Landessprache erlernt und ebenso die Bekanntschaft mehrerer Kaufleute
in San Salvador gemacht, mit denen ich mich manchmal über meine
Jugendschicksale und besonders über die Reisen an der Guineaküste
unterhielt. Dabei ließ ich nicht unerwähnt, mit welcher Leichtigkeit
man dort durch Austausch von Kleinigkeiten, wie Glasperlen, Spiegeln,
Messern, Spielzeug und dergleichen, gegen Goldstaub ein gutes Geschäft
machen könne. Besonders aufmerksame Zuhörer hatte ich an jenen
Kaufleuten, wenn ich von dem Negerhandel sprach, der damals noch
ausschließlich von Spanien und Portugal aus getrieben wurde.
Eines Tages kamen drei jener Kaufleute zu mir, um mir einen Vorschlag
zu machen; sie teilten mir mit, sie hätten alle drei gleich mir
Pflanzungen, denen es zum besseren Betriebe nur an geeigneten
Arbeitskräften fehle. Deshalb wollten sie ein Schiff nach Guinea
ausrüsten, nicht etwa um Sklavenhandel zu treiben, sondern um Schwarze
aus Afrika zu holen und sie gleichmäßig unter sich zu verteilen. Es sei
nur noch die Frage, ob ich als Aufseher des Schiffes mitgehen und den
Handel an der Guineaküste leiten wolle. Für die Einwilligung würden sie
mich durch einen gleichen Anteil an den Negern entschädigen sowie durch
den Vorteil, keine Kosten zu dem Unternehmen beisteuern zu müssen.
Obgleich dieser Vorschlag unrecht war, wie aller Negerhandel, war ich
doch so thöricht, darauf einzugehen. Ich stellte nur die Bedingung, daß
meine Pflanzung bis zu meiner Rückkehr gut überwacht würde und, falls
mir ein Unglück widerführe, demjenigen übergeben werden sollte, den ich
als Nachfolger bezeichnete. Zu meinem Universalerben setzte ich den
portugiesischen Kapitän ein, unter der Bedingung, daß er die Hälfte
meines Vermögens nach England gelangen lassen solle.
Die Ausrüstung des Schiffes ging rasch vor sich; am 1. September 1659,
demselben Tage, an welchem ich vor acht Jahren das elterliche Haus
verlassen hatte, um mich in Hull einzuschiffen, stachen wir in See.
Unser Schiff hatte gegen 120 Tonnen, führte sechs Kanonen und 14 Mann,
den Kapitän samt seinem Schiffsjungen und mich eingerechnet. Die Ladung
des Schiffes bestand nur aus solchem Tand, der sich am besten zum
Handel mit Negern eignet.
Wir steuerten anfangs längs der Küste von Brasilien nordwärts, weil
wir beabsichtigten, den 12. Grad nördlicher Breite zu erreichen und
dann, wie damals üblich, nach Afrika hinüberzusegeln. Solange wir an
der Küste hinfuhren, wurden wir von dem prächtigsten Wetter begünstigt;
bei dem Kap St. Augustin verloren wir das Land aus dem Gesicht und
steuerten, als wollten wir die Insel Fernando de Naronha erreichen,
Nordost bei Nord. Die eben genannte Insel ließen wir aber östlich
liegen und passierten nach einer Fahrt von zwölf Tagen die Linie.
Bisher hatten wir uns des schönsten Wetters zu erfreuen gehabt, jetzt
aber brach ein heftiger Wirbelwind los.
Zwölf Tage hindurch blieben wir ein Spiel der Winde. Dann ließ der
Sturm endlich etwas nach; der Steuermann fand, daß wir uns in der
Richtung nach der Küste von Guinea oberhalb des Amazonenstromes und
nicht weit vom Orinoko befanden. Wir überlegten, was unter diesen
Umständen zu thun sei, zumal das Schiff ein Leck bekommen hatte;
endlich entschlossen wir uns, nach Barbados zu segeln, indem wir
uns weit genug auf offener See hielten, um die Einfahrt in den
Mexikanischen Meerbusen zu vermeiden. In vierzehn Tagen konnten wir bei
den Karibischen Inseln sein und steuerten deshalb nordwestlich.
