»Was ist das also, Dhanañjani, für ein Weg, der zu Brahmā

führt? Da strahlt, Dhanañjani, ein Mönch liebevollen Gemüthes 617

weilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann

nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und

nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt

er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem,

tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Das

ist, Dhanañjani, der Weg, der zu Brahmā führt. Weiter sodann,

Dhanañjani: erbarmenden Gemüthes, freudevollen Gemüthes,

unbewegten Gemüthes weilend strahlt ein Mönch nach einer

Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann

nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in

allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit

erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe, mit unbewegtem

Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und

Groll geklärtem. Das ist, Dhanañjani, der Weg, der zu Brahmā

führt.«

»Wohl denn, o Sāriputto! Und bring’ dem Erhabenen zu Füßen

meinen Gruß dar: ›Dhanañjani, o Herr, der Priester, ist unwohl,

leidend, schwerkrank: er bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß

dar.‹«

Und der ehrwürdige Sāriputto, der Dhanañjani den Priester,

obzwar noch mehr zu thun war, in hinfällige Brahmawelt

eingeführt hatte, erhob sich nun von seinem Sitze und ging fort.

Bald aber, nachdem der ehrwürdige Sāriputto fortgegangen war,

starb Dhanañjani der Priester und erschien in der Brahmawelt

wieder.

* * * * *

Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:

»Es hat, ihr Mönche, Sāriputto Dhanañjani den Priester, obzwar 618

noch mehr zu thun war, in hinfällige Brahmawelt eingeführt, ist

dann aufgestanden und fortgangen.«

Und der ehrwürdige Sāriputto kam zum Erhabenen heran, begrüßte

den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder.

Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Sāriputto zum

Erhabenen also:

»Dhanañjani, o Herr, der Priester, ist unwohl, leidend,

schwerkrank: er bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar.«

»Warum hast du doch, Sāriputto, Dhanañjani den Priester, obzwar

noch mehr zu thun war, in hinfällige Brahmawelt eingeführt,

bist dann aufgestanden und fortgegangen?«

»Ich habe, o Herr, gedacht: ›Diese Priester sind der Brahmawelt

zugeneigt: wie, wenn ich nun Dhanañjani dem Priester den Weg

zeigte, der zu Brahmā führt?‹«

»Gestorben ist, Sāriputto, Dhanañjani der Priester, in der

Brahmawelt wiedererschienen.«[257]

98.

Zehnter Theil Achte Rede

VĀSEṬṬHO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Icchānaṉgalam, im Waldgehölz von Icchānaṉgalam.

Um diese Zeit nun hielten sich viele wohlbekannte, wohlberühmte

hochmögende Priester zu Icchānaṉgalam auf, als da waren Caṉkī

der Priester, Tārukkho der Priester, Pokkharasāti der Priester,

Jāṇussoṇi der Priester, Todeyyo der Priester, und noch andere 619

wohlbekannte, wohlberühmte hochmögende Priester.[258]

Als nun eines Tages Vāseṭṭho und Bhāradvājo, zwei junge

Brāhmanen, auf einem Spaziergange lustwandelnd sich ergingen,

kam folgende Rede unter ihnen auf:

»Sagt mir, Herr, wie man Priester wird!«

Bhāradvājo der junge Brāhmane gab also Antwort:

»Wenn da, Herr, einer beiderseit wohlgeboren ist, vom Vater

und von der Mutter aus, lauter empfangen, bis zum siebenten

Ahnherrn hinauf unbefleckt, untadelhaft von Geburt, ist er

insofern, Herr, ein Priester.«

Vāseṭṭho der junge Brāhmane gab also Antwort:

»Wer da, Herr, tugendhaft ist und gewissenhaft lebt[259], ist

insofern, Herr, ein Priester.«

Aber weder vermochte Bhāradvājo der junge Brāhmane Vāseṭṭho

den jungen Brāhmanen zu seiner Ansicht zu bringen, noch auch

vermochte Vāseṭṭho der junge Brāhmane Bhāradvājo den jungen

Brahmanen zu sich zu bekehren. Da wandte sich denn der junge

Vāseṭṭher also an den jungen Bhāradvājer:

»Es hält sich da, o Bhāradvājo, der Asket Gotamo, der

Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, bei

Icchānaṉgalam auf, im Waldgehölz bei Icchānaṉgalam. Diesen

Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen

Ruhmesrufe, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige,

vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der

Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter

der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der

Erwachte, der Erhabene.‹ Wir wollen uns, o Bhāradvājo, dorthin

begeben wo der Asket Gotamo weilt und den Asketen Gotamo darum

befragen: wie es uns der Asket Gotamo erklären wird, so wollen

wir es halten.«

»Gut, Herr!« sagte da zustimmend der junge Bhāradvājer zum 620

jungen Vāseṭṭher.

Und die beiden jungen Brāhmanen Vāseṭṭho und Bhāradvājo begaben

sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt tauschten

sie höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem

Erhabenen und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend

sprach nun der junge Vāseṭṭher den Erhabenen mit den Sprüchen

an:

»Als Kenner sind wir anerkannt,

In drei der Veden eingeweiht:

Pokkharasāti lehrte mich,

Tārukkho Diesen, meinen Freund.

»Was Vedendeuter kundgethan,

Vollkommen haben wir’s gemerkt,

Behalten sinnig Satz um Satz

Und sprechen wie ein Meister spricht.

»Als von Geburt die Rede war

Erstand ein Streit uns, Gotamo:

‚Ein Priester ist man durch Geburt‘,

Behauptet Bhāradvājo hier,

Ich aber sage: durch die That;

Du sollst es wissen, Seherfürst!

»Und keiner können beide wir

Zufrieden mit einander sein:

Den Herrn zu fragen sind wir da,

Den Auferwachten, hochberühmt.

»Gleichwie der vollgewordne Mond,

Hervorgekommen, fromm begrüßt

Vom Volke, froh gefeiert wird,

So preisen sie auch deinen Preis.[260]

»Das Auge, das der Welt erwuchs,

Befragt sei von uns Gotamo:

Ist man ein Priester durch Geburt,

Ist man es durch die That allein?

Die Ungewissen weise du,

Auf dass den Priester wir verstehn.«

Der Herr:

»So will ich denn erklären euch

Der Reihe nach und recht genau

Der Wesen mancherlei Geburt, 621

Von einer Art zur andern Art.[261]

»Das Gras, ihr kennt es, kennt den Baum,

Doch euch erkennen diese nicht:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.

»Die Kerfe dann, was kriecht und fliegt,

Ameisen, Asseln insgesammt:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.

»Vierfüß’ge Thiere, klein und groß,

Auch sind euch diese wohlbekannt:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.

»Bauchläufer kennt ihr, was da schleicht

Als Schlange hin, als Echse her:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.

»Und Fische kennt ihr, was da schwimmt

Und schweifend in Gewässern west:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.

»Die Vögel kennt ihr, was da schwebt,

Auf Schwingen durch die Lüfte zieht:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.

»Wie nun bei diesen Arten hier

Bestimmt ist einzeln jeder Stamm,

So gilt es bei den Menschen nicht,

Dass einzeln sei der Stamm bestimmt.

»An Haaren nicht, am Haupte nicht,

An Ohren und an Augen nicht,

Am Munde nicht, an Lippen nicht,

An Nase nicht, an Brauen nicht,

»Am Halse nicht, an Schultern nicht,

Am Bauche nicht, am Rücken nicht,

An Brust nicht und an Hüften nicht,

An After nicht und nicht an Schaam,

»An Händen und an Füßen nicht,

An Fingern und an Nägeln nicht, 622

An Schienen und an Schenkeln nicht,

Nicht an Gestalt und Stimme nicht

Ist einzeln jeder Stamm bestimmt

Wie bei den andern Arten hier.

