»Was meinst du wohl, großer König: wenn mir etwas verschlüge,

etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, dir etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es

auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht

Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der

Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er

gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden,

Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du

wohl, großer König: hast du dein Reich Benāres und Kosalo lieb?«

»Sicherlich, Mallikā, hab’ ich mein Reich Benāres und Kosalo

lieb: durch die Macht meines Reiches Benāres und Kosalo

besitzen wir Seide und Sandel, haben Schmuck und duftende

Salben.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn deinem Reiche Benāres

und Kosalo etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe

und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, meinem Reiche Benāres und Kosalo etwas

verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben

geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer,

Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der

Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er

gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden,

Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹«

»Wunderbar, Mallikā, außerordentlich, Mallikā, ist es, wie da

Er, der Erhabene, weise durchdringend, weise blickt! Wohl denn,

Mallikā: rühme weiter!«[186]

* * * * *

Und König Pasenadi von Kosalo stand auf von seinem Sitze,

entblößte eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig nach der

Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ dann dreimal den Gruß

ertönen:

»Verehrung dem Erhabenen,

Dem heilig auferwachten Herrn!

»Verehrung dem Erhabenen,

Dem heilig auferwachten Herrn!

»Verehrung dem Erhabenen,

Dem heilig auferwachten Herrn!«

88.

Neunter Theil Achte Rede

DER UEBERWURF

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit

Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach der Stadt.

Als er, von Haus zu Haus tretend, Almosenspeise erhalten,

kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und machte sich dann auf

den Weg nach dem Osthain, zu Mutter Migāros Terrasse, tagüber

da zu bleiben.

Um diese Zeit aber zog, früh am Nachmittage, König Pasenadi von

Kosalo auf seinem Elephanten Weißer Lotusfürst aus Sāvatthī

hinaus. Da sah denn der König den ehrwürdigen Ānando von weitem

dahinschreiten, und als er ihn gesehn wandte er sich an seinen 485

Marschall Sirivaḍḍho:

»Ist das nicht, bester Sirivaḍḍho, der ehrwürdige Ānando?«

»Ja, großer König, das ist der ehrwürdige Ānando.«

Da befahl denn der König einem seiner Leute:

»Geh’ hin, lieber Mann, zum ehrwürdigen Ānando und bring’ ihm

zu Füßen meinen Gruß dar: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi

von Kosalo, bringt dem ehrwürdigen Ānando zu Füßen Gruß dar‹;

und füge hinzu: ›wenn, o Herr‹, lässt er sagen, ›der ehrwürdige

Ānando nicht dringend zu thun hat, möge doch, o Herr, der

ehrwürdige Ānando auf eine Weile nähertreten, von Mitleid

bewogen.‹«

»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem

Herrscher. Und er eilte zum ehrwürdigen Ānando hin, bot

ehrerbietigen Gruß dar und stand zur Seite. Zur Seite stehend

sprach er dann also zum ehrwürdigen Ānando:

»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem ehrwürdigen

Ānando zu Füßen Gruß dar; und er lässt sagen: wenn, o Herr,

der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, möge doch,

o Herr, der ehrwürdige Ānando auf eine Weile nähertreten, von

Mitleid bewogen.«

Schweigend gewährte der ehrwürdige Ānando die Bitte.

Und König Pasenadi von Kosalo zog nun, so weit man auf

Elephanten reiten kann, heran; dann stieg er ab und ging zu

Fuße dem ehrwürdigen Ānando entgegen, begrüßte ihn ehrerbietig

und stellte sich seitwärts. Seitwärts stehend sprach nun König 486

Pasenadi von Kosalo also zum ehrwürdigen Ānando:

»Wenn, o Herr, der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun

hat, wär’ es schön, o Herr, wenn sich der ehrwürdige Ānando an

das Gestade der Aciravatī begeben wollte, von Mitleid bewogen.«

Schweigend gewährte der ehrwürdige Ānando die Bitte.

