dem Priester zustimmend. Und er erhob sich von seinem Sitze,
bot ehrerbietigen Gruß dar, ging rechts herum und begab sich
nach Videhā, auf die Wanderung zum Erhabenen hin. Von Ort zu
Ort wandernd kam er dorthin wo der Erhabene weilte. Und er
tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte
mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts
sitzend gedachte nun Uttaro der junge Brāhmane bei sich[200]:
›Begabt ist der Asket Gotamo mit den zweiunddreißig Merkmalen
eines großen Mannes; wie, wenn ich nun dem Asketen Gotamo
nachfolgte, um sein Betragen kennen zu lernen?‹ Und Uttaro der 516
junge Brāhmane folgte dem Erhabenen sieben Monate nach, dem
untrennbaren Schatten gleich.
Als nun sieben Monate um waren kehrte Uttaro der junge Brāhmane
von Videhā wieder nach Mithilā zurück. Von Ort zu Ort wandernd
kam er dorthin wo Brahmāyu der Priester weilte. Dort angelangt
bot er ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich zur Seite nieder.
Und an Uttaro, der da zur Seite saß, wandte sich nun Brahmāyu
der Priester also:
»Ist denn, lieber Uttaro, der Herr Gotamo wirklich so, wie ihn
der Ruf begrüßt, oder ist er nicht so? Und hat er, der Herr
Gotamo, solche Art und keine andere?«
»Wie er eben wirklich ist, Herr, begrüßt Herrn Gotamo der Ruf,
nicht anders; und solche Art hat er, der Herr Gotamo, und
keine andere. Begabt ist Herr Gotamo mit den zweiunddreißig
Merkmalen eines großen Mannes. Wohlgefestet sind die Füße
des Herrn Gotamo: und das ist eben eines der Merkmale eines
großen Mannes, das Herrn Gotamo eignet. Unten sind bei Herrn
Gotamo, an den Sohlen der Füße, Räder zu sehn, mit tausend
Speichen, mit Felge und Nabe und allen Abzeichen geziert.[201]
Schmal ist die Ferse des Herrn Gotamo, lang sind die Zehen.
Sanft und zart sind Hände und Füße des Herrn Gotamo. Die
Bindehaut zwischen Fingern und Zehen ist breit geschweift wie
ein Netz. Muschelwölbig ist der Rist. Gazellenbeinig ist Herr
Gotamo[202]; stehend kann Herr Gotamo, ohne sich zu beugen, 517
mit beiden Handflächen die Kniee befühlen und berühren.[203]
In der Vorhaut verborgen ist das Schaamglied.[204] Gülden
leuchtet der Körper des Herrn Gotamo, wie Gold erglänzt seine
Haut. Sie ist geschmeidig, so geschmeidig, dass kein Staub und
Schmutz daran haften bleibt. Einzelflaumig ist Herr Gotamo,
je einzeln ist das Flaumhaar in der Pore gewachsen. Nach oben
gerichtet ist der Flaum des Herrn Gotamo, die Flaumhaare sind
nach oben gewachsen. Schwarz wie Augenschminke, wie Ringe
geringelt, rechts herum sind sie gedreht. Heilig erhaben ragt
Herr Gotamo empor, ist gar heiter anzuschauen.[205] Wie beim
Löwen ist der Vorderleib des Herrn Gotamo, mit der breiten
Brust. Eine Klafter hoch ist Herr Gotamo; seine Körperlänge
entspricht seiner Armweite: seine Armweite entspricht seiner
Körperlänge. Gleichgeformte Schultern hat Herr Gotamo. Mächtige
Ohrmuscheln hat Herr Gotamo[206]. Ein Löwenkinn hat Herr
Gotamo. Alle Zähne hat Herr Gotamo[207]; gleichmäßig gefügt,
nicht auseinanderstehend, glänzend weiß ist das Gebiss.