»Gemeinsam ist ein jeder Mensch

Mit seinem Leibe so begabt[262]:

Was Menschen unterschieden macht,

Es ist ein Name, den man giebt.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der von der Viehzucht sich ernährt,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Bauer heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der durch ein Handwerk sich erhält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Handwerker heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der sich durch Handel unterhält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Händler heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der sich in Andrer Dienst erhält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Dienstmann heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der nimmt was ihm nicht angehört,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Räuber heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der sich um Sold verdungen hat,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Söldner heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der Opferamt bei Hofe hält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Opfrer heißt er; Priester nicht.

»Wer es von Menschen immer sei,

Der über Land und Leute herrscht,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein König heißt er; Priester nicht. 623

»Nicht kann als Priester gelten mir

Ein fleischgeborner Muttersohn;

Wohl spricht er andre eifrig an[263]

Und strebt nach diesem, strebt nach dem:

Wer nichts erstrebt, wer nichts mehr nimmt,

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer jedes Band durchschnitten hat,

Wer nimmer bange Furcht erfährt,

Der Ueberwinder, fesselfrei,

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer Band und Riemen, Strang und Seil

Mit Macht zerschnitten hat entzwei

Und, auferwacht, den Riegel hebt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer Schmähung, Schläge, Haft und Tod

Geduldig, ruhig, sanft erträgt,

Der Dulderheld, der herrlich taugt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Der unerzürnbar schlichte Mann,[264]

Der alles aushält, nichts verwünscht,

Der sanft das letzte Dasein lebt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Dem Tropfen gleich am Lotusblatt,

Dem Senfkorn gleich an spitzem Pfriem:

Wer an der Lust nicht hängen bleibt,

Als Priester gelten kann mir der.

»Der Leiden Ende, wer es da

Hienieden noch an sich erfährt,

Von Lasten ledig, Fesseln frei:

Als Priester gelten kann mir der.

»Der tief bedacht ist, weise will,

Den Weg und Abweg deutlich schaut,

Das höchste Gut errungen hat:

Als Priester gelten kann mir der.

»Der Welt entfremdet, Brüdern fremd,

Sich keinen Menschen schließend an,

Zufrieden ohne Heim und Haus:

Als Priester gelten kann mir der.

»Verwerfend jede Waff’ und Wehr,

Nicht Thieren feind, nicht Pflanzen feind: 624

Wer weder tödtet, weder schlägt,

Als Priester gelten kann mir der.

»Wuthlos in dieser Wüthenswelt,

Wehrlos in dieser Waffenwelt,

Wunschlos in dieser Wunscheswelt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer abgeworfen Gier und Hass

Und Hochmuth und Scheinheiligkeit,

Senfsaamen gleich von spitzem Pfriem:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer ohne Aerger, ohne Grimm

Der Wahrheit klare Sprache spricht,

Wodurch er keinen kränken kann:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer da nicht Großes, Kleines nicht,

Was fein ist, grob, schön, unschön ist,

Wer nichts von allem nehmen mag:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer nichts erhofft von dieser Welt,

Wer nichts erhofft von jener Welt,

Von Hoffnung heil ist, fesselfrei:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer nirgend haften, hangen kann,

In Weisheit nimmer ungewiss,

Am ew’gen Ufer angelangt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer guter That und böser That,

Wer beiden Fesseln sich entwand,

Geläutert, ohne Gier und Gram:

Als Priester gelten kann mir der.[265]

»Dem reinen vollen Monde gleich,

Der klar und heiter herrlich strahlt:

Wer Gnügelust versiegen ließ,

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer diesem Irrweg, diesem Sumpf,

Dem Wahn der Wandelwelt entrann,

Gerettet, welterlöst, vertieft,

Unwandelbar, unzweifelhaft,

Erloschen ohne Ueberrest:

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer da der Liebe Glück verschmäht 625

Und haus- und heimlos weiterzieht,

Wer Liebeslust versiegen ließ,

Als Priester gelten kann mir der.

