Kind, in Freuden erwachsen, in Freuden auferzogen: du weißt, o
Raṭṭhapālo, nichts von Leiden. Komm’ denn, lieber Raṭṭhapālo:
iss und trink’ und ergetze dich! Du kannst essen und trinken
und dich ergetzen und fröhlich genießen und Gutes thun und
dich damit zufriedengeben. Wir gestatten dir nicht, aus dem
Hause in die Hauslosigkeit zu gehn! Sogar der Tod ließe uns
deinen Verlust nicht willig ertragen: wie sollten wir dich erst
lebendig aus dem Hause in die Hauslosigkeit ziehn lassen?«
Da gedachte Raṭṭhapālo der junge Edelmann: ›Meine Eltern wollen
mich nicht aus dem Hause in die Hauslosigkeit ziehn lassen‹;
und er legte sich auf den bloßen Erdboden hin und sagte:
»Hier will ich den Tod erwarten oder euere Zustimmung.«
Und Raṭṭhapālo der junge Edelmann ließ eine Mahlzeit 388
vorübergehn, und zwei und drei und vier Mahlzeiten vorübergehn,
und fünf und sechs und sieben Mahlzeiten vorübergehn.[148] Aber
die Eltern sprachen Raṭṭhapālo dem jungen Edelmann also zu:
»Du bist, o Raṭṭhapālo, unser einziges, theures, geliebtes
Kind, in Freuden erwachsen, in Freuden auferzogen: du weißt, o
Raṭṭhapālo, nichts von Leiden. Erhebe dich, lieber Raṭṭhapālo:
iss und trink’ und ergetze dich! Du kannst essen und trinken
und dich ergetzen und fröhlich genießen und Gutes thun und
dich damit zufriedengeben. Wir gestatten dir nicht, aus dem
Hause in die Hauslosigkeit zu gehn! Sogar der Tod ließe uns
deinen Verlust nicht willig ertragen: wie sollten wir dich erst
lebendig aus dem Hause in die Hauslosigkeit ziehn lassen?«
Also angesprochen gab Raṭṭhapālo der junge Edelmann keine
Antwort. Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal sprachen die
Eltern Raṭṭhapālo dem jungen Edelmann also zu:
»Du bist, o Raṭṭhapālo, unser einziges, theures, geliebtes
Kind, in Freuden erwachsen, in Freuden auferzogen: du weißt, o
Raṭṭhapālo, nichts von Leiden. Erhebe dich, lieber Raṭṭhapālo:
iss und trink’ und ergetze dich! Du kannst essen und trinken
und dich ergetzen und fröhlich genießen und Gutes thun und
dich damit zufriedengeben. Wir gestatten dir nicht, aus dem 389
Hause in die Hauslosigkeit zu gehn! Sogar der Tod ließe uns
deinen Verlust nicht willig ertragen: wie sollten wir dich erst
lebendig aus dem Hause in die Hauslosigkeit ziehn lassen?«
Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal gab Raṭṭhapālo der
junge Edelmann keine Antwort.
Da begaben sich nun, auf die Bitten der Eltern, seine Freunde
zu ihm und sprachen ihm dreimal zu: und dreimal ließ er sie
reden und gab ihnen keine Antwort. Und seine Freunde kehrten
wieder zu den Eltern zurück und sprachen also zu ihnen:
»Liebe Eltern, euer edler Sohn Raṭṭhapālo liegt auf dem bloßen
Erdboden: da will er den Tod erwarten oder euere Zustimmung.
