Mein Kamerad, des Schiffsherrn Sohn, der mir vorher Anleitun

Anmerkungen zur Transkription:

Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,

Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart

dargestellt war, Umschließungen mit = fettgedruckten Text.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden

Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter

belassen.

Im Original endet jedes Kapitel mit einer ornamentalen Illustration.

Verweise auf diese sind für die reine Textfassung entfernt worden.

[Illustration: Robinson und seine Familie.]

Robinson Crusoe's

Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Fürs Deutsche bearbeitet nach dem Original

des

Daniel de Foe

Zwanzigste Auflage

Mit 41 Text-Abbildungen

nebst *vier* Farbendruckbildern nach Zeichnungen von *F. H. Nicholson*

[Illustration]

Leipzig

*Verlag von Otto Spamer*

1904

*Inhalt*

Seite

Erstes Kapitel.

=Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt= 1

Robinsons Herkunft. -- Hang zum Seeleben. -- Unterredung mit seinem

Vater. -- Besuch in Hull. -- Er geht zur See. -- Sturm. -- Des Schiffes

Untergang auf der Reede zu Yarmouth. -- Robinsons Unschlüssigkeit. --

Reise nach London.

Zweites Kapitel.

=Robinsons Gefangenschaft und Flucht= 16

Robinsons Gefangenschaft in Saleh. -- Flucht mit Xury. -- Ankunft in

Brasilien.

Drittes Kapitel.

=Robinson als brasilischer Pflanzer= 24

Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. -- Eine neue Reise. --

Schiffbruch.

Viertes Kapitel.

=Rettung nach dem Schiffbruch= 31

Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Flosses. --

Glückliche Landung mit der Fracht. -- Tägliche Fahrten nach dem Wrack.

-- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. -- Robinsons

Kalender. -- Tagebuch.

Fünftes Kapitel.

=Robinsons Tagebuch= 45

Neujahr. -- Sicherung der Hütte. -- Wilde Tauben. -- Beleuchtung.

-- Getreideähren. -- Erdbeben. -- Ein Schleifstein. -- Ein Fäßchen

Pulver. -- Zertrümmerung des Wracks. -- Fischjagd. -- Schildkröten. --

Krankheit. -- Nächtlicher Traum. -- Fieber. -- Reuige Betrachtungen. --

Wiederherstellung durch Tabak. -- Bibelfund. -- Pflanzen und Früchte

im Innern der Insel. -- Bau eines Landhauses. -- Die Katze und ihre

Jungen. -- Jahrestag der Landung. -- Ernteerfolge.

Sechstes Kapitel.

=Robinson als Handwerker und Ackersmann= 57

Robinson säet Getreide. -- Korbflechterei. -- Töpferarbeiten. --

Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. -- Tierreicher Küstenstrich.

-- Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. --

Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. -- Tageseinteilung. --

Verheerung des Getreidefeldes. -- Exekution an den Kornplünderern. --

Kleine Ernte.

Siebentes Kapitel.

=Robinson als Bäcker und Schiffbauer= 67

Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. -- Ernte. -- Brotbacken.

-- Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. -- Robinson baut

ein Boot: vereitelte Hoffnungen. -- Rückblicke auf das dreijährige

Inselleben. -- Trauriger Zustand der Kleidung. -- Robinson wird

Schneider.

Achtes Kapitel.

=Robinsons unglückliche Bootfahrt= 77

Gefährliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. -- Sehnsuchtsvolle

Betrachtungen. -- Die beiden Strömungen und glückliche Landung. -- Des

Papageis Ruf. -- Robinsons »Familie«. -- Ziegenfang und Ziegenpark. --

Schneiderkünste. -- Neue Beobachtungen. -- Rückblicke.

Neuntes Kapitel.

=Robinson entdeckt Spuren von Menschen= 84

Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons

Bangen. -- Untersuchung der Fußspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken.

Zehntes Kapitel.

=Stillleben mit Unterbrechungen= 99

Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch von

Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reiseträume.

Elftes Kapitel.

=Zusammenstoß mit den Kannibalen= 112

Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flüchtling

und sein Beschützer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags

Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag

als Koch und Bäckerlehrling. -- Nachrichten über die Nachbarländer. --

Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen.

Zwölftes Kapitel.

=Eine Zeit großer Ereignisse= 131

Bau eines neuen größeren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer

Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und

Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der

Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftspläne.

Dreizehntes Kapitel.

=Durch Kampf zum Sieg= 151

Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weißer Männer. --

Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seeräubern. -- Die

Gefangenen. -- Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer. --

Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. --

Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur.

Vierzehntes Kapitel.

=Robinsons Abreise von seiner Insel= 169

Robinson als Gouverneur und Richter. -- Abschied von der Insel und

deren Bevölkerung. -- Ankunft in England. -- Alles fremd in der Heimat.

-- Reise nach Lissabon. -- Stand der brasilischen Besitzungen. -- Der

brave Portugiese. -- Günstige Vermögenslage. -- Landreise durch Spanien

und Frankreich. -- Wölfe in den Pyrenäen. -- Freitag und der Bär. --

Stillleben in London.

Fünfzehntes Kapitel.

=Aufenthalt in England und neue Reise= 185

Neue Reiselust. -- Abfahrt. -- Das Totenschiff. -- Im Antillenmeer. --

Der Büffeljäger. -- Ankunft in der Kolonie.

Sechzehntes Kapitel.

=Die Schicksale der Kolonie= 195

Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht über

die Wirren während der Anwesenheit des Gründers. -- Neue Ordnung. --

Weitere Reisepläne.

Siebzehntes Kapitel.

=Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt= 207

Abschied von der Kolonie. -- Kämpfe zur See. -- Freitags Tod. --

Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das

»Venedig des Eismeeres«. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. --

Der verlassene Matrose. -- Ein »Robinson« auf einer schwimmenden

Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammenstoß mit

den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rückkehr nach England.

-- Endliche Ruhe.

Buntbilder:

Robinson und seine Familie Titelbild

Robinson und seine Ziege Seite 46

Robinson und Freitag " 114

Unter den Wölfen " 180

Daniel de Foe.

=Robinson Crusoe.=

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt.

Robinsons Herkunft. -- Hang zum Seeleben. -- Unterredung mit

seinem Vater. -- Besuch in Hull. -- Er geht zur See. -- Sturm. --

Des Schiffes Untergang auf der Reede zu Yarmouth. -- Robinsons

Unschlüssigkeit. -- Reise nach London.

Im Jahre 1632 erblickte ich in der Stadt York das Licht der Welt. Mein

Vater, aus der Familie Creutznaer in Bremen stammend, hatte sich als

Kaufmann in Hull, in England, niedergelassen. Hier war ihm das Glück

hold, so daß es ihm gelang, sich ein ansehnliches Vermögen zu erwerben.

Darauf zog er sich von den Geschäften zurück und siedelte nach York

über, um seine ferneren Lebensjahre in Ruhe zu verbringen. Dort führte

er meine Mutter heim; sie zählte zu einer alten und angesehenen

Familie, Namens Robinson. So kam es, daß ich den Doppelnamen *Robinson

Creutznaer* empfing; letzterer Name wurde indes durch die Leute

gewöhnlich in *Crusoe* umgewandelt, wie man es in England oft findet.

