sähe keine schwarzen und keine weißen Gegenstände, keine blauen
und keine gelben, keine rothen und keine grünen, er sähe nicht
was gleich und was ungleich ist, sähe keine Sterne und nicht
Mond und nicht Sonne. Und er spräche also: ›Es giebt nichts
Schwarzes und Weißes, es giebt keinen, der Schwarzes und Weißes
sähe; es giebt nichts Blaues und Gelbes, es giebt keinen, der
Blaues und Gelbes sähe; es giebt nichts Rothes und Grünes,
es giebt keinen, der Rothes und Grünes sähe; es giebt nichts 634
Gleiches und Ungleiches, es giebt keinen, der Gleiches und
Ungleiches sähe; es giebt keine Sterne, es giebt keinen, der
Sterne sähe; es giebt weder Mond noch Sonne, es giebt keinen,
der Mond und Sonne sähe. Ich selber weiß nichts davon, ich
selber seh’ nichts davon: darum ist es nicht.‹ Würde der wohl,
Brāhmane, also redend recht aussagen?«
»Gewiss nicht, o Gotamo! Es giebt Schwarzes und Weißes, und
man sieht es; es giebt Blaues und Gelbes, und man sieht es; es
giebt Rothes und Grünes, und man sieht es; es giebt Gleiches
und Ungleiches, und man sieht es; es giebt Sterne und Mond und
Sonne, und man sieht sie. ›Ich selber weiß nichts davon, ich
selber seh’ nichts davon: darum ist es nicht‹: also redend, o
Gotamo, würde jener Mann gewiss nicht recht aussagen.«
»Ebenso nun auch, Brāhmane, ist der Priester Pokkharasāti,
der Opamaññer aus Subhagavanam, blind und augenlos. Dass der
etwa ein überirdisches, reiches Heilthum der Wissensklarheit
verstehn oder erkennen oder verwirklichen würde, ist
unmöglich. -- Was meinst du wohl, Brāhmane: jene hochmögenden
kosalischen Priester, als da sind Caṉkī der Priester, Tārukkho
der Priester, Pokkharasāti der Priester, Jāṇussoṇi der
Priester, oder dein Vater Todeyyo: welche gelten bei denen
als besser, die da mit Zusammenhang reden können, oder ohne 635
Zusammenhang?«[269]
»Mit Zusammenhang, o Gotamo!«
»Welche gelten ihnen als besser, die da mit Bedacht reden
können, oder ohne Bedacht?«
»Mit Bedacht, o Gotamo!«
»Welche gelten ihnen als besser, die da mit Begründung reden
können, oder ohne Begründung?«
»Mit Begründung, o Gotamo!«
»Welche gelten ihnen als besser, die da sinnig reden können,
oder unsinnig?«
»Sinnig, o Gotamo!«
»Was meinst du wohl, Brāhmane: ist es also, hat dann der
Priester Pokkharasāti, der Opamaññer aus Subhagavanam, mit
Zusammenhang geredet, oder ohne Zusammenhang?«
»Ohne Zusammenhang, o Gotamo!«
»Mit Bedacht geredet, oder ohne Bedacht?«
»Ohne Bedacht, o Gotamo!«
»Mit Begründung geredet, oder ohne Begründung?«
»Ohne Begründung, o Gotamo!«
»Sinnig geredet, oder unsinnig?«
»Unsinnig, o Gotamo!«
»Fünf giebt es, Brāhmane, der Hemmungen: welche fünf? Die
Hemmung durch Wunscheswillen, die Hemmung durch Hassensgroll,
die Hemmung durch matte Müde, die Hemmung durch stolzen
Unmuth, die Hemmung durch Schwanken. Das sind, Brāhmane,
die fünf Hemmungen. In diese fünf Hemmungen, Brāhmane, ist
der Priester Pokkharasāti, der Opamaññer aus Subhagavanam,
eingeschlossen, eingeschnürt, verzogen und verwickelt.
