»Nicht dahin, Asket, wolle gehn! In jener Gegend, Asket, haust

ein Räuber, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord

und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier.

Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die

Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die

Fingerlein um den Hals. Nach jener Gegend, Asket, sind ja zehn

Mann, und zwanzig Mann, und dreißig Mann, und vierzig Mann

vereint ausgezogen, sind aber alle in die Gewalt Aṉgulimālo des

Räubers gerathen!«

Also angeredet schritt der Erhabene schweigend weiter.

Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal sprachen Hirten und 467

Landleute den Erhabenen also an: aber schweigend schritt der

Erhabene weiter.

Und Aṉgulimālo der Räuber sah den Erhabenen von ferne

herankommen, und als er ihn gesehn gedacht’ er bei sich:

›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Auf diesem Wege

sind ja zehn Mann, und zwanzig Mann, und dreißig Mann, und 468

vierzig Mann vereint ausgezogen und sind alle in meine Gewalt

gerathen: und dieser Asket da kommt einzeln, allein, wie ein

Eroberer heran! Wie, wenn ich nun diesem Asketen den Garaus

machte?‹

Und Aṉgulimālo der Räuber nahm Schwerdt und Schild, hing Bogen

und Köcher um und ging dem Erhabenen Schritt um Schritt nach.

Da ließ nun der Erhabene eine magische Erscheinung von solcher

Art erscheinen, dass Aṉgulimālo der Räuber den Erhabenen,

der gelassen dahinschritt, mit aller Macht laufend nicht

einholen konnte. Und Aṉgulimālo der Räuber gedachte bei sich:

›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! ich habe ja

früher einen flüchtigen Elephanten überrascht und erreicht, ein

flüchtiges Ross überrascht und erreicht, einen flüchtigen Wagen

überrascht und erreicht, ein flüchtiges Reh überrascht und

erreicht: aber diesen Asketen da, der gelassen dahingeht, kann

ich mit aller Macht laufend nicht einholen!‹ Und er blieb stehn

und rief dem Erhabenen zu:

»Stehe, Asket! Stehe, Asket!«

»Ich stehe, Aṉgulimālo: steh’ auch du.«

Da kam nun Aṉgulimālo dem Räuber der Gedanke: ›Diese Asketen

des Sakyersohnes reden die Wahrheit, bekennen die Wahrheit:

gleichwohl aber sagt dieser Asket, der da wandelt, ‚Ich stehe,

Aṉgulimālo: steh’ auch du.‘ Wie, wenn ich nun diesen Asketen

fragte?‹ Und Aṉgulimālo der Räuber sprach den Erhabenen mit dem

Spruche an:

»Du wandelst, Büßer, wähnst dich aber stetig,

Und mich, der stetig ist, mich wähnst du wandelnd;

Ich frage dich, o Büßer, gieb mir Kunde:

Wie bist du stetig denn, wie bin ich unstet?«

Der Herr:

»Beständig immerdar, Aṉgulimālo. 469

Bin ich, der keinem Wesen Leides anthut;

Doch du hast wild gewüthet gegen Wesen:

So bin ich stetig denn, so bist du unstet.«

* * * * *

Zweites Bruchstück

Aṉgulimālo:

Schon lang ist’s her, als einst der hohe Meister,

Der Mönch erschienen mir in Waldes Mitte:

Da rief ich aus: »Entsagen tausend Sünden

Will ich um eines Wortes deiner Wahrheit!«

Ein Räuber war ich, ja, war Mord und Marter,

War grausam, grässlich wie die Höllengründe:

Zu Füßen lag der Räuber dem Willkommnen,

Den Auferwachten fleht’ er an um Weihe.

Und Er, der auferwacht ist, mild und heilig,

Der Herr der Welt mit allen ihren Göttern,

»So komm’, o Jünger!« sprach zu mir der Meister,

Nahm also auf mich in den Jüngerorden.

* * * * *

Drittes Bruchstück

Und der Erhabene begab sich nun, gefolgt vom ehrwürdigen

Aṉgulimālo, auf die Wanderung nach Sāvatthī, von Ort zu Ort

wandernd näherte er sich der Stadt.