Wir behielten auch in der Folge diesen Namen bei.

Ich hatte zwei ältere Brüder; der eine diente als Oberstleutnant in

einem englischen Infanterieregiment in Flandern und fand seinen Tod,

als die Engländer unter Cromwell Dünkirchen den Spaniern abgewannen.

Was aus meinem zweiten Bruder geworden ist, habe ich niemals erfahren,

ebensowenig als meine Eltern je darüber Aufschluß erhielten, wie es mir

selbst später ergangen ist.

Ich war also der dritte Sohn meiner Eltern und hätte eigentlich daran

denken sollen, ihnen einmal eine Stütze zu werden. Ohne ernstlich die

Wahl eines Lebensberufs zu erwägen, hing ich indessen abenteuerlichen

Gedanken und Plänen nach; ich dachte nur an die Herrlichkeiten fremder

Länder und träumte Tag und Nacht von Palmenwäldern, Goldbergen und den

fabelhaften Schönheiten fremder Zonen. Nichts ging mir über das Leben

eines Schiffers, der in seinem leichten Fahrzeuge sich auf dem blauen

Meere wiegen und alle jene von mir erträumten Wunder mit Augen schauen

kann.

Zwar ließ es mein Vater an guten Lehren und an Schulunterricht nicht

fehlen, zumal er wünschte, daß ich späterhin ein Rechtsgelehrter werden

sollte. Allein der Hang zum Seeleben, den weder seine ernstlichen

Warnungen noch die schmeichelnden Bitten der Mutter verdrängen konnten,

nahm meine Gedanken unwiderstehlich gefangen und ließ mir alles, was

die Heimat bot, gleichgültig erscheinen.

Eines Morgens rief mich mein Vater in sein Zimmer, das er infolge der

Gicht hüten mußte, und sprach zu mir in warmen und eindringlichen

Worten.

»Mein Sohn«, begann er ernst und nachdrucksvoll, »du bist auf dem Wege,

mir und deiner Mutter großen Kummer zu bereiten. Mein Sohn, ich meine

es gut mit dir; laß ab von deinen abenteuerlichen Plänen! Du willst

den heimischen Herd, das Vaterland verlassen; glaubst du, daß du es

anderwärts besser findest als hier, wo dir bei Fleiß und Kenntnissen

eine sorgenfreie Zukunft erblühen wird? Täusche dich nicht! Nur solche,

die arm und hoffnungslos sind, oder die ein ungebändigter Ehrgeiz

treibt, mögen durch außergewöhnliche und kühne Unternehmungen Glück

und Ruhm erjagen. Für dich sind alle diese Dinge entweder zu hoch

oder zu niedrig. Gewöhne dich, den Mittelstand, dem wir angehören,

als den glücklichsten Stand anzusehen. Ist er nicht der Wunsch aller?

Gar manche Könige, in Glanz und Prunk aufgewachsen, hätten gern den

goldenen Thron mit dem bescheidenen Handwerk vertauscht. Selbst der

weiseste Herrscher hat einst den Mittelstand als den glücklichsten

gepriesen, indem er Gott bat, ihm weder Reichtum noch Armut zu geben!

Wer hier die Mittelstraße geht, den stacheln weder Neid noch glühende

Wünsche des Ehrgeizes, noch wohnen in ihm Stolz und Mißgunst.«

[Illustration: Robinson Crusoe wird von seinem Vater ermahnt.]

So ermahnte mich mein Vater eindringlich, nicht mich selbst ins

Elend zu stürzen. Er gab mir seine väterliche Absicht kund, daß er

alles aufbieten würde, um mich auf der Laufbahn, die er für mich

bestimmt habe, so freigebig zu unterstützen, als es mir in jeder Weise

förderlich sein würde.

»Beherzige meine Worte!« fuhr er fort. »Dasselbe sagte ich auch deinen

Brüdern, aber sie gingen ihren eignen Weg. Was war ihr Los? Fern vom

Heimatshaus fiel dein ältester Bruder auf flandrischer Erde, und wo

das Gebein deines zweiten Bruders modert, das weiß Gott allein. Glaube

mir, deinem Vater, der nur auf das Glück deiner Zukunft bedacht ist;

folgst du meinen Ermahnungen nicht, unternimmst du den unüberlegten

Schritt, aufs Geratewohl in die weite Welt hinauszustürmen, so wirst du

sicherlich eines Tages, wenn das Unglück bei dir einkehrt und niemand

der Deinen um dich ist, bitter bereuen, daß du meine Mahnungen nicht

beachtet hast.«

Tief ergriffen hielt er nach diesen Worten inne, während Thränen der

Wehmut und Rührung seine Wangen netzten.

In jener Stunde nahm ich mir vor, gehorsam dem Willen meines Vaters

mich zu beugen. Doch schon nach wenigen Tagen erwachte die alte

Sehnsucht aufs neue, und alle guten Vorsätze waren vergessen. Bei

meinem Vater durfte ich nicht hoffen, mit meinen Bitten durchzudringen;

deshalb versuchte ich meine Mutter günstig zu stimmen. Ihr stellte

ich vor, daß mein Trieb, die Welt zu sehen, unüberwindlich sei, daß

ich bereits im achtzehnten Jahre stehe und nun zu alt sei, um die

juristische oder die kaufmännische Laufbahn zu betreten. Sie möge den

Vater zu der Erlaubnis bewegen, mich wenigstens eine Reise unternehmen

zu lassen; gefiele mir das Seemannsleben nicht, so wolle ich dann mit

doppeltem Eifer das Versäumte nachholen.

Von diesen wiederholten Herzensoffenbarungen war meine besorgte Mutter

durchaus nicht erbaut; sie sagte mir rundweg, daß es ganz zwecklos sei,

mit dem Vater noch einmal über diesen leidigen Gegenstand zu sprechen.

Trotzdem teilte sie gelegentlich die Unterredung dem Vater mit, und

dieser gab ihr seufzend zur Antwort: »Der Junge könnte zu Hause ein

ganz gutes Leben haben; geht er aber davon, so wird er der elendeste

Mensch auf Erden. Ich gebe meine Einwilligung nicht!«

So verging abermals ein Jahr, währenddessen die wiederholten

Ermahnungen meiner Eltern nur tauben Ohren gepredigt wurden. Eines

Tages war ich nach Hull gegangen und traf dort zufällig mit einem alten

Schulkameraden zusammen, der im Begriff stand, auf einem Schiffe seines

Vaters nach London abzufahren. Er überredete mich, ihn zu begleiten,

indem er mich nach Seemannsart mit den Worten lockte: »Die Fahrt soll

dich nichts kosten, mein Junge.«

Mein Entschluß war gefaßt. Unbekümmert um die Sorgen der Eltern,

bestieg ich das Schiff; es war am 1. September 1651.