Wenn ihr ihm nicht gestatten wollt, aus dem Hause in die
Hauslosigkeit zu ziehn, so wird er eben da sterben. Wenn ihr
ihm aber gestatten wollt, aus dem Hause in die Hauslosigkeit
zu ziehn, so werdet ihr ihn doch als Pilger sehn. Und wenn
euer edler Sohn Raṭṭhapālo an der Pilgerschaft kein Gefallen
findet, wo sollt’ er sich anders hinwenden? Er wird eben wieder 390
hierher zurückkehren. Gebt euerem edlen Sohne Raṭṭhapālo die
Zustimmung, aus dem Hause in die Hauslosigkeit zu gehn.«
»Wir geben, ihr Guten, unserem edlen Sohne Raṭṭhapālo die
Zustimmung, aus dem Hause in die Hauslosigkeit zu ziehn, aber
er soll seine Eltern als Pilger besuchen!«
Da gingen die Freunde zu Raṭṭhapālo dem jungen Edelmanne zurück
und sprachen also zu ihm:
»Deine Eltern gestatten dir, aus dem Hause in die Hauslosigkeit
zu gehn: aber du sollst deine Eltern als Pilger besuchen!«
Und Raṭṭhapālo der junge Edelmann stand auf, kam zu Kräften 391
und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt
begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts
nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Raṭṭhapālo der junge
Edelmann zum Erhabenen also:
»Erhalten hab’ ich, o Herr, meiner Eltern Zustimmung, aus dem
Hause in die Hauslosigkeit zu ziehn: möge der Erhabene mich
aufnehmen!«
Und Raṭṭhapālo der junge Edelmann wurde vom Erhabenen
aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.
Und der Erhabene begab sich nun, da er nach Belieben zu
Thūlakoṭṭhitam geweilt hatte, nicht lange nach der Aufnahme des
ehrwürdigen Raṭṭhapālo, vierzehn Tage nach der Ordensweihe, auf
die Wanderung nach Sāvatthī, von Ort zu Ort wandernd näherte er
sich der Stadt.
Zu Sāvatthī weilte nun der Erhabene, im Siegerwalde, im Garten
Anāthapiṇḍikos.
Und der ehrwürdige Raṭṭhapālo, einsam, abgesondert,
unermüdlich, in heißem, innigem Ernste verweilend, hatte
gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die
Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch
bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.
›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt
das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer
war nun der ehrwürdige Raṭṭhapālo der Heiligen geworden.
Und der ehrwürdige Raṭṭhapālo begab sich zum Erhabenen hin,
begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, setzte sich seitwärts
nieder und sprach also:
»Ich möchte, o Herr, meine Eltern besuchen, so es der Erhabene
mir gestattet.«
Und der Erhabene nahm den Sinn des ehrwürdigen Raṭṭhapālo, im 392
Geiste geistig erkundend, wahr. Und als der Erhabene merkte:
›Unmöglich kann Raṭṭhapālo der edle Sohn von der Askese
abfallen und zur Gewohnheit zurückkehren‹, da sagte denn der
Erhabene zum ehrwürdigen Raṭṭhapālo:
»Wie es dir nun, Raṭṭhapālo, belieben mag.«
Und der ehrwürdige Raṭṭhapālo stand von seinem Sitze auf,
begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum, räumte
sein Lager zusammen, nahm Mantel und Schaale und begab sich
auf die Wanderung nach Thūlakoṭṭhitam, von Ort zu Ort wandernd
näherte er sich der Burg.
Zu Thūlakoṭṭhitam weilte nun der ehrwürdige Raṭṭhapālo, an
König Koravyos Jagdgelände.
Und der ehrwürdige Raṭṭhapālo, zeitig gerüstet, mit Mantel
und Schaale versehn, machte sich auf den Almosengang nach
Thūlakoṭṭhitam. Dort stand er von Hütte zu Hütte still und
gelangte vor das Haus seines Vaters. Um diese Zeit nun ließ der
Vater des ehrwürdigen Raṭṭhapālo in der mittleren Thorhalle
sich rasieren. Und es sah des ehrwürdigen Raṭṭhapālo Vater den
ehrwürdigen Raṭṭhapālo von ferne herankommen, und als er ihn
gesehn sprach er also:
»Von solchen kahlgeschorenen Pfaffen ist uns unser einziger,
vielgeliebter Sohn geraubt worden!«
Und so empfing der ehrwürdige Raṭṭhapālo im Hause seines Vaters
weder Gabe noch Absage, sondern nur Schimpf empfing er.
