»Was ist das aber, Ānando, für ein gesegneter Wandel, der heute

von mir gewiesen wird und zu vollkommener Abkehr, Wendung,

Auflösung, Aufhebung, Durchschauung, Erwachung, zur Erlöschung

führt? Es ist eben dieser heilige achtfältige Weg, und zwar:

rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes

Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte

Einigung. Das ist, Ānando, der gesegnete Wandel, der heute

von mir gewiesen wird und zu vollkommener Abkehr, Wendung,

Auflösung, Aufhebung, Durchschauung, Erwachung, zur Erlöschung

führt. Darum, Ānando, nehmt meinen Rath an: Wie dieser

gesegnete Wandel von mir gewiesen mögt ihr ihm nachkommen,

auf dass ihr nicht meine letzten Nachkommen seid. In einem

Weltalter, Ānando, wo der also gesegnete Wandel gebrochen wird,

da wird der letzte der Nachkommen sein.

»Darum, Ānando, nehmt meinen Rath an: Wie dieser gesegnete

Wandel von mir gewiesen mögt ihr ihm nachkommen, auf dass ihr

nicht meine letzten Nachkommen seid.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Ānando über das Wort des Erhabenen.[160]

84.

Neunter Theil Vierte Rede

MADHURO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige 421

Mahākaccāno bei Madhurā, im Riedmoor.

Und es hörte König Madhuro von Avanti reden: ›Ein Asket, und

zwar der würdige Kaccāno, weilt bei Madhurā, im Riedmoor.

Diesem würdigen Kaccāno geht aber allenthalben der frohe

Ruhmesruf voran: ‚Gelehrt ist er und weise und tiefsinnig, er

hat viel erfahren, ist wohlberedt und weiß was frommt, ist alt

und ehrwürdig. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!‘‹

Und König Madhuro von Avanti ließ viele prächtige Wagen

bespannen, bestieg selbst einen solchen und fuhr also mit

überaus reichem königlichen Gepränge aus der Stadt hinaus,

den ehrwürdigen Mahākaccāno zu besuchen. So weit gefahren

als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und ging dann

zu Fuße dorthin wo der ehrwürdige Mahākaccāno sich aufhielt.

Dort angelangt wechselte er höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich seitwärts nieder. Zur

Seite sitzend wandte sich nun König Madhuro von Avanti also an

den ehrwürdigen Mahākaccāno:

»Die Priester, o Kaccāno, reden also: ›Die Priester nur sind

höchste Kaste, verworfen andere Kaste; die Priester nur sind

helle Kaste, dunkel andere Kaste; die Priester nur können rein

werden, nicht Unpriester; die Priester sind Brahmās Söhne, von

ächter Abstammung, aus dem Munde geboren, in Brahmā gezeugt,

in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹[161] Was hält nun Herr 422

Kaccāno davon?«

»Gerede nur, großer König, ist es unter den Leuten. Darum muss

man es eben, großer König, je nach dem Umstand beurtheilen, ob

es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die Priester nur sind

höchste Kaste, verworfen andere Kaste; die Priester nur sind

helle Kaste, dunkel andere Kaste; die Priester nur können rein

werden, nicht Unpriester; die Priester sind Brahmās Söhne, von

ächter Abstammung, aus dem Munde geboren, in Brahmā gezeugt,

in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹ Was meinst du wohl, großer