Es sollte jedoch anders kommen, als wir dachten. Unter dem 14.
Breitengrade erhob sich von neuem ein gewaltiger Sturm und trieb uns
weit fort, als plötzlich inmitten aller Schrecknisse der Ruf: »Land!
Land!« ertönte. Schon wollten wir sehen, welchem Teile der Welt wir
entgegengingen, als ein erneuter heftiger Windstoß unser Fahrzeug auf
eine Sandbank trieb.
Die Wogen stürzten schäumend über das Deck, und jeder flüchtete in
sein Quartier, um sich vor der Wut des Elementes zu schützen. Der Wind
tobte fortwährend heftig, und das Fahrzeug konnte in wenigen Minuten
zertrümmert sein, wenn es nicht plötzlich umschlug. Am Hinterteil
des Schiffes hing unser Boot, sein Steuerruder war zertrümmert und
die zerschmetterten Teile tanzten auf den empörten Wellen. Zwar lag
noch die Schaluppe an Bord, doch schien es uns unmöglich, dieselbe
ins Wasser zu setzen. Die Todesangst zwang uns endlich doch, einen
verzweifelten Versuch zu machen, und den vereinten Anstrengungen gelang
es, die Schaluppe über Bord zu bringen. Wir sprangen alle hinein und
ließen uns -- im ganzen elf Personen -- von Wind und Wogen treiben,
wohin es Gott gefiel.
Wir sahen wohl ein, daß unser Boot bei der hochgehenden See nicht lange
aushalten würde. Mit allen Kräften ruderten wir dem Lande zu, aber
so schweren Herzens, als ginge es zum Hochgericht; denn wir konnten
voraussetzen, daß das Boot, wenn es sich der Küste näherte, von der
Macht der Wogen zertrümmert werden würde. So schien es, als ob wir
selbst unsern Untergang beschleunigten.
Von welcher Beschaffenheit die Küste vor uns war, ob felsig oder
sandig, hoch oder flach -- wir wußten es nicht. Der einzige
Hoffnungsschimmer, der uns noch winkte, blieb die Möglichkeit, in die
Mündung eines Flusses oder eines Meerbusens einzulaufen, wo wir das
Wasser ruhiger finden konnten. Allein nichts von alledem, ja, das
Land erschien uns, je näher wir kamen, grauenhafter als die See, denn
es starrten uns fürchterliche Felsenriffe entgegen. So mochten wir
etwa anderthalb Meilen fortgetrieben sein, als eine berghohe Welle
hinter unsrer Schaluppe einherrollte, uns mit sicherem Untergang
bedrohend; sie stürzte mit solcher Heftigkeit auf unser Boot, daß es
augenblicklich umschlug. Wir wurden getrennt und versanken in den
Abgrund, Gott um Beistand anflehend.
Obgleich ich gut schwimmen konnte, so vermochte ich mich doch nicht
zur Oberfläche emporzuarbeiten, um Atem zu holen, bis endlich die
Woge, die mich gegen das Ufer hingerissen hatte, sich zurückzog und
mich auf dem Trockenen zurückließ, freilich zum Tode ermattet und
außer Atem durch das Wasser, welches ich verschluckt hatte. Ich
fühlte noch so viel Geistesgegenwart und Kraft des Körpers, daß ich
mich aufraffte und, da ich die Küste nahe vor mir sah, einen Versuch
machte, sie zu erreichen, ehe eine andre Welle mich wieder zurückriß.
Meine Widerstandskraft erwies sich jedoch dem Elemente gegenüber als
zu schwach. Ich sah die See riesengroß, wie einen erbitterten Feind,
von neuem gegen mich heranrauschen und ich hatte keine Kraft mehr, ihr
zu widerstehen. Das Wasser drang an, ich suchte den Kopf oberhalb zu
behalten und schwimmend landeinwärts zu kommen. Doch die Wassermenge
begrub mich viele Meter tief, und ich fühlte, wie ich von ihr nach dem
Ufer gerissen wurde.