Unterdessen wollte die Kindsmagd des ehrwürdigen Raṭṭhapālo
von Abend übrig gebliebene Grütze wegschütten. Da sprach der 393
ehrwürdige Raṭṭhapālo also zu ihr:
»Wenn das, o Schwester, weggeschüttet werden soll, so gieß’ es
in meine Schaale.«
Aber während des ehrwürdigen Raṭṭhapālo Kindsmagd die von Abend
übrig gebliebene Grütze dem ehrwürdigen Raṭṭhapālo in die
Schaale goss, erkannte sie ihn an seinen Händen und Füßen und
an seiner Stimme. Und sie rannte zur Mutter des ehrwürdigen
Raṭṭhapālo und rief ihr entgegen:
»O Herrin, dass du es weißt: der junge Herr, Raṭṭhapālo ist da!«
»Ist das wahr, was du sagst, so sollst du frei sein!«
Und des ehrwürdigen Raṭṭhapālo Mutter eilte zum Vater des
ehrwürdigen Raṭṭhapālo und sprach also zu ihm:
»O Hausvater, dass du es weißt: Raṭṭhapālo, heißt es, unser
edler Sohn ist hier!«
Inzwischen nahm der ehrwürdige Raṭṭhapālo die von Abend übrig
gebliebene Grütze, an einer Mauer rastend, ein. Und der Vater
des ehrwürdigen Raṭṭhapālo suchte ihn auf, trat an seine Seite
und sprach also zu ihm:
»Ist es denn möglich, o Raṭṭhapālo, dass du von Abend
übrig gebliebene Grütze einnimmst? Willst du denn nicht, o
Raṭṭhapālo, dein eigenes Haus betreten?«
»Woher, o Hausvater, wär’ uns ein Haus eigen, die wir aus dem
Hause in die Hauslosigkeit gezogen sind? Hauslos sind wir, o
Hausvater. Gekommen sind wir, o Hausvater, zu deinem Hause, und 394
haben da weder Gabe empfangen noch Absage, sondern nur Schimpf
haben wir empfangen.«
»Komm’, o Raṭṭhapālo, wir wollen in den Saal gehn.«
»Genug, Hausvater: fertig bin ich für heute mit dem Mahle.«
»Wohlan denn, o Raṭṭhapālo, so gewähre mir die Bitte, morgen
bei mir zu speisen!«
Schweigend gewährte der ehrwürdige Raṭṭhapālo die Bitte.
Als nun der Vater des ehrwürdigen Raṭṭhapālo der Zustimmung
sicher war, begab er sich nach Hause zurück. Dort ließ er
einen großen Haufen von Gold und Geschmeide aufschichten, ihn
mit Matten bedecken und befahl dann den früheren Frauen des
ehrwürdigen Raṭṭhapālo:
»Herbei, ihr Gesponsen! Mit was für Schmucke geschmückt ihr
ehedem Raṭṭhapālo dem jungen Edelmanne lieblich erschient und
reizend, mit diesem Schmucke sollt ihr euch schmücken!«
Am nächsten Morgen nun ließ der Vater des ehrwürdigen
Raṭṭhapālo in seiner Behausung ausgewählte feste und flüssige
Speise auftragen und sandte einen Boten an den ehrwürdigen 395
Raṭṭhapālo mit der Meldung: ›Es ist Zeit, o Raṭṭhapālo, das
Mahl ist bereit.‹ Und der ehrwürdige Ratṭhapālo rüstete sich
beizeiten, nahm Mantel und Schaale und begab sich zu seines
Vaters Wohnung. Dort angekommen nahm er auf dem dargebotenen
