»Weiter sodann, o Herr: ich habe da manche gelehrte

Priester, gelehrte Bürger, gelehrte Asketen gesehn, feine,

erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten schienen, die

mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten, so zu sagen,

entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen: ›Der Asket, 499

wahrlich, Herr Gotamo wird auf der Wanderung dieses Dorf oder

jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen:

›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt er

uns auf diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf diese

Weise das Wort verdrehn; giebt er uns aber auf diese Frage jene

Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort verdrehn.‹

Und sie hörten: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo ist auf der

Wanderung in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹ Und

sie begaben sich hin. Und der Erhabene ermunterte, ermuthigte,

erregte und erheiterte sie in lehrreichem Gespräche. Und vom

Erhabenen in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt

und erheitert stellten sie dem Erhabenen weder eine Frage,

geschweige dass sie ihm das Wort verdrehn wollten, flehten

vielmehr den Erhabenen an, sie in den Orden aufzunehmen. Und

der Erhabene nahm sie auf. Und in diesen Orden aufgenommen

lebten sie einzeln, abgesondert, ernsten Sinnes, eifrig,

unermüdlich. Und in gar kurzer Zeit hatten sie jenes Ziel,

um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die

Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch

bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.

Und sie sprachen: ›Den Verstand mussten wir verloren haben, den

Verstand müssen wir wiedergefunden haben![191] Die wir früher

nichts weniger als Asketen waren glaubten ›Wir sind Asketen‹,

die wir nichts weniger als Heilige waren glaubten ›Wir sind

Heilige‹, die wir nichts weniger als Sieger waren glaubten ›Wir 500

sind Sieger‹: jetzt sind wir Asketen, jetzt sind wir

Heilige, jetzt sind wir Sieger.‹ Da ist mir denn, o Herr, beim

Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen

erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die

Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹

»Weiter sodann, o Herr: Isidatto und Purāṇo, die Kammerherren,

die sind meine Diener, meine Werkzeuge: ich geb’ ihnen den

Unterhalt, ich fördere ihren Ruhm.[192] Gleichwohl aber bringen

sie mir keine solche Huldigung dar wie dem Erhabenen. Eines

Tages, o Herr, als ich mit dem Heere ausgezogen war, schlug ich

mein Lager mit Isidatto und Purāṇo den Kammerherren in einem

kleinen Gehöfte auf, um sie zu erforschen. Und sie brachten,

o Herr, einen großen Theil der Nacht in lehrreichem Gespräche

zu; dann legten sie sich nieder, das Haupt dorthin gewandt wo

sie wußten dass der Erhabene sei, gegen mich die Füße gewandt.

Da hab’ ich, o Herr, bei mir gedacht: ›Wunderbar, wahrlich,

außerordentlich ist es! Isidatto und Purāṇo die Kammerherren,

die sind meine Diener, meine Werkzeuge: ich geb’ ihnen den

Unterhalt, ich fördere ihren Ruhm. Gleichwohl aber bringen sie

mir keine solche Huldigung dar wie dem Erhabenen. Gewiss haben

diese Ehrwürdigen, vom Erhabenen gewiesen, ein großes, allmälig

gemerktes Ergebniss gefunden.‹ Da ist mir denn, o Herr, beim

Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen

erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die

Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹ 501

»Weiter sodann, o Herr: der Erhabene ist adelig und auch ich

bin adelig, der Erhabene ist ein Kosaler und auch ich bin ein

Kosaler, der Erhabene ist achtzig Jahre alt und auch ich bin

achtzig Jahre alt. Und weil nun[193], o Herr, der Erhabene

adelig ist und auch ich adelig bin, der Erhabene ein Kosaler

ist und auch ich ein Kosaler bin, der Erhabene achtzig Jahre

alt ist und auch ich achtzig Jahre alt bin, darum steht es mir

eben an, o Herr, dem Erhabenen so hohe Huldigung darzubringen,

Liebesbeweise zu bezeigen. -- Wohlan denn, o Herr, jetzt wollen

wir gehn: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«

Und König Pasenadi von Kosalo stand auf von seinem Sitze,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und

entfernte sich.

