite nieder. Jedenfalls hatte ich meine Minierarbeit zu weit
ausgedehnt und dadurch den Einsturz selbst veranlaßt. Ein Glück
war's, daß ich mich in demselben Augenblicke nicht in der Höhle
befand, sonst wäre ich unzweifelhaft mein eigner Totengräber geworden.
Die Wiederherstellungsarbeiten -- die Reinigung des Ganges, die
Unterstützung der Decke -- nahmen eine geraume Zeit in Anspruch.
Am 27. *Dezember*. -- Die Tage des Weihnachtsfestes verliefen sehr
traurig; es regnete unaufhörlich, und so blieb ich in das Innere
meiner Hütte gebannt. Da tauchten die trauten Bilder der Heimat
und der fröhlichen Jugendzeit mit schmerzlicher Sehnsucht in mir
auf, und ich überließ mich willenlos gaukelnden Träumen, die mich
hinübertrugen weit übers Meer an Englands Küste und in das Vaterhaus,
in welchem die Eltern gewiß weinend des verschollenen Sohnes
gedachten. Meine Wehmut löste sich in ein inbrünstiges Gebet auf zu
dem, der alles herrlich hinausführt; allmählich zog Trost ein in mein
banges Herz.
Am zweiten Tage nach Weihnachten klärte sich das Wetter, und eine
erfrischende Brise kräuselte die Wogen des Meeres. Ich streifte in mein
Revier hinaus und schoß eine junge Ziege; eine andre verwundete ich
nur, fing sie deshalb und führte sie in meine Hütte. Dort verband ich
ihr den verwundeten Fuß, legte ihr Schienen an und pflegte sie auf das
sorgsamste. Unter meiner ärztlichen Behandlung gedieh das Tier ganz
vortrefflich und wurde mit der Zeit so zahm, daß es bei meiner Wohnung
behaglich graste, ohne davonzulaufen.
[Illustration: Robinson im Gebet.]
Fünftes Kapitel.
Robinsons Tagebuch.
Neujahr. -- Sicherung der Hütte. -- Wilde Tauben. -- Beleuchtung. --
Getreideähren. -- Erdbeben. -- Schleifstein. -- Ein Fäßchen Pulver.
-- Zertrümmerung des Wracks. -- Fischjagd. -- Schildkröten. --
Krankheit. -- Nächtlicher Traum. -- Fieber. -- Reuige Betrachtungen.
-- Wiederherstellung durch Tabak. -- Bibelfund. -- Pflanzen und
Früchte im Innern der Insel. -- Bau eines Landhauses. -- Die Katze
und ihre Jungen. -- Jahrestag der Landung. -- Ernteerfolge.
Zum neuen Jahre, am 1. Januar 1660, beglückwünschte ich mich selbst. Es
ist freilich ein Neujahr auf einer öden Insel, und ich verlassen von
allen menschlichen Wesen! Doch nicht verzagt, Robinson! Mutig in die
Zukunft geblickt!
Ich hing meine Flinte über die Schulter und wanderte nach dem Innern
der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich ist im Januar
unter den Tropen ebenfalls heiße Jahreszeit; so sah ich mich genötigt,
wiederholt unter dem Schattendache belaubter Bäume auszuruhen. Den
ganzen Tag wanderte ich umher. Allmählich nahte der Abend heran,
nachdem ich mehrere liebliche Thäler durchschritten hatte, die sich
nach dem Herzen des Eilandes verliefen. Hier sah ich an verschiedenen
Plätzen zahlreiche Herden von Ziegen weiden; aber so oft ich auch
versuchte, mich diesen Tieren zu nähern, immer wußten sie mit schlauer
List zu entrinnen. Deshalb beschloß ich am andern Tage, meinen Hund
mitzunehmen und ihn auf die Ziegen zu hetzen, um womöglich mehrere
lebendig in meine Gewalt zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu
gewöhnen. Ich hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als
ich am nächsten Tage meinen Phylax auf eine Herde losließ, kehrten
sich die Tiere plötzlich gegen den Hund um, dieser aber verspürte
keine absonderliche Lust, mit den hörnernen Waffen der Langbärte
Bekanntschaft zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und so
ließ ich die Sache einstweilen ruhen.