Zu Sāvatthī weilte nun der Erhabene, im Siegerwalde, im Garten

Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun hatte sich vor dem Palaste König Pasenadis

von Kosalo eine große Menschenmenge angesammelt, die laut

lärmte und schrie:

»Ein Räuber, o König, lebt in deinem Lande, Aṉgulimālo genannt,

grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt,

ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer

undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er

bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals.

Den soll der König unschädlich machen!«

Da brach denn König Pasenadi von Kosalo mit fünfhundert Reitern

von Sāvatthī auf und kam noch am Nachmittag bis an den Garten 470

hin. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen

ab und ging dann zu Fuße dorthin wo der Erhabene weilte, bot

ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts nieder. Und an

König Pasenadi von Kosalo, der da zur Seite saß, wandte sich

nun der Erhabene also:

»Was ist dir, großer König: hat etwa Magadhās König, Seniyo

Bimbisāro, gedroht, oder Vesālīs Licchavier-Fürsten, oder

andere deiner Mitherrscher?«

»Nicht hat mir, o Herr, Magadhās König, Seniyo Bimbisāro,

gedroht, noch auch Vesālīs Licchavier-Fürsten oder andere

meiner Mitherrscher: ein Räuber, o Herr, lebt in meinem

Lande, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord

und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier.

Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die

Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die

Fingerlein um den Hals. Den will ich, o Herr, unschädlich

machen.«

»Wenn du aber, großer König, Aṉgulimālo sähest, mit geschorenem

Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in

die Hauslosigkeit gezogen, dem Tödten entfremdet, dem Stehlen

entfremdet, dem Lügen entfremdet, zufrieden mit einer Mahlzeit,

keusch wandelnd, tugendrein, edelgeartet; was würdest du da mit

ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Herr, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm

erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung,

Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit

anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und

Obhut angedeihen lassen: wie aber sollte, o Herr, ein so arger,

bösartiger Mensch eine solche Tugendläuterung erfahren?« 471

Nun saß eben damals der ehrwürdige Aṉgulimālo nicht fern vom

Erhabenen. Und der Erhabene wies mit dem rechten Arme hin und

sprach also zu König Pasenadi von Kosalo:

»Der ist, großer König, Aṉgulimālo.«

Da kam nun den König Pasenadi von Kosalo Furcht an, Entsetzen

an, seine Haare sträubten sich. Und der Erhabene sah den König

Pasenadi von Kosalo erschreckt und erschüttert, mit gesträubtem

Haar, und sprach also zu ihm:

»Sei unbesorgt, großer König, sei unbesorgt, großer König: da

droht dir keine Gefahr.«

Und König Pasenadi von Kosalo wurde wieder beruhigt und

beschwichtigt; und er trat an den ehrwürdigen Aṉgulimālo heran

und sprach also zu ihm:

»Ist es denn, Herr, Aṉgulimālo?«

»Ja, großer König.«

»Welchem Stamme, Herr, gehörte des Ehrwürdigen Vater, welchem

die Mutter an?«

»Gaggo war, großer König, mein Vater, Mantāṇī meine Mutter.«

»Mög’ es, Herr, der ehrwürdige Gaggo, der Sohn der Mantāṇī,

zufrieden sein: ich will dafür Sorge tragen, dass der

ehrwürdige Gaggo, der Sohn der Mantāṇī, mit Kleidung und

Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit versehn

sei.«

Aber jetzt war der ehrwürdige Aṉgulimālo Waldeinsiedler

geworden, Brockenbettler, Fetzenträger, hatte drei

Kleidungstücke. Und der ehrwürdige Aṉgulimālo sprach also zu

König Pasenadi von Kosalo:

»Genug, großer König, schon hab’ ich mein Dreiwams.«

Da ging denn König Pasenadi von Kosalo wieder zum Erhabenen

hin, bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts 472

nieder. Seitwärts sitzend sprach nun König Pasenadi von Kosalo

zum Erhabenen also:

»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr, ist es, wie da,

o Herr, der Erhabene Unbändige bändigt, Unstillbare stillt,

Unaussöhnliche aussöhnt! Denn ihn, o Herr, den wir weder mit

Strafe noch Schwerdt bezwingen konnten, den hat der Erhabene

ohne Strafe und Schwerdt bezwungen. -- Wohlan, o Herr, jetzt

wollen wir aufbrechen: manche Pflicht wartet unser, manche

Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«

Und König Pasenadi von Kosalo stand von seinem Sitze auf,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und

entfernte sich.