»Wer Durst nach Dasein da verschmäht

Und haus- und heimlos weiterzieht,

Wer Durst nach Dasein hat versiegt,

Als Priester gelten kann mir der.

»Entronnen diesem Menschenreich,

Entgangen aller Götterwelt,

Von jedem Joche losgelöst:

Als Priester gelten kann mir der.

»Der Lust und Unlust abgewandt,

Verglommen nirgend haftend an,

Der Ueberwinder aller Welt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Der Wesen Schwinden, wer es merkt,

Und ihr Erscheinen allzumal,

Unhaftbar, sälig, auferwacht:

Als Priester gelten kann mir der.

»Von dem nicht Götter, Geister nicht

Und Menschen nicht die Spur erspähn:

Der Wahnversieger, Weiheherr,

Als Priester gelten kann mir der.

»Wem nichts mehr gilt Vergangenheit,

Nichts Zukunft und nichts Gegenwart,

Wer nichts erstrebt, wer nichts mehr nimmt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Der Hehre, allerbeste Held,

Der hohe Seher, siegesreich,

Vollendet, ewig, auferwacht:

Als Priester gelten kann mir der.

»Vergangen Dasein, wer das kennt,

So Unterwelt wie Oberwelt,

Und die Geburten hat versiegt:

Als Priester gelten kann mir der.

»Nur Name ist es in der Welt 626

Den Stand und Titel darzuthun,

Von alters überkommen uns,

Gegeben weiter fort und fort.

»Was lange Zeiten man geglaubt,

Das Wort Unweiser, ihr Gebot,

Man spricht es also noch uns vor:

‚Ein Priester ist man durch Geburt.‘

»Geburt macht nicht den Priester aus,

Geburt lässt nicht Unpriester sein:

Die That macht einen Priester aus,

Die That lässt ihn Unpriester sein.

»Ein Bauer ist man durch die That,

Ist durch die That ein Handwerksmann,

Ein Händler ist man durch die That,

Ist durch die That im Dienste Knecht,

»Ein Räuber ist man durch die That,

Ist durch die That ein Kriegsoldat,

Ein Opfrer ist man durch die That,

Ist durch die That ein Landesherr.

»Getreu der Wahrheit, wohlbewährt,

Betrachten Denker so die That;

Wie eines aus dem andern folgt

Verstehn sie, was die That erwirkt.

»Durch Thaten ist die Welt bedingt,

Bedingt durch Thaten ist das Volk;

Um Thaten dreht sich jedes um,

Wie um die Achse rollt das Rad.

»Ein heißer Ernst, ein keuscher Sinn,

Genugsamkeit und Selbstverzicht,

Das macht den Menschen Priester sein,

Ist allerhöchste Priesterschaft.

»Der Wissen dreifach in sich trägt,

Gestillt versiegt hat Wiedersein,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl,

Ist Brahmā, Sakko, recht erkannt.«

* * * * *

Also belehrt sagten da die jungen Brāhmanen Vāseṭṭho und

Bhāradvājo zum Erhabenen:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Als Anhänger

möge uns Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens 627

getreu.«[266]

99.

Zehnter Theil Neunte Rede

SUBHO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun hielt sich Subho, ein junger Brāhmane, der

Sohn Todeyyos, zu Sāvatthī auf, in der Wohnung eines gewissen

Hausvaters, irgend eines Geschäftes halber.