Bis gegen die Mitte des Monats April beschäftigten mich die Arbeiten
für eine bessere Umzäunung meiner Burg; während dieser Zeit hatte
mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander mit
meinen Befestigungskünsten einzuhalten. Daß mir die Herrichtung jedes
einzelnen Pfostens große Schwierigkeiten verursachte, kann man sich
wohl denken, zumal die Pfähle weit aus dem Innern der Insel zu holen
waren und die Einrammung meine Kräfte stark in Anspruch nahm.
Einst traf ich eine Art *wilder Tauben*, welche nicht wie die andern
Holztauben ihre Nester auf Bäumen bauen, sondern nach Art der
Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm einige der
Jungen aus und fütterte sie groß; als ihnen jedoch später mit den
wachsenden Flügeln der Mut gewachsen war, flogen sie davon, ihren alten
Heimatssitzen zu.
Obwohl ich viele Dinge besaß, die mir in meiner Einsamkeit trefflich zu
statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs schmerzlichste den
Mangel an *Beleuchtung*. Ein guter Gedanke leitete mich auf das Fett
der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. Ich sammelte das Fett
in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes Gefäß und verfertigte mittels
eines von Kabelgarn bereiteten Dochtes mir eine Art Kerzen.
[Illustration: Robinson und seine Ziege.]
Während dieser Zeit hatte ich eine freudige Überraschung eigentümlicher
Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich zehn oder zwölf
Ähren Gerste und außer diesen etliche Weizen- und Reishalme. Wie
mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland und in dieses Klima
gekommen sein? Unwillkürlich kam ich auf den Gedanken, daß die
Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen habe. Endlich erinnerte ich
mich, daß ich während der Regenzeit an dieser Stelle jenes Säckchen
ausgeschüttet hatte, in welchem sich noch einige kümmerliche Reste der
durch die Ratten benagten Gersten-, Weizen- und Reiskörner befanden.
Jenes Säckchen hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt.
Mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders regte sich bei mir erst
recht das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich doch alle
Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Körner als ein besonderes Zeichen
seiner Güte anzusehen.
Die Umhegung meiner Hütte war um Mitte April nun vollendet, und ich
glaubte mich jetzt für hinreichend geschützt halten zu können. Aber
schon am nächsten Tage hätte nicht viel gefehlt, und es wären fast alle
meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler Mühen, zerstört
worden.
Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschäftigt, als
plötzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der Decke der Höhle
fiel Schutt nieder, die Stützen der Mauern wankten und stürzten mit
fürchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, unter den Trümmern
begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter an und sprang über die
Palissaden hinüber. Kaum hatte ich den Erdboden erreicht, so sah ich,
wie eine ziemliche Strecke von mir entfernt ein mächtiger Felsblock
sich von einem der Berge ablöste und mit donnerähnlichem Getöse in die
wildbrandenden Wogen hinabrollte. Noch nie hatte ich ein so heftiges
Erdbeben erlebt; meiner Sinne nicht mächtig, war ich unter einem Baume
niedergesunken und unwillkürlich rief ich: »Herr Gott, erbarme dich
meiner!«
Zwar faßte ich wieder etwas Mut, aber die Luft wurde immer schwerer,
der Himmel umzog sich mit dichten Regenwolken, und es erhob sich ein
Wind, der bald zum schrecklichen Orkan anwuchs. Die See kochte, der
Schaum kräuselte sich in wildem Tanze auf ihrer Oberfläche, und die
Fluten stürzten brausend an die Ufer. Nach drei Stunden ließ das Toben
nach, und ein heftiger Regen strömte hernieder. Jetzt erst fiel mir
ein, daß Wind und Regen die Folgen des Erdbebens seien und daß sie
das Ende desselben anzeigen könnten. Durch diesen Gedanken ermutigt,
kehrte ich nach meinem Zelte zurück und flüchtete ganz durchnäßt in die
Höhle, obwohl ich noch immer befürchtete, es möchte die Decke über mir
zusammenbrechen.
