»Was meinst du wohl, Assalāyano: es sei da ein junger Priester,

der wohne der Tochter eines Kriegers bei; infolge ihrer

Beiwohnung würde ein Sohn geboren. Dieser Sohn, der von einem

jungen Priester und der Tochter eines Kriegers abstammte, der

Mutter ähnlich und dem Vater ähnlich, kann der Krieger genannt

und Priester genannt werden?« 550

»Dieser Sohn, o Gotamo, der von einem jungen Priester und der

Tochter eines Kriegers abstammte, der Mutter ähnlich und dem

Vater ähnlich, der kann Krieger genannt und Priester genannt

werden.«

»Was meinst du wohl, Assalāyano: man ließe da eine Stute

mit einem Esel zusammenkommen; infolge ihrer Zusammenkunft

würde ein Fohlen geboren. Dieses Fohlen, das von einer Stute

und einem Esel abstammte, der Mutter ähnlich und dem Vater

ähnlich, kann das Pferd genannt und Esel genannt werden?«

»Infolge der Kreuzung[228], o Gotamo, wird ja ein Maulthier

daraus. Hier, bei diesem, o Gotamo, seh’ ich denn auch

den Unterschied: aber dort, bei jenen, kann ich keinerlei

Unterschied merken.«

»Was meinst du wohl, Assalāyano: es wären da zwei

Priesterknaben, leibliche Brüder, der eine gelehrt und

eingeweiht, der andere ungelehrt und uneingeweiht; wen würden

da die Priester zuerst versorgen, mit frommer Speisegabe oder

anderer geeigneter Spende?«

»Den Priesterknaben, o Gotamo, der gelehrt und eingeweiht

ist, den würden da die Priester zuerst versorgen, mit frommer

Speisegabe oder anderer geeigneter Spende; was möcht’ es auch,

o Gotamo, viel fruchten, einen Ungelehrten und Uneingeweihten

beschenken?«

»Was meinst du wohl, Assalāyano: es wären da zwei

Priesterknaben, leibliche Brüder, der eine gelehrt und

eingeweiht, sittenlos und übelgeartet, der andere ungelehrt und

uneingeweiht, sittenrein und edelgeartet; wen würden da die

Priester zuerst versorgen, mit frommer Speisegabe oder anderer

geeigneter Spende?«

»Den Priesterknaben, o Gotamo, der ungelehrt und uneingeweiht, 551

sittenrein und edelgeartet ist, den würden da die Priester

zuerst versorgen, mit frommer Speisegabe oder anderer

geeigneter Spende; was möcht’ es auch, o Gotamo, viel fruchten,

einen Sittenlosen, Uebelgearteten beschenken?«

»Erst bist du, Assalāyano, auf die Geburt gekommen, von der

Geburt bist du dann auf die Sprüche gekommen, und von den

Sprüchen bist du dann zu dieser Reinheit der vier Kasten

gekommen, von der ich rede.«

Auf diese Worte blieb Assalāyano der junge Brāhmane verstummt

und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes vor sich

hinstarrend, wortlos sitzen. Als nun der Erhabene Assalāyano

den jungen Brāhmanen verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes,

gesenkten Hauptes wortlos vor sich hinstarren sah, sprach er

also zu ihm:

»In der Vorzeit, Assalāyano, als die Sieben priesterlichen

Seher in der Waldeinsamkeit unter Hütten aus Blättern zu Rathe

saßen, kamen sie einst zu einer solchen verkehrten Ansicht:

›Die Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste,

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die

Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester

nur sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde

geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹

Und es vernahm, Assalāyano, der Seher Asito Devalo, dass die

Sieben priesterlichen Seher, in der Waldeinsamkeit unter Hütten

aus Blättern zu Rathe sitzend, diese verkehrte Ansicht gefasst

hatten. Und Asito Devalo der Seher, Assalāyano, strich Haar

und Bart zurecht, warf den grünlichen Mantel herum, zog die

röthlichen[229] Sandalen an, nahm den goldigen Stab in die Hand

und erschien auf dem Opferplatz vor den Sieben priesterlichen

Sehern. Und er wandelte, Assalāyano, auf dem Opferplatze einher 552

und sprach also zu ihnen:

›Sagt mir doch, ihr Lieben, die priesterliche Seher seid, wer

vorangeht, sagt mir doch, ihr Lieben, die priesterliche Seher

seid, wer vorangeht.‹[230]

»Da fragten sich nun, Assalāyano, die Sieben priesterlichen

Seher:

›Wer ist es nur, der sich als Hirte gebärdend auf dem

Opferplatze der Sieben priesterlichen Seher einherschreitet und

also spricht: ‚Sagt mir doch, ihr Lieben, die priesterliche

Seher seid, wer vorangeht, sagt mir doch, ihr Lieben, die

priesterliche Seher seid, wer vorangeht‘? Wohlan denn, wir

wollen ihn verfluchen!‹

Und sie fluchten ihm:

›Asche sei, Elender! Asche sei, Elender! Asche sei, Elender!‹

»Je mehr und mehr aber, Assalāyano, die Sieben priesterlichen

Seher ihm fluchten, desto mehr und mehr nahm Asito Devalo der

Seher nur an Pracht und Schönheit und Herrlichkeit zu. Da

riefen, Assalāyano, die Sieben priesterlichen Seher aus:

›Vergehlich ist, ach, unsere Buße, fruchtlos unser Asketenthum!

Wem wir da früher geflucht hatten ‚Asche sei, Elender!‘,

alsogleich war ein jeder zu Asche geworden[231]: je mehr und

mehr wir aber diesen verfluchen, desto mehr und mehr nimmt er

nur an Pracht und Schönheit und Herrlichkeit zu!‹

›Nicht ist euere Buße vergeblich und nicht fruchtlos das

Asketenthum; hört, ihr Lieben: die Zorngedanken gegen mich, die

lasset fahren.‹

›Unsere Zorngedanken, wir lassen sie fahren! Wer ist wohl der

Herr?‹

›Habt ihr Herren von Asito Devalo dem Seher gehört?‹ 553

›Ja, Herr!‹

›Der also bin ich.‹

»Da gingen denn, Assalāyano, die Sieben priesterlichen Seher

dem Seher Asito Devalo zur Begrüßung entgegen. Und Asito

Devalo der Seher, Assalāyano, wandte sich also an die Sieben

priesterlichen Seher:

›Erfahren hab’ ich, ihr Herren, dass die Sieben priesterlichen

Seher, in der Waldeinsamkeit unter Hütten aus Blättern zu

Rathe sitzend, eine solche verkehrte Ansicht gefasst haben:

‚Die Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste;

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die

Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester

nur sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde

geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‘«

›Allerdings, Herr!‹

›Wissen aber die Herren, ob ihre Großmutter nur einem Priester

beigewohnt hat und keinem Unpriester?‹

›Das wohl nicht, Herr!‹

›Wissen aber die Herren, ob ihrer Großmutter Mutter und deren

Mutter bis zur siebenten Ahnfrau hinauf nur einem Priester

beigewohnt hat und keinem Unpriester?‹[232]