Wie sich nun Subho der junge Brāhmane, der Sohn Todeyyos, bei

jenem Hausvater dort befand sprach er also zu ihm:

»Ich habe, Hausvater, reden hören, viel besucht werde Sāvatthī

von Heiligen: was für einen Asketen oder Priester sollen wir da

heute aufsuchen?«

»Es weilt da, o Herr, der Erhabene zu Sāvatthī, im Siegerwalde,

im Garten Anāthapiṇḍikos: Ihn, o Herr, den Erhabenen sollst du

aufsuchen.«

Da begab sich denn Subho der junge Brāhmane, der Sohn Todeyyos,

auf den Rath jenes Hausvaters zum Erhabenen hin. Dort angelangt

wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte

mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts 628

sitzend sprach nun Subho der junge Brāhmane, der Sohn Todeyyos,

zum Erhabenen also:

»Die Priester, o Gotamo, reden also: ›Wer im Hause bleibt kann

Aechtes erwirken, heilsames Recht; wer vom Hause fortzieht kann

es nicht.‹ Was hält nun Herr Gotamo davon?«

»Mancherlei sag’ ich, Brāhmane, darüber aus, nicht sag’ ich

darüber einerlei aus. Ob einer, Brāhmane, im Hause bleibt, oder

ob einer vom Hause fortzieht: lebt er falsch, so lob’ ich es

nicht. Denn wer im Hause bleibt, Brāhmane, und wer vom Hause

fortzieht: lebt er falsch, so kann er um seines falschen Lebens

willen nicht Aechtes erwirken, heilsames Recht. Ob einer,

Brāhmane, im Hause bleibt, oder ob einer vom Hause fortzieht:

lebt er recht, so lob’ ich es. Denn wer im Hause bleibt,

Brāhmane, und wer vom Hause fortzieht: lebt er recht, so kann

er um seines rechten Lebens willen Aechtes erwirken, heilsames

Recht.«

»Die Priester, o Gotamo, reden also: ›Die viel gewichtige,

viel geschäftige, viel sorghafte, viel mühsame Thätigkeit

des Hauslebens trägt viel ein; die wenig gewichtige, wenig

geschäftige, wenig sorghafte, wenig mühsame Thätigkeit des

Pilgerlebens trägt wenig ein.‹[267] Was hält nun Herr Gotamo

davon?«

»Auch darüber sag’ ich, Brāhmane, mancherlei aus, nicht sag’

ich darüber einerlei aus. Es giebt, Brāhmane, eine Thätigkeit,

die viel gewichtig, viel geschäftig, viel sorghaft, viel

mühsam misslingend wenig einträgt. Es giebt, Brāhmane, eine

Thätigkeit, die viel gewichtig, viel geschäftig, viel sorghaft,

viel mühsam gelingend viel einträgt. Es giebt, Brāhmane,

eine Thätigkeit, die wenig gewichtig, wenig geschäftig,

wenig sorghaft, wenig mühsam misslingend wenig einträgt. Es 629

giebt, Brāhmane, eine Thätigkeit, die wenig gewichtig, wenig

geschäftig, wenig sorghaft, wenig mühsam gelingend viel

einträgt. Was ist das aber, Brāhmane, für eine Thätigkeit,

die viel gewichtig, viel geschäftig, viel sorghaft, viel

mühsam misslingend wenig einträgt? Der Ackerbau ist, Brāhmane,

eine Thätigkeit, die viel gewichtig, viel geschäftig, viel

sorghaft, viel mühsam misslingend wenig einträgt. Und was ist

es, Brāhmane, für eine Thätigkeit, die viel gewichtig, viel

geschäftig, viel sorghaft, viel mühsam gelingend viel einträgt?

Wiederum ist der Ackerbau, Brāhmane, eine Thätigkeit, die

viel gewichtig, viel geschäftig, viel sorghaft, viel mühsam

gelingend viel einträgt. Was ist das aber, Brāhmane, für eine

Thätigkeit, die wenig gewichtig, wenig geschäftig, wenig

sorghaft, wenig mühsam misslingend wenig einträgt? Der Handel

ist, Brāhmane, eine Thätigkeit, die wenig gewichtig, wenig

geschäftig, wenig sorghaft, wenig mühsam misslingend wenig

einträgt. Und was ist es, Brāhmane, für eine Thätigkeit die

wenig gewichtig, wenig geschäftig, wenig sorghaft, wenig mühsam

gelingend viel einträgt? Wiederum ist der Handel, Brāhmane,

eine Thätigkeit, die wenig gewichtig, wenig geschäftig, wenig

sorghaft, wenig mühsam gelingend viel einträgt.