Sitze Platz. Da ließ nun der Vater jenen Haufen von Gold und
Geschmeide enthüllen und sprach also zum ehrwürdigem Raṭṭhapālo:
»Das kommt dir, o Raṭṭhapālo, als Erbtheil der Mutter zu,
ein anderes vom Vater, ein anderes vom Großvater: man kann,
o Raṭṭhapālo, den Reichthum genießen und Gutes thun. Komm’,
o mein Raṭṭhapālo: gieb die Askese auf, kehr’ zur Gewohnheit
zurück, genieße den Reichthum und thue Gutes!«
»Wenn du, Hausvater, thun wolltest was ich rathe, so würdest
du diesen Haufen von Gold und Geschmeide auf Wagen laden
und hinausfahren und mitten in den Strom der Gangesfluthen
versenken lassen: und warum das? Du wirst ja, Hausvater, Wehe,
Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung daran erfahren.«
Da stürzten des ehrwürdigen Raṭṭhapālo frühere Frauen vor ihm
nieder, und jede umfing seine Füße, und sie sprachen zu ihm:
»Was mögen das nur, edler Gemahl, für Huldinen sein, um die du
Kasteiung übst?«
»Nicht üben wir, o Schwestern, Kasteiung um Huldinen.«
»Schwestern hat uns der edle Gemahl, Raṭṭhapālo genannt!«
schrien sie und fielen da bewusstlos zu Boden.
Und nun wandte sich der ehrwürdige Raṭṭhapālo also an seinen
Vater:
»Soll, Hausvater, Atzung gereicht werden, so reiche sie: lass’ 396
uns nicht länger quälen.«
»Bediene dich, Raṭṭhapālo, bereit ist das Mahl.«
Und des ehrwürdigen Raṭṭhapālo Vater bediente und versorgte
eigenhändig den ehrwürdigen Raṭṭhapālo mit ausgewählter fester
und flüssiger Speise.
Nachdem nun der ehrwürdige Raṭṭhapālo gespeist und das Mahl
beendet hatte, ließ er, schon erhoben, folgende Weise verlauten:
»Schau’ wie der Balg ist aufgeputzt,
Der ganz aus Wunden doch besteht,
Der siech ist, voll von Willensdrang,
Der dauerlos erstirbt, verstiebt.
»Schau’ wie der Leib ist aufgeputzt,
Rubinbehangen, goldgeschmückt,
Das hautverbrämte Beingerüst,
Im Glanze seiner Kleiderpracht!
»Das rothbelackte Füßlein da,
Der Lippe Purpur, Lippe Duft:
Verblendet blinzelt schon der Thor,
Doch keiner, der die Küste sucht.
»Das achtgetheilte Haargezöpf,
Die schwanken Wimpern, schwarz gefärbt:
Verblendet blinzelt schon der Thor,
Doch keiner, der die Küste sucht.
»Gleichwie man Wände neu bemalt
Betünchen sie den faulen Leib:
Verblendet blinzelt schon der Thor,
Doch keiner, der die Küste sucht.
»Die Schlinge warf ein Wildrer aus,
Das Wild verbarg sich, floh den Bast,
Genoss das Futter, fing sich nicht
Und ließ den Wildrer lauern nur.«
Als dann der ehrwürdige Raṭṭhapālo, schon erhoben, diese
Weise gesagt hatte, ging er hinweg und begab sich zu König
Koravyos[149] Jagdgelände. Dort saß er am Fuß eines Baumes
nieder, bis Abend zu verweilen.