›Das wohl nicht, Herr!‹

›Und wissen die Herren, ob ihr Großvater eben der Tochter eines

Priesters beigewohnt hat, keiner anderen?‹

›Das wohl nicht, Herr!‹

›Und wissen die Herren, ob ihres Großvaters Vater und dessen

Vater bis zum siebenten Ahnherrn hinauf eben der Tochter eines

Priesters beigewohnt hat, keiner anderen?‹

›Das wohl nicht, Herr!‹

›Doch wissen die Herren, wie sich eine Leibesfrucht bildet?‹

›Wir wissen, Herr, wie sich eine Leibesfrucht bildet. Da sind

Vater und Mutter vereint, und die Mutter hat ihre Zeit, und der

Keimling ist bereit: so bildet sich durch der Drei Vereinigung 554

eine Leibesfrucht.‹

›Wissen aber die Herren, ob dieser Keimling etwa ein Krieger

sei, oder ein Priester, oder ein Bürger, oder ein Diener?‹

›Nicht wissen wir, Herr, ob dieser Keimling etwa ein Krieger

sei, oder ein Priester, oder ein Bürger, oder ein Diener.‹

›Ist es also, wisst ihr dann, wer ihr seid?‹

›Ist es also, wissen wir freilich nicht, wer wir sind.‹

»Und selbst die Sieben priesterlichen Seher, Assalāyano, vom

Seher Asito Devalo über ihre Behauptung von der Geburt befragt,

ausgeforscht, unterrichtet, konnten ihm nicht beikommen: wie

wirst du da jetzt, von mir über deine Behauptung von der Geburt

befragt, ausgeforscht, unterrichtet, mir beikommen wollen, der

du von ihrer Weisheit nicht einen Löffel voll hast?«

* * * * *

Auf diese Worte wandte sich Assalāyano der junge Brāhmane also

an den Erhabenen:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Als Anhänger

möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens

getreu.«[233]

94.

Zehnter Theil Vierte Rede

GHOṬAMUKHO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Udeno

bei Benāres, im Mangohaine Khemiyos. Um diese Zeit nun war

Ghoṭamukho der Priester in Benāres angekommen, irgend ein 555

Geschäft zu erledigen.

Und Ghoṭamukho der Priester kam, auf einem Spaziergange

lustwandelnd, nach dem Mangohaine Khemiyos. Damals nun erging

sich der ehrwürdige Udeno gerade in einer Lichtung. Da trat

denn der Priester Ghoṭamukho an den ehrwürdigen Udeno heran und

tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit

ihm, und an seiner Seite einherschreitend sprach er also:

»Lieber Mönch, es giebt keinen ächten Asketen: das ist meine

Ansicht; und zwar darum, weil ich keine solchen Ehrwürdigen

gesehn habe, oder weil es eben so ist.«

Auf diese Worte hielt der ehrwürdige Udeno mit seinem Gang

inne; dann begab er sich nach der Klosterhalle und nahm auf

seinem Sitze Platz. Und auch Ghoṭamukho der Priester unterbrach

seinen Gang und begab sich zur Klosterhalle und stellte sich

seitwärts hin. Und an Ghoṭamukho den Priester, der da seitwärts

stand, wandte sich nun der ehrwürdige Udeno also:

»Es sind hier, Priester, Sitze bereit: wenn du willst setze

dich.«

»Das eben haben wir ja von Herrn Udeno erwartet, bevor wir

uns setzen: denn wie könnte wohl meinesgleichen daran denken,

uneingeladen Platz zu nehmen?«

Und Ghoṭamukho der Priester nahm einen von den niederen Stühlen

zur Hand und setzte sich seitwärts hin. Seitwärts sitzend

sprach nun Ghoṭamukho der Priester also zum ehrwürdigen Udeno:

»Lieber Mönch, es giebt keinen ächten Asketen: das ist meine

Ansicht; und zwar darum, weil ich keine solchen Ehrwürdigen

gesehn habe, oder weil es eben so ist.«

»Wenn du mir da, Priester, zugestehn magst was zugegeben werden 556

kann, und abweisen was abgewiesen werden muss, und was du

vom Sinn meiner Rede nicht verstehst eben da von mir weiter

erfragen wirst, ›Wie ist das, o Udeno, was ist der Sinn davon‹:

wenn du das thun willst, so mag da unter uns ein Gespräch

statthaben.«

»Was zugegeben werden kann werd’ ich Herrn Udeno zugestehn,

und abweisen was abgewiesen werden muss, und was ich da vom

Sinn der Rede Herrn Udenos nicht verstehe werd’ ich eben da von

Herrn Udeno weiter erfragen, ›Wie ist das, o Udeno, was ist der

Sinn davon‹: das will ich thun, möge da unter uns ein Gespräch

statthaben!«

»Vier Arten von Menschen, Priester, finden sich hier in

der Welt vor: welche vier? Da ist, Priester, einer ein

Selbstquäler, ist der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben;

da ist wieder, Priester, einer ein Nächstenquäler, ist der

Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben; da ist, Priester,

einer ein Selbstquäler, ist der Uebung der Selbstquaal eifrig

ergeben, und er ist ein Nächstenquäler, ist der Uebung der

Nächstenquaal eifrig ergeben; und da ist, Priester, einer

weder ein Selbstquäler, ist nicht der Uebung der Selbstquaal

eifrig ergeben, noch ist er ein Nächstenquäler, ist nicht der

Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben: ohne Selbstquaal, ohne

Nächstenquaal ist er schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen,

kühl geworden, fühlt sich wohl, heilig geworden im Herzen.