»Gleichwie nun, Brāhmane, der Ackerbau eine Thätigkeit ist, die

viel gewichtig, viel geschäftig, viel sorghaft, viel mühsam

misslingend wenig einträgt: ebenso auch, Brāhmane, ist das

Hausleben eine Thätigkeit, die viel gewichtig, viel geschäftig,

viel sorghaft, viel mühsam misslingend wenig einträgt.

Gleichwie nun, Brāhmane, wiederum der Ackerbau eine Thätigkeit

ist, die viel gewichtig, viel geschäftig, viel sorghaft,

viel mühsam gelingend viel einträgt: ebenso auch, Brāhmane, 630

ist das Hausleben eine Thätigkeit, die viel gewichtig, viel

geschäftig, viel sorghaft, viel mühsam gelingend viel einträgt.

Gleichwie nun, Brāhmane, der Handel eine Thätigkeit ist, die

wenig gewichtig, wenig geschäftig, wenig sorghaft, wenig

mühsam misslingend wenig einträgt: ebenso auch, Brāhmane, ist

das Pilgerleben eine Thätigkeit, die wenig gewichtig, wenig

geschäftig, wenig sorghaft, wenig mühsam misslingend wenig

einträgt. Gleichwie nun, Brāhmane, wiederum der Handel eine

Thätigkeit ist, die wenig gewichtig, wenig geschäftig, wenig

sorghaft, wenig mühsam gelingend viel einträgt: ebenso auch,

Brāhmane, ist das Pilgerleben eine Thätigkeit, die wenig

gewichtig, wenig geschäftig, wenig sorghaft, wenig mühsam

gelingend viel einträgt.«

»Die Priester, o Gotamo, geben fünf Bedingungen an, um Gutes zu

thun, Heilsames zu erwerben.«

»Was da, Brāhmane, die Priester als fünf Bedingungen angeben,

um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben: wenn es dir nicht

schwer fällt magst du wohl diese fünf Bedingungen der

Versammlung hier mittheilen.«

»Es fällt mir, o Gotamo, nicht schwer, wo so Ehrwürdige

versammelt sind, oder ihnen Aehnliche.«

»Wohlan denn, Brāhmane, so rede.«

»Wahrhaftigkeit, o Gotamo, geben die Priester als erste

Bedingung an, um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben. Buße, o