Schon war ich dem Ersticken nahe, als ich mit Kopf und Händen aus
dem Wasser emporschoß. Ich faßte neuen Mut, obgleich ich mich nur
zwei Sekunden über Wasser hielt, um Atem zu schöpfen. Darauf stürzten
wieder die Wellen über mich weg, und dann bemerkte ich, wie sie wieder
zurückgingen.
Die letzte Welle hätte mir gefährlich werden können, denn ich wurde
mit solcher Gewalt gegen ein Felsenriff geschleudert, daß ich fast das
Bewußtsein verlor. Jetzt klammerte ich mich fest an das Felsenstück (S.
31) und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser zurückgegangen war.
Nun kletterte ich die Klippen empor und warf mich auf das Gras, sicher
vor dem Anfluten des Wassers und seinen Gefahren. Ich blickte zum
Himmel und dankte inbrünstig dem Herrn, der mich so wunderbar vom Tode
errettet hatte.
Das gescheiterte Schiff lag, von berghohen Wogen umbraust, in weiter
Ferne, und meine Lage kam mir trostlos vor. Ich war ganz durchnäßt,
und doch konnte ich die Kleider nicht wechseln, Hunger und Durst
quälten mich, und es fehlten mir Waffen, um durch Erlegung eines Tieres
mein Leben zu fristen. So bot sich mir nur die Aussicht, entweder
Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Ich
hatte nichts weiter bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und etwas
Tabak in einem Beutel; das war mein ganzer Vorrat und -- der war naß.
Verzweifelt ging ich einige hundert Schritte vorwärts und fand frisches
Wasser, das mich wunderbar erquickte; Nahrungsmittel sah ich indes
nirgends und begnügte mich daher, nach Seemannsbrauch, Tabak zu kauen.
Die Nacht brach allmählich herein. Schwere, finstere Wolken jagten am
Himmel dahin und ließen die Nacht nur um so unheimlicher erscheinen.
Der Wind schüttelte die Äste der Bäume, und die Wellen brachen sich
tosend an den Klippen. Mich überkam die Furcht vor reißenden Tieren,
denen ich waffenlos preisgegeben war.
Da kam mir der Gedanke, mir einen handfesten Stock zur Waffe
abzuschneiden und mit diesem mich auf einen Baum emporzuschwingen und
darauf die Nacht zuzubringen. Bald versank ich in einen tiefen Schlaf,
aus welchem ich erst nach vielen Stunden wiedererwachte.
[Illustration: »Gerettet!«]
Viertes Kapitel.
Rettung nach dem Schiffbruch.
Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Floßes. -- Er
landet glücklich mit seiner Fracht. -- Tägliche Fahrten nach dem
Wrack. -- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. --
Robinsons Kalender. -- Tagebuch.
Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Das Wetter war
heiter, der Sturm hatte sich gelegt; das Meer war ruhig. Am meisten
überraschte mich der Umstand, daß das Schiff durch die Flut gehoben und
fast bis zu dem Punkte getrieben wurde, an welchem mich tags vorher
die Wogen gegen die Felsen warfen. Das Schiff war jetzt nur eine
halbe Stunde vom Strande entfernt und schien sich noch aufrecht zu
halten. Ich nahm mir deshalb vor, an Bord zu gehen, um mich mit noch zu
beschaffenden Bedürfnissen zu versehen.
Nachdem ich aus meinem Schlafquartier in der luftigen Höhe
herabgestiegen, bemerkte ich zuerst das Boot, welches etwa eine Stunde
entfernt rechter Hand auf dem Strande lag. Ich suchte dasselbe zu
erreichen, doch hinderte mich daran ein kleiner Meeresarm; ebensowenig
vermochte ich zu dem Schiffe zu gelangen.