Dass der etwa ein überirdisches, reiches Heilthum der
Wissensklarheit verstehn oder erkennen oder verwirklichen
würde, ist unmöglich. Fünf giebt es, Brāhmane, der Begehrungen:
welche fünf? Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden
Formen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten, 636
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Brāhmane,
die fünf Begehrungen. Diesen fünf Begehrungen, Brāhmane, hat
sich der Priester Pokkharasāti, der Opamaññer aus Subhagavanam,
verlockt, geblendet, anheimgefallen, ohne das Elend zu sehn,
ohne an Entrinnung zu denken, hingegeben. Dass der etwa ein
überirdisches, reiches Heilthum der Wissensklarheit verstehn
oder erkennen oder verwirklichen würde, ist unmöglich.
-- Was meinst du wohl, Brāhmane: wenn Feuer, durch Heu
und Holz genährt, entfacht würde; oder wenn Feuer, durch
regengetränktes Heu und Holz genährt, entfacht würde: welches
von beiden hätte da Flamme und Glanz und Leuchtkraft?«
»Wär’ es möglich, o Gotamo, Feuer, durch regengetränktes Heu
und Holz genährt, zu entfachen, so hätte auch dieses Feuer
Flamme und Glanz und Leuchtkraft.«
»Unmöglich ist es, Brāhmane, es kann nicht sein, dass Feuer,
durch regengetränktes Heu und Holz genährt, entfacht werde,
es sei denn durch magische Macht. Gleichwie nun, Brāhmane,
als ob man Feuer, durch regengetränktes Heu und Holz genährt,
entfachte, erscheint mir, Brāhmane, eine Heiterkeit, durch die
fünf Begehrungen genährt.[270] Gleichwie nun, Brāhmane, als ob
man Feuer, durch Heu und Holz genährt, entfachte, erscheint
mir, Brāhmane, eine Heiterkeit, gar fern von Begierden, fern
von unheilsamen Dingen. Was ist das aber, Brāhmane, für eine 637
Heiterkeit, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen
Dingen? Da weilt, Brāhmane, ein Mönch, eben fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Das ist nun, Brāhmane, eine Heiterkeit gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen.
»Weiter sodann, Brāhmane: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erwirkt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Das ist nun, Brāhmane, eine Heiterkeit gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen.
»Was da, Brāhmane, die Priester als fünf Bedingungen angeben,
um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: welche davon erklären
sie als die wirksamste, um Gutes zu thun, Heilsames zu
erwerben?«
»Was da, o Gotamo, die Priester als fünf Bedingungen angeben,
um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: Entsagung erklären
sie davon als am wirksamsten, um Gutes zu thun, Heilsames zu
erwerben.«
»Was meinst du wohl, Brāhmane: es habe da irgend ein Priester
eine große Opferfeier vorbereitet, und es kämen zwei andere
Priester heran: ›Wir wollen dem Opferfeste dieses Priesters
beiwohnen.‹ Und der eine der beiden gedächte bei sich: ›Ach
dass mir doch bei dem Mahle der beste Sitz, das beste Wasser,
der beste Bissen zufiele, und nicht etwa einem anderen
Priester!‹ Möglich, Brāhmane, dass einem anderen Priester
beim Mahle der beste Sitz, das beste Wasser, der beste Bissen
zugetheilt werde, und nicht ihm. Und er würde erbittert und
missvergnügt: ›Ein anderer Priester hat beim Mahle den besten 638
Sitz, das beste Wasser, den besten Bissen erhalten, nicht ich!‹
Was geben nun wohl, Brāhmane, die Priester als Vergeltung dafür
an?«
»Nicht reichen ja, o Gotamo, die Priester also Almosen:
›Dadurch soll der Nächste erbittert und missvergnügt werden‹,
sondern sie reichen, o Gotamo, eben aus Mitleid Almosen.«
»Ist es also, Brāhmane, so haben die Priester diesen sechsten
Anlass Gutes zu thun, nämlich aus Mitleid.«
»Also ist es, o Gotamo, dass die Priester diesen sechsten
Anlass haben Gutes zu thun, nämlich aus Mitleid.«
»Was da, Brāhmane, die Priester als fünf Bedingungen angeben,
