»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,

schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,

richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss des

Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge, 451

dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sah

ich die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und

edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich

erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese

lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,

in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten

zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;

bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf

den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere

Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,

in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,

tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der

Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute

Fährte, in sälige Welt.‹ So sah ich mit dem himmlischen Auge,

dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die

Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,

schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte

wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Dieses Wissen,

Königsohn, hatte ich nun in den mittleren Stunden der Nacht

als zweites errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen

gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da

ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilte.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,

schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,

richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.

›Das ist das Leiden‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist

die Leidensentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das

ist die Leidensauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das

ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ verstand ich der

Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ verstand ich der Wahrheit

gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit

gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ verstand ich der Wahrheit

gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ verstand

ich der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend ward da

mein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,

erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,

diese Erkenntniss ging auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet

das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹,

verstand ich da. Dieses Wissen, Königsohn, hatte ich nun in den

letzten Stunden der Nacht als drittes errungen, das Nichtwissen

zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das

Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich

verweilte.

»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Entdeckt hab’ ich diese 452

tiefe Satzung, die schwer zu gewahren, schwer zu erkunden

ist, die stille, erlesene, unbekrittelbare, feine, Weisen

erfindliche.[173] Vergnügen aber sucht ja dieses Geschlecht,

Vergnügen liebt es, Vergnügen schätzt es. Dem Vergnügen

suchenden Geschlechte nun aber, Vergnügen liebenden, Vergnügen

schätzenden ist ein solches Ding kaum verständlich: als wie

das auf gewisse Weise bedingt sein, die bedingte Entstehung;

und auch ein solches Ding wird es kaum verstehn: eben dieses

Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das

Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung. Wenn

ich also die Satzung darlege und die anderen mich doch nicht

begreifen, so ist mir Plage gewiss und Anstoß.‹ Und es sind

mir, Königsohn, diese naturgemäßen Sprüche aufgeleuchtet, die

vorher nie gehörten:

›Mit heißer Mühe was ich fand

Nun offenbaren wär’ umsonst:

Das gier- und hassverzehrte Volk

ist solcher Satzung nicht geneigt.

›Die stromentgegen gehende

Tief innig zart verborgene

Bleibt Gierergetzten unsichtbar

In dichter Finsterniss verhüllt.‹

»Also erwägend, Königsohn, neigte sich mein Gemüth zur

Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der Lehre. Da nun

gewahrte, Königsohn, Brahmā Sahampati[174] meines Herzens

Bedenken und klagte: ›Verderben, ach, wird ja die Welt, elend

verderben, wenn des Vollendeten, Heiligen, vollkommen Erwachten

Gemüth sich zur Verschlossenheit neigt und nicht zur Darlegung

der Lehre!‹ Da verschwand nun, Königsohn, Brahmā Sahampati,

so schnell wie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm

ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, aus der 453

Brahmawelt und erschien vor mir. Da nun entblößte, Königsohn,

Brahmā Sahampati eine Schulter, faltete die Hände zu mir und

sprach hierauf also:

»‚O dass doch der Erhabene, o Herr, die Lehre darlege, o dass

doch der Willkommene die Lehre darlege! Es giebt Wesen edlerer

Art: ohne Gehör der Lehre verlieren sie sich, sie werden die

Lehre verstehn.‘

»Das sagte, Königsohn, Brahmā Sahampati; und hierauf sprach er

fernerhin also:

›Verkündet ward in Magadhā Verkehrtes,

Vertrübte Lehre von Unreinen ausgedacht:

Eröffne du jetzt dieses Thor des Lebens,

Der Reine weise zur entdeckten Wahrheit uns.

›Wie einer, der am Gipfel hoher Berge steht

Und in die Lande blickt nach allen Seiten hin,

So blick’, Allauge du, vom Thurm der Wahrheit

in dieses Schmerzenreich, du Schmerzenlöser!

Sieh’ hin, o Weiser, auf das Sein:

Entstehn-Vergehn ist seine Pein.

›Wohlan, o Helde, siegreicher Kampfesherr,

Geh’ hin zur Welt, entsühnt, o Meisterführer du!

Die Lehre mögest, Herr, verkünden:

Es werden sich Verständige finden.‹

»Auf das Anliegen Brahmās nun, Königsohn, und aus Erbarmen

zu den Wesen blickte ich mit dem erwachten Auge in die Welt.