Selten hat die Strafe für den Leichtsinn so schnell begonnen und so

lange gedauert wie bei mir. Kaum waren wir aus dem Hafen ausgelaufen,

als es zu stürmen begann und die See hohl ging. Ich hatte noch nie

eine Seereise mitgemacht, und so ergriff mich denn die unerbittliche

Seekrankheit. Jetzt überfiel mich auch schon die Reue über meine

unbesonnene Handlungsweise; meine Gedanken kehrten ins Elternhaus

zurück, wo gewiß Vater und Mutter unter Thränen vergeblich meiner

Wiederkehr harrten.

Der Sturm brauste immer heftiger, das Schiff sank bald in den Abgrund,

bald wurde es hoch emporgeschleudert -- mich überkam namenlose Angst.

In diesen qualenvollen Augenblicken gelobte ich, sofort wieder in

das elterliche Haus zurückzukehren, wenn es nur Gott gefallen würde,

mich aus der Gefahr zu erlösen. Als sich aber am nächsten Tage Sturm

und Wellen gelegt hatten, waren auch alle meine guten Vorsätze

dahin. Gegen Abend klärte sich das Wetter auf; die Sonne ging rein

und glänzend unter, um am nächsten Morgen in gleicher Herrlichkeit

wieder aufzugehen. Ihr heller Schein spiegelte sich auf der weiten

Meeresfläche wider; ich konnte mich an diesem ungewohnten, prachtvollen

Schauspiel nicht satt sehen.

Während der Nacht hatte ich gut geschlafen und mich auch von meiner

Seekrankheit wieder erholt. Mein Blick schweifte über den glatten

Spiegel des Meeres, dessen Wellen gestern noch so unheilvolles

Verderben drohten. Eben stand ich in tiefes Sinnen versunken, da trat

mein Freund, der mich zu dieser Seereise beredet hatte, an mich heran

und sagte lachend:

»Nun, Robin, wie ist dir die Bewegung von gestern bekommen? Du hast

dich doch wegen des kleinen Windstoßes nicht geängstiget?«

»Was? Windstoß? Ich habe in meinem Leben noch keinen solchen Sturm

ausgestanden.«

»Das nennst du einen Sturm? Nichts war es. Hat man nur ein gutes Schiff

und ist auf offener See, dann macht uns eine Mütze voll Wind mehr oder

weniger nicht bange. Aber davon verstehst du noch nichts; du bist nur

ein Süßwassermensch, mein Junge. Komm, wir wollen eine Bowle Punsch

machen und alles vergessen. Sieh, was für prächtiges Wetter wir haben!«

Der Punsch wurde gebraut und ich mußte tüchtig trinken, als sei ich

schon seit Jahren Matrose. Da ging im Rausche alle Reue über meinen

Ungehorsam unter; ich vergaß alle guten Vorsätze. Zwar kamen noch

Augenblicke, in denen meine Vernunft widersprach, doch sah ich bald

in solcher Regung nur eine Schwäche und bemühte mich, meine Grillen,

wie ich es nannte, dadurch zu vertreiben, daß ich lustige Gesellschaft

aufsuchte und fleißig den Kameraden zutrank. Nach wenigen Tagen hatte

ich mein Gewissen beschwichtigt und die Erinnerung an alle väterlichen

Lehren übertäubt.

Am sechsten Tage unsrer Fahrt gelangte unser Schiff auf die Reede von

Yarmouth; widrige Winde und Windstille hatten uns seit jenem Sturme

nicht erlaubt, eine größere Strecke zurückzulegen, und wir sahen uns

genötigt, vor Anker zu gehen. Der Wind, anfangs minder stark, wuchs

aber bald bis zum Orkan; alle Hände mußten zugreifen, um die Stengen

und Raaen zu streichen. Die Wellen schlugen über unser Schiff, und ein

paarmal glaubten wir, unser Ankertau sei zerrissen. Auf Anordnung des

Oberbootsmannes wurde nun der Taganker ausgeworfen, so daß wir sicherer

vor zwei Ankern liegen konnten.

Der Sturm raste fort; Angst und Entsetzen lagerten sich auf den

Gesichtern der Matrosen. Der Kapitän ließ alle Vorsichtsmaßregeln

anwenden, sein Schiff zu erhalten; doch schien er schon selbst die

Hoffnung aufzugeben, denn als er an meiner Schlafstelle vorüberkam,

hörte ich ihn in die Worte ausbrechen: »Der Herr sei uns gnädig!

Wir sind alle verloren!« -- Da bemächtigte sich meiner eine solche

Todesangst, daß ich für den ersten Augenblick wie gelähmt in der

Kajütte liegen blieb. Ich vermag es nicht zu schildern, was ich

fühlte! Dann aber sprang ich aus der Kajütte auf das Verdeck und

schaute umher. Welch entsetzliches Schauspiel bot sich meinen Blicken!

Die Wellen gingen bergehoch und brachen sich an unsern Schiffswänden

nach je drei oder vier Minuten; wohin ich auch sehen mochte, erblickte

ich nichts als Angst und Not. Zwei schwerbeladene Fahrzeuge, die sich

in unsrer Nähe befanden, hatten ihre Masten am Fuße gekappt -- -- eine

halbe Stunde von uns entfernt sahen wir ein Schiff untergehen. Zwei

andre, von ihren Ankern losgerissen, wurden in die See hinausgeworfen.

Die leichteren Fahrzeuge hatten weniger zu leiden; dennoch trieben zwei

oder drei, nur mit dem großen Blindsegel versehen, bei uns vor dem

Winde vorbei.

Gegen Abend baten der Hochbootsmann und der Steuermann den Kapitän

um seine Einwilligung, den Vordermast zu kappen. Er mußte es schon

zugeben, da der Hochbootsmann versicherte, das Schiff sei sonst

unrettbar verloren. Als nun der Vordermast gefallen war, stand der

große Mast ohne Stütze und erschütterte das Schiff so sehr, daß man

sich genötigt sah, auch diesen umzuhauen.

Der Zustand, in welchem ich mich damals bei meiner Unerfahrenheit

mit den Gefahren des Seelebens befand, ist unbeschreiblich. Deutlich

erinnere ich mich, daß mich während dieser qualvollen Stunden mehr die

Reue marterte, von meinen guten Vorsätzen abgegangen zu sein, als mich

die Furcht vor dem Tode schreckte. Der Gedanke, daß dieses Unglück

eine Strafe Gottes für meinen Ungehorsam sei, stürzte mich in tiefe

Betrübnis. Aber das Maß unsrer Leiden war noch nicht voll.

Der Sturm tobte mit solcher Wut, daß selbst die Matrosen gestanden,

nie einen ähnlichen erlebt zu haben. Obschon unser Fahrzeug tüchtig

war, schwankte es doch heftig hin und her, so daß die Matrosen jeden

Augenblick ausriefen: »Wir kentern!« d. h. wir schlagen um. Ja, was

bei Seeleuten nur selten vorkommt, der Kapitän, der Hochbootsmann und

mehrere andre sanken betend auf die Kniee und starrten hoffnungslos dem

Untergange entgegen.