um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: wo hast du diese
zumeist angetroffen, bei Hausleuten oder bei den Pilgern?«
»Was da, o Gotamo, die Priester als fünf Bedingungen angeben,
um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: diese hab’ ich zumeist
bei den Pilgern angetroffen, wenig bei Hausleuten. Wer im
Hause lebt, o Gotamo, ist ja viel bethätigt, viel beschäftigt,
viel besorgt, viel bemüht, nicht jederzeit ganz und gar der
Wahrhaftigkeit zugethan. Wer aber dem Hause fern steht, o
Gotamo, ist wenig bethätigt, wenig beschäftigt, wenig besorgt,
wenig bemüht, jederzeit ganz und gar der Wahrhaftigkeit
zugethan. Wer im Hause lebt, o Gotamo, ist ja viel bethätigt,
viel beschäftigt, viel besorgt, viel bemüht, nicht jederzeit
ganz und gar bußhaft, keusch, andächtig, entsagungsvoll. Wer
aber dem Hause fern steht, o Gotamo, ist wenig bethätigt,
wenig beschäftigt, wenig besorgt, wenig bemüht, jederzeit ganz 639
und gar der Buße, der Keuschheit, der Andacht, der Entsagung
zugethan. Was da, o Gotamo, die Priester als fünf Bedingungen
angeben, um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: diese hab’
ich zumeist bei den Pilgern angetroffen, wenig bei Hausleuten.«
»Was da, Brāhmane, die Priester als fünf Bedingungen angeben,
um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: des Herzens Geräthe
heiße ich diese, wo das Herz ohne Grimm, ohne Groll darauf
hinarbeitet. Da ist, Brāhmane, ein Mönch wahrhaftig, und ›Ich
bin wahrhaftig‹ weiß er und gewinnt Verständnis des Sinnes,
Verständniss der Wahrheit, verständnissreife Wahrheitwonne; und
was da heilsame Wonne ist, das heiß’ ich des Herzens Geräth,
wo das Herz ohne Grimm, ohne Groll darauf hinarbeitet. Da ist,
Brāhmane, ein Mönch bußhaft, keusch, andächtig, entsagungsvoll,
und er weiß es und gewinnt Verständniss des Sinnes,
Verständniss der Wahrheit, verständnissreife Wahrheitwonne; und
was da heilsame Wonne ist, das heiß’ ich des Herzens Geräth,
wo das Herz ohne Grimm, ohne Groll darauf hinarbeitet. Was da,
Brāhmane, die Priester als fünf Bedingungen angeben, um Gutes
zu thun, Heilsames zu erwerben: des Herzens Geräthe heiße ich
diese, wo das Herz ohne Grimm, ohne Groll darauf hinarbeitet.«
Nach diesen Worten wandte sich Subho der junge Brāhmane, der
Sohn Todeyyos, also an den Erhabenen:
»Reden hab’ ich hören, o Gotamo: ›Der Asket Gotamo kennt den
Weg, der zu Brahmā führt.‹« 640
»Was meinst du wohl, Brāhmane: ist Naḷakāram das Dorf nahebei,
liegt es unweit von hier?«
»Freilich, Herr, ist Naḷakāram das Dorf nahebei, es liegt
unweit von hier.«
»Was meinst du wohl, Brāhmane: es sei da ein Mann, in Naḷakāram
von Geburt auferwachsen, und man fragte ihn, wie weit es noch
des Weges nach Naḷakāram sei: würde da etwa, Brāhmane, dieser
Mann, in Naḷakāram von Geburt auferwachsen, um den Weg nach
Naḷakāram gefragt, irgend zögern oder zaudern?«
»Gewiss nicht, o Gotamo!«
»Und warum nicht?«
»Der Mann ist ja, o Gotamo, in Naḷakāram von Geburt
auferwachsen: so kennt er denn alle die Wege nach Naḷakāram
genau.«
»Doch könnte, Brāhmane, dieser Mann, in Naḷakāram von Geburt
auferwachsen, um den Weg nach Naḷakāram gefragt, irgend zögern
oder zaudern: nicht aber kann der Vollendete, um die Brahmawelt
oder den Pfad, der zur Brahmawelt führt, gefragt, irgend
zögern oder zaudern. Den Brahmā kenn’ ich, Brāhmane, und die
Brahmawelt und den Pfad, der zur Brahmawelt führt, und auf
welche Weise man in brahmische Welt gelangt, auch das kenn’
ich.«
»Reden hab’ ich hören, o Gotamo: ›Der Asket Gotamo zeigt den
Weg, der zu Brahmā führt.‹ O dass mir doch Herr Gotamo den Weg
zeigte, der zu Brahmā führt!«
»Wohlan denn, Brāhmane, so höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Subho der junge Brāhmane,
der Sohn Todeyyos, dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Was ist das also, Brāhmane, für ein Weg, der zu Brahmā führt?