Und ich sah, Königsohn, mit dem erwachten Auge in die Welt

blickend, Wesen edlerer Art und gemeinerer Art, scharfsinnige

und stumpfsinnige, gut begabte und schlecht begabte, leicht

begreifende und schwer begreifende und manche, die das

Anpreisen einer anderen Welt für arg erachten. Gleichwie etwa,

Königsohn, in einem Lotusweiher einzelne blaue oder rothe oder 454

weiße Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln,

unter dem Wasserspiegel bleiben, aus der Wassertiefe Nahrung

aufsaugen; einzelne blaue oder rothe oder weiße Lotusrose

im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln, bis zum

Wasserspiegel dringen; einzelne blaue oder rothe oder weiße

Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln, über

das Wasser emporsteigen und dastehn unbenetzt von Wasser[175]:

ebenso nun auch, Königsohn, sah ich, mit dem erwachten Auge

in die Welt blickend, Wesen edlerer Art und gemeinerer Art,

scharfsinnige und stumpfsinnige, gut begabte und schlecht

begabte, leicht begreifende und schwer begreifende und manche,

die das Anpreisen einer anderen Welt für arg erachten.

»Und ich erwiderte nun, Königsohn, Brahmā Sahampati mit dem

Spruche:

»Erschlossen sind zur Ewigkeit die Thore:

Wer Ohren hat zu hören komm’ und höre.

Den Anstoß ahnend wahrt’ ich unberedsam

Das köstlich Edle vor den Menschen, Brahmā.«

»Da nun, Königsohn, sagte Brahmā Sahampati: ›Gewährung hat mir

der Erhabene verheißen, die Lehre darzulegen‹, begrüßte mich

ehrerbietig, ging rechts herum und war alsbald verschwunden.

»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wem könnt’ ich nun wohl

zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre gar bald

begreifen?‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Jener Āḷāro

Kālāmo ist weise, entfremdet, tiefsinnig, lebt seit langer Zeit

der Entsagung; wenn ich nun ihm zuerst die Lehre darlege, wird

er diese Lehre gar bald begreifen.‹ Da nun kamen, Königsohn, 455

Gottheiten zu mir und sagten: ›Vor sieben Tagen, o Herr, ist

Āḷāro Kālāmo gestorben.‹ Die klare Gewissheit ging mir nun

auf: ›Vor sieben Tagen ist Āḷāro Kālāmo gestorben.‹ Da kam

mir, Königsohn, der Gedanke: ›Ein großer Geist war Āḷāro

Kālāmo: hätte er diese Lehre vernommen, er hätte sie gar bald

begriffen.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wem könnt’ ich

nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre gar

bald begreifen?‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Jener

Uddako Rāmaputto ist weise, entfremdet, tiefsinnig, lebt seit

langer Zeit der Entsagung; wenn ich nun ihm zuerst die Lehre

darlege, wird er diese Lehre gar bald begreifen.‹ Da nun kamen,

Königsohn, Gottheiten zu mir und sagten: ›Am Abend, o Herr,

ist Uddako Rāmaputto gestorben.‹ Die klare Gewissheit ging

mir nun auf: ›Am Abend ist Uddako Rāmaputto gestorben.‹ Da

kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Ein großer Geist war Uddako

Rāmaputto: hätte er diese Lehre vernommen, er hätte sie gar

bald begriffen.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wem

könnt’ ich nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese

Lehre gar bald begreifen?‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke:

›Zugethan sind mir ja die Fünf verbündeten Mönche, die meiner

warteten, als ich mich der Askese hingab; wie, wenn ich nun

zuerst den Fünf verbündeten Mönchen die Lehre darlegen möchte?‹

Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wo weilen wohl jetzt die 456

Fünf verbündeten Mönche?‹ Und ich sah, Königsohn, mit dem

himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen

hinausreichenden, den Aufenthalt der Fünf verbündeten Mönche

bei Benāres, am Sehersteine, im Wildparke.[176] Und ich begab

mich nun, Königsohn, da ich in Uruvelā nach Belieben geweilt

hatte, auf die Wanderung nach Benāres.

»Da begegnete mir, Königsohn, Upako, ein Nackter Büßer, auf dem

Wege vom Baum der Erwachung nach Gayā, und als er mich gesehn

hatte sprach er also zu mir:

»‚Heiter, o Bruder, ist dein Angesicht, hell die Hautfarbe und

rein! Um wessen willen, o Bruder, bist du hinausgezogen? Wer

ist wohl dein Meister? Oder zu wessen Lehre bekennst du dich?‘

»Auf diese Worte, Königsohn, sprach ich zu Upako dem Nackten

Büßer die Sprüche:

»Allüberwinder, Allerkenner bin ich,

Von allen Dingen ewig abgeschieden,

Verlassend alles, lebenswahngeläutert,

Durch mich allein belehrt, wen kann ich nennen?