Um Mitternacht rief plötzlich einer der Matrosen: »Ein Leck im Schiff!«

Ein andrer schrie: »Das Wasser steht schon vier Fuß hoch im Raum!«

Alles mußte jetzt an die Pumpen. Ich war wie gelähmt und sank auf mein

Lager zurück. Die Matrosen weckten mich unsanft aus meiner Erstarrung

auf und meinten, wenn ich auch vorher zu nichts genutzt hätte, so

könnte ich doch jetzt an den Pumpen mit helfen gleich den andern.

Mechanisch folgte ich dieser Aufforderung; ich erhob mich und arbeitete

tüchtig. Während dieser Zeit erblickte der Kapitän einige leichte

Fahrzeuge, die, weil sie wegen des Sturmes vor Anker nicht aushalten

konnten, das Tau hatten schlüpfen lassen; sie sahen sich gezwungen,

das offene Meer zu gewinnen, und wendeten alle Mittel an, um einen

Zusammenstoß mit uns zu vermeiden. Der Kapitän ließ durch einen

Kanonenschuß ein Notsignal geben. Da ich nicht wußte, was das zu

bedeuten habe, und glaubte, das Schiff ginge krachend in Trümmer, fiel

ich vor Schrecken besinnungslos nieder. Niemand achtete jetzt meines

Zustandes.

Jeder war nur für sein eignes Leben besorgt; ja ein Matrose, der mich

für tot hielt, schob mich mit dem Fuße seitwärts und trat an meine

Stelle. Es dauerte geraume Zeit, ehe ich wieder zu mir selbst kam.

Trotz der angestrengtesten Arbeit stieg das Wasser im Schiffe immer

höher. Es war gewiß, daß wir sanken. Obgleich der Sturm ein wenig

nachgelassen hatte, konnten wir doch kaum hoffen, einen rettenden Hafen

zu erreichen. Fort und fort erdröhnten die Notschüsse; ein leichtes

Fahrzeug in einiger Entfernung wagte es, uns ein Boot zu Hilfe zu

senden. Nur durch einen glücklichen Zufall kam das Boot in unsre Nähe;

aber es war uns lange nicht möglich, an Bord zu kommen, da es nicht

anlegen konnte. Die Leute im Boote ruderten unter Lebensgefahr mit

allen Kräften. Als sie endlich nahe genug gekommen waren, konnten wir

ihnen ein Tau zuwerfen.

Sie fingen es auf und legten an Bord. Im Nu waren wir alle im Boote;

doch mußten wir es aufgeben, jenes Schiff zu erreichen, das uns so

menschenfreundliche Hilfe gesendet hatte. Daher beschloß man, das Boot

treiben zu lassen, indem man vorsichtig nach der Küste zu steuerte. Der

Kapitän versprach, es zu ersetzen, wenn es durch Stranden zertrümmert

werden sollte. So, teils rudernd, teils mit dem Winde treibend,

steuerten wir dem Lande zu, gegen das Vorgebirge von Winterton-Neß.

Wir hatten das Schiff kaum eine Viertelstunde verlassen, als wir es

*sinken* sahen. Meine Augen umflorten sich, als die Matrosen auf das

untergehende Schiff hinzeigten. Schon von dem Augenblicke an, wo ich in

das Rettungsboot mehr geworfen worden als gestiegen war, legten sich

auch Furcht und Gewissensangst wie Blei auf mein Herz.

[Illustration: Des Schiffes Untergang.]

Die Schiffsleute ruderten rastlos, um das Land zu erreichen. Sobald

unser Boot sich hoch aus den Wellen emporhob, bemerkten wir eine

Menge Menschen längs der Küste, die alle bereit waren, uns Hilfe zu

leisten, wenn wir nahe genug gekommen sein würden. Allein unsre Fahrt

ging nur sehr langsam von statten. Erst nachdem wir den Leuchtturm von

Winterton umschifft hatten, wo das Ufer sich westwärts gegen Cromer

umbiegt und die Wogen deshalb nicht mehr so heftig sind, gelangten

wir mit unsäglicher Anstrengung glücklich ans Land. Wir gingen dann

nach Yarmouth, wo wir Schiffbrüchigen mit aller Menschenfreundlichkeit

behandelt wurden. Die Obrigkeit wies uns gute Quartiere an, und die

Kaufleute und Reeder der Stadt steuerten eine Summe Geldes zusammen,

die jeden von uns in den Stand setzte, entweder nach London zu gehen

oder sich nach Hull zurückzubegeben.

Hätte ich meinen Menschenverstand zusammengenommen und wäre nach Hull

zurückgekehrt -- alle Not würde zu Ende gewesen sein. Mein Vater hätte,

um mich der Worte der Heiligen Schrift zu bedienen, in der Freude

seines Herzens ein gemästetes Kalb geschlachtet.

Wie mir später mitgeteilt ward, hatte er erfahren, daß das Schiff, auf

welchem ich mich befand, auf der Reede von Yarmouth untergegangen sei,

und erst lange danach wurde ihm Gewißheit darüber, daß ich aus dem

Schiffbruch gerettet worden. Aber es schien, als hätte ein schlimmer

Geist meinen Sinn verblendet. Zwar regte sich manchmal die Vernunft

in mir und mahnte mich, die Schritte wieder zum väterlichen Hause zu

lenken; dennoch hielt mich ein Etwas ab, dieser inneren Stimme zu

gehorchen. Zu der Lust an Abenteuern und am Wandern, die mich zu dem

ersten Schritte des Ungehorsams gegen meine Eltern verleitet hatte,

gesellte sich jetzt die Scham; umkehren wollte ich nicht mehr, und so

trieb mich das Schicksal weiterem Unglück entgegen.

Mein Kamerad, des Schiffsherrn Sohn, der mir vorher Anleitung gegeben,

mein Gewissen zu beruhigen, war jetzt mutloser als ich. Erst einige

Tage nach unsrer Ankunft in Yarmouth kam ich wieder mit ihm zusammen,

da unsre Quartiere weit auseinander lagen. Jetzt schlug er einen andern

Ton an als vorher; mit trüber Miene fragte er mich, wie es mir gehe.

Als sein Vater dazu kam, teilte er diesem mit, wer ich sei, daß diese

Reise nur ein Versuch für mich gewesen sei, und daß ich weiterreisen

wolle. In dem Kapitän mochten die Erinnerungen an durchlebte

gefahrvolle Tage des Seelebens emporsteigen, er wurde ernst, fast

streng und sagte zu mir: »Junger Mann, Ihr dürft nicht wieder aufs Meer

gehen; die kaum überstandenen Ereignisse müssen Euch die Überzeugung

aufdringen, daß Ihr nicht zum Seemann geboren seid.«

»Wie, mein Herr«, erwiderte ich verwundert, »wollen Sie denn auch nicht

mehr zur See gehen?«

»Bei mir ist das etwas andres; das ist mein Beruf, meine Pflicht, Ihr

aber habt mit dieser Reise nur einen Versuch machen wollen, und ich

dächte, Ihr hättet einen hinlänglichen Vorgeschmack dessen bekommen,

was Euch bevorsteht. Doch sagt mir, wie kommt es eigentlich, daß Ihr

zur See gehen wollt?«

[Illustration: Die Schiffbrüchigen auf dem Boote.]