Am Nachmittag war die Flut bereits so weit zurückgewichen, daß ich
mich bis auf wenige hundert Schritte dem Wrack nähern konnte. Ich
legte meine Oberkleider ab und schwamm dem Schiffe zu. Als ich indes
nahe kam, fand ich eine neue Schwierigkeit; das Schiff hatte sich auf
die Seite gelegt und ragte hoch über das Wasser empor; daher konnte
ich nicht an Bord kommen. Zweimal schwamm ich um das Fahrzeug herum,
ohne etwas zu finden, woran ich mich hätte in die Höhe arbeiten
können. Endlich gewahrte ich ein Tauende, welches am Vorderteil so
weit herabhing, daß ich daran emporklettern konnte. Oben angekommen,
sah ich, daß das leck gewordene Schiff viel Wasser eingelassen hatte.
Es lag auf einer Schlammbank; das Hinterteil ragte empor, während das
Vorderteil fast ganz vom Wasser bedeckt war. Mein erster Gang galt
der Brotkammer, wo ich zu meiner Freude Mundvorräte in unverdorbenem
Zustande fand. Ich füllte meine Taschen mit Schiffszwieback und
entdeckte dann in der Kajütte Rum, von dem ich einen tüchtigen Schluck
zu mir nahm. Es fehlte mir jetzt nur an einem Boote, um die mir nötigen
Sachen ans Land zu schaffen. Da beschloß ich, mir selbst ein Floß zu
bauen. An Bord fand ich einige Raaen, zwei oder drei hölzerne Balken
und ein paar Bramstengen. Aus der Zimmermannskiste entnahm ich Sägen,
Beile, Hammer und Nägel. Ich warf nun die Holzbalken in das Meer,
nachdem ich sie vorher mit Tauen untereinander verbunden hatte, damit
sie nicht fortgerissen werden konnten. Dann stieg ich an der Seite des
Schiffes hinab und verband die Holzstücke zu einer Art Floß; hierauf
nagelte ich einige Bretter darüber und konnte mich nun schon
darauf wagen. Allein für eine größere Ladung wäre es immerhin noch zu
leicht gewesen; ich schnitt deshalb mit der Zimmermannssäge eine der
Bramstengen in drei Stücke und verstärkte mit diesen mein Floß. Dann
dachte ich daran, wie ich es am vorteilhaftesten befrachten und die
Ladung gegen das Wasser sichern könnte. -- Zuvörderst brachte ich auf
das Floß alle Bretter, deren ich habhaft werden konnte; hierauf füllte
ich zwei Matrosenkisten mit Brot, Reis, holländischen Käsen, fünf Stück
geräucherten Ziegenfleisches und einem kleinen Rest Roggen und Gerste.
[Illustration: Robinsons Rückkehr vom Wrack.]
Während ich alle Gegenstände zusammenpackte, begann die Flut zu
steigen; ich bemerkte, daß meine Weste und mein Hemd, die ich am Ufer
zurückgelassen hatte, davonschwammen. Ich nahm deshalb Bedacht, nach
Kleidungsstücken zu suchen, deren ich genug fand; auch dachte ich an
Munition und Waffen. In der großen Kajütte waren zwei gute Jagdflinten
sowie zwei Pistolen; daneben entdeckte ich einen kleinen Beutel mit
Schrot, zwei alte verrostete Degen und etliche Pulverhörner. Ich
erinnerte mich, daß drei Pulverfässer auf dem Schiffe waren, aber ich
wußte nicht, wo unser Geschützmeister sie hingestellt hatte. Nach
vielem Suchen fand ich sie; zwei zeigten sich trocken und gut erhalten,
während das dritte durch das Wasser verdorben war; die beiden ersteren
samt den Waffen trug ich auf mein Floß. Dann fielen mir noch etliche
Ruder in die Hände, die zur Schaluppe gehört hatten, sowie zwei Sägen,
eine Axt, ein Hammer und andre brauchbare Werkzeuge. Nunmehr setzte
ich mein Floß in Bewegung; etwa eine halbe Stunde weit strich es
glatt dahin, nur trieb es ein wenig seitwärts, woraus ich schließen
mußte, daß eine Bucht oder die Mündung eines Flusses diese Strömung
herbeiführte. In der That zeigte sich bald vor mir eine kleine Öffnung,
in welche die Flut mächtig eindrang.