Und der ehrwürdige Ānando begab sich an das Gestade der

Aciravatī und nahm unter einem Baume, auf einem tauglichen

Sitze, Platz. Und König Pasenadi von Kosalo zog auf seinem

Elephanten heran, so weit man reiten kann; dann stieg er ab

und ging zu Fuße zum ehrwürdigen Ānando hin, bot ehrerbietigen

Gruß dar und stand seitwärts. Seitwärts stehend sprach nun

König Pasenadi von Kosalo also zum ehrwürdigen Ānando:

»Hier, o Herr, möge sich der ehrwürdige Ānando auf die

Schabracke hinsetzen!«

»Schon gut, großer König: du setze dich hin; ich bleibe auf

meinem Platze.«

Da setzte sich König Pasenadi von Kosalo auf den dargebotenen

Sitz. Und er sprach also zum ehrwürdigen Ānando:

»Sagt mir, Herr Ānando: mag wohl Er, der Erhabene, einen Wandel

in Werken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und

Priester, verständige Leute?«

»Nicht mag Er, großer König, der Erhabene, einen Wandel

in Werken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und

Priester, verständige Leute.«

»Und ferner, Herr Ānando: mag wohl Er, der Erhabene, einen

Wandel in Worten, einen Wandel in Gedanken führen, der ein 487

Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute?«

»Nicht mag Er, großer König, der Erhabene, einen Wandel in

Worten, einen Wandel in Gedanken führen, der ein Aergerniss

wäre für Asketen und Priester, verständige Leute.«

»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr! Denn was wir, o

Herr, durch die Frage nicht auszudrücken vermochten, das hat,

o Herr, der ehrwürdige Ānando durch der Frage Beantwortung

ausgedrückt. Die da, o Herr, thörig, unbesonnen, ohne

Ueberlegung, ohne gründliche Prüfung andere loben und andere

tadeln, die können wir nicht ernst nehmen: die aber da, o

Herr, weise, besonnen, tiefsinnig, nach Ueberlegung, nach

gründlicher Prüfung andere loben und andere tadeln, die können

wir ernst nehmen. Was ist das aber, Herr Ānando, für ein Wandel

in Werken, der ein Aergerniss ist für Asketen und Priester,

verständige Leute?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der unheilsam ist.«

»Was ist aber, o Herr, unheilsamer Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der unrecht ist.«

»Was ist aber, o Herr, unrechter Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der beschwerhaft ist.«

»Was ist aber, o Herr, beschwerhafter Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der Leiden züchtet.«

»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Werken, der Leiden

züchtet?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der zu eigener Beschwer,

oder zu anderer Beschwer, oder zu beider Beschwer führt, wo da

die unheilsamen Dinge sich mehren und die heilsamen Dinge sich

mindern: ein Wandel in Werken, großer König, von solcher Art, 488

der ist ein Aergerniss für Asketen und Priester, verständige

Leute.«

»Und was ist es, Herr Ānando, für ein Wandel in Worten, Wandel

in Gedanken, der ein Aergerniss ist für Asketen und Priester,

verständige Leute?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der unheilsam

ist.«

»Was ist aber, o Herr, unheilsamer Wandel in Worten, in

Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der unrecht

ist.«

»Was ist aber, o Herr, unrechter Wandel in Worten, in Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der

beschwerhaft ist.«

»Was ist aber, o Herr, beschwerhafter Wandel in Worten, in

Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König der Leiden

züchtet.«

»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Worten, in Gedanken, der

Leiden züchtet?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der zu

eigener Beschwer, oder zu anderer Beschwer, oder zu beider

Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mehren und

die heilsamen Dinge sich mindern: ein Wandel in Worten, in

Gedanken, großer König, von solcher Art, der ist ein Aergerniss

für Asketen und Priester, verständige Leute.«

»Und sagt mir, Herr Ānando: hat Er, der Erhabene, die

Verleugnung eben aller unheilsamen Dinge empfohlen?«

»Alle unheilsamen Dinge verleugnet hat, großer König, der

Vollendete, die heilsamen Dinge erlangt.«

»Und was ist das, Herr Ānando, für ein Wandel in Werken, der

kein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige

Leute?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der heilsam ist.«

»Was ist aber, o Herr, heilsamer Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der nicht unrecht ist.«

»Was ist aber, o Herr, nicht unrechter Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der beschwerlos ist.«