Aber König Koravyo hatte den Wildmeister zu sich befohlen:
»Sorge dafür, guter Wildmeister, dass mein Jagdgelände, der 397
Wildgarten, sauber sei: wir wollen eine Ausfahrt machen, in die
schöne Umgebung hinaus.«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam der Wildmeister dem
Herrscher. Und er ließ das Jagdgelände säubern und sah den
ehrwürdigen Raṭṭhapālo am Fuß eines Baumes tagüber sitzen. Und
er ging zum Herrscher zurück und sprach also zu ihm:
»Sauber, o König, ist das Jagdgelände; doch weilt Raṭṭhapālo
darin, ein junger Edelmann, der Erbe eines der ersten
Adelsgeschlechter eben hier von Thūlakoṭṭhitam, den du oft
gepriesen hast: der hat sich am Fuß eines Baumes über den Tag
hingesetzt.«
»So sei es denn, guter Wildmeister, um die heutige Gartenfahrt:
wir wollen dann eben diesen Herrn Raṭṭhapālo aufsuchen.«
Und König Koravyo befahl: »Was an Speise und Trank da
vorgesorgt war, das soll alles vertheilt werden«; und er ließ
viele prächtige Wagen bespannen, bestieg selbst einen solchen
und fuhr also mit überaus reichem königlichen Gepränge aus
der Stadt hinaus, den ehrwürdigen Raṭṭhapālo zu besuchen. So
weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und
ging dann zu Fuße, während er das Gefolge zurückbleiben hieß,
dorthin wo der ehrwürdige Raṭṭhapālo weilte. Bei ihm angelangt
wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte
und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun
König Koravyo also zum ehrwürdigen Raṭṭhapālo:
»Möge Herr Raṭṭhapālo sich hier auf die Schabracke hinsetzen!«
»Schon gut, großer König: du setze dich hin; ich bleibe auf 398
meinem Platze.«
Da setzte sich König Koravyo auf den dargebotenen Sitz. Und er
sprach also zum ehrwürdigen Raṭṭhapālo:
»Vier Arten giebt es, o Raṭṭhapālo, von Verderbniss, wo da
mancher, davon betroffen, sich Haar und Bart abscheert, das
fahle Gewand anlegt und aus dem Hause in die Hauslosigkeit
zieht: welche vier? Alterverderbniss, Krankheitverderbniss,
Besitzverderbniss, Verwandtenverderbniss. Was ist aber, o
Raṭṭhapālo, Alterverderbniss? Da ist einer, o Raṭṭhapālo, alt
und greis geworden, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt. Der
überlegt bei sich: ›Ich bin jetzt alt geworden und greis und
hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt; nicht wohl, freilich,
geht es an, dass ich noch nicht erworbenen Besitz mir erwerbe,
oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn ich nun, mit
geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet,
aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und weil er
also von Alterverderbniss betroffen ist, scheert er sich
Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an und zieht aus dem
Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man, o Raṭṭhapālo,
Alterverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo steht jetzt in frischer
Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend,
im ersten Mannesalter: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo jene
Alterverderbniss. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn
oder gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen?
»Und was ist, o Raṭṭhapālo, Krankheitverderbniss? Da ist einer, 399
o Raṭṭhapālo, siech, leidend, schwerkrank. Der überlegt bei
sich: ›ich bin jetzt siech, leidend, schwerkrank; nicht wohl,
freilich, geht es an, dass ich noch nicht erworbenen Besitz
mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn
ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande
bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹
Und weil er also von Krankheitverderbniss betroffen ist,
scheert er sich Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an
und zieht aus dem Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man,
o Raṭṭhapālo, Krankheitverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo ist
ja gesund und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt,
weder zu kühl noch zu heiß: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo jene
Krankheitverderbniss.[150] Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren
oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die
Hauslosigkeit gezogen?
»Und was ist, o Raṭṭhapālo, Besitzverderbniss? Da ist einer,
o Raṭṭhapālo, reich, mit Geld und Gut mächtig begabt; und er
büßt seinen Besitz nach und nach ein. Der überlegt bei sich:
›Ich bin ehedem reich gewesen, mit Geld und Gut mächtig begabt;
und ich habe meinen Besitz nach und nach eingebüßt. Nicht
wohl, freilich, geht es an, dass ich noch nicht erworbenen
Besitz mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn
ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande
bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und
weil er also von Besitzverderbniss betroffen ist, scheert er 400
sich Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an und zieht aus
dem Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man, o Raṭṭhapālo,
Besitzverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo ist eben hier zu
Thūlakoṭṭhitam Erbe eines der ersten Adelsgeschlechter: fremd
ist Herrn Raṭṭhapālo jene Besitzverderbniss. Was hat Herr
Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder gehört, und ist aus dem
Hause in die Hauslosigkeit gezogen?