So gut ich konnte, lenkte ich nun mein Floß, um es in die Mitte des
Fahrwassers zu bringen. Ich bot alles mögliche auf, indem ich meinen
Rücken gegen die Kisten stemmte und zu gleicher Zeit mich bemühte, das
Floß richtig zu leiten. Fast eine halbe Stunde mußte ich in dieser
anstrengenden Stellung aushalten, bis endlich die steigende Flut mein
Floß hob, worauf ich glücklich in die Bucht einlief. Da aber die Ufer
steil emporstiegen, so bemühte ich mich, mein Floß durch das Ruder wie
durch einen Anker festzuhalten, bis die Flut ihre größte Höhe erreicht
haben würde. Später trieb ich auf eine flache Uferstelle und heftete
zwei meiner zerbrochenen Ruder an zwei Enden in den Grund. Auf diese
Art lag ich so lange still, bis die Ebbe wiedereintrat, worauf mein
Floß samt seiner Ladung auf dem Trockenen sitzen blieb.
Ich darf hier nicht vergessen, daß wir an Bord einen Hund und zwei
Katzen hatten. Letztere hatte ich auf das Floß mitgenommen, der Hund
aber war selbst ins Meer gesprungen und folgte mir schwimmend bis ans
Ufer. Dieses anhängliche Tier blieb jahrelang mein treuer Gefährte und
leistete mir wesentliche Dienste. Es fehlte ihm nur die Sprache, um mir
die Gesellschaft eines Menschen zu ersetzen.
Kaum eine halbe Stunde fern dem Punkte, wo ich mit meinem Floß gelandet
war, erhob sich ein steiler Berg, welcher aus einer Kette andrer Berge,
die sich nach Norden hinzog, am höchsten emporragte. Ich nahm eine
Jagdflinte, eine Pistole und ein gefülltes Pulverhorn, und so bewaffnet
erklomm ich die Spitze des Berges. Von hier aus sah ich erst, daß ich
mich auf einer Insel befand. Nirgends war größeres Land zu sehen, nur
in der Ferne hohe, kaum erkennbare Felsenriffe, und nach Westen zu,
etwa zwei Stunden weit, zwei kleinere Inseln. Allem Anscheine nach war
die Insel, auf der ich mich befand, unbewohnt; auch von wilden Tieren
konnte ich nichts wahrnehmen. Dagegen sah ich eine große Menge Vögel,
deren Gattung ich nicht kannte und die sich vielleicht zur Speise nicht
einmal eigneten. Bei meiner Rückkehr schoß ich einen großen Vogel, der
auf einem Baume saß. Es war wohl der erste Schuß, welcher hier seit
Erschaffung der Welt gefallen. Denn kaum ertönte der Knall, als sich
aus allen Teilen des Gehölzes unzählige Vögel aller Art erhoben und mit
wirrem Geschrei durcheinander emporschwirrten. Der erlegte Vogel glich
an Farbe und Gestalt einem Habicht, nur die Form seiner Klauen war
etwas abweichend. Leider erwies sich sein Fleisch als ungenießbar.
[Illustration: Robinson auf der Vogeljagd.]
Ich mußte schon mit den Ergebnissen dieser ersten Entdeckungsreise
zufrieden sein und kehrte deshalb nach meinem Floß zurück. Jetzt
schiffte ich meine Ladung aus, womit ich den Rest des Tages verbrachte.
Was in der Nacht aus mir werden sollte, wußte ich noch nicht,
denn auf bloßer Erde zu schlafen schien mir bedenklich. Deshalb
verbarrikadierte ich mich mit Kisten und Brettern, die ich ans Land
gebracht hatte, und baute mir für die Nacht eine Art Hütte.
Am nächsten Morgen überlegte ich, daß ich aus dem gestrandeten Schiffe
wohl noch eine Menge brauchbarer Dinge mir beschaffen könnte, und
ich beschloß, wenn möglich, eine zweite Reise nach dem Fahrzeuge
zu unternehmen, ehe ein nächster Seesturm das Wrack vollständig
zertrümmern würde.