Da strahlt, Brāhmane, ein Mönch liebevollen Gemüthes weilend 641
nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der
dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach
unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er
die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem,
unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. In also geübter
liebevoller Gemütherlösung, Brāhmane, kann beschränktes Werk
nicht mehr übrig bleiben, nicht mehr bestehn. Gleichwie etwa,
Brāhmane, ein kräftiger Trompeter gar mühelos nach den vier
Seiten posaunen kann, ebenso nun auch, Brāhmane, kann in
also geübter liebevoller Gemütherlösung beschränktes Werk
nicht mehr übrig bleiben, nicht mehr bestehn. Das aber ist,
Brāhmane, der Weg, der zu Brahmā führt.
»Weiter sodann, Brāhmane: erbarmenden Gemüthes, freudevollen
Gemüthes, unbewegten Gemüthes weilend strahlt ein Mönch nach
einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten,
dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten:
überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die
ganze Welt mit erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe,
mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem,
von Grimm und Groll geklärtem. In also geübter erbarmender,
freudevoller, unbewegter Gemütherlösung, Brāhmane, kann
beschränktes Werk nicht mehr übrig bleiben, nicht mehr bestehn.
Gleichwie etwa, Brāhmane, ein kräftiger Trompeter gar mühelos
nach den vier Seiten posaunen kann, ebenso nun auch, Brāhmane,
kann in also geübter erbarmender, freudevoller, unbewegter
Gemütherlösung beschränktes Werk nicht mehr übrig bleiben, 642
nicht mehr bestehn. Das aber ist, Brāhmane, der Weg, der zu
Brahmā führt.«
* * * * *
Nach dieser Rede sprach Subho der junge Brāhmane, der Sohn
Todeyyos, zum Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht
in die Finsternis brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹:
ebenso auch ist von Herrn Gotamo die Lehre gar manigfach
dargelegt worden. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht,
bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge
mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.
-- Wohlan denn, o Gotamo, jetzt wollen wir aufbrechen: manche
Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, Brāhmane, belieben mag.«
Und Subho der junge Brāhmane, der Sohn Todeyyos, durch des
Erhabenen Rede erfreut und befriedigt, stand auf von seinem
Sitze, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum
und entfernte sich.
Um diese Zeit aber fuhr Jāṇussoṇi der Priester in einem weißen
Zeltwagen aus Sāvatthī hinaus, am Nachmittage. Da sah Jāṇussoṇi
der Priester den jungen Brāhmanen Subho, den Sohn Todeyyos, von
ferne herankommen, und als er ihn gesehn sprach er also zu ihm:
»Sieh’ da, wo kommt denn der verehrte Bhāradvājo[271] her, in
der Sonne des Nachmittags?«[272]
»Von dort, Lieber, vom Asketen Gotamo komme ich.«
»Was meint wohl Herr Bhāradvājo: hat der Asket Gotamo große 643
Geisteskraft? Man hält ihn für weise.«
»Wer bin ich, Lieber, dass ich über die große Geisteskraft des
Asketen Gotamo urtheilen sollte? Der müsste ihm wohl gleichen,
der die große Geisteskraft des Asketen Gotamo kennte!«
»Gewaltig, fürwahr, preist Herr Bhāradvājo das Lob des Asketen
Gotamo!«
»Wer bin ich, Lieber, dass ich den Asketen Gotamo preisen
sollte? Von Gepriesenen gepriesen wird Herr Gotamo, der Höchste
der Götter und Menschen. Und was da, Lieber, die Priester als
fünf Bedingungen angeben, um Gutes zu thun, Heilsames zu
erwerben: nur des Herzens Geräthe sind es, hat Herr Gotamo
gesagt, wo das Herz ohne Grimm, ohne Groll darauf hinarbeitet.«
* * * * *
Also berichtet stieg Jāṇussoṇi der Priester von seinem weißen
Zeltwagen herab, entblößte eine Schulter, verneigte sich
ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ
dann den Gruß ertönen:
»Gesegnet ist
König Pasenadi von Kosalo,
Hochgesegnet ist
König Pasenadi von Kosalo,
In dessen Reiche
Der Vollendete weilt,
Der Heilige, vollkommen Erwachte.« [273]
100.