Welcher ist es, Priester, von diesen vier Menschen, der deinem

Sinne zusagt?«

»Jener Mensch, o Udeno, der ein Selbstquäler, der Uebung der 557

Selbstquaal eifrig ergeben ist, der sagt meinem Sinne nicht

zu; und auch jener Mensch, o Udeno, der ein Nächstenquäler,

der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergehen ist, auch der sagt

meinem Sinne nicht zu; und auch jener Mensch, o Udeno, der ein

Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist,

und ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig

ergeben ist, auch der sagt meinem Sinne nicht zu; aber jener

Mensch, o Udeno, der weder ein Selbstquäler, nicht der Uebung

der Selbstquaal eifrig ergeben ist, noch ein Nächstenquäler,

nicht der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist: der ohne

Selbstquaal, ohne Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht,

erloschen, kühl geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden

im Herzen: der sagt meinem Sinne zu.«

»Warum aber, Priester, sagen jene drei Menschen deinem Sinne

nicht zu?«

»Jener Mensch, o Udeno, der ein Selbstquäler, der Uebung der

Selbstquaal eifrig ergeben ist, der lässt sich selber, der Wohl

begehrt und Wehe verabscheut, Quaal und Pein erleiden: darum

sagt jener Mensch meinem Sinne nicht zu; und jener Mensch, o

Udeno, der ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal

eifrig ergeben ist, der lässt den Nächsten, der Wohl begehrt

und Wehe verabscheut, Quaal und Pein erleiden: darum sagt jener

Mensch meinem Sinne nicht zu; und jener Mensch, o Udeno, der

ein Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben

ist, und ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal

eifrig ergeben ist, der lässt sich wie den Nächsten, die Wohl

begehren und Wehe verabscheuen, Quaal und Pein erleiden: darum

sagt jener Mensch meinem Sinne nicht zu; aber jener Mensch,

o Udeno, der weder ein Selbstquäler, nicht der Uebung der 558

Selbstquaal eifrig ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht

der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist: der ohne

Selbstquaal, ohne Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht,

erloschen, kühl geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden

im Herzen: weil der weder sich noch den Nächsten, die Wohl

begehren, und Wehe verabscheuen, Quaal und Pein erleiden lässt,

darum sagt dieser Mensch meinem Sinne zu.«

»Zwei Arten gibt es, Priester, von Leuten: welche zwei? Da

sind, Priester, die einen Leute gierig ergetzt an Schmuck

und Geschmeide, sie begehren Weib und Kind, begehren Knecht

und Magd, begehren Haus und Feld, begehren Silber und Gold.

Da sind nun, Priester, die anderen Leute nicht gierig

ergetzt an Schmuck und Geschmeide, verlassen Weib und Kind,

verlassen Knecht und Magd, verlassen Haus und Feld, verlassen

Silber und Gold und ziehn aus dem Hause in die Hauslosigkeit

hinaus. Was nun, Priester, jenen Menschen anlangt, der weder

ein Selbstquäler, nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig

ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht der Uebung der

Nächstenquaal eifrig ergehen ist, der ohne Selbstquaal, ohne

Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl

geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden im Herzen:

unter welchen Leuten, Priester, triffst du diesen Menschen

zumeist an, unter den Leuten, die gierig ergetzt an Schmuck

und Geschmeide sind, Weib und Kind begehren, Knecht und Magd

begehren, Haus und Feld begehren, Silber und Gold begehren,

oder unter den Leuten, die nicht gierig ergetzt an Schmuck

und Geschmeide sind, Weib und Kind verlassen, Knecht und Magd

verlassen, Haus und Feld verlassen, Silber und Gold verlassen

und aus dem Hause in die Hauslosigkeit ziehn?«

»Was da, o Udeno, jenen Menschen anlangt, der weder ein 559

Selbstquäler, nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig

ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht der Uebung der

Nächstenquaal eifrig ergeben ist, der ohne Selbstquaal, ohne

Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl

geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden im Herzen:

diesen Menschen treff’ ich zumeist unter den Leuten an, die

nicht gierig ergetzt an Schmuck und Geschmeide sind, Weib

und Kind verlassen, Knecht und Magd verlassen, Haus und Feld

verlassen, Silber und Gold verlassen und aus dem Hause in die

Hauslosigkeit ziehn.«

»Eben zuvor aber hast du ja, Priester, gesagt, wir wissen

es noch: ›Lieber Mönch, es giebt keinen ächten Asketen: das

ist meine Ansicht; und zwar darum, weil ich keine solchen

Ehrwürdigen gesehn habe, oder weil es eben so ist.‹«

»In der That, o Udeno, ich hab’ es gesagt, um anzuregen. Es

giebt ächte Asketen: das ist meine Ansicht, und mög’ es mir

nur Herr Udeno glauben! -- Die vier Arten von Menschen nun,

die Herr Udeno in der Kürze bezeichnet, nicht ausführlich

dargestellt hat, möchte wohl Herr Udeno so gut sein, mir diese

ausführlich darzustellen, von Mitleid bewogen!«

»So höre denn, Priester, und achte wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, Herr!« erwiderte da aufmerksam Ghoṭamukho der Priester

dem ehrwürdigen Udeno. Der ehrwürdige Udeno sprach also:

»Was ist das nun, Priester, für ein Mensch, der ein

Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist? Da

ist, Priester, einer ein Unbekleideter, ein Ungebundener, ein

Handverköster[234], kein Ankömmling, kein Abwärtling, gestattet 560

keine Darreichung, keine Vergünstigung, keine Einladung, späht

beim Empfangen des Almosens nicht nach dem Topfe, nicht nach

der Schüssel, nicht über die Schwelle, nicht über das Gitter,

nicht in den Kessel hinein, nimmt nicht von zu zweit Speisenden

an, nicht von einer Schwangeren, nicht von einer Säugenden,

nicht von einer, die vom Manne kommt, nicht von Beschmutzten,

nicht wo ein Hund dabei steht, nicht wo Fliegen hin und her

schwärmen, isst keinen Fisch, kein Fleisch, trinkt keinen

Wein, kein gebranntes Wasser, keinen gegohrenen Haferschleim.

Er geht zu einem Hause und begnügt sich mit einer handvoll

Almosenspeise; geht zu zwei Häusern und begnügt sich mit zwei

handvoll Almosenspeise; geht zu sieben Häusern und begnügt

sich mit sieben handvoll Almosenspeise. Er fristet sein Leben

durch die Mildthätigkeit von nur einer Spenderin, von nur

zwei Spenderinen, von nur sieben Spenderinen. Er nimmt nur

jeden ersten Tag Nahrung ein, nur jeden zweiten Tag, nur jeden

siebenten Tag. Solcherart wechselnd beobachtet er streng diese

bis auf einen halben Monat ausgedehnte Fastenübung. Oder er

lebt von Kräutern und Pilzen, von wildem Reis und Korn, von

Saamen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz, von Gräsern,

von Kuhmist, fristet sich von Wurzeln und Früchten des Waldes,

lebt von abgefallenen Früchten. Auch trägt er das hänfene Hemd,

trägt das härene Hemd, trägt einen Rock, geflickt aus den im

Leichenhof und auf der Straße gefundenen Fetzen, hüllt sich

in Lumpen, in Felle, in Häute, gürtet sich mit Flechten aus

Gras, mit Flechten aus Rinde, mit Flechten aus Laub, birgt 561

die Blöße unter pelzigem Schurze, unter borstigem Schurze,

unter einem Eulenflügel. Und er rauft sich Haupt- und Barthaar

aus, die Regel der Haar- und Bartausraufer befolgend; ist ein

Stetigsteher, verwirft Sitz und Lager; ist ein Fersensitzer,

übt die Zucht der Fersensitzer; ist Dornenseitiger und legt

sich zur Seite auf ein Dornenlager; steigt allabendlich zum

dritten Mal herab ins Büßerbad. So übt er sich gar vielfach

in des Körpers inbrünstiger Schmerzensaskese. Den heißt man,

Priester, einen Menschen, der ein Selbstquäler, der Uebung der

Selbstquaal eifrig ergeben ist.