»Und was ist, o Raṭṭhapālo, Verwandtenverderbniss? Da hat
einer, o Raṭṭhapālo, viele Freunde und Genossen, Verwandte und
Vettern; und diese Sippen sterben ihm nach und nach aus. Der
überlegt bei sich: ›Einst hatte ich viele Freunde und Genossen,
Verwandte und Vettern; und diese Sippen sind mir nach und nach
ausgestorben. Nicht wohl, freilich, geht es an, dass ich noch
nicht erworbenen Besitz mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz
mehre. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit
fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit
hinauszöge?‹ Und weil er also von Verwandtenverderbniss
betroffen ist, scheert er sich Haar und Bart ab, legt das
fahle Gewand an und zieht aus dem Hause in die Hauslosigkeit.
Das heißt man, o Raṭṭhapālo, Verwandtenverderbniss. Aber Herr
Raṭṭhapālo hat eben hier zu Thūlakoṭṭhitam viele Freunde und
Genossen, Verwandte und Vettern: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo
jene Verwandtenverderbniss. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren
oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die
Hauslosigkeit gezogen? -- Das sind, o Raṭṭhapālo, die vier
Arten von Verderbniss, wo da mancher, davon betroffen, sich 401
Haar und Bart abscheert, das fahle Gewand anlegt und aus dem
Hause in die Hauslosigkeit zieht: fremd sind diese Herrn
Raṭṭhapālo. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder
gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen?«
»Es sind, großer König, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,
dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, vier Lehrsätze
dargelegt worden; die hab’ ich erfahren und gesehn und gehört,
und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen: welche
vier? ›Aufgerieben wird die Welt, verweslich‹: so lautet,
großer König, der erste Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen,
dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommem Erwachten,
dargelegt wurde; den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört,
und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen. ›Hülflos
ist die Welt, ohnmächtig‹: so lautet, großer König, der
zweite Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurde;
den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem
Hause in die Hauslosigkeit gezogen. ›Uneigen ist die Welt,
alles verlassend muss man gehn‹: so lautet, großer König, der
dritte Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurde;
den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem
Hause in die Hauslosigkeit gezogen. ›Bedürftig ist die Welt,
nimmersatt, durstverdungen‹: so lautet, großer König, der
vierte Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurde; den
hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause 402
in die Hauslosigkeit gezogen. Das sind, großer König, die vier
Lehrsätze, die von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher,
dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurden; die hab’
ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in
die Hauslosigkeit gezogen.«
»‚Aufgerieben wird die Welt, verweslich‘, hat Herr Raṭṭhapālo
gesagt: wie aber soll man, o Raṭṭhapālo, den Sinn dieser Worte
verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: bist du mit zwanzig oder mit
fünfundzwanzig Jahren imstande gewesen Elephanten zu bändigen,
Rosse zu reiten, Wagen zu lenken, Bogen zu spannen, Schwerdter
zu schwingen? Bist du stark in den Schenkeln, stark in den
Armen gewesen, tauglich genug zum Kampfe?«
»Ich bin, o Raṭṭhapālo, mit zwanzig oder mit fünfundzwanzig
Jahren imstande gewesen Elephanten zu bändigen, Rosse zu