Zu solchem Zwecke beschloß ich, in gleicher Weise wie das erste Mal zu
verfahren. Ich ließ meine Kleider in der Hütte zurück und behielt außer
dem Hemd nur leinene Beinkleider sowie die Schuhe an. In diesem Anzuge
schwamm ich an das Wrack und baute dort schneller als das erste Mal ein
geeigneteres Floß zur Aufnahme einer neuen Ladung. Unter den Vorräten
des Zimmermanns fand ich ein paar Beutel mit Nägeln und Schrauben,
einen großen Bohrer, eine Anzahl Beile und Äxte und einen Schleifstein.
Von den Gerätschaften des Kanoniers nahm ich zwei oder drei Hebeeisen,
zwei Fäßchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen und eine Bergflinte,
einen kleinen Vorrat Pulver, einen tüchtigen Beutel mit Schrot und eine
große Rolle dünngeschlagenes Blei.
Außerdem eignete ich mir alle Kleidungsstücke an, die ich nur finden
konnte, ferner ein Vormarssegel sowie eine Hängematte mit Bettzeug.
Reich beladen brachte ich dann das Floß zu meiner Freude glücklich ans
Land.
Nun gab es alle Hände voll zu thun, um mittels der Segel und etlicher
Pfähle ein Zelt zu errichten, und alles, was etwa durch die Witterung
Schaden leiden könnte, unter Dach und Fach zu bringen. Ich stellte
leere Fässer, Kisten und Tonnen um das Zelt und umgab mich mit einem
Wall, so daß ich mich vor einem ersten Angriff oder Überfall von
Menschen oder Tieren gesichert glauben durfte. Auch verschloß ich den
Eingang mit Brettern, breitete eine der Matratzen auf den Boden, legte
zwei Pistolen an das Kopfende, eine geladene Flinte längs der Seite des
Lagers und schlief zum erstenmal wieder in behaglicher Weise ungestört
bis zum Morgen.
Am dritten Tage begab ich mich wiederum an Bord des Wracks. Diesmal
nahm ich alle Taue, Stricke und Schnüre mit, die noch aufzufinden
waren, ebenso ein großes Stück Zeug zum Ausbessern der beschädigten
Segel sowie das Faß mit dem naß gewordenen Pulver. Natürlich ließ ich
auch die Segel nicht zurück, die mir später trefflich zu statten kamen.
Die größte Freude verursachte es mir jedoch, als ich eine große Tonne
mit Brot, drei Fässer voll Rum, eine Kiste Zucker und eine Tonne mit
feinem Mehl entdeckte. Auch diesmal brachte ich meine Ladung unversehrt
ans Land.
So unternahm ich regelmäßig meine täglichen Ausfahrten und hatte in
zwölf Fahrten alles von dem gestrandeten Schiffe geborgen, was ich auf
meinem kleinen Floß fortbringen konnte. Als ich mich zum letztenmal auf
dem Schiffe befand, entdeckte ich noch in der Schublade eines kleinen
Tisches einige Rasiermesser, über ein Dutzend Tischmesser, Gabeln und
Löffel, sowie europäische und brasilische Gold- und Silbermünzen im
Werte von 40 Pfund Sterling (800 Mark). Ich konnte mich bei dem Funde
eines spöttischen Lächelns nicht erwehren. »Was soll mir doch«, dachte
ich zunächst, »dieses glänzende Metall nützen? Ein einziges Messer
ist mir nützlicher als all das Gold und Silber! Lohnt es sich wohl
der Mühe, es nur vom Boden aufzuheben? Ich brauche es nicht; mag es
bleiben!« Aber schon nach wenigen Augenblicken besann ich mich eines
andern, wickelte das Geld in ein Stück Leinwand und machte mich dann an
die Errichtung des Floßes.
Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, erhob sich ein starker
Wind vom Lande her, und den Himmel überzogen schwere, dunkle Wolken.