Der Regen währte die ganze Nacht und den größten Teil des folgenden
Tages, was mich am Ausgehen verhinderte. Es drängte sich mir der
Gedanke auf, daß ich mich durchaus nach einer andern Wohnung umsehen
müßte; denn wie leicht konnte mich die Wiederholung eines Erdbebens
lebendig unter den Trümmern meiner Höhle begraben! Da ich aber sah,
wie alles um mich her sich in schönster Ordnung befand, wie ich
eigentlich sicher und bequem wohnte, und als ich an die unsägliche
Mühe dachte, welche mir die Einrichtung meines kleinen Festungswerkes
verursacht hatte, so konnte ich mich nur schwer dazu entschließen,
meinen jetzigen Aufenthalt zu ändern. Ich zog es daher vor, einstweilen
noch in meiner alten Wohnung zu bleiben, bis ich eine neue errichtet
hätte, und begnügte mich damit, vor der Hand den herabgefallenen Schutt
herauszuschaffen.
Vor der Ausführung meiner Pläne prüfte ich meine drei starken Äxte
sowie mehrere kleine Beile. Diese waren durch das Fällen und Behauen
des harten Palissadenholzes so schartig und unbrauchbar geworden, daß
ich sie in solchem Zustande nicht mehr benutzen konnte. Da blitzte
ein Gedanke in mir auf: ich besaß ja einen Schleifsein. Aber wie ihn
drehen? Nach langem Sinnen glückte es mir, eine Trittvorrichtung
zu vollenden, welche ich mit dem Fuße in Bewegung setzen konnte,
während mir beide Hände frei blieben. Und nun wurde ich der eifrigste
Schleifer, der nur jemals gefunden werden kann.
Als ich einige Tage darauf, am Morgen des ersten Maitages, bei
niederem Wasserstande nach dem Meere hinausschaute, gewahrte ich
einen Gegenstand, der wie ein Fäßchen aussah und sich als eine kleine
Tonne nebst einigen Trümmern unsres Schiffes erwies, dessen Lage sich
durch den letzten Sturm verändert hatte, denn sein Rumpf ragte höher
aus dem Wasser hervor. Das Vorderteil steckte nicht mehr im Sande,
sondern stand zwei Meter über der Wasserfläche empor. Das Kastell, von
dem übrigen Teile losgerissen, lag auf der Seite, und Berge von Sand
hatten sich um das Schiff herum aufgehäuft, so daß ich jetzt zur Zeit
der Ebbe trockenen Fußes zu dem Wrack gelangen konnte. Ich begriff
sehr bald, daß diese Veränderung durch das Erdbeben veranlaßt war. Die
Gewalt desselben hatte ohne Zweifel das Schiff noch mehr zertrümmert,
denn täglich spülte die Flut abgelöste Stücke ans Land. Ich wälzte die
gefundene Tonne weiter an das Ufer und fand nach Eröffnung derselben,
daß sie Pulver enthielt.
Am 3. Mai ging ich mit einer Säge an das Wrack und durchschnitt einen
Balken, der augenscheinlich einen Teil des Oberdecks trug. Hierauf
räumte ich, so gut es ging, den Sand fort, sah mich aber genötigt,
die Arbeit einzustellen, da die Flut zu steigen begann. Den nächsten
Tag versuchte ich zu angeln. Zwar hatte ich keinen Angelhaken, nahm
aber ein Stück gekrümmten Eisendraht an einer langen, aus aufgedrehten
Tauen gemachten Schnur; ich fing auch eine Menge Fische, unter andern
einen jungen Delphin. Später wiederholte ich diese Fischjagden öfters,
trocknete meistens die gefangene Beute und aß sie gedörrt.
Fast täglich arbeitete ich nun auf dem Wrack, brach Bretter los, schlug
eiserne Bolzen und andre Stücke von demselben Metall heraus und fand
auch neben mancherlei andern verwendbaren Dingen eine Rolle Blei,
von welcher ich kleine Stücke abschlug, um diese einzeln in meinen
Gewahrsam zu schaffen.