Zehnter Theil Zehnte Rede
SAṈGĀRAVO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im
Lande Kosalo von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet. 644
Um diese Zeit nun lebte Dhanañjānī, das Weib eines Priesters,
zu Paccalakappam, gläubig ergeben dem Meister, der Lehre und
den Jüngern.[274]
Da hielt denn Dhanañjānī das Priesterweib mit ihrer Arbeit inne
und ließ dreimal den Gruß ertönen:
»Verehrung dem Erhabenen,
Dem heilig auferwachten Herrn!
»Verehrung dem Erhabenen,
Dem heilig auferwachten Herrn!
»Verehrung dem Erhabenen,
Dem heilig auferwachten Herrn!«
Damals aber war Saṉgāravo, ein junger Brāhmane, nach
Paccalakappam gezogen, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer
Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und
ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der
die Merkmale eines großen Weltweisen aufwies.
Und Saṉgāravo der junge Brāhmane hatte gehört wie Dhanañjānī
das Priesterweib also gesprochen, und er wandte sich zu ihr:
»Verkümmert ist dieses Priesterweib Dhanañjānī, verkommen ist
dieses Priesterweib Dhanañjānī, das ja da, wo es Priester,
Kenner der drei Veden giebt, jenen kahlgeschorenen Asketen
preisen mag!«[275]
»Nicht kennst du ja doch, guter Freund, des Erhabenen Tugend
und Weisheit: wenn du, guter Freund, des Erhabenen Tugend und
Weisheit kenntest, so würdest du, guter Freund, nicht daran
denken, Ihn, den Erhabenen zu schmähen und zu schelten.«
»Wohl denn, liebe Frau: wenn einmal der Asket Gotamo nach
Paccalakappam kommt, so lass’ es mir sagen!«
»Gern, guter Freund!« erwiderte da Dhanañjānī das Priesterweib
Saṉgāravo dem jungen Brāhmanen.
* * * * *
Und der Erhabene wanderte im Lande Kosalo von Ort zu Ort weiter
und gelangte allmälig nach Paccalakappam.
Zu Paccalakappam weilte nun der Erhabene, im Mangohaine der 645
Todeyyer Priester.
Da hörte Dhanañjānī das Priesterweib reden: ›Der Erhabene
ist in Paccalakappam angekommen, weilt bei Paccalakappam, im
Mangohaine der Todeyyer Priester!‹
Und Dhanañjānī das Priesterweib begab sich zu Saṉgāravo dem
jungen Brāhmanen hin und meldete ihm:
»Er ist hier, guter Freund! In Paccalakappam ist der Erhabene
angekommen, weilt bei Paccalakappam, im Mangohaine der Todeyyer
Priester: wie es dir nun, guter Freund, belieben mag.«
»Schön, liebe Frau!« sagte da freundlich Saṉgāravo der junge
Brāhmane zu Dhanañjānī dem Priesterweib.
Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem
Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend
sprach nun Saṉgāravo der junge Brāhmane zum Erhabenen also:
»Es giebt, o Gotamo, manche Asketen und Priester, die der
Erkenntniss letzte Vollendung, das Urasketenthum hienieden
erreicht zu haben glauben. Zu welchen aber, o Gotamo, von
diesen Asketen und Priestern, die der Erkenntniss letzte
Vollendung, das Urasketenthum hienieden erreicht zu haben
glauben, gehört da Herr Gotamo?«
»Die der Erkenntniss letzte Vollendung, das Urasketenthum
hienieden erreicht zu haben glauben sind eben, sag’ ich,
Bhāradvājo[276], verschieden geartet. Es giebt, Bhāradvājo,
manche Asketen und Priester, die wissen vom Hörensagen her und
glauben, durch Hörensagen der Erkenntniss letzte Vollendung,
das Urasketenthum hienieden erreicht zu haben; gleichwie
etwa die Dreivedenpriester. Es giebt auch, Bhāradvājo,
manche Asketen und Priester, die ganz aus eigenem Dünken der
Erkenntniss letzte Vollendung, das Urasketenthum hienieden
erreicht zu haben glauben; gleichwie etwa die Grübler und
Forscher.[277] Es giebt, Bhāradvājo, manche Asketen und
Priester, die bei nie zuvor erfahrenen Dingen die Wahrheit 646
eben selbst erkannt und der Erkenntniss letzte Vollendung,
das Urasketenthum hienieden erreicht zu haben glauben. Zu
den Asketen und Priestern, Bhāradvājo, die da bei nie zuvor
erfahrenen Dingen die Wahrheit eben selbst erkannt und der
Erkenntniss letzte Vollendung, das Urasketenthum hienieden
erreicht zu haben glauben, zu denen gehör’ ich. Darum muss man
es nun, Bhāradvājo, dem Verhältniss entsprechend beurtheilen,
wie zu den Asketen und Priestern, die bei nie zuvor erfahrenen
Dingen die Wahrheit eben selbst erkannt und der Erkenntniss
letzte Vollendung, das Urasketenthum hienieden erreicht zu
haben glauben, auch ich gehöre.«[278]
»Ernstlich hat sich wohl Herr Gotamo darum bemüht, ehrlich hat 664
sich wohl Herr Gotamo darum bemüht, wie das einem Heiligen,
vollkommen Erwachten ansteht. -- Sagt mir doch, Herr Gotamo:
giebt es Götter?«
»Deutlich merkt man es ja, Bhāradvājo, ob es Götter giebt.«
»Wie denn, o Gotamo: auf die Frage ›Giebt es Götter‹ antwortest
du ›Deutlich merkt man es ja, Bhāradvājo, ob es Götter giebt‹;
dann also ist es, o Gotamo, bloße Lüge?«
»‚Giebt es Götter‘, wer also, Bhāradvājo, gefragt, ›Es giebt
Götter‹ sagte, und wer ›Deutlich merkt man es ja‹ sagte: ein
verständiger Mann wird da wohl den nämlichen Schluss ziehn, ob
es Götter giebt.«
»Warum aber hat mir Herr Gotamo nicht sogleich Bescheid
gegeben?«
»Der Edle ist einig geworden, Bhāradvājo, in der Welt, ob es
Götter giebt.«
* * * * *
Nach diesen Worten sprach Saṉgāravo der junge Brāhmane zum
Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Als Anhänger 665
möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens
getreu.«
ANMERKUNGEN
[* _Saṃyuttakanikāyo_ vol. III. p. 138 (übers.
Buddhist. Anthol. S. 188). Aehnlich in der hundertsten Rede der
vorliegenden Sammlung, gegen Ende, sowie an anderen Orten.]
[** Eine nicht unwillkommene Beglaubigung der
einheimischen Urkunden haben jene vortrefflichen Griechen
geliefert, die nach dem /Alexander/-Zuge sich längere
Zeit in Indien aufhielten und indische Dinge eifrig und
liebevoll studierten: so namentlich /Megasthenes/,
der zu Beginn des dritten Jahrhunderts wiederholt in der
Residenz des Großvaters Asokos, im Mittelpunkte des damaligen
buddhistischen Lebens, zu _Pāṭaliputtam_ weilte. Mit scharfem
Blicke hat dieser Forscher beobachtet und geschildert was er
gesehn und erfahren, und die wenigen uns erhaltenen Bruchstücke
seiner Aufzeichnungen hören sich manchmal wie wörtliche
Quellenberichte an. Ich habe mich ihrer gelegentlich bedient
und möchte hier nur, als Beispiel, die 38. Anmerkung erwähnen.]