Ich erzählte dem Kapitän den Verlauf meines bisherigen Lebens. Als ich

geendigt hatte, fuhr er in unmutigem Tone und tief erregt auf: »Womit

habe ich verdient, daß solch ein Unbesonnener zu mir an Bord kommen

mußte? Um keinen Preis möchte ich je wieder mit Euch meinen Fuß auf

dasselbe Schiff setzen!«

Das Unglück, welches ihn betroffen, hatte den Kapitän ganz

außerordentlich heftig gestimmt. Indessen sprach er später liebevoller

mit mir und stellte ganz eindringlich mir vor, wie thöricht das

Beginnen sei, die Vorsehung tollkühn versuchen zu wollen; ich thäte

sicher besser, zu meinem Vater zurückzukehren.

»Seid überzeugt, junger Mann«, schloß er seine wohlgemeinten

Ermahnungen, »daß, wenn Ihr nicht zurückkehrt, Eurer überall nichts als

Täuschungen und Elend harren, und daß die ernsten Worte Eures Vaters in

Erfüllung gehen werden.«

Ich erwiderte nichts, sondern verabschiedete mich von dem wohlmeinenden

Manne. -- Ich habe ihn leider nicht wiedergesehen.

Da ich etwas Geld besaß, begab ich mich zu Lande nach London,

unentschlossen, was ich eigentlich thun sollte. Nach Hause zu gehen

verbot mir, wie gesagt, die Scham; auch fürchtete ich das höhnische

Gerede der Nachbarn. Wie thöricht ist doch die Jugend! Sie schämt sich

oft mehr der Reue als der Sünde und stemmt sich mit Gewalt gegen die

Weisungen des Verstandes. Sowie die Erinnerung an die ausgestandenen

Gefahren schwand, trat auch der Gedanke an die Heimkehr in den

Hintergrund; zuletzt gab ich ihn ganz auf und entschloß mich kurz, an

Bord eines überseeischen Schiffes zu gehen.

Mein größtes Unglück auf allen meinen Reisen war die Hartnäckigkeit,

mit der ich mich weigerte, als Matrose zu dienen. Zwar hätte ich dann

gleich den andern tüchtig die Hände rühren müssen, aber ich hätte auch

Aussicht gehabt, im Laufe der Zeit zum Steuermann, Hochbootsmann,

Leutnant, ja vielleicht gar zum Kapitän emporzusteigen. Allein ich

hatte ein besonderes Geschick, überall das Ungünstige zu wählen, und

da mein Geld noch ausreichte und meine Kleider sich in leidlich guter

Beschaffenheit befanden, so begab ich mich als Passagier an Bord, wobei

ich freilich nichts zu thun hatte, aber auch nichts lernen konnte.

Ich kam also nach London. Dort hatte ich das Glück, in gute

Gesellschaft zu geraten, was bei einem lockeren, leichtsinnigen

Burschen, wie ich war, sicherlich selten genug ist. Meine erste

Bekanntschaft war der Kapitän eines Schiffes, welches von der Küste von

Guinea zurückgekehrt und im Begriff stand, wieder dorthin abzusegeln.

Dieser treffliche Mann fand Wohlgefallen an mir und schlug mir vor,

auf seinem Schiffe die Reise nach Guinea zu unternehmen. Er meinte, es

solle mich nichts kosten, und wenn ich einige Waren einkaufen wollte,

um sie in Afrika mit Vorteil loszuschlagen, so würde ich dadurch

vielleicht einen erklecklichen Gewinn machen.

Wer war froher als ich? Ich nahm des Kapitäns Anerbieten ohne Bedenken

an. Auf seinen Rat hatte ich für etwa 40 Pfund Sterling (800 Mark)

Glaswaren und andre kleine Gegenstände eingekauft. Diese Geldmittel

hatte ich durch Hilfe einiger Verwandten aufgebracht, mit denen ich

in Briefwechsel geblieben, und letztere hatten auch meinen Eltern mein

Schicksal und mein Vorhaben mitgeteilt, ja dieselben wohl vermocht,

etwas zu meinem ersten Unternehmen beizusteuern.

Dies war die einzige Reise, von der ich sagen kann, daß sie glücklich

ablief. Allerdings hatte mich das Mißgeschick nicht gänzlich unberührt

gelassen; infolge der allzugroßen Hitze in den Tropen verfiel ich

in ein heftiges Fieber, so daß ich längere Zeit in Afrika krank

daniederlag; aber die Reise war doch nicht erfolglos für mich gewesen.

Dies hatte ich lediglich der Rechtschaffenheit meines Freundes, des

Kapitäns, zu danken, unter dessen Anleitung ich nicht unbedeutende

Kenntnisse in der Mathematik und der Seemannskunde erlangte. Ich lernte

ein Schiffstagebuch führen, nautische Beobachtungen anstellen, kurz

Dinge, die ein Seemann wissen muß. Er fand ein gleiches Vergnügen

daran, mich zu unterrichten, wie ich, von ihm zu lernen, und so

bildete mich die Reise zum Kaufmann und Seemann. Mein Tauschhandel

ging gut; ich brachte über fünf Pfund Goldstaub zurück, gegen die ich

in London 300 Guineen (6000 Mark) erhielt. Dieser Erfolg erfüllte mich

mit hochfliegenden Gedanken; aber Hochmut kommt stets vor dem Falle,

und dieser Hochmut war die Ursache, daß ich eine dornenvolle Bahn

durchwandern mußte!

[Illustration: Da ergriff ich die zweite Flinte und traf den Löwen so

sicher durch den Kopf ... (Zu S. 19.)]

Zweites Kapitel.

Robinsons Gefangenschaft und Flucht.

Gefangenschaft in Saleh. -- Flucht mit Xury.

So war ich also ein Guineakaufmann geworden. Zu meinem größten

Leidwesen starb mein Freund bald nach unsrer Rückkehr, und ich

entschloß mich, auf eigne Faust dieselbe Reise noch einmal zu

unternehmen, und zwar auf demselben Fahrzeuge, welches jetzt der

frühere Oberbootsmann führte. Es ward eine der unglücklichsten Fahrten.

Ich nahm für 100 Pfund Sterling (über 2000 Mark) Waren auf die Reise

mit und ließ 200 Pfund in den Händen der Witwe meines Freundes zurück,

die denn auch das Übergebene treulich bewahrte und mein Vertrauen in

ihre Redlichkeit nicht getäuscht hat.

Reich an Hoffnungen steuerten wir zwischen den Kanarischen Inseln und

der afrikanischen Küste hin. Da wurden wir plötzlich eines Morgens,

noch in der Dämmerung, von einem maurischen Seeräuber überrascht, der

bald, alle Segel aufhissend, auf uns Jagd machte.