Während der ganzen Nacht des 16. Mai blies der Wind so heftig, daß
die Reste des gestrandeten Schiffes fast ganz zertrümmert wurden. Die
Flut trieb Kisten, Zimmermannsholz und Deckplanken an das Ufer, und
der Holzvorrat, welchen ich am Lande aufgestapelt hatte, war zu einem
solch ansehnlichen Haufen angewachsen, daß ich davon eine Barke hätte
erbauen können, wenn ich nur einen Begriff von Schiffbaukunst gehabt
hätte. Auch ein Faß mit Schweinefleisch kam ans Land geschwommen; ich
hätte dasselbe gern gegessen, mußte jedoch auf den Genuß verzichten,
weil es durch das eingedrungene Seewasser gänzlich ungenießbar geworden
war.
Als ich eines Morgens im Monat Juni früh am Ufer des Meeres entlang
ging, sah ich eine große *Schildkröte*, die erste, welche ich fand.
Ich tötete und zerlegte sie, und ihr Fleisch, das ich kochte, schien
mir das angenehmste und saftigste zu sein, das ich je gegessen. Hatte
ich mich doch seit meiner Ankunft auf der Insel auf das Fleisch wilder
Ziegen und Vögel beschränken müssen!
Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere Prüfung
über mich. Ich fühlte starkes Frösteln und brachte die Nächte zum Teil
schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. Das *Fieber*
mit abwechselndem Frost und Schweiß hatte mich gepackt, so daß ich
leider den ganzen Tag über, ohne Speise und Trank zu genießen, an mein
Lager gefesselt war. Mich quälte unsäglicher Durst, doch hatte ich
nicht Kraft genug, um mir Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete
ich wieder einmal meine Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so
eingenommen, daß ich nichts weiter ausrief als: »O Gott, sieh gnädig
auf meine Not, erbarme dich meiner!« Endlich schlief ich vor Ermattung
ein. Erst spät in der Nacht erwachte ich und fühlte mich um vieles
besser, nur wurde ich durch heftigen Durst gequält. Da ich indes keinen
Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mußte ich auf dieses Labsal
verzichten und schlief endlich wieder ein.
Während dieses zweiten Schlafes hatte ich einen fürchterlichen Traum.
Mir war es, als säße ich außerhalb der Umzäunung auf dem Boden an der
Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens entgegensah. Da stieg aus
einer großen grauschwarzen Wolke ein Riese herunter, den leuchtende,
mich brennende Flammen umgaben. Lange schlängelnde Blitze durchzuckten
die Luft, und als seine Füße den Erdboden berührten, erbebte die Erde
in ihren innersten Grundfesten. Er schwang einen langen Speer, den er
in der Hand trug, gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme:
»Da so viele Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb
jetzt, Elender, von meiner Lanze durchbohrt!«
[Illustration: Robinson, von Reue erfüllt.]
Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und noch lange
Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum überzeugen, daß alles
nur ein Traum gewesen sei.
Leider hatten die Worte dieser nächtlichen Erscheinung nur Wahrheit
ausgesprochen, denn ich war ein gefühlloser Mensch, der eigentlich
gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines Vaters waren
längst während der acht Jahre vergessen, in denen ich fast nur mit
gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte ich daran gedacht,
das Mißgeschick, das mich in so vielfachen Gestalten traf, als eine
gerechte Strafe des Himmels anzusehen. Solange ich in Afrika als
Gefangener lebte, hatte ich mich kaum ein einziges Mal an Gott um
Beistand gewendet, auch dann nicht, als ich mit Xury den gefahrvollen
Fluchtversuch ausführte. Als ich hierauf von dem portugiesischen
Kapitän aufgenommen ward, regte sich kein Gefühl der Dankbarkeit für
eine so wunderbare Rettung. Ja, als ich später nackt und hilflos auf
dieses Eiland geworfen wurde, fühlte ich nicht einmal Reue über die
Verhärtung meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darüber, daß ich
zu nichts als zum Unglück auf der Erde bestimmt sei.
Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten und
wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefühle in mir, die einem Danke
für Gottes Güte gleichen mochten; allein sie endeten nur als Äußerungen
der Freude, Gefühle des wechselnden Augenblicks. Ich dachte nur daran,
mich gegen den Hunger zu schützen, und trug lediglich Sorge für meinen
Unterhalt und um meine Verteidigung.
Nur vorübergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden Getreides
mein Gemüt dankbar gestimmt; ebenso vorübergehend nur war ich durch die
Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht gemahnt worden. Erst die
Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit meiner Lage preßten
mir Thränen aus und riefen die Stimme meines Gewissens wach. »Jetzt«,
sagte ich mir, »jetzt ist die Prophezeiung deines Vaters in Erfüllung
gegangen; niemand ist um mich, der mir Trost und Beistand gewähren
könnte. O meine guten Eltern, hätte ich doch eure Ermahnungen beachtet
und der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft
und alle Barmherzigkeit, verlaß mich nicht, denn mein Elend ist groß!«
So betete ich nach langer Zeit inbrünstig zum erstenmal. Nachher ließ
der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen Nacht noch
lange einen großen Schreck in mir zurückließ.
Ein Viertelstündchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine Flasche
mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; auch röstete ich
auf Kohlen ein Stück Ziegenfleisch, doch wollte es mir noch nicht recht
munden.
Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte aber wegen
Ermattung nur eine kleine Strecke zurücklegen. Auf einem Felsenstück
ließ ich mich nieder, von welchem das Auge weit über den jetzt ruhigen
Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da tauchten Gedanken in mir auf:
»Wer ist es, der alle diese Dinge, Meer, Himmel und Erde, geschaffen
hat? Und wer erhält und lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der
alles weiß und sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne
den nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in
seine Fügung, der Herr wird es wohl machen!«
Diese Betrachtungen flößten mir Trost ein, und ich kehrte nachdenkend
in meine Wohnstätte zurück. Noch vor derselben fiel mein Blick auf
die von der Sonne goldig gebräunten Ähren, welche jetzt harte Körner
trugen. Ich pflückte die Stengel, nahm sorgfältig die Frucht aus den
Rispen und bewahrte sie für die kommende Säezeit auf.
Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, und es
überkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschüttelt zu werden.
Da fiel mir ein, daß die Brasilianer fast alle ihre Krankheiten mit
*Tabak* kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, wo ich einen
ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott selbst mußte mir
diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben dem Tabak fand ich auch
jene drei Bibeln, die mir von England nach Brasilien geschickt waren.
Welch ein kostbarer Fund!
Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wußte es nicht und
versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein
Stückchen von dem Blatte; dann ließ ich ein andres zwei Stunden
lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode
verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase darüber, um
den beißenden Dampf in vollen Zügen einzuatmen. Die Pausen, welche
zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte ich durch Lesen in der
Bibel auszufüllen; allein die Betäubung durch meine etwas sonderbare
Medizin ließ mich nur eine Stelle erkennen, auf welche meine Augen
zuerst gefallen waren: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich
erretten, und du sollst mich preisen!« Diese Worte, so ganz auf meine
gegenwärtige Lage passend, machten einen überwältigenden Eindruck auf
mich. O wie sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurück, aber lange,
lange Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte.
Der Genuß des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich in einen
Zustand ungewöhnlicher Betäubung; ich verfiel bald in einen so tiefen
Schlaf, daß ich erst am andern Tage nachmittags erwachte. Ja, ich mußte
sogar glauben, daß ich noch einen ganzen Tag verschlafen habe, denn es
fehlte mir in der Folge ein voller Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen
fühlte ich mich merklich wohler, und es stellte sich auch wieder ein
tüchtiger Hunger ein. Ich bereitete mir daher eine kräftige Suppe von
saftreichem Schildkrötenfleisch und genas von dieser Zeit an täglich
mehr, obgleich ich am 2. Juli noch einmal zu meiner Arznei, einer Dosis
Tabak, greifen mußte.