König: so da ein Krieger zu Reichthum gelangt, an Geld und Gut,

an Silber und Gold, mag da ein Krieger vor ihm aufstehn und

nach ihm sich hinlegen, seinen Befehlen gehorchen, thun was

ihm angenehm, reden was ihm recht ist? Und mag ein Priester,

und mag ein Bürger, und mag ein Diener vor ihm aufstehn und

nach ihm sich hinlegen, seinen Befehlen gehorchen, thun was ihm

angenehm, reden was ihm recht ist?«

»So da ein Krieger, o Kaccāno, zu Reichthum gelangt, an Geld

und Gut, an Silber und Gold, mag wohl ein Krieger vor ihm

aufstehn und nach ihm sich hinlegen, seinen Befehlen gehorchen,

thun was ihm angenehm, reden was ihm recht ist; und mag ein

Priester, und mag ein Bürger, und mag ein Diener vor ihm

aufstehn und nach ihm sich hinlegen, seinen Befehlen gehorchen,

thun was ihm angenehm, reden was ihm recht ist.«

»Was meinst du wohl, großer König: so da ein Priester, so da 423

ein Bürger, so da ein Diener zu Reichthum gelangt, an Geld und

Gut, an Silber und Gold, mag da ein Priester vor ihm aufstehn

und nach ihm sich hinlegen, seinen Befehlen gehorchen, thun was

ihm angenehm, reden was ihm recht ist? Und mag ein Krieger,

und mag ein Bürger, und mag ein Diener vor ihm aufstehn und

nach ihm sich hinlegen, seinen Befehlen gehorchen, thun was ihm

angenehm, reden was ihm recht ist?«

»So da ein Priester, o Kaccāno, so da ein Bürger, so da ein

Diener zu Reichthum gelangt, an Geld und Gut, an Silber und

Gold, mag wohl ein Priester vor ihm aufstehn und nach ihm sich

hinlegen, seinen Befehlen gehorchen, thun was ihm angenehm,

reden was ihm recht ist; und mag ein Krieger, und mag ein

Bürger, und mag ein Diener vor ihm aufstehn und nach ihm sich

hinlegen, seinen Befehlen gehorchen, thun was ihm angenehm,

reden was ihm recht ist.«

»Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese

vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie

denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten 424

einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied

merken.«

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand

beurtheilen, ob es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die

Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste;

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die

Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester

sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde

geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹

Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Krieger Mörder

und Dieb, ein Wüstling, Lügner, Verleumder, ein Zänker und

Schwätzer, voll Gier und Hass und Eitelkeit; mag der, bei der

Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen, auf

schlechte Fährte, in Verderben und Unheil, oder nicht so, oder

wie denkst du darüber?«

»Ein Krieger, o Kaccāno, der da Mörder und Dieb ist, ein

Wüstling, Lügner, Verleumder, ein Zänker und Schwätzer, voll

Gier und Hass und Eitelkeit, der mag wohl, bei der Auflösung

des Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen, auf schlechte

Fährte, in Verderben und Unheil: so denk’ ich darüber, und so

hab’ ich es auch von den Heiligen gehört.« 425

»Gut, gut, großer König: es ist gut, großer König, dass du so

denkst, und gut auch, dass du es von den Heiligen gehört hast.

Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester, es

sei da ein Bürger, es sei da ein Diener Mörder und Dieb, ein

Wüstling, Lügner, Verleumder, ein Zänker und Schwätzer, voll

Gier und Hass und Eitelkeit; mag der, bei der Auflösung des

Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen, auf schlechte Fährte,

in Verderben und Unheil, oder nicht so, oder wie denkst du

darüber?«

»Ein Priester, o Kaccāno, ein Bürger, ein Diener, der da Mörder

und Dieb ist, ein Wüstling, Lügner, Verleumder, ein Zänker und

Schwätzer, voll Gier und Hass und Eitelkeit, der mag wohl, bei

der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen,

auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil: so denk’ ich

darüber, und so hab’ ich es auch von den Heiligen gehört.«

»Gut, gut, großer König: es ist gut, großer König, dass du so

denkst, und gut auch, dass du es von den Heiligen gehört hast.

Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese

vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie

denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten

einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied

merken.«

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand

beurtheilen, ob es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die

Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste;

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die

Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester

sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde

geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹

Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Krieger kein

Mörder und Dieb, kein Wüstling, Lügner, Verleumder, kein Zänker

und Schwätzer, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt; 426

mag der, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute

Fährte gerathen, in himmlische Welt, oder nicht so, oder wie

denkst du darüber?«

»Ein Krieger, o Kaccāno, der da kein Mörder und Dieb ist,

kein Wüstling, Lügner, Verleumder, kein Zänker und Schwätzer,

nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt, der mag wohl,

bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte

gerathen, in himmlische Welt: so denk’ ich darüber, und so hab’

ich es auch von den Heiligen gehört.«

»Gut, gut, großer König: es ist gut, großer König, dass du so

denkst, und gut auch, dass du es von den Heiligen gehört hast.

Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester, es

sei da ein Bürger, es sei da ein Diener kein Mörder und Dieb,

kein Wüstling, Lügner, Verleumder, kein Zänker und Schwätzer,

nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt; mag der, bei

der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte

gerathen, in himmlische Welt, oder nicht so, oder wie denkst du

darüber?«

»Ein Priester, o Kaccāno, ein Bürger, ein Diener, der da kein

Mörder und Dieb ist, kein Wüstling, Lügner, Verleumder, kein

Zänker und Schwätzer, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht

gesinnt, der mag wohl, bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, auf gute Fährte gerathen, in himmlische Welt: so denk’

ich darüber, und so hab’ ich es auch von den Heiligen gehört.«

»Gut, gut, großer König: es ist gut, großer König, dass du so

denkst, und gut auch, dass du es von den Heiligen gehört hast.

Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese 427

vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie

denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten

einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied

merken.«[162]

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand

beurtheilen, ob es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die

Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste;

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste;

die Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die

Priester sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem

Munde geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben

Brahmās.‹ Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein

Krieger, der breche in Häuser ein, oder raube fremdes Gut,

oder stehle, oder betrüge, oder verführe Ehefrauen; und wenn

deine Leute ihn fassten und dir brächten: ›Hier, o König, ist

ein Räuber, ein Verbrecher: was du ihm bestimmst, diese Strafe

gebiete!‹; was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, hinrichten, oder ächten, oder

bannen, oder je nach dem Falle züchtigen lassen.«

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Krieger bekannt, so hat er nun

diesen Namen verloren: Räuber wird er schlechthin geheißen.«

»Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester,

sei da ein Bürger, sei da ein Diener, der breche in Häuser

ein, oder raube fremdes Gut, oder stehle, oder betrüge, oder

verführe Ehefrauen; und wenn deine Leute ihn fassten und dir

brächten: ›Hier, o König, ist ein Räuber, ein Verbrecher: was

du ihm bestimmst, diese Strafe gebiete!‹; was würdest du da mit

ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, hinrichten, oder ächten, oder

bannen, oder je nach dem Falle züchtigen lassen.«

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Priester, oder als Bürger, oder als

Diener bekannt, so hat er nun diesen Namen verloren: Räuber 428

wird er schlechthin geheißen.«

»Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese

vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie

denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten

einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied

merken.«

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand

beurtheilen, ob es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die

Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste;

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die

Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester

sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde

geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹

Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Krieger, der

habe sich Haar und Bart abgeschoren, das fahle Gewand angelegt,

sei aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen, habe das Tödten

verleugnet, das Stehlen verleugnet, das Lügen verleugnet,

zufrieden mit einer Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein,

edelgeartet; was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, ehrerbietig begrüßen, uns vor

ihm erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung,

Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit

anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und

Obhut angedeihen lassen.«[163]

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Krieger bekannt, so hat er nun

diesen Namen verloren: Asket wird er schlechthin geheißen.«

»Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester, sei

da ein Bürger, sei da ein Diener, der habe sich Haar und Bart

abgeschoren, das fahle Gewand angelegt, sei aus dem Hause in

die Hauslosigkeit gezogen, habe das Tödten verleugnet, das

Stehlen verleugnet, das Lügen verleugnet, zufrieden mit einer

Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein, edelgeartet: was würdest

du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm 429

erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung,

Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit

anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und

Obhut angedeihen lassen.«

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Priester, oder als Bürger, oder als

Diener bekannt, so hat er nun diesen Namen verloren: Asket wird

er schlechthin geheißen.«[164]

»Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese

vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie

denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten

einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied

merken.«

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand

beurtheilen, oh es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die

Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste;

die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die

Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester

sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde

geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹«

Nach diesen Worten wandte sich König Madhuro von Avanti also an

den ehrwürdigen Mahākaccāno:

»Vortrefflich, o Kaccāno, vortrefflich, o Kaccāno! Gleichwie

etwa, o Kaccāno, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder

Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein

Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge

sehn‹: ebenso auch ist von Herrn Kaccāno die Lehre gar vielfach

gezeigt worden. Und so nehm’ ich bei Herrn Kaccāno Zuflucht,

bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich 430

Herr Kaccāno betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«

»Nicht bei mir, großer König, wolle du Zuflucht nehmen: sondern

bei Ihm, dem Erhabenen, nimm Zuflucht, bei dem ich Zuflucht

genommen.«

»Wo aber, o Kaccāno, weilt Er jetzt, der Erhabene, der Heilige,

vollkommen Erwachte?«

»Erloschen ist Er nun, großer König, der Erhabene, der Heilige,

vollkommen Erwachte.«

»Wenn wir da hörten, o Kaccāno, Er, der Erhabene, sei dreißig

Meilen fern, so würden wir eben dreißig Meilen wandern, Ihn,

den Erhabenen zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Wenn

wir da hörten, o Kaccāno, Er, der Erhabene, sei sechzig Meilen

fern, sei neunzig Meilen, hundertzwanzig Meilen, hundertfünfzig

Meilen fern, so würden wir eben hundertfünfzig Meilen wandern,

Ihn, den Erhabenen zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten.

Und wenn wir da hörten, o Kaccāno, dreihundert Meilen sei Er,

der Erhabene, fern, so würden wir eben dreihundert Meilen

wandern, Ihn, den Erhabenen zu sehn, den Heiligen, vollkommen

Erwachten. Weil nun aber, o Kaccāno, Er, der Erhabene,

erloschen ist, so nehmen wir eben bei Ihm, dem Erhabenen, der

erloschen ist, unsere Zuflucht, und bei der Lehre und bei der

Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Kaccāno betrachten,

von heute an zeitlebens getreu.«[165]

85.

Neunter Theil Fünfte Rede

BODHI DER KÖNIGSOHN

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im

Lande der Bhagger, bei der Stadt Suṃsumāragiram, im Forste des

Bhesakaḷā-Waldes.

Damals nun hatte Bodhi der Königsohn eben erst ein Landhaus, 431

Lotusrose genannt, sich erbauen lassen, und niemand noch hatte

darin gewohnt, kein Asket und kein Priester noch irgendein

menschliches Wesen.

Da nun wandte sich Bodhi der Königsohn also an Sañjikāputto den

jungen Brāhmanen:

»Komm’, bester Sañjikāputto, und geh’ zum Erhabenen hin und

bring’ dem Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche

Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein:

›Bodhi‹, sage, ›o Herr, der Königsohn, bringt dem Erhabenen zu

Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit,

Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›möge, o Herr‹, lässt er

sagen, ›der Erhabene Bodhi dem Königsohne die Bitte gewähren,

morgen mit den Mönchen bei ihm zu speisen!‹«

»Jawohl, Herr!« entgegnete da gehorsam Sañjikāputto der junge

Brāhmane Bodhi dem Königsohne. Und er begab sich dorthin wo

der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Sañjikāputto der junge

Brāhmane zum Erhabenen also:

»Bodhi, o Gotamo, der Königsohn, bringt Herrn Gotamo zu Füßen

Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke

und Wohlsein; und er lässt sagen: ›Möge, o Herr‹, sprach er,

›der Erhabene Bodhi dem Königsohne die Bitte gewähren, morgen

mit den Mönchen bei ihm zu speisen!‹«

Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.