Gotamo, geben die Priester als zweite Bedingung an, um Gutes

zu thun, Heilsames zu erwerben. Keuschen Wandel, o Gotamo,

geben die Priester als dritte Bedingung an, um Gutes zu thun, 631

Heilsames zu erwerben. Andacht, o Gotamo, geben die Priester

als vierte Bedingung an, um Gutes zu thun, Heilsames zu

erwerben. Entsagung, o Gotamo, geben die Priester als fünfte

Bedingung an, um Gutes zu thun, Heilsames zu erwerben. Die

Priester, o Gotamo, geben diese fünf Bedingungen an, um Gutes

zu thun, Heilsames zu erwerben. Was hält nun Herr Gotamo davon?«

»Was glaubst du, Brāhmane: giebt es unter den Priestern auch

nur einen Priester, der da gesagt hat: ›Ich selber kann den

Erfolg dieser fünf Bedingungen als erfahren und verwirklicht

aufweisen‹?«

»Wohl nicht, o Gotamo!«

»Was glaubst du, Brāhmane: giebt es unter den Priestern auch

nur einen Meister, oder Meister und Altmeister, bis zum

siebenten Großmeisterahnen hinauf, der da gesagt hat: ›Ich

selber kann den Erfolg dieser fünf Bedingungen als erfahren und

verwirklicht aufweisen‹?«

»Wohl nicht, o Gotamo!«

»Was glaubst du, Brāhmane: die da vormals der Priester Seher

waren, die Verfasser der Sprüche, Verkünder der Sprüche, deren

uralte Spruchlieder, wie sie gesungen, ausgesprochen, gesammelt

wurden, die Priester heute und hier ihnen nachsingen, ihnen

nachsagen, das Gesagte weitersagen, das Gelehrte weiterlehren,

als da waren Aṭṭhako, Vāmako, Vāmadevo, Vessāmitto, Yamataggi,

Aṉgiraso, Bhāradvājo, Vāseṭṭho, Kassapo, Bhagu: haben etwa

diese gesagt: ›Wir selber können den Erfolg dieser fünf

Bedingungen als erfahren und verwirklicht aufweisen‹?«

»Wohl nicht, o Gotamo!«

»So giebt es denn, Brāhmane, unter den Priestern auch nicht

einen Priester, der da gesagt hat: ›Ich selber kann den 632

Erfolg dieser fünf Bedingungen als erfahren und verwirklicht

aufweisen‹; giebt es unter den Priestern auch nicht einen

Meister, oder Meister und Altmeister, bis zum siebenten

Großmeisterahnen hinauf, der da gesagt hat: ›Ich selber

kann den Erfolg dieser fünf Bedingungen als erfahren und

verwirklicht aufweisen‹; und die da vormals der Priester Seher

waren, die Verfasser der Sprüche, Verkünder der Sprüche, deren

uralte Spruchlieder, wie sie gesungen, ausgesprochen, gesammelt

wurden, die Priester heute und hier ihnen nachsingen, ihnen

nachsagen, das Gesagte weitersagen, das Gelehrte weiterlehren,

als da waren Aṭṭhako, Vāmako, Vāmadevo, Vessāmitto, Yamataggi,

Aṉgiraso, Bhāradvājo, Vāseṭṭho, Kassapo, Bhagu: auch diese

haben nicht gesagt: ›Wir selber können den Erfolg dieser

fünf Bedingungen als erfahren und verwirklicht aufweisen.‹

Gleichwie etwa, Brāhmane, eine Reihe Blinder, einer dem anderen

angeschlossen, und kein vorderer sieht, und kein mittlerer

sieht, und kein letzterer sieht: ebenso nun auch, Brāhmane, als

eine Reihe Blinder will mir das Reden der Priester erscheinen,

wo kein vorderer sieht, und kein mittlerer sieht, und kein

letzterer sieht.«

So berichtet wurde Subho der junge Brāhmane, der Sohn Todeyyos

-- vom Erhabenen mit dem Gleichnisse von der Blindenreihe

belehrt -- unwillig und unzufrieden; und den Erhabenen lästernd

und den Erhabenen tadelnd und den Erhabenen warnend -- ›Ob

wohl der Asket Gotamo vollbracht hat‹ -- sprach er also zum

Erhabenen:[268]

»Pokkharasāti, o Gotamo, der Priester, der Opamaññer von

Subhagavanam, hat gesagt: ›Ebenso auch behaupten da gar manche

Asketen und Priester ein überirdisches, reiches Heilthum der 633

Wissensklarheit zu besitzen: denen gereicht diese Rede nur zum

Spotte, zum bloßen Namen, erweist sich ganz eitel und nichtig.

Denn wie sollte wohl ein Erdensohn ein überirdisches, reiches

Heilthum der Wissensklarheit verstehn oder erkennen oder

verwirklichen? Das ist unmöglich.‹«

»Wie denn, Brāhmane: kann der Priester Pokkharasāti, der

Opamaññer von Subhagavanam, auch aller Asketen und Priester

Herz im Herzen schauen und erkennen?«

»Freilich, o Gotamo, nicht einmal bei seiner Magd Puṇṇikā kann

der Priester Pokkharasāti, der Opamaññer von Subhagavanam, das

Herz im Herzen schauen und erkennen: woher sollt’ er denn gar

aller Asketen und Priester Herz im Herzen schauen und erkennen?«

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 39 / 45 段