Gewaltig ist die Zunge des Herrn Gotamo. Heilig tönt seine
Stimme, wie Waldvogelsang. Tiefschwarz sind die Augen des
Herrn Gotamo; die Wimpern wie beim Rinde. Eine Flocke ist 518
Herrn Gotamo zwischen den Brauen gewachsen, weiß und weich
wie Baumwolle.[208] Einen Scheitelkamm hat Herr Gotamo: und
auch das ist eines der Merkmale eines großen Mannes, das Herrn
Gotamo eignet. Das sind, Herr, die zweiunddreißig Merkmale
eines großen Mannes, mit denen Herr Gotamo begabt ist.[209]
»Im Gange schreitet Herr Gotamo mit dem rechten Fuße voran.
Er macht keine zu großen, macht keine zu kleinen Schritte. Er
geht nicht zu schnell, geht nicht zu langsam. Beim Gehn stößt
er nicht mit den Waden[210], nicht mit den Knöcheln aneinander;
er dreht die Schenkel nicht nach oben, nicht nach unten, nicht
einwärts, nicht auswärts. Während Herr Gotamo hinschreitet
ist sein Körper gerade gerichtet, schwankt nicht[211], tritt
nicht mit Leibeswucht auf. Beim Umblicken blickt Herr Gotamo
mit dem ganzen Körper um. Er schaut nicht hinauf, er schaut
nicht herab, lässt die Blicke nicht hin- und herschweifen, er
blickt vier Spannen weit vor sich[212]: so hat er höhere,
unbehinderte Wissensklarheit gewonnen.
»Beim Betreten eines Hauses dreht er den Körper nicht nach
oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts. Nicht
zu ferne, nicht zu nahe tritt er an den Stuhl heran, ohne ihn
mit der Hand anzufassen nimmt er Platz, er lässt sich nicht
jählig nieder. Und hat er im Hause Platz genommen, so macht er
keine unnütze Handbewegung, keine unnütze Fußbewegung. Er sitzt
da und hat nicht Wade über Wade geschlagen, nicht Knöchel über 519
Knöchel geschlagen, nicht das Kinn in die Hand gestützt. Im
Hause hat er sich niedergesetzt und bangt und bebt nicht und
zittert und zagt nicht: ohne Bangen und Beben, ohne Zittern und
Zagen, frei von Angst, mit Einsicht umgethan, nimmt Herr Gotamo
Platz im Hause.
»Nimmt er Wasser in der Almosenschaale entgegen, so dreht er
die Schaale nicht nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts,
nicht auswärts, er lässt sich das Wasser eingießen, nicht
zu wenig, nicht zu viel. Er wäscht die Schaale aus ohne zu
plätschern, ohne sie umzustülpen, er stellt sie nicht auf den
Boden um sich die Hände zu waschen; indem er die Schaale wäscht
wäscht er die Hände: indem er die Hände wäscht wäscht er die
Schaale. Dann gießt er das Wasser weg, nicht zu ferne, nicht zu
nahe, verspritzt es nicht.
»Nimmt er den Reisbrei entgegen, so dreht er die Schaale nicht
nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts,
er lässt sich den Reisbrei einfüllen, nicht zu wenig, nicht
zu viel. Die Brühe aber nimmt Herr Gotamo nur als Brühe hinzu
und taucht den Bissen nicht mehr als nöthig ein. Zwei- bis
dreimal lässt Herr Gotamo den Bissen im Munde herumgehn bevor
er ihn verschlingt, so dass kein Reiskorn unzerkaut in den
Magen gelangt, so dass kein Reiskorn im Munde zurückbleibt:
dann nimmt er den nächsten Bissen auf. Den Geschmack empfindet
Herr Gotamo indem er die Nahrung einnimmt, aber er genießt
ihn nicht. Achtfach ausgezeichnet ist die Nahrung, die Herr 520
Gotamo einnimmt, nicht zur Letzung noch Ergetzung, nicht zur
Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten,
zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben
führen zu können: ›So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten
und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein
Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‹
»Nimmt er, nach dem Mahle, Wasser in der Almosenschaale
entgegen, so dreht er die Schaale nicht nach oben, nicht nach
unten, nicht einwärts, nicht auswärts, er lässt sich das Wasser
eingießen, nicht zu wenig, nicht zu viel. Er wäscht die Schaale
aus ohne zu plätschern, ohne sie umzustülpen, er stellt sie
nicht auf den Boden um sich die Hände zu waschen; indem er die
Schaale wäscht wäscht er die Hände: indem er die Hände wäscht
wäscht er die Schaale. Dann gießt er das Wasser weg, nicht
zu ferne, nicht zu nahe, verspritzt es nicht. Er stellt die
Schaale, wann er gespeist, nicht gleich auf den Boden hin[213],
nicht zu ferne, nicht zu nahe, er hebt sie nicht unnöthig auf,
behält sie auch nicht zu lange.