Gegen 3 Uhr nachmittags kam er uns nahe und warf auf unser Deck 60

Mann, die sofort unser Tau- und Takelwerk zusammenhieben. Es kam zum

Kampfe. Nachdem aber von unsern Leuten drei getötet und acht verwundet

waren, mußten wir andern uns der feindlichen Übermacht ergeben. Wir

wurden nach Saleh gebracht, einem unbedeutenden Hafen an der Küste der

Barbareskenstaaten. Man führte mich jedoch nicht, wie meine übrigen

Schicksalsgenossen, in das Innere des Landes, nach der Residenz des

Kaisers, sondern der Kapitän behielt mich bei sich selbst zurück, weil

ich ihm dienstbar sein sollte. So waren denn alle hochfliegenden Pläne

des jungen »Guineakaufmanns« mit einem Schlage vernichtet. Ich war

jetzt nichts als ein unglücklicher Sklave, und meines Vaters mahnende

Stimme trat oft vor meine Seele; niemand war da, der mir rettenden

Beistand geleistet hätte.

Indessen stieg die Hoffnung in mir auf, daß mich mein neuer Herr an

seinen Seeunternehmungen werde teilnehmen lassen. Ich malte mir schon

im Geiste meine Errettung durch ein spanisches oder portugiesisches

Kriegsschiff aus. Eine derartige Gelegenheit sollte indes noch lange

auf sich warten lassen. Inzwischen mußte ich meinen Herrn häufig auf

seinen Spazierfahrten begleiten, die er in einem kleinen Fahrzeuge auf

dem Meere unternahm, um nahe der Küste zu fischen. Einst hatte er zu

einer gleichen Fahrt als Gäste mehrere vornehme Mauren eingeladen und

traf hierzu außerordentliche Vorbereitungen.

Schon am Tage vorher mußte ich in die Schaluppe mehr Lebensmittel

als gewöhnlich bringen, ebenso drei Flinten mit Pulver, Kugeln und

Schrot für die Jagd auf Seevögel. Als ich am nächsten Morgen mit dem

blankgeputzten Boote auf das Erscheinen meines Herrn wartete, kam

letzterer allein und erklärte, daß seine Gäste wegen unerwarteter

Geschäfte behindert seien; ich möchte nur mit dem Maurenknaben auf den

Fischfang fahren, da seine Gäste des Abends bei ihm speisen würden.

Dann ging mein Herr und ließ mich mit dem Boote und dem Knaben allein.

Welche günstige Gelegenheit zur endlichen Ausführung meiner

Fluchtpläne! Wir fuhren hinaus, und ich fischte anscheinend eine

Zeitlang, sprach dann aber zum Knaben: »Wir fangen heute nichts, wir

müssen weiter hinausfahren.« Als wir fern genug von der Küste uns

befanden, sagte ich plötzlich zu dem Knaben: »Xury, wenn du mir treu

sein willst, so werde ich dich zu einem großen Manne machen; schlage

dich ins Gesicht und schwöre mir bei Mohammed und dem Barte deines

Vaters Treue, sonst werfe ich dich in die See.« Der Knabe lächelte mich

in voller Unschuld an und versprach, mit mir zu gehen bis an das Ende

der Welt.

Bei dem frischen Winde ging unsre stille Wasserfahrt so schnell vor

sich, daß wir am nächsten Tage, nachmittags 3 Uhr, als wir uns dem

Lande näherten, längst über das Gebiet des Kaisers von Marokko hinaus

sein mußten, denn wir sahen keine Spur von Menschen an der Küste.

Die Furcht, wieder in die Hände der Mauren zu fallen, hielt mich indes

ab, an das Land zu steigen oder die Anker auszuwerfen. Vielmehr segelte

ich fünf Tage lang ununterbrochen fort und warf erst dann, als ich mich

außer aller Verfolgung glauben durfte, den Anker nicht weit von der

Mündung eines kleinen Flusses, ohne zu wissen, wo ich mich eigentlich

befand. Es kam mir niemand zu Gesicht, und ich wollte auch niemand

sehen; alles, was ich bedurfte, war frisches Wasser. Wir liefen am

Abend in die Bucht ein und beschlossen, mit einbrechender Nacht zu

landen, um die Küstengegend zu untersuchen.

Von meiner ersten Reise her wußte ich, daß die Kanarischen Inseln und

die Inseln des Grünen Vorgebirges nicht weit entfernt sein konnten. Da

ich aber die Lage nicht genau kannte, so hatte ich nur die Hoffnung,

vielleicht einem englischen Schiffe zu begegnen, das uns aufnehmen

könnte. Nach meinem Vermuten lag das Land, welches ich gesehen hatte,

zwischen dem Kaisertum Marokko und Nigritien, dessen weite Einöden nur

von wilden Tieren bewohnt sein sollten. Die Neger hatten sich von hier

aus südwärts gezogen, aus Furcht vor den Mauren; letztere aber betraten

diese unfruchtbaren Landstriche nur, um in Haufen von Tausenden große

Jagden abzuhalten. Löwen und Leoparden, Schakale und Hyänen fanden

wir auf der ganzen Strecke, die wir an der Küste hinfuhren, äußerst

zahlreich, und während der Nacht musizierten diese wilden Bestien in

allen Tonarten.

Eines Morgens legten wir, um frisches Wasser einzunehmen, an einer

kleinen, ziemlich hohen Landzunge an; die Flut stieg höher und höher,

und wir wollten sie eben benutzen, um weiter vorwärts zu treiben, als

Xury, der ein schärferes Auge hatte als ich, mir zuflüsterte: »Herr,

wir müssen fort, dort an dem Felsen ist ein fürchterliches Tier.«

Ich blickte hin und erkannte in der That einen großen Löwen, welcher

sorglos schlief.

Nachdem ich meinem Knaben bedeutet hatte, still zu sein, lud ich unser

größtes Gewehr mit zwei Kugeln und legte es neben mich, hierauf machte

ich auch meine zweite Flinte schußfertig und lud die dritte mit fünf

Posten. Wohl zielte ich beim ersten Schuß genau nach dem Kopfe des

Löwen; aber da er die Tatzen über die Schnauze hielt, so traf der Schuß

eine derselben über dem Gelenke und zerschmetterte sie. Er fuhr auf,

sank aber wieder nieder und erhob sich von neuem auf drei Pfoten, indem

er ein entsetzliches Gebrüll ausstieß. Da ergriff ich die zweite Flinte

und traf ihn so sicher durch den Kopf, daß er sich in Todeszuckungen

wälzte. Jetzt faßte Xury sich ein Herz und wollte ans Ufer gehen; er

sprang ins Wasser und schwamm, während er mit der einen Hand die Flinte

über seinem Kopfe hielt, mittels der andern an das Ufer. Als er in der

nächsten Nähe des Tieres war, setzte er ihm das Gewehr an das Ohr und

tötete es vollends.