»Was ist das aber, Priester, für ein Mensch, der ein

Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben

ist? Da ist, Priester, einer ein Schlächter, der Schaafe und

Schweine schlachtet, ist ein Vogelfänger, ein Wildsteller, ein

Jäger, ein Fischer, ein Räuber, ein Henker, ein Kerkermeister,

oder was man da sonst noch anderes als grausames Handwerk

betreibt. Den heißt man, Priester, einen Menschen, der ein

Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist.

»Was ist das aber, Priester, für ein Mensch, der ein

Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist,

und der ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig

ergeben ist? Da ist, Priester, einer ein König, ein Herrscher,

dessen Scheitel gesalbt ist, oder ein hochmögender Priester.

Der hat im Osten der Stadt ein neues Herrenhaus errichten

lassen. Und mit geschorenem Haar und Barte, mit rauhem Felle

gegürtet, mit Butteröl am Körper bestrichen, den Rücken mit

einem Hirschhorne reibend tritt er in das Herrenhaus ein,

begleitet von der ersten Gemahlin und dem Oberpriester. Dort

nimmt er im offenen Hofe, von wo man das Gras entfernt hat,

Platz. Einer Kuh, die ein ihr gleichendes Kalb bei sich hat, 562

wird an dem einen Euter die Milch ausgemolken, und damit der

König bedient; wird an dem zweiten Euter die Milch ausgemolken,

und damit die Königin bedient; wird an dem dritten Euter die

Milch ausgemolken, und damit der Oberpriester bedient; wird

an dem vierten Euter die Milch ausgemolken, und damit dem

Feuer geopfert. Was noch bleibt wird dem Kalbe gelassen. Und

er gebietet: ›Soviele Stiere sollen erschlagen werden um des

Opfers willen, soviele Farren sollen erschlagen werden um des

Opfers willen, soviele Färsen sollen erschlagen werden um des

Opfers willen, soviele Ziegen sollen erschlagen werden um des

Opfers willen, soviele Schaafe sollen erschlagen werden um des

Opfers willen, soviele Bäume sollen gefällt werden, als Pfosten

zu dienen, soviel Gras soll gemäht werden, als Streu zu

dienen!‹ Und seine Knechte und Söldner und Werkleute gehn aus

Furcht vor Strafe, von Angst eingeschüchtert, mit thränenden

Augen klagend daran, den Befehl auszuführen. Den heißt man,

Priester, einen Menschen, der ein Selbstquäler, der Uebung der

Selbstquaal eifrig ergeben ist, und der ein Nächstenquäler, der

Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist.

»Was ist das aber, Priester, für ein Mensch, der weder

ein Selbstquäler, nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig

ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht der Uebung der

Nächstenquaal eifrig ergeben ist: der ohne Selbstquaal, ohne

Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl

geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden im Herzen? Da

erscheint, Priester, der Vollendete in der Welt, der Heilige,

vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der

Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter

der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen,

der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren

Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar 563

von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er

sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die

Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende

begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen

geläuterte, geklärte Asketenthum dar.

»Diese Lehre hört ein Hausvater, oder der Sohn eines

Hausvaters, oder einer, der in anderem Stande neugeboren ward.

Nachdem er diese Lehre gehört hat, fasst er Vertrauen zum

Vollendeten. Von diesem Vertrauen erfüllt denkt und überlegt er

also: ›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel;

der freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es,

wenn man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig

geklärte Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn

ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande

bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ So

giebt er denn später einen kleinen Besitz oder einen großen

Besitz auf, hat einen kleinen Verwandtenkreis oder einen großen

Verwandtenkreis verlassen, und ist mit geschorenem Haar und

Barte, im fahlen Gewande von Hause fort in die Hauslosigkeit

gezogen.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 35 / 45 段