»Kein Lehrer hat mich aufgeklärt,

Kein Wesen giebt es, das mir gleicht,

Die Welt mit ihren Göttern hat

Nicht Einen Ebenbürtigen.

»Denn ich bin ja der Herr der Welt,

Der höchste Meister, der bin ich,

Ein einzig Allvollendeter,

Vollkommen Wahnerloschener.

»Der Wahrheit Reich erricht’ ich nun

Und wandre zur Benāresstadt:

Erdröhnen soll in finstrer Welt

Die Trommel der Unsterblichkeit.«

›So glaubst du also, Bruder, dass du der Heilige bist, der

Unumschränkte Sieger?‹

»Mir gleich, ja, werden Siegende, 457

Ist Wahnvertilgung ausgeübt:

Besiegt hab’ ich das Sündige,

Bin darum Sieger, Upako.«

»Auf diese Worte, Königsohn, erwiderte Upako der Nackte Büßer:

›Wenn’s nur wäre, Bruder!‹, schüttelte das Haupt, schlug einen

Seitenweg ein und entfernte sich.

»Und ich zog nun, Königsohn, von Ort zu Ort nach Benāres, kam

zum Seherstein, in den Wildpark, wo die Fünf verbündeten Mönche

weilten. Da erblickten mich, Königsohn, die Fünf verbündeten

Mönche von ferne herankommen, und als sie mich gesehn bestärkte

einer den anderen: ›Da kommt, Bruder, jener Asket Gotamo heran,

der Ueppige, der von der Askese abgefallen ist und sich der

Ueppigkeit ergeben hat: wir wollen ihn weder begrüßen, noch uns

erheben um ihm Mantel und Schaale abzunehmen, aber ein Sitz sei

zugewiesen; wenn er will, mag er sich setzen.‹ Je mehr ich mich

aber, Königsohn, näherte, desto weniger vermochten die Fünf

verbündeten Mönche bei ihrem Entschluss zu verharren: einige

kamen entgegen und nahmen mir Mantel und Schaale ab, einige

baten mich Platz zu nehmen, einige machten ein Fußbad zurecht,

und sie gingen mich mit dem Namen und dem Bruderworte an. Da

sagte ich, Königsohn, zu den Fünf verbündeten Mönchen:

›Nicht gehet, ihr Mönche, den Vollendeten mit dem Namen und 458

dem Bruderworte an: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete,

der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die

Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre

dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes

Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in

die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit

noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und

erringen.‹

»Auf diese Worte, Königsohn, erwiderten mir die Fünf

verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder

Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese

hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit

nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden,

von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben

hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit

besitzen?‹ Auf diese Worte, Königsohn, erwiderte ich den Fünf

verbündeten Mönchen:

›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete üppig geworden, von

der Askese abgefallen, der Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr

Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet

Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe

ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr

in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne

gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste

Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar

machen, verwirklichen und erringen.‹

»Und zum zweiten Mal nun, Königsohn, erwiderten mir die Fünf

verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder

Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese

hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit

nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden, 459

von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben

hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit

besitzen?‹ Und zum zweiten Mal nun, Königsohn, erwiderte ich

den Fünf verbündeten Mönchen:

›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete üppig geworden, von

der Askese abgefallen, der Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr

Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet

Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe

ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr

in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne

gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste

Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar

machen, verwirklichen und erringen.‹

»Und zum dritten Mal nun, Königsohn, erwiderten mir die Fünf

verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder

Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese

hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit

nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden,

von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben

hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit

besitzen?‹ Auf diese Worte, Königsohn, sagte ich zu den Fünf

verbündeten Mönchen:

›Entsinnet ihr euch, ihr Mönche, dass ich je zuvor also

gesprochen hätte?‹

›Nein, o Herr!‹

›Heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen

Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist

gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung

folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen

willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit

ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten 460

euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹

»Und es gelang mir, Königsohn, den Fünf verbündeten Mönchen

meine Erkenntniss mitzutheilen. Erst trug ich, Königsohn,

zweien Mönchen die Lehre vor, drei Mönche gingen um

Almosenspeise, und was die drei Mönche an Almosenspeise

brachten, das theilten wir in sechs Theile und lebten davon.

