unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, begab ich
mich zu Āḷāro Kālāmo und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder
Kālāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹
Hierauf, Königsohn, erwiderte mir Āḷāro Kālāmo: ›Bleibt,
Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger
Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft
begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen
kann.‹ Und ich begriff, Königsohn, binnen kurzem, sehr bald
diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Königsohn, als Lippen und
Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das Wort
der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir
kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke:
›Āḷāro Kālāmo verkündet nicht die ganze Lehre nach seinem
Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ 435
ich in ihrem Besitze‘, sicher kennt Āḷāro Kālāmo diese Lehre
genau.‹ Ich ging nun, Königsohn, zu Āḷāro Kālāmo hin und
sprach also: ›Inwiefern, Bruder Kālāmo, erklärst du, dass wir
diese Lehre begriffen, uns offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt haben?‹ Hierauf, Königsohn, stellte Āḷāro Kālāmo das
Reich des Nichtdaseins dar.[169] Da kam mir, Königsohn, der
Gedanke: ›Nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Zuversicht, ich aber
habe Zuversicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Standhaftigkeit,
ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat
Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo
hat Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht
einmal Āḷāro Kālāmo hat Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie,
wenn ich nun diese Lehre, von welcher Āḷāro Kālāmo sagt ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar
würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Königsohn, hatte ich
diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt. Ich ging nun, Königsohn, wieder zu Āḷāro Kālāmo hin
und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder Kālāmo, insofern
von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ --
›Insofern, o Bruder, ist diese Lehre begriffen, offenbar
gemacht und erlangt worden.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder Kālāmo,
diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und 436
erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die
wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken!
So wie ich die Lehre verkünde, so hast du sie erlangt; so wie
du sie erlangt hast, so verkünde ich die Lehre. So wie ich
die Lehre kenne, so kennst du die Lehre. So wie du die Lehre
kennst, so kenne ich die Lehre. So wie ich bin, so bist du; so
wie du bist, so bin ich. Komm’ denn, Bruder: selbander wollen
wir diese Jüngerschaar lenken.‹ So, Königsohn, erklärte Āḷāro
Kālāmo, mein Lehrer, mich, seinen Schüler, als ihm ebenbürtig
und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, Königsohn, der
Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur
Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung,
zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich des
Nichtdaseins.‹ Und ich fand diese Lehre, Königsohn, ungenügend;
und unbefriedigt von ihr zog ich fort.
»Ich begab mich nun, Königsohn, das wahre Gut suchend, nach dem
unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, zu Uddako,
dem Sohne des Rāmo, und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder
Rāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹
Hierauf, Königsohn, erwiderte mir Uddako Rāmaputto: ›Bleibt, 437
Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger
Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft
begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen
kann.‹ Und ich begriff, Königsohn, binnen kurzem, sehr bald
diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Königsohn, als Lippen und
Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das Wort
der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir
kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke:
›Rāmo hat nicht die ganze Lehre nach seinem Glauben ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘ verkündet, sicher hat Rāmo diese Lehre genau gekannt.‹
Ich ging nun, Königsohn, zu Uddako, dem Sohne Rāmos, hin und
sprach also: ›Inwiefern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als von
uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt erklärt?‹ Hierauf,
Königsohn, stellte Uddako, der Sohn Rāmos, das Reich der Gränze
möglicher Wahrnehmung dar.[170] Da kam mir, Königsohn, der
Gedanke: ›Nicht einmal Rāmo hatte Zuversicht, ich aber habe
Zuversicht; nicht einmal Rāmo hatte Standhaftigkelt, ich aber
habe Standhaftigkeit; nicht einmal Rāmo hatte Einsicht, ich
aber habe Einsicht; nicht einmal Rāmo hatte Selbstvertiefung,
ich aber habe Selbstvertiefung; nicht einmal Rāmo hatte
Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie, wenn ich nun diese
Lehre, von welcher Rāmo sagte ‚Mir selbst begreiflich und
offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, mir anzueignen
suchte, damit sie mir völlig klar würde?‹ Und binnen kurzem,
sehr bald, Königsohn, hatte ich diese Lehre begriffen, mir
offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt. Ich ging nun, 438
Königsohn, wieder zu Uddako, dem Sohne Rāmos, und sprach also:
›Ist diese Lehre, Bruder, der Darlegung Rāmos gemäß insofern
von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ --
›Insofern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als begriffen, offenbar
gemacht und erlangt dargestellt.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder,
diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und
erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die
wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So
wie Rāmo die Lehre verkündet hat, so hast du die Lehre erlangt;
so wie du sie erlangt hast, so hat Rāmo die Lehre verkündet.