[*** Proben aus den Werken dieses außerordentlichen
Mannes hat uns /Grierson/ in sehr schöner Uebersetzung
gegeben, Indian Antiquary, August-Oktober 1893; man wird schon
da viele Gleichnissparallelen finden, die theils dem Genius des
Dichters, theils aber auch der großen indischen Vergangenheit
angehören.]
[† nach der _Smṛti_, e. g. _Mahābhāratam_ XIII,
108, 3 ff., _śuddhe satyatoye dhṛtihrade snātavyaṃ mānase
tīrthe... sa bāhyābhyantaraḥ śuciḥ,_ i. q. _Majjhimanikāyo_
7. Rede, p. 39, _antaraṃ sinānam._ Eine offenbare Blüthezeit
des neogenen Buddhismus in Mittelindien noch vierzehnhundert
Jahre nach seiner Entstehung hat /Bühler/ aus
Inschriften des achten bis zehnten Jahrhunderts, die sich an
jene des vorhergehenden Jahrtausends folgerecht anschließen,
Epigraphia Indica vol. II. p. 366 ff., nachgewiesen. Ein von
mir erworbenes Granitbildniss des Buddho im rein indischen
_Jina_-Stil vom Tempel bei Gayā trägt die Inschrift
[ye dharmā he] tuprabhavā hetuṃ t[e]ṣām tathāgato
[āha te]ṣā[ṃ] ca yo nirodha evamvādī mahā
[śra[ma]ṇaḥ (||)
in Lettern des zehnten bis elften Jahrhunderts. Eine etwa
zweihundert Jahre spätere Inschrift, »Nach des Erhabenen
Vollendung Jahr 1813« datiert, vom heutigen Sonnentempel zu
Gayā, hat /Cunningham/ im Archaeological Survey of India
vol. I. p. 1 mitgetheilt und /Bhagwānlāl Indrājī/ im
Indian Antiquary vol. X. p. 341-347 mit einem vorzüglichen
Facsimile erklärt, ib. vol. XVII. p. 61 ff. /Kielhorn/
eine noch spätere buddhistische Inschrift vom _Jetavanam_
bei _Sāvatthī_ veröffentlicht. So ist auch von außen, schon
für die gröbere Wahrnehmung, durch eine ununterbrochene
Reihe sprechender Ruinen, von Asoko bis in die neueren
Zeiten der muhammedanischen Wüthensherrschaft, das Bestehn
des Buddhismus in Indien verbürgt. Vereinzelt haben sich
in Bengālen buddhistische Herrscher bis in das sechzehnte
Jahrhundert -- der Epoche des /Tul’sīdās/ -- gehalten;
von /Kern/ in /Bühlers/ Grundriss III. 8. p. 134
historisch belegt.]
[Fußnote 1: zu _kasaṭam_ cf. _karṣū_.]
[Fußnote 2: Eine gute Uebersicht des unglaublich
peinlichen Opferwesens hat /Hillebrandt/ in seiner
»Rituallitteratur« gegeben, /Bühlers/ Grundriss III.
2. Vergl. daselbst p. 126 zum obigen _magavisāṇena piṭṭhiṃ
kaṇḍūvamāno_, p. 110 zur Melksymbolik; zur _gāvī sarūpavacchā_
die _Gṛhyasūtren,_ e. g. _Śāṃkhāyanas_ 5. _{5}. _{7}.]
[Fußnote 3: _saṉkhalikhitam,_ das ich von _saṉkhya^0_
abgeleitet habe, kann möglicherweise doch auf _śaṉkha^0_
zurückgehn: also »angereihte _Gaurī_-Schnecken (Cypraea
moneta)«, statt »der Reihe nach geschrieben«. Die Bedeutung ist
in diesem wie jenem Falle die selbe: Punkt für Punkt.]