Dann trug ich, Königsohn, dreien Mönchen die Lehre vor, zwei

Mönche gingen um Almosenspeise, und was die zwei Mönche an

Almosenspeise brachten, das theilten wir in sechs Theile und

lebten davon.

»Und die Fünf verbündeten Mönche, Königsohn, von mir also

belehrt, also eingeführt, hatten sich da gar bald jenes Ziel,

um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die

Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch

bei Lebzeiten offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.«

Nach dieser Rede wandte sich Bodhi der Königsohn also an den

Erhabenen:

»Wie lange braucht wohl, o Herr, ein Mönch, der den Vollendeten

zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom

Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung

der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu

verwirklichen und zu erringen?«

»Da will ich dir nun, Königsohn, eben hierüber eine Frage

stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was

meinst du wohl, Königsohn: ist dir die Kunst Elephanten zu

besteigen und zu lenken genau bekannt?«

»Gewiss, o Herr, genau ist mir die Kunst Elephanten zu

besteigen und zu lenken bekannt.«

»Was meinst du wohl, Königsohn: da käme ein Mann herbei: ›Bodhi

der Königsohn versteht die Kunst Elephanten zu besteigen und

zu lenken; bei ihm will ich diese Kunst erlernen.‹ Aber er 461

hätte kein Zutrauen, was man durch Zutrauen erreichen kann,

das erreichte er nicht. Aber er wäre kränklich, was man durch

Rüstigkeit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er

wäre listig und gleißnerisch, was man durch Ehrlichkeit und

Offenheit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre

feig, was man durch Tapferkeit erreichen kann, das erreichte er

nicht. Aber er wäre blöde, was man durch Witz erreichen kann,

das erreichte er nicht. Was meinst du wohl, Königsohn: könnte

da nun dieser Mann die Kunst Elephanten zu besteigen und zu

lenken bei dir erlernen?«

»Und hätte, o Herr, dieser Mann auch nur eine solche

Eigenschaft, so könnt’ er die Kunst Elephanten zu besteigen und

zu lenken bei mir nicht erlernen, geschweige mit fünf solchen

Eigenschaften!«

»Was meinst du wohl, Königsohn: da käme ein Mann herbei: ›Bodhi

der Königsohn versteht die Kunst Elephanten zu besteigen und zu

lenken; bei ihm will ich diese Kunst erlernen.‹ Aber er hätte

Zutrauen, was man durch Zutrauen erreichen kann, das erreichte

er. Aber er wäre rüstig, was man durch Rüstigkeit erreichen

kann, das erreichte er. Aber er wäre ehrlich und offen, was man

durch Ehrlichkeit und Offenheit erreichen kann, das erreichte

er. Aber er wäre tapfer, was man durch Tapferkeit erreichen

kann, das erreichte er. Aber er wäre witzig, was man durch

Witz erreichen kann, das erreichte er. Was meinst du wohl,

Königsohn; könnte da nun dieser Mann die Kunst Elephanten zu

besteigen und zu lenken bei dir erlernen?« 462

»Und hätte, o Herr, dieser Mann auch nur eine solche

Eigenschaft, so könnt’ er die Kunst Elephanten zu besteigen

und zu lenken bei mir erlernen, geschweige mit fünf solchen

Eigenschaften!«

»Ebenso nun, Königsohn, giebt es auch hier fünf

Kampfeseigenschaften: welche fünf? Da hat, Königsohn, der Mönch

Zutrauen, er traut der Wachheit des Vollendeten, so zwar:

›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der

Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner,

der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der

Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Rüstig ist er

und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu

kühl noch zu heiß, den mittleren Kampf zu bestehn. Ehrlich ist

er und offen und giebt sich der Wahrheit gemäß dem Meister oder

erfahrenen Ordensbrüdern zu erkennen. Muth hat er und Kraft

unheilsame Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen,

er dauert stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf

nicht auf. Witzig ist er, mit der Weisheit begabt, die Aufgang

und Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die

zur völligen Leidensversiegung führt. Das sind, Königsohn, die

fünf Kampfeseigenschaften. Mit diesen fünf Kampfeseigenschaften

begabt, Königsohn, mag ein Mönch, der den Vollendeten zum

Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause

fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der

Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu

verwirklichen und zu erringen, sieben Jahre brauchen.