* * * * *

Viertes Bruchstück

Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, zeitig gerüstet, nahm Mantel und

Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Da sah der

ehrwürdige Aṉgulimālo, als er auf der Straße von Haus zu Haus

um Almosen stand, irgend ein Weib: die hatte eine Frühgeburt,

eine Fehlgeburt gethan. Als er das gesehn gedacht’ er bei

sich: ›Uebel steht es, wahrlich, um die Wesen, übel steht es,

wahrlich, um die Wesen!‹ -- Und als der ehrwürdige Aṉgulimālo,

von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück,

nahm das Mahl ein und begab sich dann dorthin wo der Erhabene

weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig

und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun

der ehrwürdige Aṉgulimālo zum Erhabenen also:

»Ich war da, o Herr, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale

versehn, nach der Stadt gegangen, um Almosenspeise. Da hab’

ich, auf der Straße von Haus zu Haus um Almosen stehend, irgend

ein Weib gesehn, die eine Frühgeburt, eine Fehlgeburt gethan:

und als ich es sah gedacht’ ich bei mir: ›Uebel steht es, 473

wahrlich, um die Wesen, übel steht es, wahrlich, um die Wesen!‹«

»So gehe denn, Aṉgulimālo, zu jenem Weibe hin und sprich also

zu ihr: ›Seitdem ich, o Schwester, geboren bin weiß ich nicht,

dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so

wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!‹«

»Würd’ ich da nicht, o Herr, bewusste Lüge reden: hab’ ich

doch, o Herr, mit Absicht vielen Wesen das Leben geraubt!«

»So gehe denn, Aṉgulimālo, zu jenem Weibe hin und sprich also

zu ihr: ›Seitdem ich, o Schwester, in heiliger Geburt geboren

bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens

beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine

Frucht!‹«

»Wohl, o Herr!« erwiderte da der ehrwürdige Aṉgulimālo, dem

Erhabenen gehorchend. Und er begab sich zu jenem Weibe hin und

sprach also zu ihr:

»Seitdem ich, o Schwester, in heiliger Geburt geboren bin weiß

ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt

hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!«

Und das Weib war genesen, genesen ihre Frucht.

Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, einsam, abgesondert,

unermüdlich, in heißem, innigem Ernste verweilend, hatte

gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die

Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch

bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.

›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt

das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer 474

war nun der ehrwürdige Aṉgulimālo der Heiligen geworden.

* * * * *

Fünftes Bruchstück

Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, zeitig gerüstet, nahm Mantel

und Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Um diese

Zeit nun flog ein Stein, den einer geworfen, dem ehrwürdigen

Aṉgulimālo an den Leib, flog ein Stock, den einer geworfen,

dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib, flog ein Scherben,

den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib.

Da kam nun der ehrwürdige Aṉgulimālo mit zerschnittenem Kopfe

und strömendem Blute, mit zerbrochener Schaale und zerrissenem

Mantel zum Erhabenen hin. Und es sah der Erhabene den

ehrwürdigen Aṉgulimālo von ferne herankommen, und als er ihn

gesehn sprach er also zu ihm:

»Dulde nur, Heiliger, dulde nur, Heiliger! Um welcher

That Vergeltung du viele Jahre, viele Jahrhunderte, viele

Jahrtausende Höllenquaal erlittest, dieser That Vergeltung,

Heiliger, findest du noch bei Lebzeiten.«

* * * * *

Sechstes Bruchstück

Da ließ der ehrwürdige Aṉgulimālo, während er einsam

zurückgezogen sann, das Heil der Erlösung erfahrend, um diese

Zeit folgende Weise vernehmen:

»Wer früher thörig sorglos war,

Doch endlich seine Schuld erkennt,

Der leuchtet durch die finstre Welt

Gleichwie der Mond aus Wolkennacht.