»Was ist aber, o Herr, beschwerloser Wandel in Werken?« 489

»Ein Wandel in Werken, großer König, der Wohl züchtet.«

»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Werken, der Wohl züchtet?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der weder zu eigener

Beschwer, noch zu anderer Beschwer, noch zu beider Beschwer

führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mindern und die

heilsamen Dinge sich mehren: ein Wandel in Werken, großer

König, von solcher Art, der ist ein Aergerniss für Asketen und

Priester, verständige Leute.«

»Und was ist es, Herr Ānando, für ein Wandel in Worten, Wandel

in Gedanken, der kein Aergerniss ist für Asketen und Priester,

verständige Leute?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der heilsam

ist.«

»Was ist aber, o Herr, heilsamer Wandel in Worten, in Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der nicht

unrecht ist.«

»Was ist aber, o Herr, nicht unrechter Wandel in Worten, in

Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der

beschwerlos ist.«

»Was ist aber, o Herr, beschwerloser Wandel in Worten, in

Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der Wohl

züchtet.«

»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Worten, in Gedanken, der

Wohl züchtet?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der weder

zu eigener Beschwer, noch zu anderer Beschwer, noch zu beider

Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mindern

und die heilsamen Dinge sich mehren: ein Wandel in Worten,

in Gedanken, großer König, von solcher Art, der ist kein

Aergerniss für Asketen und Priester, verständige Leute.«

»Und sagt mir noch, Herr Ānando: hat Er, der Erhabene, die

Erlangung eben aller heilsamen Dinge empfohlen?« 490

»Alle unheilsamen Dinge verleugnet hat, großer König, der

Vollendete, die heilsamen Dinge erlangt.«

»Wunderbar, o Herr, außerordentlich ist es, wie da, o Herr,

der ehrwürdige Ānando so wohl gesprochen hat: diese treffliche

Rede, o Herr, des ehrwürdigen Ānando hat uns wirklich erfreut

und befriedigt. So erfreut und befriedigt, o Herr, hat uns des

ehrwürdigen Ānando treffliche Rede, dass wir, o Herr, wenn dem

ehrwürdigen Ānando der beste Elephant genehm wäre, eben den

besten Elephanten dem ehrwürdigen Ānando geben möchten; dass

wir, o Herr, wenn dem ehrwürdigen Ānando das beste Ross genehm

wäre, eben das beste Ross dem ehrwürdigen Ānando geben möchten;

dass wir, o Herr, wenn dem ehrwürdigen Ānando das reichste

Dorf genehm wäre, eben das reichste Dorf dem ehrwürdigen

Ānando geben möchten. Aber, o Herr, wir wissen es ja: das

ist dem ehrwürdigen Ānando nicht genehm. Da ist mir, o Herr,

ein Ueberwurf von Māgadhās König Ajātasattu, dem Sohne der

Videherin, in eine Truhe verpackt, zugesandt worden, sechzehn

Ellen lang, acht Ellen breit: den möge, o Herr, der ehrwürdige

Ānando annehmen, von Mitleid bewogen!«

»Genug, großer König, schon hab’ ich mein Dreiwams.«

»Diese Aciravatī, o Herr, liegt dem ehrwürdigen Ānando und uns

vor Augen; und wir wissen, wann es oben im Gebirge gewaltig

gewittert hat, dann fließt diese Aciravatī über beide Ufer

aus: ebenso nun auch, o Herr, wird sich der ehrwürdige Ānando

aus diesem Ueberwurfe ein Dreiwams fertigen, sein bisheriges

Dreiwams aber den Ordensbrüdern zuwenden; so wird diese unsere 491

Ehrung gleichsam ein Ueberfließen sein. Möge, o Herr, der

ehrwürdige Ānando den Ueberwurf annehmen!«

Da nahm der ehrwürdige Ānando den Ueberwurf an. Und nun wandte

sich König Pasenadi von Kosalo also an den ehrwürdigen Ānando:

»Wohl denn, Herr Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen: manche

Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«

Und König Pasenadi von Kosalo, erfreut und befriedigt durch

des ehrwürdigen Ānando Rede, stand von seinem Sitze auf, bot

ehrerbietigen Gruß dar, ging rechts herum und entfernte sich.