Als nun Sañjikāputto der junge Brāhmane der Zustimmung des

Erhabenen gewiss war, stand er auf, begab sich zu Bodhi dem

Königsohne zurück und sprach also zu ihm:

»Ausgerichtet haben wir Herrn Gotamo euere Botschaft: und Herr 432

Gotamo hat angenommen.«

Da ließ nun Bodhi der Königsohn am nächsten Morgen in seiner

Behausung ausgewählte feste und flüssige Speise auftragen und

den Boden in seinem Landhause Lotusrose mit weißen Geweben

bespreiten, bis zur untersten Treppenstufe herab.[166] Dann

befahl er Sañjikāputto dem jungen Brāhmanen:

»Eile dich, bester Sañjikāputto, geh’ hin zum Erhabenen und

melde: ›Es ist Zeit, o Herr, das Mahl ist bereit.‹«

»Jawohl, Herr!« entgegnete da gehorsam Sañjikāputto der junge

Brāhmane Bodhi dem Königsohne. Und er begab sich dorthin wo der

Erhabene weilte, und gab dem Erhabenen Meldung:

»Es ist Zeit, o Gotamo, das Mahl ist bereit.«

Und der Erhabene rüstete sich beizeiten, nahm Mantel und

Almosenschaale und begab sich zur Wohnung Bodhi des Königsohns.

Um diese Zeit aber stand Bodhi der Königsohn vor dem Eingange

seines Hauses, den Erhabenen erwartend. Und Bodhi der Königsohn

sah den Erhabenen von ferne herankommen, und als er ihn gesehn

schritt er ihm entgegen, bot ehrerbietigen Gruß dar, ließ

den Erhabenen vorangehn und geleitete ihn zu der Lotusrose

Landhaus. An die unterste Treppenstufe gelangt blieb der

Erhabene stehn. Und Bodhi der Königsohn lud den Erhabenen ein: 433

»Möge, o Herr, der Erhabene die Gewebe beschreiten, möge der

Willkommene die Gewebe beschreiten, auf dass es mir lange zum

Wohle, zum Heile gereiche!«

Also eingeladen schwieg der Erhabene still. Und zum zweiten

Male sprach Bodhi der Königsohn zum Erhabenen also; und zum

zweiten Male schwieg der Erhabene still. Und zum dritten Male

wandte sich Bodhi der Königsohn an den Erhabenen:

»Möge, o Herr, der Erhabene die Gewebe beschreiten, möge der

Willkommene die Gewebe beschreiten, auf dass es mir lange zum

Wohle, zum Heile gereiche!«

Da blickte nun der Erhabene auf den ehrwürdigen Ānando zurück.

Und der ehrwürdige Ānando sprach also zu Bodhi dem Königsohne:

»Lass’ die Gewebe, Königsohn, fortschaffen; nicht will der

Erhabene über Teppiche schreiten: auf die Nachfolger hat der

Vollendete zurückgeblickt.«

Und Bodhi der Königsohn ließ die Gewebe fortschaffen und auf

dem Söller der Lotusrose die Stühle bereit stellen. Und der

Erhabene stieg die Terrasse empor und nahm mit den Mönchen auf

den dargebotenen Sitzen Platz. Und Bodhi der Königsohn bediente

und versorgte eigenhändig den Erwachten und seine Jünger mit

ausgewählter fester und flüssiger Speise.

Nachdem nun der Erhabene gespeist und das Mahl beendet hatte,

nahm Bodhi der Königsohn einen von den niederen Stühlen zur

Hand und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite sitzend sprach

nun Bodhi der Königsohn zum Erhabenen also:

»Ich hab’ es, o Herr, bei mir bedacht: ›Man kann nicht Wohl um 434

Wohl gewinnen: um Wehe lässt sich Wohl gewinnen.‹«[167]

»Auch ich hab’ es, Königsohn, noch vor der vollen Erwachung,

als unvollkommen Erwachter, Erwachung erst Erringender, bei

mir bedacht: ›Man kann nicht Wohl um Wohl gewinnen: um Wehe

lässt sich Wohl gewinnen.‹ Und da bin ich, Königsohn, nach

einiger Zeit, noch in frischer Blüthe, glänzend dunkelhaarig,

im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter[168],

gegen den Wunsch meiner weinenden und klagenden Eltern, mit

geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, vom

Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 27 / 45 段