»Wer einst begangne böse That

In wahrer Buße tief bereut, 475

Der leuchtet durch die finstre Welt

Gleichwie der Mond aus Wolkennacht.

»Wer noch in holder Jugendkraft

Als Jünger hier dem Sieger folgt,

Der leuchtet durch die finstre Welt

Gleichwie der Mond aus Wolkennacht.

* * * * *

»Die Lüfte sollen lauschen meinem Sange

Und lieblich wehen um den Auferwachten,

Die Lüfte sollen grüßen mir die Menschen,

Die Großen, die sich nach der Wahrheit sehnen.

»Den Lüften thu’ mein Lied ich kund,

Das Lob der Liebe, der Geduld:

O wehet nieder, neigt euch her

Und tragt die Wahrheit weiter dann!

»O sei mir jeder wohlgesinnt

Und allem andern was er sieht:

Den höchsten Frieden findet froh

Wer schützt was athmet, schützt was lebt.[181]

»Kanäle schlichten Bauern durch das Feld,

Die Bogner schlichten spitze Pfeile zu,

Die Zimmrer schlichten schlanke Balken ab,

Sich selber, wahrlich, machen Weise schlicht.

»Geschlichtet wird gar mancher Streit

Mit Stock und Stachel, Peitsche, Strick:

Doch ohne Stock, doch ohne Stahl

Hat mich der Meister schlicht gemacht.

»Einst hat man Friedrich[182] mich genannt,

Und Friedensmörder war ich nur:

Den ächten Namen führ’ ich heut,

Genesen froh als Friedenswalt.

»Berüchtigt war das Räuberhaupt,

Aṉgulimālo war der Mord:

Da brach der Strom die Bresche durch

Und trieb mich hin zum wachen Herrn!

»Mit Blut befleckt’ ich meine Hand,

Aṉgulimālo war der Mord:

Gerettet sieh’ mich rasten hier,

Die Daseinsader ist verdarrt.

»Der solche Thaten ich gethan,

Von Unheil schwer, von Unheil schwül,

Genieße reichlich reifen Lohn, 476

Entsündigt nehm’ ich Atzung ein.

»Dem leichten Sinn ergeben sich

Erlahmte Männer, ohne Muth;

Den Ernst bewahrt der weise Mann

Als köstlich besten Schatzeshort.

»Ergebt euch nicht dem leichten Sinn,

O folget nicht der Liebeslust!

Der ernst in sich gekehrte Mönch

Ist höchstem Heile sälig nah.[182]

»Gefunden hab’ ich’s, nicht verfehlt,

Kein übel Ding bedünkt es mich,

Von allem was die Welt gewährt

Hab’ ich das Beste auserwählt.

»Gefunden hab’ ich’s, nicht verfehlt,

Kein übel Ding bedünkt es mich,

Drei Wissenschaften kenn’ ich gut,

Erfüllt ist was der Meister will.«[183]

87.

Neunter Theil Siebente Rede

WAS EINEM LIEB IST

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun war irgend einem Hausvater sein einziges,

vielgeliebtes Büblein gestorben. Und wie es nun todt war,

mocht’ er sich weder um Arbeit noch Essen kümmern. Er ging

immer wieder zur Leichenstätte und jammerte: ›Wo bist du,

einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‹

Da nun begab sich jener Hausvater dorthin wo der Erhabene

weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich

seitwärts hin. Und zu jenem Hausvater, der da seitwärts saß,

wandte sich nun der Erhabene also:

»Nicht zeigst du, Hausvater, die Züge des geistig Gefassten: es

sind deine Züge verstört.«

»Wie sollten auch, o Herr, meine Züge nicht verstört sein: ist 477

mir doch, o Herr, das einzige, vielgeliebte Büblein gestorben!