So wie Rāmo die Lehre gekannt hat, so kennst du die Lehre; so
wie du die Lehre kennst, so hat Rāmo die Lehre gekannt. So wie
Rāmo war, so bist du; so wie du bist, so war Rāmo. Komm’ denn,
o Bruder: sei du das Haupt dieser Jüngerschaar.‹ So, Königsohn,
belehnte Uddako Rāmaputto, mein Ordensbruder, mich mit der
Meisterschaft und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir,
Königsohn, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr,
zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung,
zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das
Reich der Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und ich fand diese 439
Lehre, Königsohn, ungenügend; und unbefriedigt von ihr zog ich
fort.
»Ich wanderte nun, Königsohn, das wahre Gut suchend, nach
dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, im
Māgadhā-Lande von Ort zu Ort und kam in die Nähe der Burg
Uruvelā. Dort sah ich einen entzückenden Fleck Erde: einen
heiteren Waldesgrund, einen hell strömenden Fluss, zum Baden
geeignet, erfreulich, und rings umher Wiesen und Felder. Da kam
mir, Königsohn, der Gedanke: ›Entzückend, wahrlich, ist dieser
Fleck Erde! Heiter ist der Waldesgrund, der Fluss strömt hell
dahin, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings umher liegen
Wiesen und Felder. Das genügt wohl einem Askese begehrenden
edlen Sohne zur Askese.‹ Und ich setzte mich nun, Königsohn,
dort nieder: ›Das genügt zur Askese.‹
»Da sind mir nun, Königsohn, drei Gleichnisse aufgeleuchtet,
naturgemäße, nie zuvor gehörte.
»Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein feuchtes, leimiges
Holzscheit ins Wasser geworfen würde; da träte ein Mann
hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken,
Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Königsohn: könnte
wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige, ins
Wasser geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken, Licht
hervorbringen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja feucht, leimig und überdies
noch ins Wasser geworfen! Alle Plage und Mühe des Mannes wäre 440
vergeblich.«
»Ebenso nun auch, Königsohn, steht es mit jenen Asketen oder
Priestern, die des Körpers nicht, nicht der Wünsche entwöhnt
sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,
Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das
nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene
lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum
Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und
auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden
schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so
sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur
unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Königsohn,
war das erste mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor
gehörte.
»Und hierauf ist mir nun, Königsohn, ein zweites Gleichniss
aufgeleuchtet, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes. Gleichwie
etwa, Königsohn, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit fern
vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte ein Mann hinzu,
mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken, Licht
hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Königsohn: könnte wohl
dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige, fern vom
Wasser ans Land geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken,
Licht hervorbringen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja feucht, leimig, und wenn es
auch außerhalb des Wassers am Lande liegt, alle Plage und Mühe
des Mannes wäre vergeblich.«
»Ebenso nun auch, Königsohn, steht es mit jenen Asketen oder 441
Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt sind,
die aber was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,
Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das
nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene
lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum
Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und
auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden
schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so
sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur
unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Königsohn,
war das zweite mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor
gehörte.
»Und hierauf ist mir nun, Königsohn, ein drittes Gleichniss
aufgeleuchtet, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes. Gleichwie
etwa, Königsohn, wenn ein trockenes, ausgedörrtes Holzscheit
fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte ein Mann
hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken,
Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Königsohn: könnte
wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das trockene, ausgedörrte,
fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit reibend, Feuer
erwecken, Licht hervorbringen?«
»Freilich, o Herr!«
»Und warum das?«
»Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja trocken und ausgedörrt und 442
liegt fern vom Wasser am Lande.«
»Ebenso nun auch, Königsohn, steht es mit jenen Asketen oder
Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt
sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,
Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das
innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene lieben
Asketen und Priester herantretende schmerzliche, brennende,
bittere Gefühle erfahren, so sind sie fähig zum Wissen, zur
Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und auch wenn jene
lieben Asketen und Priester keine herantretenden schmerzlichen,
brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so sind sie auch
dann fähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen
Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Königsohn, war das dritte mir
aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor gehörte.