Da wandte sich denn der Erhabene, bald nachdem König Pasenadi

von Kosalo gegangen, also an die Mönche:

»Dieser König, ihr Mönche, Pasenadi von Kosalo, hat wahre

Denkmale gesprochen. Dann ist er aufgestanden und heimgekehrt.

Merkt euch, ihr Mönche, die wahren Denkmale, eignet euch, ihr

Mönche, die wahren Denkmale an, hütet, ihr Mönche, die wahren

Denkmale: heilsam sind, ihr Mönche, die wahren Denkmale,

urasketenthümlich.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

90.

Neunter Theil Zehnte Rede

AM ZWIESELSTEIN

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Uruññā, am Zwieselstein, im Wildgarten.

Um diese Zeit nun war König Pasenadi von Kosalo nach Uruññā 502

gekommen, irgend ein Geschäft zu erledigen.

Und König Pasenadi von Kosalo befahl einem seiner Leute:

»Begieb dich, lieber Mann, zum Erhabenen hin und bring’ dem

Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche Gesundheit

und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Der König‹,

sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem Erhabenen zu

Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit,

Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›heute, o Herr‹, lässt

er sagen, ›wird sich der König nach der Mahlzeit, wann er den

Morgenimbiss eingenommen, hierher begeben, den Erhabenen zu

besuchen.‹«

»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem

Herrscher. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte,

bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts nieder.

Seitwärts sitzend sprach er dann also zum Erhabenen:

»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem Erhabenen

zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische,

Munterkeit, Stärke und Wohlsein; und er lässt sagen: heute,

o Herr, wird sich der König nach der Mahlzeit, wann er den

Morgenimbiss eingenommen, hierher begeben, den Erhabenen zu

besuchen.«

Es hatten aber die Schwestern Somā und Sakulā reden hören:

›Heute wird, heißt es, König Pasenadi von Kosalo nach

der Mahlzeit, wann er den Morgenimbiss eingenommen, sich

hinbegeben, den Erhabenen zu besuchen.‹ Und Somā und Sakulā,

die Schwestern, gingen zum König, als er bei Tische war, und

sprachen also zu ihm:

»Mögest du, großer König, doch auch unseren Gruß dem Erhabenen 503

zu Füßen darbringen, mit dem Wunsche von Gesundheit und

Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Somā‹, sage, ›o

Herr, und Sakulā, die Schwestern, bringen dem Erhabenen zu

Füßen Gruß dar und wünschen Gesundheit und Frische, Munterkeit,

Stärke und Wohlsein.‹«

Da begab sich denn König Pasenadi von Kosalo nach der Mahlzeit,

als er den Morgenimbiss eingenommen, zum Erhabenen hin,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend sprach nun König Pasenadi von Kosalo

zum Erhabenen also:

»Somā, o Herr, und Sakulā, die Schwestern, bringen dem

Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünschen Gesundheit und

Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein.«

»Aber sage mir, großer König: haben die Schwestern Somā und

Sakulā keinen anderen Boten gefunden?«

»Es hatten, o Herr, die Schwestern Somā und Sakulā reden

hören: ›Heute wird, heißt es, König Pasenadi von Kosalo nach

der Mahlzeit, wann er den Morgenimbiss eingenommen, sich

hinbegeben, den Erhabenen zu besuchen.‹ Und Somā, o Herr, und

Sakulā, die Schwestern, kamen zu mir, als ich bei Tische war,

und sprachen also zu mir: ›Mögest du, großer König, doch auch

unseren Gruß dem Erhabenen zu Füßen darbringen, mit dem Wunsche

von Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein:

›Somā‹, sage, ›o Herr, und Sakulā, die Schwestern, bringen

dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünschen Gesundheit und

Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein.‹«

»Wohlergehn, großer König, soll es Somā und Sakulā den 504

Schwestern!«

Nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den Erhabenen:

»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Der Asket Gotamo behauptet:

‚Es giebt keinen Asketen oder Priester, der alles weiß,

alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennen kann:

das ist unmöglich.‘‹ Die da solches, o Herr, gesagt haben,

haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen Worte gebraucht

und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt und der Lehre

gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als

ungehörig erweisen kann?«

»Die da, großer König, solches gesagt haben: ›Der Asket Gotamo

behauptet: ‚Es giebt keinen Asketen oder Priester, der alles

weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennen

kann: das ist unmöglich‘‹, die haben nicht meine Worte

gebraucht und haben mich ohne Grund und mit Unrecht angeführt.«

Auf diesen Bescheid wandte sich König Pasenadi von Kosalo nach

Viḍūḍabho, dem Feldherrn, um und fragte ihn:

»Wer hat denn wohl, Feldherr, dieses Gerede bei Hof in Umlauf

gebracht?«

»Sañjayo, großer König, der Brāhmane, der Ākāser.«[194]

Da befahl König Pasenadi von Kosalo einem seiner Leute:

»Geh’, lieber Mann, und rufe mir Sañjayo den Brāhmanen, den 505

Ākāser, her: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo,

lässt dich rufen.‹«

»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem

Herrscher. Und er begab sich dorthin wo Sañjayo der Brāhmane,

der Ākāser, weilte; und er sprach also zu ihm:

»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, lässt dich rufen.«

Nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den

Erhabenen:

»Vielleicht hat es, o Herr, der Erhabene auf irgend eine

andere Weise gemeint, und die Leute haben es wiederum anders

aufgenommen. In welchem Sinne gesteht wohl, o Herr, der

Erhabene zu, den Ausspruch gethan zu haben?«

»Also gesteh’ ich, großer König, zu, den Ausspruch gethan zu

haben: ›Es giebt keinen Asketen oder Priester, der auf einmal

alles wissen, alles verstehn kann: das ist unmöglich.‹«

»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat,

wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat: ›Es

giebt keinen Asketen oder Priester, der auf einmal alles

wissen, alles verstehn kann: das ist unmöglich.‹ -- Vier

giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und

Diener. Kann man da nun, o Herr, bei diesen vier Kasten eine

Besonderheit, einen Unterschied aufstellen?«

»Vier giebt es, großer König, der Kasten: Krieger, Priester,

Bürger und Diener. Da sind, großer König, von diesen vier

Kasten zwei als die oberen anerkannt, Krieger und Priester, was

Begrüßung, Aufmerksamkeit, Ehrfurcht und Achtung angeht.«

»Nicht frag’ ich, o Herr, den Erhabenen um das äußere 506

Verhältnis: um das innere, o Herr, frag’ ich den Erhabenen.

Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger

und Diener. Kann man da nun, o Herr, bei diesen vier Kasten

eine Besonderheit, einen Unterschied aufstellen?«

»Fünf giebt es, großer König, der Kampfeseigenschaften: welche

fünf? Da hat, großer König, ein Mönch Zutrauen, er traut der

Wachheit des Vollendeten, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der

Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,

der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter

der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der

Erwachte, der Erhabene.‹ Rüstig ist er und munter, seine

Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß,

den mittleren Kampf zu bestehn. Ehrlich ist er und offen und

giebt sich der Wahrheit gemäß dem Meister oder erfahrenen

Ordensbrüdern zu erkennen. Muth hat er und Kraft unheilsame

Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen, er dauert

stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf nicht

auf. Witzig ist er, mit der Weisheit begabt, die Aufgang und

Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die zur

völligen Leidensversiegung führt. Das sind, großer König, die

fünf Kampfeseigenschaften. Vier giebt es, großer König, der

Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie,

großer König, mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, so

gereicht es ihnen lange zum Wohle, zum Heile.«

»Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester,

Bürger und Diener. Und sind sie, o Herr, mit diesen fünf

Kampfeseigenschaften begabt, kann man da noch bei ihnen, o

Herr, von einer Besonderheit, von einem Unterschied reden?«

»Das kommt, sag’ ich, großer König, auf die Art und Weise

an, wie sie kämpfen. Gleichwie etwa, großer König, wenn da 507

zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere wären,

wohlgebändigt, wohlabgerichtet, und zwei Reitelephanten

oder Wagenrosse oder Zugstiere, ungebändigt, unabgerichtet;