»Nach dem Mahle sitzt er eine Weile schweigsam da; doch nicht
zu lange lässt er sich genügen. Es genügt ihm, dass er gespeist
hat; weder tadelt er das Mahl noch verlangt er wiederum:
vielmehr ermuntert er nun die Umsitzenden in lehrreichem
Gespräche, ermuthigt sie, erregt und erheitert sie. Und hat er
die Umsitzenden in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt,
erregt und erheitert, so steht er von seinem Sitze auf und geht
fort. Er geht nicht zu schnell, geht nicht zu langsam, und geht
nicht als ob er sich fortschleichen wollte.
»Und des Herrn Gotamo Gewand ist nicht zu hoch geschürzt und 521
nicht zu tief geschürzt, es liegt am Körper nicht zu knapp
und nicht zu lose an; und es wird Herrn Gotamo vom Wind nicht
aufgeweht, und nicht bleibt Herrn Gotamo am Körper Staub und
Schmutz haften.
»Er sucht den Waldhain auf und sitzt an einem geeigneten Orte
nieder. Dann spült er die Füße ab, nicht aber lässt sich Herr
Gotamo der Füße Schmuckheit angelegen sein. Hat er die Füße
abgespült, so setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder,
den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er
denkt weder zu eigener Beschwer, noch zu des Nächsten Beschwer,
noch zu beider Beschwer: sich selber zum Wohle, dem Nächsten
zum Wohle, beiden zum Wohle, der ganzen Welt zum Wohle denkend
sitzt Herr Gotamo da.
»Er weilt im Waldhaine, und legt den Leuten die Lehre dar,
redet ihnen nicht zu, redet ihnen nicht ab, ermuntert sie
vielmehr in lehrreichem Gespräche, ermuthigt sie, erregt
und erheitert sie. Achtfach ausgezeichnet ist die Stimme,
die aus dem Munde des Herrn Gotamo hervorgeht: deutlich und
verständlich, angenehm und ansprechend, gebunden, nicht
gebrochen, tief und volltönig. Wie da Herr Gotamo in einer
Versammlung zu sprechen pflegt, geht der Klang seiner Stimme
nicht über die Versammlung hinaus. Und sind die Versammelten
von Herrn Gotamo in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt,
erregt und erheitert worden, so stehn sie von ihren Sitzen auf
und entfernen sich indem sie sich umwenden, nur ungern Abschied 522
nehmen.[214]
»Gesehn haben wir, Herr, den Herrn Gotamo gehn, gesehn
stillestehn, gesehn in das Haus eintreten[215], gesehn im
Hause schweigsam sitzen, gesehn im Hause Nahrung einnehmen,
gesehn nach dem Mahle schweigsam sitzen, gesehn nach dem Mahle
freundlich sein, gesehn zum Waldhaine schreiten, gesehn im
Waldhaine schweigsam sitzen, gesehn im Waldhaine den Leuten die
Lehre darlegen. Also und also ist er, der Herr Gotamo: und noch
mehr als das.«
Als Brahmāyu der Priester diesen Bericht vernommen erhob er
sich von seinem Sitze, entblößte eine Schulter, verneigte sich
ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ
dann dreimal den Gruß ertönen:
»Verehrung dem Erhabenen,
Dem heilig auferwachten Herrn!
»Verehrung dem Erhabenen,
Dem heilig auferwachten Herrn!
»Verehrung dem Erhabenen,
Dem heilig auferwachten Herrn!
»O dass wir doch einmal Gelegenheit hätten, mit Ihm, mit Herrn
Gotamo zusammenzutreffen, dass doch irgend eine Unterredung
zwischen uns stattfände!«
Und der Erhabene zog im Videher-Lande von Ort zu Ort weiter und
kam allmälig nach Mithilā.
Zu Mithilā weilte nun der Erhabene, im Mangohaine Makhadevos.