reiten, Wagen zu lenken, Bogen zu spannen, Schwerdter zu
schwingen, bin stark in den Schenkeln, stark in den Armen
gewesen, tauglich genug zum Kampfe. Zuweilen fühlt’ ich, o
Raṭṭhapālo, fast Ueberkraft in mir: nicht hab’ ich an Stärke
meines Gleichen gekannt.«
»Was meinst du wohl, großer König: bist du auch jetzt ebenso
stark in den Schenkeln und Armen, tauglich genug zum Kampfe?«
»Das nicht, o Raṭṭhapālo: jetzt bin ich alt und greis geworden,
hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, stehe im achtzigsten
Jahre. Zuweilen will ich, o Raṭṭhapālo, den Fuß dahinsetzen,
und setze ihn dorthin.«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der
Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er
gesagt hat: ›Aufgerieben wird die Welt, verweslich‹; das hab’
ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in 403
die Hauslosigkeit gezogen.«
»Wunderbar, o Raṭṭhapālo, außerordentlich ist es, o Raṭṭhapālo,
wie Er da so richtig gesagt hat, der Erhabene, der Kenner, der
Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, ›Aufgerieben wird
die Welt, verweslich‹: denn aufgerieben wird, o Raṭṭhapālo,
die Welt, verweslich. -- Versehn ist, o Raṭṭhapālo, meine
Königsburg mit Kriegselephanten, mit Reiterei, mit Streitwagen,
mit Fußtruppen, die uns in Noth und Gefahr zu Schutz und
Trutz gereichen. ›Hülflos ist die Welt, ohnmächtig‹, hat Herr
Raṭṭhapālo gesagt: wie aber soll man, o Raṭṭhapālo, den Sinn
dieser Worte verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: leidest du an irgend einem
andauernden Uebel?«
»Ich leide, o Raṭṭhapālo, an dem Uebel der andauernden Gicht.
Zuweilen, o Raṭṭhapālo, stehn meine Freunde und Genossen,
Verwandte und Vettern um mich herum und reden: ›Diesmal wird
König Koravyo sterben! Diesmal wird König Koravyo sterben!‹«
»Was meinst du wohl, großer König: erlangst du das bei deinen
Freunden und Genossen, Verwandten und Vettern: ›Kommt heran,
ihr lieben Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern! Alle,
die ihr da seid, mögt diesen Schmerz unter euch theilen, damit
ich den Schmerz minder empfinde!‹, oder aber musst du den
Schmerz allein erdulden?«
»Nicht kann ich das, o Raṭṭhapālo, bei meinen Freunden und
Genossen, Verwandten und Vettern erlangen: ›Kommt heran, ihr
lieben Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern! Alle, die
ihr da seid, mögt diesen Schmerz unter euch theilen, damit ich
den Schmerz minder empfinde!‹, sondern ich muss den Schmerz
allein erdulden.«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der
Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er
gesagt hat: ›Hülflos ist die Welt, ohnmächtig‹: das hab’ ich 404
erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die
Hauslosigkeit gezogen.«
»Wunderbar, o Raṭṭhapālo, außerordentlich ist es, o Raṭṭhapālo,
wie Er da so richtig gesagt hat, der Erhabene, der Kenner,
der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, ›Hülflos ist
die Welt, ohnmächtig‹: denn hülflos ist, o Raṭṭhapālo, die
Welt, ohnmächtig. -- Es findet sich, o Raṭṭhapālo, in meiner
Königsburg reichlich Gold und Geschmeide vor, heimlich
vergraben und offen aufgestellt. ›Uneigen ist die Welt, alles
verlassend muss man gehn‹, hat Herr Raṭṭhapālo gesagt: wie aber
soll man, o Raṭthapālo, den Sinn dieser Worte verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: wie du hienieden mit dem
Besitz und Genuss der fünf Begehrungen begabt bist, kannst du
auch jenseit erlangen: ›Ebenso will ich mit eben diesem Besitz
und Genuss der fünf Begehrungen begabt sein!‹, oder aber wird
dieser Reichthum auf andere übergehn, und wirst du je nach den
Thaten wandeln?«