was bedünkt dich, großer König: jene zwei Reitelephanten

oder Wagenrosse oder Zugstiere, die wohlgebändigten,

wohlabgerichteten, würden nun diese als Gebändigte thun was

Gebändigten taugt, als Gebändigte ausführen was Gebändigten

obliegt?«

»Freilich, o Herr!«

»Aber die anderen beiden Reitelephanten oder Wagenrosse oder

Zugstiere, die nicht gebändigt, nicht abgerichtet sind, würden

etwa diese als Ungebändigte thun was Gebändigten taugt, als

Ungebändigte ausführen was Gebändigten obliegt, gleichwie jene

beiden Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die

wohlgebändigt, wohlabgerichtet sind?«

»Das nicht, o Herr!«

»Ebenso nun auch, großer König, etwa vermeinen, was da einer

durch Zutrauen, Rüstigkeit, ehrliche Offenheit, Tapferkeit,

Weisheit erreichen kann, kann ein anderer auch ohne Zutrauen,

kränklich, listig, gleißnerisch, feig, ungewitzigt erreichen:

das ist unmöglich.«

»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat,

wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat. -- Vier

giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und

Diener. Und sind sie, o Herr, mit den fünf Kampfeseigenschaften

begabt, und bestehn sie die gewaltigen Kämpfe, kann man da

noch bei diesen, o Herr, von einer Besonderheit, von einem

Unterschied reden?«

»Da kann, sag’ ich, großer König, bei ihnen von einem

Unterschied nicht mehr die Rede sein, Erlösung gegenüber

Erlösung. Gleichwie etwa, großer König, wenn ein Mann trockenes

Eichenholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und 508

ein anderer Mann trockenes Sālholz nähme, Feuer erweckte,

Licht hervorbrächte; und ein anderer Mann trockenes Mangoholz

nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und ein anderer

Mann trockenes Feigenholz nähme, Feuer erweckte, Licht

hervorbrächte; was bedünkt dich, großer König: bestände da wohl

unter diesen Feuern, aus verschiedenem Holze erweckt, irgend

ein Unterschied zwischen Flamme und Flamme, Glanz und Glanz,

Schein und Schein?«

»Das nicht, o Herr!«

»Ebenso nun auch, großer König, wie das Licht durch Kraft

entzündet, im Kampfe erzeugt wird, sag’ ich, giebt es da keinen

Unterschied mehr, Erlösung Erlösung gegenüber.«

»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat,

wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat. -- Wie

aber, o Herr: giebt es Götter?«

»Warum denn, großer König, sprichst du also: ›Wie aber, o Herr:

giebt es Götter?‹«

»Ich frage, ob die Götter, o Herr, wiederkehren zu dieser Welt,

oder ob sie nicht mehr wiederkehren.«

»Götter, großer König, die zugewandt sind, kehren wieder zu

dieser Welt: Götter, die abgewandt sind, kehren nicht mehr

wieder.«[195]

Auf diese Worte wandte sich Viḍūḍabho der Feldherr also an den

Erhabenen:

»Und können, o Herr, die Götter, die zugewandt zu dieser

Welt wiederkehren, jene abgewandten Götter, die nicht mehr

wiederkehren, von ihrem Orte verjagen und verbannen?«

Da kam nun dem ehrwürdigen Ānando der Gedanke in den Sinn:

›Dieser Feldherr Viḍūḍabho ist der Sohn König Pasenadis von

Kosalo, und ich bin der Sohn des Erhabenen: jetzt schickt es 509

sich, dass der Sohn den Sohn belehre.‹ Und der ehrwürdige

Ānando wandte sich also an Viḍūḍabho den Feldherrn:

»Da will ich dir nun, Feldherr, eben hierüber eine Frage

stellen: wie’s dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was

meinst du wohl, Feldherr: soweit das Gebiet König Pasenadis von

Kosalo reicht, wo König Pasenadi von Kosalo die Herrschaft und

Obermacht königlich ausübt, vermag da der König einen Asketen

oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen

ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu

verbannen?«

»Soweit, Herr, das Gebiet König Pasenadis von Kosalo reicht,

wo König Pasenadi von Kosalo die Herrschaft und Obermacht

königlich ausübt, da vermag der König einen Asketen oder einen

Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder

einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen.«

»Was meinst du wohl, Feldherr: wo das Gebiet König Pasenadis

von Kosalo aufhört, wo König Pasenadi von Kosalo keine

Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, vermag da der König

einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen

schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem

Gebiete zu verjagen, zu verbannen?«

»Wo, Herr, das Gebiet König Pasenadis von Kosalo aufhört,

wo König Pasenadi von Kosalo keine Herrschaft und Obermacht

königlich ausübt, nicht vermag da der König einen Asketen oder

einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen 510

ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu

verbannen.«

»Was meinst du wohl, Feldherr: hast du von den Dreiunddreißig

Göttern gehört?«

»Gewiss, Herr, ich habe von den Dreiunddreißig Göttern gehört:

und auch Herr Pasenadi hier, der König von Kosalo, hat von

ihnen gehört.«

»Was meinst du wohl, Feldherr: vermag der König die

Dreiunddreißig Götter von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen?«

»Nicht einmal sehn, Herr, kann der König die Dreiunddreißig

Götter, geschweige denn dass er vermöchte, sie von ihrem Orte

zu verjagen, zu verbannen!«

»Ebenso nun auch, Feldherr, können die Götter, die zugewandt zu

dieser Welt wiederkehren, jene abgewandten Götter, die nicht

mehr wiederkehren, nicht einmal sehn, geschweige denn dass sie

vermöchten, sie von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen.«

Da wandte sich nun König Pasenadi von Kosalo an den Erhabenen

und sprach:

»Wie heißt, o Herr, dieser Mönch?«

»Ānando heißt er, großer König.«

»Ānando also: wahrlich, wie Ānando sieht er aus![196]

Begründet ist, o Herr, was der ehrwürdige Ānando gesagt hat,

wohlbegründet ist, o Herr, was der ehrwürdige Ānando gesagt

hat. -- Wie aber, o Herr: giebt es einen Brahmā?«

»Warum denn, großer König, sprichst du also: ›Wie aber, o Herr:

giebt es einen Brahmā?‹«

»Ich frage, ob ein Brahmā, o Herr, wiederkehrt zu dieser Welt,

oder ob er nicht mehr wiederkehrt.«

»Ein Brahmā, großer König, der zugewandt ist, kehrt wieder zu

dieser Welt: ein Brahmā, der abgewandt ist, kehrt nicht mehr 511

wieder.«

Da trat einer der Leute an den König heran und sprach also zu

ihm:

»Sañjayo, großer König, der Brāhmane, der Ākāser, ist gekommen.«

Und König Pasenadi von Kosalo wandte sich also an Sañjayo den

Brāhmanen, den Ākāser:

»Wer hat denn wohl, Brāhmane, jenes Gerede bei Hof in Umlauf

gebracht?«

»Viḍūḍabho, großer König, der Feldherr.«

»Viḍūḍabho der Feldherr, der sagte: ›Sañjayo, großer König, der

Brāhmane, der Ākāser.‹«

Hier brachte einer der Leute dem König die Meldung:

»Die Wagen stehn bereit, großer König.«

Und König Pasenadi von Kosalo sprach nun zum Erhabenen also:

»Ueber die Allwissenheit haben wir, o Herr, den Erhabenen

befragt: und die Allwissenheit hat uns der Erhabene erklärt:

und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden.