»Sei es, Königsohn, um die sieben Jahre: mit diesen fünf

Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten

zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom 463

Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung

der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu

verwirklichen und zu erringen, sechs Jahre, fünf Jahre, vier

Jahre, drei Jahre, zwei Jahre, ein Jahr brauchen.

»Sei es, Königsohn, um das Jahr: mit diesen fünf

Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten

zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom

Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung

der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu

verwirklichen und zu erringen, sieben Monate, sechs Monate,

fünf Monate, vier Monate, drei Monate, zwei Monate, einen Monat

brauchen.

»Sei es, Königsohn, um den Monat, sei es um den halben Monat,

sei es um sieben Tage, um sechs Tage, um fünf Tage, um vier 464

Tage, um drei Tage, sei es, Königsohn, um zwei Tage: mit

diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den

Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne

gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste

Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu

machen, zu verwirklichen und zu erringen, einen Tag brauchen.

»Sei es, Königsohn, um einen Tag: mit diesen fünf

Kampfeseigenschaften begabt kann ein Mönch, der den Vollendeten

zum Lenker hat, am Abend eingeführt am Morgen den Ausgang

finden, am Morgen eingeführt am Abend den Ausgang finden.«

Auf diese Worte wandte sich Bodhi der Königsohn also an den

Erhabenen:

»O herrlich Erwachter, o herrliche Wahrheit, o herrlich

verkündete Wahrheit, wo da einer am Abend eingeführt am Morgen

den Ausgang finden kann, am Morgen eingeführt am Abend den

Ausgang finden kann!«

Da meinte Sañjikāputto, der es gehört, der junge Brāhmane, sich

an Bodhi den Königsohn wendend:

»So hat eben hier Herr Bodhi nur gesagt ›O herrlich Erwachter,

o herrliche Wahrheit, o herrlich verkündete Wahrheit‹, aber

nicht gesagt, dass er bei Ihm, dem Herrn Gotamo Zuflucht nehme,

bei der Lehre und bei der Jüngerschaft.«

»Nicht also rede, bester Sañjikāputto, nicht also rede,

bester Sañjikāputto! Von meinem Mütterchen selber, bester

Sañjikāputto, hab’ ich Folgendes erfahren, aus ihrem Munde

vernommen. Es war einmal, bester Sañjikāputto, da weilte der

Erhabene zu Kosambī, im Stiftungsgarten. Und das Mütterchen,

schwanger mit mir, begab sich dorthin wo der Erhabene weilte,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend sprach nun mein Mütterchen also zum 465

Erhabenen: ›Was ich da, o Herr, im Leibe trage, das Knäblein

oder das Mägdlein, das nimmt beim Erhabenen Zuflucht, bei

der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger mög’ es der

Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.‹ Es war

einmal, bester Sañjikāputto, da weilte der Erhabene eben

hier, im Bhagger-Lande, bei Suṃsumāragiram, im Forste des

Bhesakaḷā-Waldes. Und meine Amme nahm mich zu Hüften[177],

und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den

Erhabenen ehrerbietig und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts

stehend sprach nun meine Amme also zum Erhabenen: ›Dieser

Bodhi, o Herr, der Königsohn, nimmt beim Erhabenen Zuflucht,

bei der Lehre und bei den Jüngern: als Anhänger möge ihn der

Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.‹ Und so

nehm’ ich denn, bester Sañjikāputto, zum dritten Mal beim

Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft:

als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an

zeitlebens getreu.«[178]

86.

Neunter Theil Sechste Rede

AṈGULIMĀLO

Erstes Bruchstück

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun lebte im Reiche König Pasenadis von Kosalo

ein Räuber, Aṉgulimālo[179] genannt, grausam und blutgierig,

an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch 466

und Thier. Der machte die Dörfer undörflich, die Städte

unstädtlich, die Länder unländlich. Er brachte die Leute um und

hing sich die Fingerlein um den Hals.[180]

Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale

und begab sich nach Sāvatthī um Almosenspeise. Und als der

Erhabene, von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er

zurück und nahm das Mahl ein; dann brach er das Lager ab und

ging, mit Mantel und Schaale versehn, des Weges hin, nach der

Gegend wo Aṉgulimālo der Räuber hauste.

Es sahn aber Hirten und Landleute den Erhabenen des Weges

hingehn, nach der Gegend wo Aṉgulimālo der Räuber hauste; und

als sie den Erhabenen gesehn sprachen sie also zu ihm:

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 29 / 45 段