Und es hörten die brāhmanischen Hausleute in Mithilā reden:
›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe
der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu
Ort und ist mit vielen Mönchen, einer Schaar von fünfhundert
Mönchen in Mithilā angekommen, weilt bei Mithilā, im Mangohaine
Makhadevos. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben
mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der 523
Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,
der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter
der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der
Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern,
ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern
und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst
verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren
Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt,
die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte,
geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige
sehn kann!‘‹
Und die brāhmanischen Hausleute von Mithilā begaben sich nun
dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich
einige vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite
nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite
nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen
und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim
Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur
Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder.
Brahmāyu der Priester aber hörte reden: ›Der Asket, wahrlich,
Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer
entsagt hat, ist in Mithilā angekommen, weilt bei Mithilā,
im Mangohaine Makhadevos.‹ Und Brahmāyu der Priester begab
sich mit einer großen Schaar seiner Schüler zum Mangohaine
Makhadevos hin. Da nun gedachte Brahmāyu der Priester, nicht
ferne vom Mangohain: ›Das steht mir nicht an, dass ich ohne
vorher gemeldet zu sein den Asketen Gotamo besuchen ginge.‹ Und
Brahmāyu der Priester wandte sich an einen seiner Jünger:
»Geh’, lieber Knabe, und begieb dich zum Asketen Gotamo hin 524
und wünsche in meinem Namen dem Asketen Gotamo Gesundheit und
Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Brahmāyu‹, sage,
›o Gotamo, der Priester, wünscht Herrn Gotamo Gesundheit
und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein;‹ und füge
hinzu: ›Brahmāyu, o Gotamo, der Priester, ist alt und greis,
hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, im hundertzwanzigsten
Lebensjahre, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung
und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren
Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die
Merkmale eines großen Weltweisen aufweist. So viel auch, Herr,
der brāhmanischen Hausleute zu Mithilā wohnen, der Brāhmane
Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Reichthum anlangt,
der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da
Wissen anlangt, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als
erster was da Alter und Berühmtheit anlangt. Der möchte Herrn
Gotamo aufsuchen.‹«
»Schön, Herr!« entgegnete da gehorsam jener Jünger Brahmāyu dem
Priester. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte,
tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit
dem Erhabenen und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend
sprach nun jener Jünger zum Erhabenen also:
»Brahmāyu, o Gotamo, der Priester, wünscht Herrn Gotamo
Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein.
Brahmāyu, o Gotamo, der Priester, ist alt und greis,
hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, im hundertzwanzigsten
Lebensjahre, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung 525
und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren
Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die
Merkmale eines großen Weltweisen aufweist. So viel auch, Herr,
der brāhmanischen Hausleute zu Mithilā wohnen, der Brāhmane
Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Reichthum anlangt,
der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Wissen
anlangt, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster
was da Alter und Berühmtheit anlangt. Der möchte Herrn Gotamo
aufsuchen.«
»Wie es nun, Knabe, Brahmāyu dem Priester belieben mag.«
Da begab sich denn jener Jünger zu Brahmāyu dem Priester zurück
und sprach also zu ihm:
»Angenommen ist der Herr vom Asketen Gotamo: wie es nun dem
Herrn belieben mag.«
Und Brahmāyu der Priester begab sich zum Erhabenen hin. Und die
Leute dort sahn Brahmāyu den Priester von ferne herankommen,
und als sie ihn gesehn machten sie ihm von beiden Seiten Platz,
als einem so angesehnen, berühmten Manne. Aber Brahmāyu der
Priester sprach also zu ihnen:
»Schon gut, Liebe, bleibt auf eueren Sitzen: ich werde mich
hier nahe beim Asketen Gotamo niederlassen.«
Und Brahmāyu der Priester schritt zum Erhabenen hin, wechselte
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem
Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend
gedachte nun Brahmāyu der Priester bei sich[216]: ›Angenommen 527
hat mich der Asket Gotamo: was soll ich wohl den Asketen Gotamo
fragen, über ein äußeres Verhältniss oder ein inneres?‹ Und
Brahmāyu der Priester sagte zu sich: ›Ich kenne die äußeren
Verhältnisse, und die Leute fragen mich bei solchen Dingen um
Rath; wie, wenn ich nun den Asketen Gotamo eben um ein inneres
Verhältniss befragte?‹ Und Brahmāyu der Priester wandte sich an
den Erhabenen mit den Sprüchen:
»Wie kann man wohl ein Priester sein
Und Vedenmeister, sag’ es mir,
Drei Wissen, Herr, wie hegt man die,
Und was bedeutet ausgelernt?