Und da es nun todt ist, mag ich mich weder um Arbeit noch Essen

kümmern. Ich geh’ immer wieder zur Leichenstätte und jammere:

›Wo bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‹«

»So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater. Was einem lieb

ist, Hausvater, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung, was von Liebem kommt.«[184]

»Wer wird da nur, o Herr, also denken: ›Was einem lieb ist

giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von

Liebem kommt‹: was einem lieb ist, o Herr, giebt ja Freude und

Befriedigung, was von Liebem kommt.«

Und jener Hausvater, ungehalten und verstimmt über das Wort des

Erhabenen, stand von seinem Sitze auf und ging fort.

Nun waren gerade damals, nicht gar fern vom Erhabenen, viele

Würfelspieler beisammen, die Würfel spielten. Da begab sich

denn jener Hausvater zu ihnen hin und sprach also:

»Ich war da, ihr Herren, zum Asketen Gotamo gegangen, hatte

ehrerbietigen Gruß dargeboten und mich seitwärts hingesetzt.

Und als ich da saß, ihr Herren, wandte sich der Asket Gotamo

also an mich: ›Nicht zeigst du, Hausvater, die Züge des geistig

Gefassten: es sind deine Züge verstört.‹ Also angeredet, ihr

Herren, entgegnete ich dem Asketen Gotamo: ›Wie sollten auch,

o Herr, meine Züge nicht verstört sein: ist mir doch, o Herr,

das einzige, vielgeliebte Büblein gestorben! Und da es nun

todt ist, mag ich mich weder um Arbeit noch Essen kümmern.

Ich geh’ immer wieder zur Leichenstätte und jammere: ‚Wo 478

bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‘‹ --

›So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater. Was einem lieb

ist, Hausvater, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- ›Wer wird da nur, o

Herr, also denken: ‚Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer,

Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‘; was

einem lieb ist, o Herr, giebt ja Freude und Befriedigung, was

von Liebem kommt.‹ So sprach ich, ihr Herren, ungehalten und

verstimmt über das Wort des Asketen Gotamo, stand von meinem

Sitze auf und ging fort.«

»So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater! Was einem lieb

ist, Hausvater, giebt ja Freude und Befriedigung, was von

Liebem kommt.«

Da sagte jener Hausvater: »So hab’ ich recht, mit den

Würfelspielern!«; und er ging fort.

Aber dieses Gespräch verbreitete sich allmälig bis an den Hof

des Königs. Und König Pasenadi von Kosalo wandte sich an seine

Gemahlin Mallikā:

»Höre, Mallikā, dein Asket Gotamo hat gesagt: ›Was einem lieb

ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was

von Liebem kommt.‹«

»Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es

also.«

»Immer doch also giebt diese Mallikā, was auch da der Asket

Gotamo sagen mag, eben aber auch alles zu: ›Wenn das, großer

König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.‹ Gleichwie

etwa der Lehrer dem Schüler was immer auch sagen mag, und ihm

der Schüler eben auf alles zustimmt, ›So ist es, Meister, so

ist es, Meister‹, ebenso auch giebst du, Mallikā, was auch

immer da der Asket Gotamo sagen mag, eben aber auch alles zu:

›Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es

also.‹ Lass’ es gut sein, Mallikā, hör’ auf!« 479

Da wandte sich Königin Mallikā an den Brāhmanen Nāḷijaṉgho[185]

und bat ihn:

»Begieb dich, Brāhmane, zum Erhabenen hin und bring’ dem

Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche Gesundheit und

Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Mallikā‹, sage,

›o Herr, die Königin, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar

und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und

Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›hat wohl, o Herr, der Erhabene

dieses Wort gesprochen: ‚Was einem lieb ist giebt Wehe und

Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‘?‹

Und wie dir der Erhabene antworten wird, das merke dir gut und

melde mir. Denn die Vollendeten reden nicht unvollkommen.«

»Schön, Herrin!« entgegnete da gehorsam Nāḷijaṉgho der Brāhmane

Mallikā der Königin. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene

weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige

Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder.