Da begab sich denn der ehrwürdige Ānando, bald nachdem König

Pasenadi von Kosalo gegangen, zum Erhabenen hin, begrüßte

den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder.

Seitwärts sitzend erzählte nun der ehrwürdige Ānando das ganze

Gespräch mit König Pasenadi von Kosalo Wort für Wort dem

Erhabenen; und er reichte den Ueberwurf dem Erhabenen dar. Und

der Erhabene wandte sich an die Mönche:

»Gesegnet, ihr Mönche, ist König Pasenadi von Kosalo,

hochgesegnet, ihr Mönche, ist König Pasenadi von Kosalo, dem

der Anblick Ānandos gegönnt war und seine Gesellschaft.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.[187]

89.

Neunter Theil Neunte Rede

WAHRE DENKMALE

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande

der Sakyer, bei Metāḷumpam, einer Burg im Sakyergebiete.

Um diese Zeit nun war König Pasenadi von Kosalo nach Nagarakam 492

gekommen, irgend ein Geschäft zu erledigen.

Und König Pasenadi von Kosalo befahl Dīgho dem Kanzler:

»Lasse mir, bester Kanzler, prächtige Wagen bespannen: wir

wollen eine Ausfahrt machen, in die schöne Umgebung hinaus.«

»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam Dīgho der Kanzler dem

Herrscher. Und er ließ prächtige Wagen bespannen und dann

melden: ›Bereit stehn, o König, die prächtigen Wagen: wie es

dir nun belieben mag.‹

Und König Pasenadi von Kosalo bestieg einen prächtigen Wagen

und fuhr, gefolgt von manchen anderen, mit überaus reichem

königlichen Gepränge aus der Stadt hinaus, nach einem Garten

hin. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom

Wagen ab und begab sich zu Fuß in den Garten. Da sah denn

der König, als er im Garten lustwandelnd umherging, mächtige

Bäume, erhebend, erheiternd, lärmentrückt, lärmverloren, von

den Leuten gemieden, wo Menschen einsam sitzen und nachdenken

können. Und es kam ihm bei diesem Anblick eben der Erhabene in

den Sinn: ›Diese mächtigen Bäume erheben und erheitern mich,

die lärmentrückten, lärmverlorenen, die von den Leuten gemieden

werden, wo Menschen einsam sitzen und nachdenken können, wo wir

da einst Ihn, den Erhabenen, aufgesucht haben, den Heiligen,

vollkommen Erwachten.‹[188] Und König Pasenadi von Kosalo

wandte sich also an Dīgho den Kanzler:

»Diese mächtigen Bäume, bester Kanzler, erheben und erheitern 493

mich, die lärmentrückt, lärmverloren von den Leuten gemieden

werden, wo Menschen einsam sitzen und nachdenken können,

wo wir da einst Ihn, den Erhabenen, aufgesucht haben, den

Heiligen, vollkommen Erwachten: wo mag Er doch, bester Kanzler,

jetzt weilen, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte?«

»Es giebt, großer König, eine Burg im Sakyergebiete, Metāḷumpam

genannt: dort weilt Er jetzt, der Erhabene, der Heilige,

vollkommen Erwachte.«

»Wie weit ist es wohl, bester Kanzler, von Nagarakam nach

Metāḷumpam, der Sakyerburg?«

»Nicht weit, großer König, neun Meilen: man kann noch vor Abend

hingelangen.«

»So lasse denn, bester Kanzler, wieder anspannen: wir wollen

ihn, den Erhabenen, besuchen, den Heiligen, vollkommen

Erwachten.«

»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam Dīgho der Kanzler

dem Herrscher. Und er ließ wieder anspannen und dann melden:

›Bereit stehn, o König, deine Wagen: wie es dir nun belieben

mag.‹

Und König Pasenadi von Kosalo bestieg seinen prächtigen

Wagen und fuhr, gefolgt von den anderen, von Nagarakam nach

Metāḷumpam der Sakyerburg; und er kam noch vor Abend an und

ließ sich zum Garten geleiten. So weit gefahren als man fahren

konnte, stieg er vom Wagen ab und begab sich zu Fuß in den

Garten. Um diese Zeit nun erging sich eine Schaar Mönche im 494

Freien. Da trat König Pasenadi von Kosalo zu den Mönchen heran

und sprach also zu ihnen:

»Sagt mir, Verehrte, wo weilt Er, der Erhabene, jetzt, der

Heilige, vollkommen Erwachte: denn wir möchten Ihn, den

Erhabenen, besuchen, den Heiligen, vollkommen Erwachten.«

»Das Wohnhaus dort, großer König, ist geschlossen; aber geh’

leise, ohne zu eilen, die Freitreppe hinauf, räuspere dich und

klopfe an: öffnen wird dir der Erhabene das Thor.«

Da gab König Pasenadi von Kosalo Schwerdt und Krone erst Dīgho

dem Kanzler über. Und Dīgho der Kanzler wusste nun: ›Allein

will der König jetzt bleiben, ich aber muss hier warten.‹ Und

König Pasenadi von Kosalo stieg leise, ohne zu eilen, die

Freitreppe zum geschlossenen Wohnhaus empor, räusperte sich

und klopfte an. Es öffnete der Erhabene das Thor. Und König

Pasenadi von Kosalo trat in das Wohnhaus ein. Und er fiel dem

Erhabenen zu Füßen und bedeckte des Erhabenen Füße mit Küssen

und umschlang sie mit den Händen. Und er gab sich zu erkennen:

»Pasenadi bin ich, o Herr, der König von Kosalo, Pasenadi bin

ich, o Herr, der König von Kosalo.«

»Was hast du, großer König, für eine Veranlassung diesem Körper

da so hohe Huldigung darzubringen, Liebesbeweise zu bezeigen?«

»Es ist mir, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit

aufgegangen[189]: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des

Erhabenen Jüngerschaft.‹ Da hab’ ich, o Herr, manche Asketen 495

und Priester gesehn, die eine Zeit lang das Asketenleben

führen, zehn Jahre, oder zwanzig Jahre oder dreißig Jahre,

oder vierzig Jahre. Später dann leben sie wohlgebadet,

wohlgesalbt, mit gepflegtem Haar und Barte, haben sich mit

dem Besitz und Genuss der fünf Begehrungen umgeben.[190] Und

wiederum hab’ ich, o Herr, Mönche gesehn, die zeitlebens, bis

zum letzten Athemzug das vollkommene, vollendete Asketenleben

führen: und nicht hab’ ich, o Herr, noch anderswo als hier ein

also vollkommenes, vollendetes Asketenleben kennen lernen.

Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der

Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des

Erhabenen Jüngerschaft.‹

»Weiter sodann, o Herr: es streiten Könige mit Königen, Fürsten

mit Fürsten, Priester mit Priestern, Bürger mit Bürgern,

streitet die Mutter mit dem Sohne, der Sohn mit der Mutter,

der Vater mit dem Sohne, der Sohn mit dem Vater, streitet

Bruder mit Bruder, Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder,

Freund mit Freund. Hier aber, o Herr, seh’ ich die Mönche

einträchtig, einig, ohne Zwist, mild geworden, wie sie einander

sanften Auges betrachten: und nicht hab’ ich, o Herr, noch

anderswo als hier eine also einträchtige Versammlung kennen

lernen. Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung

der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des 496

Erhabenen Jüngerschaft.‹

»Weiter sodann, o Herr: ich habe manchen Hain, manchen Garten

betreten, besucht. Und ich habe da oft Asketen und Priester

bemerkt, elend, abgezehrt, übel anzuschauen, mit gelblichen

Flecken auf der Haut, sehnigen, knorrigen Gliedern, die wohl

kein Auge, mein’ ich, fesselten, sie anzusehn. Da ist mir, o

Herr, der Gedanke gekommen: ›Gewiss führen diese Ehrwürdigen

das Asketenleben ungern; oder aber sie haben irgend eine böse

That begangen, die verborgen ist; darum sind sie elend,

abgezehrt, übel anzuschauen, mit gelblichen Flecken auf der

Haut, sehnigen, knorrigen Gliedern, und wollen kein Auge

fesseln, sie anzusehn.‹ Und ich trat an sie heran und sprach

also: ›Warum doch seid ihr, Ehrwürdige, elend, abgezehrt, übel

anzuschauen, mit gelblichen Flecken auf der Haut, sehnigen,

knorrigen Gliedern, so dass ihr wohl kein Auge fesseln mögt,

euch anzusehn?‹ Und sie gaben mir zur Antwort: ›Fesseln fehlen

uns, großer König.‹ Hier aber, o Herr, seh’ ich die Mönche

innig angeregt, hoch erheitert, sie scheinen zufrieden, sind

frohsinnig, genügsam, nachgiebig, dehmüthig, mild geworden

im Herzen. Da ist mir, o Herr, der Gedanke gekommen: ›Gewiss

haben diese Ehrwürdigen, vom Erhabenen gewiesen, ein großes,

allmälig gemerktes Ergebniss gefunden; darum sind sie innig

angeregt, hoch erheitert, scheinen zufrieden, sind frohsinnig,

genugsam, nachgiebig, dehmüthig, mild geworden im Herzen.‹

Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der 497

Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des

Erhabenen Jüngerschaft.‹

»Weiter sodann, o Herr: ich kann als König, als Herrscher,

dessen Scheitel gesalbt ist, einen zum Tode Verurtheilten

hinrichten, oder einen in die Acht zu Erklärenden ächten,

oder einen Bannwürdigen bannen lassen. Und während ich, o

Herr, zu Gericht sitze kommt es vor, dass Zwischenrede laut

wird. Da bitt’ ich vergebens: ›Wollet, ihr Herren, während

ich zu Gericht sitze keine Zwischenrede verlauten lassen: die

Berathung, meine Herren, sei geschlossen.‹ Aber man lässt

mich, o Herr, Zwischenrede vernehmen. Hier aber, o Herr,

seh’ ich die Mönche zu einer Zeit wo der Erhabene einer

vielhundertköpfigen Schaar die Lehre darlegt; und zu einer

solchen Zeit hört man eben bei des Erhabenen Jüngern nicht

einmal das Geräusch des Nießens oder Sichräusperns. Eines

Tages, o Herr, trug der Erhabene einer vielhundertköpfigen

Schaar die Lehre vor. Da ließ einer von des Erhabenen Jüngern

ein Räuspern hören. Und einer der Ordensbrüder streifte ihn

mit dem Knie an: ›Nicht so laut, Ehrwürdiger, bitte! Möge der

Ehrwürdige sich leise verhalten: unser Meister, der Erhabene

legt die Lehre dar.‹ Da hab’ ich, o Herr, bei mir gedacht:

›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es, dass man da

wirklich ohne Zwang, ohne Gewalt eine Versammlung derart

wohlgefügig machen kann!‹ Und nicht hab’ ich, o Herr, noch

anderswo als hier eine also wohlgefügige Versammlung kennen

lernen. Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung 498

der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des

Erhabenen Jüngerschaft.‹

»Weiter sodann, o Herr: ich habe da manche gelehrte Adelige

gesehn, feine, erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten

schienen, die mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten,

so zu sagen, entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen:

›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo wird auf der Wanderung

dieses Dorf oder jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine

Frage zusammen: ›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo

vorlegen; giebt er uns auf diese Frage diese Antwort, so

werden wir ihm auf diese Weise das Wort verdrehn: giebt er

uns aber auf diese Frage jene Antwort, so werden wir ihm auf

jene Weise das Wort verdrehn.‹ Und sie hörten: ›Der Asket,

wahrlich, Herr Gotamo ist auf der Wanderung in diesem Dorfe

oder in jener Stadt angekommen!‹ Und sie begaben sich hin. Und

der Erhabene ermunterte, ermuthigte, erregte und erheiterte

sie in lehrreichem Gespräche. Und vom Erhabenen in lehrreichem

Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert stellten

sie dem Erhabenen weder eine Frage, geschweige dass sie ihm das

Wort verdrehn wollten, wurden vielmehr des Erhabenen Anhänger.

Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der

Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des

Erhabenen Jüngerschaft.‹

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 31 / 45 段