»Geheiligt leben, kann man das,
Vollkommensein erkämpfen wie,
Wer ist es, der alleinig west,
Und auferwacht, wen heißt man so?«
Und der Erhabene wandte sich wieder an Brahmāyu den Priester
mit den Sprüchen:
»Vergangen Dasein, wer das kennt,
So Unterwelt wie Oberwelt,
Und die Geburten hat versiegt, 528
Alleinig durch die Dinge schaut,
»Und wer das Herz geläutert weiß,
Von allem Hangen abgelöst,
Geburtenheil und grabesheil,
Asketenhaft vollkommen ist,
Als Ueberwinder aller Art:
Den Auferwachten heißt man ihn.«
Also beschieden erhob sich Brahmāyu der Priester von seinem
Sitze, entblößte eine Schulter, fiel dem Erhabenen zu Füßen und
bedeckte des Erhabenen Füße mit Küssen und umschlang sie mit
den Händen. Und er nannte seinen Namen:
»Brahmāyu bin ich, o Gotamo, der Priester.«
Da wurden die Umsitzenden durch den außerordentlichen,
wunderbaren Vorgang im Innersten getroffen: ›Außerordentlich,
o, wunderbar, ach, ist die mächtige Kraft, die mächtige Gewalt
des Asketen! Dass da sogar dieser berühmte, gepriesene Priester
Brahmāyu eine so hohe Huldigung darbringen mag!‹ Doch der
Erhabene wandte sich also an Brahmāyu den Priester:
»Genug, Brāhmane, steh’ auf, setze dich wieder hin, da dein
Herz mir so zugethan ist.«
Und Brahmāyu der Priester stand auf und setzte sich wieder
hin. Und der Erhabene führte nun Brahmāyu den Priester
allmälig in das Gespräch ein, sprach erst mit ihm vom Geben,
von der Tugend, von säliger Welt, machte des Begehrens Elend,
Ungemach, Trübsal, und der Entsagung Vorzüglichkeit offenbar.
Als der Erhabene merkte, dass Brahmāyu der Priester im Herzen
bereitsam, geschmeidig, unbehindert, aufgerichtet, heiter
geworden war, da gab er die Darlegung jener Lehre, die den
Erwachten eigenthümlich ist: das Leiden, die Entwicklung, die
Auflösung, den Weg.
Gleichwie etwa ein reines Kleid, von Flecken gesäubert, 529
vollkommen die Färbung annehmen mag, ebenso auch ging da
Brahmāyu dem Priester, während er noch da saß, das abgeklärte,
abgespülte Auge der Wahrheit auf:
›Was irgend auch entstanden ist
Muss alles wieder untergehn.‹
Und Brahmāyu der Priester, der die Wahrheit gesehn, die
Wahrheit gefasst, die Wahrheit erkannt, die Wahrheit ergründet
hatte, zweifelentronnen, ohne Schwanken, in sich selber gewiss,
auf keinen anderen gestützt im Orden des Meisters, der wandte
sich nun an den Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, wenn einer Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht
in die Finsternis brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹:
ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar manigfach gezeigt.
Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre
und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo
betrachten, von heute an zeitlebens getreu. Und möge mir Herr
Gotamo die Bitte gewähren, morgen mit den Mönchen bei mir zu
speisen!«
Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.
Als nun Brahmāyu der Priester der Zustimmung des Erhabenen
sicher war, stand er von seinem Sitze auf, begrüßte den
Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.