Da fiel mir ein, daß uns vielleicht das Fell des Löwen von Nutzen

sein könnte. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Obwohl Xury recht

geschickt damit umzugehen wußte, plagten wir uns dennoch einen ganzen

Tag lang, ehe wir die Haut vollständig abgestreift hatten; darauf

ließen wir sie zwei Tage auf dem Dache der Kajütte ausgebreitet

trocknen, und ich bediente mich dann ihrer zum Lager.

Nach diesem Aufenthalte steuerten wir wieder mehrere Tage südwärts.

Sorgsam schonten wir unsern Mundvorrat, der bald zu Ende gehen mußte,

und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. Meine Absicht ging

dahin, den Fluß Senegal oder den Gambia zu erreichen, d. h. die Höhe

des Grünen Vorgebirges, um vielleicht ein europäisches Fahrzeug zu

treffen; denn ich wußte, daß alle nach der Küste von Guinea, nach

Brasilien oder Ostindien bestimmten Schiffe das Grüne Vorgebirge

umsegeln mußten.

An einigen Orten kamen nackte schwarze Menschen an den Strand, um

uns anzustaunen. Einmal wollte ich zu ihnen ans Land gehen, aber der

kluge Xury riet mir davon ab. Die Wilden waren ohne Waffen, nur ein

einziger trug einen langen Stab; Xury belehrte mich, es sei eine Lanze,

welche diese Neger auf weite Entfernungen mit wunderbarer Sicherheit

schleudern können. Ich hielt mich daher in angemessener Entfernung

und suchte nur durch Zeichen ihnen zu verstehen zu geben, daß wir

Lebensmittel wünschten. Sie winkten mir darauf, mit dem Boote still

zu halten, ich legte bei und näherte mich dem Ufer, während zwei der

Männer landeinwärts liefen und nach einer halben Stunde zwei Stücke

getrocknetes Fleisch nebst etwas Korn zurückbrachten. Gern hätten

wir zugegriffen, wir wagten uns jedoch nicht unter die Neger. Allein

diese hegten ebenso große Furcht vor uns; sie legten die Lebensmittel

am Strande nieder, zogen sich dann zurück und warteten, bis wir das

Niedergelegte geholt hatten, worauf sie sich wieder dem Ufer näherten.

Wir dankten ihnen durch Zeichen, da wir ihnen etwas andres nicht zu

bieten hatten; doch sollte sich bald eine Gelegenheit finden, durch

die wir ihnen einen großen Dienst erweisen konnten. Zwei furchtbare

Tiere, von denen das eine das andre verfolgte, rannten von den Bergen

gegen die See herab. Die Neger liefen in hastigem Laufe davon, nur der

Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden Bestien dachten indes nicht

daran, die Schwarzen anzufallen, sondern stürzten in das Wasser, als

seien sie nur gekommen, um sich an einem frischen Bade zu erquicken.

Ich lud unsre drei Gewehre, und da eines der Tiere nahe genug gekommen

war, schoß ich dasselbe gerade durch den Kopf, so daß es untersank.

Bald aber kam es wieder in die Höhe, tauchte bald auf, bald unter

und schien mit dem Tode zu ringen. Das andre Tier, von dem Blitz und

Knall des Gewehres abgeschreckt, schwamm an das Ufer und lief nach der

Wildnis zurück.

Unmöglich läßt sich das Staunen der Neger beschreiben, das sie bei

dem Knalle und dem Feuer meiner Flinte befiel. Als sie aber das Tier

tot auf dem Wasser schwimmen sahen und ich ihnen winkte, ans Ufer zu

kommen, faßten sie wieder Mut. Ich schlang dem Tier einen Strick um

eine Pfote und warf dessen Ende den Negern zu, welche dann den Leichnam

ans Land zogen. Jetzt erst bemerkte ich, daß es ein kräftiger, schön

gefleckter *Leopard* war. Die Neger gaben mir zu verstehen, daß sie

nicht übel Lust hätten, das Fleisch des Leoparden zu essen; und da ich

ihnen durch Zeichen ausdrückte, daß ich ihnen diese Beute zum Geschenk

machen wolle, schienen sie außerordentlich dankbar zu sein und gingen

sogleich daran, dem Tiere die Haut abzuziehen.

Von dem Fleische, das sie mir anboten, nahm ich nichts an, sondern

verlangte nur das Fell, das sie mir gern überließen. Noch begehrte

ich von ihnen Wasser, indem ich einen Krug mit der Hand umkehrte, um

anzudeuten, daß er leer sei. Sofort riefen sie einige Weiber herzu, die

dann ein großes irdenes Gefäß herbeibrachten. Sie stellten es an das

Ufer, wie früher die Lebensmittel, und ich schickte Xury ab, um unsre

drei Krüge aus diesem Gefäße mit Wasser zu füllen.

So war ich denn mit Fleisch, Korn und Trinkwasser versehen, nahm daher

von den freundlichen Negern Abschied und segelte wiederum in der

bisherigen Richtung zehn Tage lang, ohne zu landen, bis ich endlich

vier oder fünf Stunden entfernt das Land weit in das Meer vorspringen

sah. Die See war still; ich umsegelte diese Landspitze in einer

Entfernung von ungefähr zwei Stunden. Bei dieser Fahrt sah ich ganz

deutlich das andere Ufer des Kaps und vermutete -- wie ich erfuhr, mit

Recht -- daß es das Grüne Vorgebirge sei und die Kapverdischen Inseln.

Ich machte keinen Versuch, nach den letzteren zu steuern, da ich

fürchtete, ein widriger Wind könnte mich in den offenen Ozean treiben.

In dieser Lage ging ich in die Kajütte und hing meinen Gedanken nach.

Plötzlich rief Xury, der am Steuer saß: »Herr, ein Schiff mit Segeln!«

Er war ganz außer sich vor Schrecken, weil er glaubte, unser maurischer

Herr setzte uns mit einem Fahrzeug nach. Ich sprang aus der Kajütte und

sah sofort, daß das Schiff ein portugiesisches war. Ich segelte und

ruderte, so sehr ich konnte, um es einzuholen; endlich bemerkte man uns

und zog die Segel ein, um uns herankommen zu lassen.

Man fragte mich auf portugiesisch, auf spanisch und auf französisch,

wer ich sei, allein ich verstand keine dieser Fragen. Zuletzt

erkundigte sich ein schottischer Matrose, der sich an Bord befand, auf

englisch nach meinen Verhältnissen, und diesem sagte ich, daß ich ein

Engländer und aus der Sklaverei der Mauren in Saleh entflohen sei.

Man ließ mich nun an Bord kommen und nahm uns beide samt meiner Habe

freundlich auf.

Ich empfand über meine Rettung unaussprechliche Freude und bot dem

Kapitän als Beweis meiner Dankbarkeit mein ganzes Besitztum an. Allein

er erwiderte mir großmütig, daß er nichts annehmen wolle: »Nein, Senhor

Inglese (Herr Engländer), ich bringe Euch aus reiner Christenliebe nach

Brasilien, und die Gegenstände, die Ihr mir anbietet, werden Euch dort

zum Lebensunterhalt und zur Rückreise dienen.«

So edelmütig sein Vorschlag war, so pünktlich erfüllte er ihn auch.