»Diese drei Gleichnisse, Königsohn, sind mir aufgeleuchtet,
naturgemäße, nie zuvor gehörte.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich
nun mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen
gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwänge,
niederdrückte, niederquälte?‹ Und ich zwang nun, Königsohn,
mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter
Zunge durch den Willen das Gemüth nieder, drückte es nieder,
quälte es nieder. Und indem ich also, Königsohn, mit
aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter
Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwang, niederdrückte,
niederquälte, rieselte mir der Schweiß aus den Achselhöhlen. 443
Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein starker Mann einen
schwächeren, beim Kopf oder bei der Schulter ergreifend,
niederzwingt, niederdrückt, niederquält, ebenso rieselte
mir da, Königsohn, indem ich also mit aufeinandergepressten
Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das
Gemüth niederzwang, niederdrückte, niederquälte, der Schweiß
aus den Achselhöhlen. Gestählt war zwar, Königsohn, meine
Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber
regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so
schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun
in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun,
Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase an.
Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von
Mund und Nase anhielt, wurde mir das überlaute Geräusch der
Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gleichwie etwa, Königsohn,
der geblähte Blasebalg einer Schmiede überlautes Geräusch
erzeugt, ebenso wurde mir da, Königsohn, indem ich also die
Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase anhielt, das überlaute
Geräusch der Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gestählt war
zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht,
unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig
geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich 444
nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹
Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen
von Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn,
die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,
schlugen mir überheftige Strömungen auf die Schädeldecke auf.
Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein starker Mann mit scharfer
Dolchspitze die Schädeldecke zerhämmerte, ebenso schlugen
mir da, Königsohn, indem ich also die Ein- und Ausathmungen
von Mund, Nase und Ohr anhielt, überheftige Strömungen auf
die Schädeldecke auf. Gestählt war zwar, Königsohn, meine
Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber
regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so
schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun
noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich
hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund,
Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und
Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte ich im
Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn
ein starker Mann feste Riemenstränge auf dem Kopfe peitschend
tanzen ließe, ebenso hatte ich da, Königsohn, indem ich also
die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, im 445
Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gestählt war zwar, Königsohn,
meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar,
aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch
diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich
nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹
Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen
von Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn,
die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,
schnitten mir überheftige Strömungen durch den Bauch.
Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein geschickter Schlächter
oder Schlächtergeselle mit scharfem Schlachtmesser den Bauch
durchschlitzte, ebenso schnitten mir da, Königsohn, indem ich
also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,
überheftige Strömungen durch den Bauch. Gestählt war zwar,
Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht,
unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig
geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun
noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich
hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund,
Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und
Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte ich im
Körper überheftig glühende Quaal. Gleichwie etwa, Königsohn,
wenn zwei starke Männer einen schwächeren Mann an beiden 446
Armen ergriffen und in eine Grube voll glühender Kohlen
hineinquälten, hineinrollten, ebenso hatte ich da, Königsohn,
indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und
Ohr anhielt, im Körper überheftig glühende Quaal. Gestählt war
zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht,
unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig
geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da sahn mich nun, Königsohn, Gottheiten und sagten: Gestorben
ist der Asket Gotamo.‹ Andere Gottheiten sagten: ›Nicht
gestorben ist der Asket Gotamo, aber er stirbt.‹ Und andere
Gottheiten sagten: ›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo und
nicht stirbt er, heilig ist der Asket Gotamo, ein Zustand ist
es nur des Heiligen, von solcher Art.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich
nun gänzlich der Nahrung enthielte?‹ Da traten, Königsohn,
Gottheiten zu mir heran und sprachen: ›Wolle nicht, Würdiger,
dich gänzlich der Nahrung enthalten! Wenn du dich, Würdiger,
gänzlich der Nahrung enthalten willst, so werden wir dir
himmlischen Thau durch die Poren einflößen: dadurch wirst du
am Leben bleiben.‹[171] Da kam mir, Königsohn, der Gedanke:
›Wenn ich nun auch gänzliches Fasten hielte, diese Gottheiten
mir aber himmlischen Thau durch die Poren einflößten und ich
also gefristet würde, so wär’ es bloßer Schein.‹ Und ich wies, 447
Königsohn, die Gottheiten zurück und sagte: ›Schon gut!‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich nun wenig,
wenig Nahrung zu mir nähme, eine hohle Hand voll und noch eine,
als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe?‹ Und
ich nahm, Königsohn, wenig, wenig Nahrung zu mir, eine hohle
Hand voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe
oder Linsenbrühe. Und indem ich also, Königsohn, wenig, wenig
Nahrung zu mir nahm, eine hohle Hand voll und noch eine, als
wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe, wurde
mein Körper außerordentlich mager. Wie dürres, welkes Rohr
wurden da meine Arme und Beine durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde da mein Gesäß durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie eine Kugelkette
wurde da mein Rückgrat mit den hervor- und zurücktretenden
Wirbeln durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme[172], wie
sich die Dachsparren eines alten Hauses queerkantig abheben,
hoben sich da meine Rippen queerkantig ab durch diese äußerst
geringe Nahrungaufnahme, wie in einem tiefen Brunnen die
unten liegenden Wasserspiegel verschwindend klein erscheinen,
so erschienen da in meinen Augenhöhlen die tiefliegenden
Augensterne verschwindend klein durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, frisch angeschnitten, 448
in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde da meine
Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme. Und indem ich, Königsohn, die Bauchdecke
befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das
Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So
nahe war mir, Königsohn, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte,
Königsohn, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Um nun diesen
Körper da zu stärken, Königsohn, rieb ich mit der Hand die
Glieder. Und indem ich also, Königsohn, mit der Hand die
Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch die
äußerst geringe Nahrungaufnahme.