Und Brahmāyu der Priester ließ am nächsten Morgen in seiner
Behausung ausgewählte feste und flüssige Speise auftragen und
sandte einen Boten an den Erhabenen mit der Meldung: ›Es ist
Zeit, o Gotamo, das Mahl ist bereit.‹ Und der Erhabene rüstete 530
sich beizeiten, nahm Mantel und Almosenschaale und begab sich
zur Wohnung Brahmāyu des Priesters. Dort angekommen nahm der
Erhabene mit den Mönchen auf den dargebotenen Sitzen Platz. Und
Brahmāyu der Priester bediente und versorgte eigenhändig den
Erwachten und seine Jünger eine Woche lang mit ausgewählter
fester und flüssiger Speise. Und als die Woche um war zog der
Erhabene wieder im Videher-Lande weiter.
Bald aber, nachdem der Erhabene von dannen gezogen, starb
Brahmāyu der Priester.
Da begaben sich denn viele Mönche zum Erhabenen hin, begrüßten
den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich seitwärts nieder.
Seitwärts sitzend sprachen nun diese Mönche zum Erhabenen also:
»Brahmāyu, o Herr, der Priester, ist gestorben. Wo ist er
jetzt, was ist aus ihm geworden?«
»Weise, ihr Mönche, ist Brahmāyu der Priester gewesen,
nachgefolgt ist er der Lehre gelehrig, und nicht hat er an
meiner Belehrung Anstoß genommen. Brahmāyu, ihr Mönche, der
Priester, ist nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln
emporgestiegen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr
zurückzukehren nach jener Welt.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.[217]
92.
Zehnter Theil Zweite Rede
SELO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene
im Lande der Aṉguttarāper von Ort zu Ort, von vielen
Mönchen begleitet, mit einer Schaar von zwölfhundertfünfzig
Mönchen[218], und kam nach Āpaṇam, einer Burg im Gebiete der
Aṉguttarāper. Da hörte denn Keṇiyo der Flechtenträger[219] 531
reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der
dem Erbe der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von
Ort zu Ort und ist mit vielen Mönchen, mit einer Schar von
zwölfhundertfünfzig Mönchen, in Āpaṇam angekommen. Diesen
Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen
Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige,
vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der
Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter
der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der
Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er
sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die
Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende
begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen
geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun
solche Heilige sehn kann!‘‹ Keṇiyo der Flechtenträger begab
sich aber dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte höflichen
Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen
und setzte sich seitwärts nieder. Keṇiyo den Flechtenträger,
der da seitwärts saß, ermunterte der Erhabene in lehrreichem
Gespräche, ermuthigte, erregte und erheiterte ihn. Und Keṇiyo
der Flechtenträger, vom Erhabenen in lehrreichem Gespräche
ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert, wandte sich nun an
den Erhabenen also:
»Gewähre mir Herr Gotamo die Bitte, morgen mit den Mönchen bei
mir zu speisen!«
Also eingeladen sagte der Erhabene zu Keṇiyo dem Flechtenträger:
»Groß ist, Keṇiyo, die Schaar der Mönche, zwölfhundertfünfzig
Mönche: du aber bist den Priestern ergeben.«
Zum zweiten Male wandte sich da Keṇiyo der Flechtenträger also 532
an den Erhabenen, und zum zweiten Male sprach der Erhabene
also zu ihm. Und zum dritten Male wandte sich Keṇiyo der
Flechtenträger also an den Erhabenen:
»Wenn auch, o Gotamo, die Schaar der Mönche groß ist, es
zwölfhundertfünfzig Mönche sind, und ich den Priestern ergeben
bin, möge mir dennoch Herr Gotamo die Bitte gewähren und morgen
mit den Mönchen bei mir speisen!«
Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.
Als nun Keṇiyo der Flechtenträger der Zustimmung des Erhabenen
gewiss war, stand er von seinem Sitze auf und begab sich nach
seiner Klause zurück. Dann rief er seine Freunde und Genossen,
Verwandte und Vettern herbei:
»Hört mich, liebe Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern!
Der Asket Gotamo ist von mir geladen, für morgen zum Mahle,
mitsammt den Mönchen: wollt mir also eure Dienste leihen!« 533
»Gern, Herr!« erwiderten da Keṇiyo dem Flechtenträger die
Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern. Und einige
bestellten die Feuerherde, andere spalteten Holz, einige
wieder wuschen das Geschirr, und wieder andere brachten den
Wassereimer herbei, und noch andere rückten die Stühle zurecht.
Keṇiyo aber der Flechtenträger ordnete selber die Tafel an.