Ich sah wohl ein, daß keine Zeit zu verlieren war, daher sprang ich
ins Wasser und erreichte schwimmend glücklich das Ufer. Immer heftiger
blies der Wind und immer hohler gingen die Wogen der See; ich aber
saß wohlgeborgen in meinem kleinen Zelte -- jetzt noch ein Krösus
unter meinen Reichtümern. Die ganze Nacht hindurch hatte der Sturm mit
solcher Heftigkeit getobt, daß am Morgen von dem gestrandeten Schiffe
nichts mehr zu erblicken war. Nur bei tiefstem Wasserstande konnte man
dürftige Trümmer des Wracks aus den Fluten emporragen sehen. Zunächst
war ich nicht wenig bestürzt; dann aber schlug ich mir das ganze
Schiff aus dem Sinne, indem ich mich damit tröstete, die wertvollste
Habe, selbst die Tiere, die ich noch lebend gefunden, in mein neues
Standquartier gerettet zu haben.
Darüber konnte ich freilich nicht im Zweifel sein, daß meine Wohnung
nur den ersten Anforderungen genüge, denn sie befand sich in der Nähe
der Küste auf feuchtem Boden. Aber was sollte ich nun zum Aufenthalt
wählen? Ein Zelt oder eine Höhle? -- Vielleicht beides! Ich begab mich
wiederum auf Entdeckungsreisen und gelangte an einen Hügel, dessen
eine Seite eine hohe senkrechte Felsenwand bildete. Diese erschien
mir geeignet, Schutz vor feindlichen Menschen und Tieren sowie vor
glühenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Außerdem bot sich mir von
dieser Stelle auch die Aussicht auf das weite Meer, so daß ich jedes
vorbeisegelnde Schiff erblicken konnte. Am Fuße der Felswand bemerkte
ich eine Vertiefung, die jedoch keine eigentliche Höhle genannt werden
konnte. Ihr unmittelbar gegenüber wählte ich meine Wohnstätte auf dem
oberen Teile der Fläche. Diese Ebene war ansehnlich breit und dehnte
sich noch einmal so lang wie ein grüner Rasenteppich vor meinem Zelte
aus. Da sie auf der Nordwestseite des Hügels lag und den kühlenden
Winden freien Zutritt gestattete, so sah ich mich auch vor der
glühenden Hitze des tropischen Himmels geschützt.
Ehe ich mein Zelt aufschlug, beschrieb ich vor der Höhlung einen
Halbkreis, der etwa 9 Meter vom Felsen aus enthielt. In diesen
Halbkreis rammte ich, je 16 Zentimeter voneinander, zwei Reihen Pfähle
so fest in die Erde ein, daß sie wie Säulen standen; sie ragten
anderthalb Meter über den Boden empor und waren oben zugespitzt.
Hierauf legte ich die Tauenden, die ich auf dem Schiffe abgeschnitten
hatte, zwischen diese beiden Palissadenreihen auf der Spitze
übereinander und stemmte von der Seite andre Pfähle dagegen, so daß
weder Menschen noch Tiere diesen Zaun zu durchbrechen vermochten.
Der Eingang bestand nicht in einer Thür, sondern ich mußte mit Hilfe
einer Leiter darüber klettern. In diese Zaunfestung nun brachte ich
mit unendlicher Anstrengung alle meine Reichtümer und errichtete dann
ein geräumiges Zelt, das ich doppelt fertigte, indem ich über die
untere Zeltdecke noch eine obere spannte. Diese letztere bedeckte ich
wiederum mit beteerter Leinwand, welche ich unter dem Segelwerk des
Wracks gefunden hatte. Statt auf niederer Erde zu schlafen, wie in
meinem ersten Quartier, streckte ich mich jetzt behaglich in derselben
Hängematte, in welcher sich früher der Kapitän gewiegt hatte.
Meine nächste Arbeit galt nun der Aufgabe, den Felsen weiter
auszuhöhlen, um dort alle jene Lebensmittel und sonstigen Gegenstände
unterzubringen, die ich gegen Nässe schützen mußte. Diese
Beschäftigung nahm mich mehrere Tage in Anspruch; doch ehe noch alles
zustande gekommen war, trat ein Ereignis ein, das mich zu großer
Vorsicht mahnte.