Keiner seiner Matrosen durfte etwas von meiner Habe anrühren. Als er

mein Boot in gutem Zustande sah, machte er mir den Vorschlag, es ihm

zu verkaufen. Ich antwortete ihm, er habe sich so edelmütig gegen mich

gezeigt, daß ich es mir zur Ehre schätze, ihm mein Boot umsonst zu

überlassen. Der Kapitän nahm jedoch das Anerbieten nicht an, sondern

bezahlte das Boot und gab mir 80 Stück Dublonen; ebenso bot er 60

Stück für meinen Jungen Xury. Er wollte sich verpflichten, Xury nach

zehn Jahren freizugeben, wenn er zum Christentum überginge; der Maure

willigte freudig ein, und ich überließ ihn dem Kapitän.

Nach einer glücklichen Fahrt, die ohne Unfälle von statten ging, liefen

wir in die Allerheiligenbai ein. Der edelmütige Kapitän ließ mich

nichts für die Überfahrt bezahlen; er gab mir 20 Dukaten für das Fell

des Leoparden und 40 für das des Löwen; er lieferte mir alle meine

Sachen aus und kaufte mir alles ab, was ich ihm ablassen wollte, so z.

B. den Flaschenbehälter, zwei meiner Flinten. Dies brachte mir gegen

220 Stück Dublonen ein; mit diesem Kapital ging ich in Brasilien ans

Land.

Kurze Zeit darauf empfahl mich der Kapitän dem Hause eines Mannes,

der ebenso rechtschaffen war, wie er selbst, und eine Zuckerpflanzung

mit Siedewerk betrieb. Ich blieb einige Zeit bei ihm und machte mich

bald mit dem Verfahren der Zuckerpflanzung vertraut. Dabei hatte

ich Gelegenheit, das bequeme Leben der Pflanzer sowie ihren schnell

emporblühenden Reichtum zu beobachten, so daß in mir der Wunsch

aufstieg, mich ebenfalls als Pflanzer niederzulassen. Ich dachte nun an

Mittel, mein in London gelassenes Geld hierher kommen zu lassen, kaufte

so viel Land, als meine Mittel erlaubten, und entwarf einen Plan zur

Errichtung meiner Pflanzung.

[Illustration: Robinson als Pflanzer.]

Drittes Kapitel.

Robinson als brasilischer Pflanzer.

Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. -- Eine neue Reise.

-- Schiffbruch.

Mein edelgesinnter Kapitän hatte drei Monate auf Ladung gewartet und

stand eben im Begriff, die Rückreise anzutreten, als ich das Gespräch

auf das Kapital brachte, welches ich noch in London stehen hatte. Er

erteilte mir den wohlmeinenden Rat: »Senhor Inglese, gebt mir Vollmacht

und legt mir einen Brief bei an diejenige Person in London, bei welcher

Euer Geld steht. Laßt Eure Effekten nach Lissabon gehen, die ich als

Euer Bevollmächtigter Euch auf meiner nächsten Reise mitbringen werde.

Da aber die menschlichen Dinge tausend Zufälligkeiten ausgesetzt

sind, so möchte ich Euch raten, mir nur eine Anweisung auf 100 Pfund

Sterling, als die Hälfte Eures Vermögens, auszustellen; denn geht diese

verloren, so bleibt Euch doch noch die andre Hälfte.«

Ich nahm diesen Rat an und ließ die Vollmacht für den Portugiesen

ausfertigen. Der Witwe des englischen Kapitäns schilderte ich meine

Abenteuer, meine Sklaverei, mein Entrinnen sowie das Zusammentreffen

mit dem portugiesischen Kapitän und dessen menschenfreundlichen

Beistand. Als der Mann nach Lissabon kam, fand er Mittel, der Frau

meines verstorbenen Freundes meinen Brief zu übersenden, worauf sie ihm

nicht nur das bare Geld, sondern auch ein Geschenk für seine liebevolle

Teilnahme einschickte. Der Kaufmann in London legte diese 100 Pfund

in englischen Waren an, wie ihm der Kapitän aufgetragen hatte, und

sandte sie nach Lissabon ein. Diese Waren nebst allerhand nützlichen

Werkzeugen überschickte mir der Kapitän; ja sogar einen Diener hatte

er für die fünf Pfund Sterling, die er von der Witwe zum Geschenk

erhalten, für mich angeworben mit der Verpflichtung, mir sechs Jahre

zu dienen. Auch der Erlös aus den englischen Manufakturwaren übertraf

meine Erwartungen, so daß ich mit meinen Vermögensverhältnissen

vollkommen zufrieden sein konnte. Nun dachte ich daran, noch einen

europäischen Diener zu mieten und einen Neger zu kaufen. Die Ernte im

nächsten Jahre fiel glänzend aus.

Wäre ich in den Verhältnissen geblieben, in welchen ich mich

jetzt befand, so hätte ich bis an mein Lebensende ein ruhiges und

beschauliches Glück genießen können. Allein in meinem Kopfe tummelten

sich tausend hochfahrende Unternehmungen. Dergleichen Pläne sind ja

oft das Verderben selbst erfahrener Männer, und ich sollte das auch

empfinden.

Als Pflanzer in Brasilien hatte ich zum Nachbar einen Portugiesen aus

Lissabon von englischer Herkunft, Namens Wells, dessen Umstände den

meinigen ähnlich waren. Zwei Jahre lang hatten wir alle Hände voll zu

thun, um nur unsern Lebensunterhalt zu verdienen, aber schon im dritten

Jahre ernteten wir Tabak, und im vierten Jahre gedachten wir Zuckerrohr

zu bauen. Ich hatte 50 große Rollen Tabak, von denen jede 100 Pfund

wog, auf meinem eignen Grund und Boden erbaut und sie für die Rückkehr

der Flotte von Lissabon wohl aufbewahrt. Indes fühlten wir recht

drückend den Mangel an mithelfenden Armen, und ich wünschte mehr als

je meinen flinken Xury zurück, der mir recht gute Dienste hätte leisten

können.

Da wir die sämtlichen Arbeiten nicht selbst ausführen konnten, blieben

wir mit vielem im Rückstande. Es währte nicht lange, da fühlte ich mich

in meiner Lebensweise unbehaglich. Natürlich! Ich hatte mich einer

Beschäftigung hingegeben, die meiner Wanderlust gerade entgegenlief.

Jetzt sah ich ein, daß mein Vater recht hatte, als er mir den

Mittelstand als den glücklichsten angepriesen. »Und dies alles«, sagte

ich häufig zu mir selbst, »hättest du leichter in deinem Vaterlande

haben können; manche Leiden hättest du dir erspart, wenn du daheim

geblieben wärst! Jetzt mußt du nun hier leben, wo kein Freund an deinem

Schicksal teilnimmt.«

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 1 / 16 段