Seitwärts sitzend sprach nun Nāḷijaṉgho der Brāhmane zum

Erhabenen also:

»Mallikā, o Gotamo, die Königin, bringt Herrn Gotamo zu Füßen

Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit,

Stärke und Wohlsein; und sie fügte hinzu: hat wohl, o Herr,

der Erhabene dieses Wort gesprochen: ›Was einem lieb ist giebt

Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem

kommt‹?«

»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Was einem lieb

ist, Brāhmane, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung, was von Liebem kommt. Darum muss man es eben,

Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem

lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung,

was von Liebem kommt. Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu 480

Sāvatthī irgend einem Weibe die Mutter gestorben. Durch deren

Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief sie von Straße zu

Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meine

Mutter gesehn, habt ihr nicht meine Mutter gesehn?‹ Darum soll

man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie

da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und

Verzweiflung, was von Liebem kommt.

»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem

Weibe der Vater gestorben -- war der Bruder, die Schwester

gestorben -- war der Sohn, war die Tochter gestorben -- war der

Gatte gestorben. Durch dessen Tod irrsinnig, geistesverstört

geworden lief sie von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und

schrie: ›Habt ihr nicht meinen Gatten gesehn, habt ihr nicht

meinen Gatten gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je

nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe

und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem

kommt.

»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem

Manne die Mutter gestorben -- war der Vater gestorben -- war 481

der Bruder, die Schwester gestorben -- war der Sohn, war die

Tochter gestorben -- war die Frau gestorben. Durch deren Tod

irrsinnig, geistesverstört geworden lief er von Straße zu

Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meine

Frau gesehn, habt ihr nicht meine Frau gesehn?‹ Darum soll

man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie

da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und

Verzweiflung, was von Liebem kommt.

»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend ein

Weib zu Verwandten ins Haus gekommen. Und die Verwandten

verboten dieser, mit ihrem Gatten zu leben, wollten sie einem

anderen vermählen: sie aber mochte den nicht. Und sie beschwor

ihren Mann: ›Diese Verwandten, o Gemahl, reißen mich von dir

und wollen mich einem anderen vermählen: ich aber mag den

nicht!‹ Und der Mann gab seinem Weibe den Tod und entleibte

sich selbst: ›Gestorben werden wir beisammen sein!‹ Darum soll

man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie

da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und

Verzweiflung, was von Liebem kommt.«

Und Nāḷijaṉgho der Brāhmane, durch des Erhabenen Rede erfreut

und befriedigt, stand auf und begab sich zu Mallikā der Königin

zurück und berichtete Wort für Wort das ganze Gespräch, das der

Erhabene mit ihm gepflogen. Und Königin Mallikā ging nun zu

König Pasenadi von Kosalo hin und sprach also: 482

»Was meinst du wohl, großer König: hast du deine Tochter Vajīrī

lieb?«

»Gewiss, Mallikā, hab’ ich meine Tochter Vajīrī lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn deiner Tochter Vajīrī

etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und

Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, meiner Tochter Vajīrī etwas verschlüge, etwas

geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie

sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der

Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er

gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden,

Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du

wohl, großer König: hast du die Fürstin Vāsabhā lieb?«

»Gewiss, Mallikā, hab’ ich die Fürstin Vāsabhā lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn der Fürstin Vāsabhā

etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und

Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, der Fürstin Vāsabhā etwas verschlüge, etwas

geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie

sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der

Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er

gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden,

Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du

wohl, großer König: hast du den Feldherrn Viḍūḍabho lieb?«

»Freilich, Mallikā, hab’ ich den Feldherrn Viḍūḍabho lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn dem Feldherrn 483

Viḍūḍabho etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe

und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?« 484

»Wenn, Mallikā, dem Feldherrn Viḍūḍabho etwas verschlüge,

etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein:

wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und

Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der

Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er

gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden,

Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du

wohl, großer König: hast du mich lieb?«

»Gewiss, Mallikā, hab’ ich dich lieb.«

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 30 / 45 段