»Da sahn mich nun, Königsohn, Menschen und sagten: ›Blau ist
der Asket Gotamo!‹ Andere Menschen sagten: ›Nicht blau ist der
Asket Gotamo, braun ist der Asket Gotamo!‹ Und andere Menschen
sagten: ›Nicht blau ist der Asket Gotamo und nicht braun ist
der Asket Gotamo, gelbhäutig ist der Asket Gotamo!‹ So sehr war
nun, Königsohn, meine helle, reine Hautfarbe angegriffen worden
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Was für Asketen
oder Priester auch je in der Vergangenheit herangetretene
schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren haben: das
ist das höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder
Priester auch je in der Zukunft herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren werden: das ist das
höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder Priester 449
auch jetzt in der Gegenwart herantretende schmerzliche,
brennende, bittere Gefühle erfahren: das ist das höchste,
weiter geht es nicht. Und doch erreiche ich durch diese bittere
Schmerzensaskese kein überirdisches, reiches Heilthum der
Wissensklarheit! Es giebt wohl einen anderen Weg zur Erwachung.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Ich erinnere mich,
einst, während der Feldarbeiten bei meinem Vater Sakko, im
kühlen Schatten eines Rosenapfelbaumes sitzend, den Wünschen
erstorben, dem Unheil entronnen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung
errungen zu haben: das mag wohl der Weg sein zur Erwachung.‹
»Da kam mir, Königsohn, das einsichtgemäße Bewusstsein: ›Das
ist der Weg zur Erwachung.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, sollt’ ich etwa
jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit
des Schlechten?‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nein, ich fürchte jenes
Glück nicht, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des
Schlechten.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nicht leicht kann wohl
jenes Glück erreicht werden mit so außerordentlich entkräftetem
Körper; wie, wenn ich nun feste Nahrung zu mir nähme, gekochten
Reisbrei?‹ Und ich nahm, Königsohn, feste Nahrung zu mir,
gekochten Reisbrei.
»Zu jener Zeit aber, Königsohn, lebten fünf verbündete Mönche 450
um mich herum: ›Wenn uns der Asket Gotamo die Wahrheit
erkämpft haben wird, wird er sie uns mittheilen!‹ Als ich nun,
Königsohn, feste Nahrung zu mir nahm, gekochten Reisbrei, da
wandten sich jene fünf verbündeten Mönche von mir ab und gingen
fort: ›Ueppig wird der Asket Gotamo, der Askese untreu, geneigt
der Ueppigkeit.‹
»Und ich nahm nun, Königsohn, feste Nahrung zu mir, gewann
Kraft und erwirkte, gar fern von Begierden, fern von
unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung.
»Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens, Königsohn, erwirkte
ich die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von
sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige
Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung.
»In heiterer Ruhe, Königsohn, weilte ich gleichmüthig,
einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfand ich im Körper, von
dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt
beglückt‹; so erwirkte ich die Weihe der dritten Schauung.
»Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, Königsohn, nach
Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkte ich
die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen
vollkommenen Reine, die vierte Schauung.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene
frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei
Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf
Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann
an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig
Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann
an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen
Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein
Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,
so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo
wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,
dieser Familie gehört ich an, dies war mein Stand, dies mein
Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein
Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So
erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen. Dieses Wissen, Königsohn, hatte ich nun in den
ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das
Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich
verweilte.