Ueber die Reinheit der vier Kasten haben wir, o Herr, den

Erhabenen befragt: und die Reinheit der vier Kasten hat uns

der Erhabene erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und

wir sind es zufrieden. Ueber die Götter haben wir, o Herr, den

Erhabenen befragt: und die Götter hat uns der Erhabene erklärt;

und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden.

Ueber den Brahmā haben wir, o Herr, den Erhabenen befragt:

und den Brahmā hat uns der Erhabene erklärt; und es hat uns

gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Ueber was wir

eben auch den Erhabenen befragt haben, das hat uns eben auch

der Erhabene erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und

wir sind es zufrieden. -- Wohlan denn, o Herr, jetzt wollen wir 512

gehn: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«

* * * * *

Und König Pasenadi von Kosalo, durch des Erhabenen Rede

erfreut und befriedigt, stand von seinem Sitze auf, begrüßte

den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte

sich.[197]

ZEHNTER THEIL

BUCH DER PRIESTER

91.

Zehnter Theil Erste Rede

BRAHMĀYU

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im

Videher-Lande von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet,

einer Schaar von fünfhundert Mönchen.

Um diese Zeit nun weilte Brahmāyu der Priester zu Mithilā,

alt und greis, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, im

hundertzwanzigsten Lebensjahre[198], ein Meister der drei

Veden, sammt ihrer Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut-

und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig

und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen

aufwies. Und es hörte Brahmāyu der Priester reden: ›Der Asket,

wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der 513

Sakyer entsagt hat, wandert im Videher-Lande von Ort zu Ort,

von vielen Mönchen begleitet, einer Schaar von fünfhundert

Mönchen. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit

dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der

Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,

der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter

der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der

Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern,

ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern

und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst

verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren

Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt,

die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte,

geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige

sehn kann!‘‹

Damals nun hatte Brahmāyu der Priester einen jungen Brāhmanen

als Schüler bei sich, Uttaro mit Namen, der ebenso gelehrt wie

er selbst war. Und Brahmāyu der Priester wandte sich also an

Uttaro den jungen Brāhmanen:

»Komm’, lieber Uttaro, und geh’ zum Asketen Gotamo hin und 514

erforsche den Asketen Gotamo, ob er wirklich so ist, wie ihn

der Ruf begrüßt, oder nicht so ist; und ob da Herr Gotamo

solche Art hat, oder nicht hat: durch dich wollen wir ihn, den

Herrn Gotamo, kennen lernen.«

»Auf welche Weise aber, Herr, soll ich ihn, den Herrn Gotamo,

erforschen, ob Herr Gotamo wirklich so ist, wie ihn der Ruf

begrüßt, oder nicht so ist; und ob da Herr Gotamo solche Art

hat, oder nicht hat?«

»Es werden, lieber Uttaro, in unseren Sprüchen zweiunddreißig

Merkmale eines großen Mannes genannt, mit denen begabt ein

solcher nur zwei Bahnen betreten kann, keine dritte. Wenn er

im Hause bleibt, wird er König werden, Kaiser, ein gerechter

und wahrer Herrscher[199], ein Sieger bis zur Mark der See,

der seinem Reiche Sicherheit schafft, mit sieben Juwelen

begabt ist. Das aber sind seine sieben Juwelen, und zwar:

das beste Land, der beste Elephant, das beste Ross, die

beste Perle, das beste Weib, der beste Bürger, und siebentens

der beste Staatsmann. Und er wird über tausend Söhne haben,

tapfer, heldensam, Zerstörer der feindlichen Heere. So wird

er diese Erde bis zum Ozean hin, ohne Stock und ohne Stahl

gerecht obsiegend, beherrschen. Wenn er aber aus dem Hause in

die Hauslosigkeit zieht, wird er heilig werden, vollkommen

auferwacht, der Welt den Schleier hinwegnehmen. Wohl hab’ ich

dir schon, lieber Uttaro, die Sprüche gesagt, und du hast sie 515

bei dir behalten.«

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 32 / 45 段