»Lange noch kannst du also, Udāyī, fortfahren, wenn du sagst

›Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren

giebt, das ist der höchste Glanz‹, und diesen Glanz nicht

erklärst. Gleichwie etwa, Udāyī, wenn ein Mann also spräche:

›Ich habe nach ihr, die da im ganzen Lande die Schönste ist,

Verlangen, habe Sehnsucht nach ihr‹; und man fragte ihn:

›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der du verlangst

und dich sehnst, kennst du diese, ob es eine Fürstin oder eine

Priestertochter, ein Bürgermädchen oder eine Dienerin ist?‹;

und er gäbe ›Nein‹ zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber

Mann, die Schönste des Landes, nach der du verlangst und

dich sehnst, kennst du diese, weißt du wie sie heißt, wo sie

herstammt oder hingehört, ob sie von großer oder von kleiner

oder von mittlerer Gestalt ist, ob ihre Hautfarbe schwarz

oder braun oder gelb ist, in welchem Dorf oder welcher Burg

oder welcher Stadt sie zuhause ist?‹; und er gäbe ›Nein‹

zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die du nicht

kennst und nicht siehst, nach der verlangst du, sehnst dich

nach ihr?‹; und er gäbe ›Ja‹ zur Antwort; was meinst du wohl,

Udāyī: hätte nun nicht, bei solcher Bewandtniss, jener Mann

unbegreifliche Antwort gegeben?«

»Allerdings hätte, o Herr, bei solcher Bewandtniss jener Mann

unbegreifliche Antwort gegeben.«[124]

»Ebenso nun auch, Udāyī, hast du gesagt ›Jener Glanz, o Herr, 356

über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der

höchste Glanz‹, und hast diesen Glanz nicht erklärt.«

»Gleichwie etwa, o Herr, ein Juwel, ein Edelstein, von reinem

Wasser, achteckig, wohlbearbeitet, auf lichter Decke liegend

leuchtet und funkelt und strahlt, ebenso glänzend ist die

Seele, nach dem Tode genesen.«[125]

»Was meinst du wohl, Udāyī: ein Juwel, ein Edelstein, der von

reinem Wasser, achteckig, wohlbearbeitet ist, auf lichter

Decke liegend leuchtet und funkelt und strahlt, oder aber ein

Glühwurm, ein Leuchtkäfer[126] in dunkler, finsterer Nacht: wer

von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Ein Glühwurm, o Herr, in dunkler, finsterer Nacht, ein

Leuchtkäfer, dieser von beiden hat da größeren und helleren

Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: ein Glühwurm in dunkler, finsterer

Nacht, ein Leuchtkäfer, oder aber eine Oellampe in dunkler,

finsterer Nacht: wer von den beiden hat größeren und helleren

Glanz?«

»Eine Oellampe, o Herr, in dunkler, finsterer Nacht, diese von

beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: eine Oellampe in dunkler, finsterer

Nacht, oder aber eine mächtige Fackel in dunkler, finsterer

Nacht: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Eine mächtige Fackel, o Herr, in dunkler, finsterer Nacht, 357

diese von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: eine mächtige Fackel in dunkler,

finsterer Nacht, oder aber der Morgenstern in dämmernder Frühe,

wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind: wer

von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Der Morgenstern, o Herr, in dämmernder Frühe, wann die Wolken

und Nebel verzogen und verschwunden sind, dieser von beiden hat

da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: der Morgenstern in dämmernder

Frühe, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden

sind, oder aber am Feiertage im halben Monat, wann die Wolken

und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt um

Mitternacht der Mond: wer von den beiden hat größeren und

helleren Glanz?«

»Der Mond, o Herr, am Feiertage im halben Monat, wann die

Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt

um Mitternacht, dieser von beiden hat da größeren und helleren

Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: der Mond am Feiertage im halben

Monat, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden

sind, unbeschränkt um Mitternacht, oder aber im letzten Monat

der Regenzeit, im Herbste, wann die Wolken und Nebel verzogen

und verschwunden sind, unbeschränkt um Mittag die Sonne: wer

von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Die Sonne, o Herr, im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste,

wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind,

unbeschränkt um Mittag, diese von beiden hat da größeren und 358

helleren Glanz.«

»Nun sind es zwar, Udāyī, mehr als viele der Götter, deren

Licht sich mit dem von Sonne und Mond nicht vergleichen lässt,

und ich kenne sie: dennoch aber sag’ ich nicht ›Ein Glanz, über

den es keinen größeren und helleren giebt‹; während, Udāyī, du

dagegen von jenem Glatze, der dem Glühwurm, dem Leuchtkäfer

nachsteht, unterlegen ist, sagst ›Das ist der höchste Glanz‹,

und diesen Glanz nicht erklärst.«

»Abgeschnitten hat der Erhabene das Gespräch, abgeschnitten hat

der Willkommene das Gespräch!«

»Warum denn, Udāyī, sagst du: ›Abgeschnitten hat der Erhabene

das Gespräch, abgeschnitten hat der Willkommene das Gespräch‹?«

»Unser eigener Lehrsatz, o Herr, der lautet: ›Das ist der

höchste Glanz, das ist der höchste Glanz‹: und da sind wir,

o Herr, vom Erhabenen über unseren eigenen Lehrsatz befragt,

ausgeforscht, unterrichtet, hohl und leer und eitel befunden

worden.«

»Sag’ mir, Udāyī: giebt es ein vollkommenes Wohlsein, giebt es

einen deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein

zu erreichen?«

»Wir haben, o Herr, einen Lehrsatz, der lautet: ›Es giebt ein

vollkommenes Wohlsein, es giebt einen deutlich bezeichneten

Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen.‹«

»Und was ist das, Udāyī, für ein deutlich bezeichneter Pfad, um

das vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Da hat einer, o Herr, das Tödten verworfen, vom Tödten hält

er sich fern, Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom

Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern, Ausschweifung hat

er verworfen, von Ausschweifung hält er sich fern, das Lügen 359

hat er verworfen, vom Lügen hält er sich fern; oder er hat

noch andere Büßerpflicht auf sich genommen. Das ist, o Herr,

der deutlich bezeichnete Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu

erreichen.«

»Was bedünkt dich, Udāyī: zu einer Zeit wo man das Tödten

verworfen hat, sich vom Tödten fernhält, fühlt man sich zu

einer solchen Zeit vollkommen wohl, oder wohl und weh?«

»Wohl und weh, o Herr!«

»Was bedünkt dich, Udāyī? zu einer Zeit wo man das Nehmen des

Nichtgegebenen, Ausschweifung, Lüge verworfen hat, sich davon

fernhält, fühlt man sich zu einer solchen Zeit vollkommen wohl,

oder wohl und weh?«

»Wohl und weh, o Herr!«

»Was bedünkt dich, Udāyī: zu einer Zeit wo man noch andere

Büßerpflicht auf sich genommen hat, fühlt man sich zu einer

solchen Zeit vollkommen wohl, oder wohl und weh?«

»Wohl und weh, o Herr!«

»Was bedünkt dich, Udayī: hat man nun aber den Pfad betreten,

der Wohl und Wehe mit sich bringt, kann man da vollkommenes

Wohlsein erreichen?«

»Abgeschnitten hat der Erhabene das Gespräch, abgeschnitten hat

der Willkommene das Gespräch!«

»Warum denn, Udāyī, sagst du: ›Abgeschnitten hat der Erhabene

das Gespräch, abgeschnitten hat der Willkommene das Gespräch‹?«

»Unser eigener Lehrsatz, o Herr, der lautet: ›Es giebt ein 360

vollkommenes Wohlsein, es giebt einen deutlich bezeichneten

Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen‹: und da sind

wir, o Herr, vom Erhabenen über unseren eigenen Lehrsatz

befragt, ausgeforscht, unterrichtet, hohl und leer und eitel

befunden worden. Wie nun, o Herr: giebt es ein vollkommenes

Wohlsein, giebt es einen deutlich bezeichneten Pfad, um das

vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Es giebt, Udāyī, ein vollkommenes Wohlsein, es giebt einen

deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu

erreichen.«

»Und was ist das, o Herr, für ein deutlich bezeichneter Pfad,

um das vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Da weilt, Udāyī, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern

von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener

säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach

Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt er die innere

Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von

gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit,

die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er

gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet

er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig

Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten

Schauung. Das ist, Udāyī, der deutlich bezeichnete Pfad, um das

vollkommene Wohlsein zu erreichen.«

»Wie kann das, o Herr, der deutlich bezeichnete Pfad sein, um

das vollkommene Wohlsein zu erreichen? Erreicht hat man ja da

schon, o Herr, vollkommenes Wohlsein!«

»Nicht hat man, Udāyī, da schon vollkommenes Wohlsein erreicht:

der deutlich bezeichnete Pfad ist es nur, um das vollkommene

Wohlsein zu erreichen.«

Auf diese Worte brachen die Jünger Sakuludāyī des Pilgers in

lebhafte Rufe aus, in lauten Lärm, in großen Lärm:

»So haben wir unsere Lehrsätze verloren, so haben wir unsere

Lehrsätze wiedergefunden![127] Darüber hinaus begreifen wir 361

nichts Höheres mehr.«

Und Sakuludāyī der Pilger beschwichtigte sie und sprach dann

also zum Erhabenen:

»Inwiefern hat man nun, o Herr, vollkommenes Wohlsein erreicht?«

»Da erwirkt, Udāyī, der Mönch nach Verwerfung der Freuden und

Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns

die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen

vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Und so da Geister sich

vollkommen wohl befinden, geht er sie an und pflegt Rede und

Rath mit ihnen, insofern hat man, Udāyī, vollkommenes Wohlsein

erreicht.«

»Und gewiss, o Herr, führen die Mönche um dieses vollkommene

Wohlsein zu erreichen das Asketenleben beim Erhabenen?«

»Nicht doch, Udāyī, um dieses vollkommene Wohlsein zu erreichen

führen die Mönche bei mir das Asketenleben; es giebt, Udāyī,

noch andere Dinge, die besser und vorzüglicher sind, um deren

Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.«

»Was sind das aber, o Herr, für bessere und vorzüglichere

Dinge, um deren Erreichung die Mönche das Asketenleben beim

Erhabenen führen?«

»Da weilt[128], Udāyī, der Mönch solchen Gemüthes, innig, 362

geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig,

biegsam, fest, unversehrbar, und richtet das Gemüth auf die

erinnernde Erkenntniss früherer Daseinsformen. Er erinnert

sich an manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an

ein Leben, dann an zwei Leben, und so weiter, mit je den

eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen.

Das aber ist, Udāyī, ein besseres und vorzüglicheres Ding, um

dessen Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert,

gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,

unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des

Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,

dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden,

kann er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn,

gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und

unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den

Thaten wiederkehren. Das aber ist, Udāyī, ein besseres und

vorzüglicheres Ding, um dessen Erreichung die Mönche bei mir

das Asketenleben führen.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,

schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, 363

richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.

›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist

die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das

ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das

ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der

Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der der Wahrheit

gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit

gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit

gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt

er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da

sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,

erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,

diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet

das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹

versteht er da. Das ist, Udāyī, ein besseres und vorzüglicheres

Ding, um dessen Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben

führen.

»Das sind, Udāyī, die besseren und vorzüglicheren Dinge, um

deren Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.«

Nach diesen Worten wandte sich Sakuludāyī der Pilger also an

den Erhabenen:

»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa,

o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes

enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die

Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹:

ebenso auch hat der Erhabene die Lehre gar vielfach gezeigt.

Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der

Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir, o Herr, der Erhabene 364

Aufnahme gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«

So sprach Sakuludāyī der Pilger. Aber seine Jünger wandten sich

also an ihn:

»Nicht darf Herr Udāyī beim Asketen Gotamo das Asketenleben

führen, nicht darf Herr Udāyī, längst ein Lehrer, als Schüler

in die Lehre gehn! Gleichwie etwa wenn man, längst geschmückt,

einen jeden Schmuck ablegte, ebenso würde das Herrn Udāyī

anstehn.[129] Nicht darf Herr Udāyī beim Asketen Gotamo das

Asketenleben führen, nicht darf Herr Udāyī, längst ein Lehrer,

als Schüler in die Lehre gehn!«

* * * * *

Und so hielten denn Sakuludāyī den Pilger seine Jünger vom

Asketenleben beim Erhabenen ab.[130]

80.

Achter Theil Zehnte Rede

VEKHANASO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich Vekhanaso, ein Pilger, dorthin wo der

Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und stellte sich seitwärts

hin. Seitwärts stehend ließ nun Vekhanaso der Pilger vor dem

Erhabenen den Ausspruch vernehmen:

»Das ist der höchste Glanz, das ist der höchste Glanz.«

»Warum denn, Kaccāno[131], sagst du: ›Das ist der höchste

Glanz, das ist der höchste Glanz‹? Was ist das für ein höchster

Glanz?«

»Ein Glanz, o Gotamo, über den es keinen größeren und helleren 365

giebt, das ist der höchste Glanz.«

»Und was ist das, Kaccāno, für ein höchster Glanz, über den es

keinen größeren und helleren giebt?«

»Jener Glanz, o Gotamo, über den es keinen größeren und

helleren giebt, das ist der höchste Glanz.«

»Lange noch kannst du also, Kaccāno, fortfahren, wenn du

sagst ›Jener Glanz, o Gotamo, über den es keinen größeren

und helleren giebt, das ist der höchste Glanz‹, und diesen

Glanz nicht erklärst. Gleichwie etwa, Kaccāno, wenn ein Mann

also spräche: ›Ich habe nach ihr, die da im ganzen Lande die

Schönste ist, Verlangen, habe Sehnsucht nach ihr‹; und man

fragte ihn: ›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der

du verlangst und dich sehnst, kennst du diese, ob es eine

Fürstin oder eine Priestertochter, ein Bürgermädchen oder

eine Dienerin ist?‹; und er gäbe ›Nein‹ zur Antwort; und man

fragte ihn: ›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der du

verlangst und dich sehnst, kennst du diese, weißt du wie sie

heißt, wo sie herstammt oder hingehört, ob sie von großer oder

von kleiner oder von mittlerer Gestalt ist, ob ihre Hautfarbe

schwarz oder braun oder gelb ist, in welchem Dorf oder welcher

Burg oder welcher Stadt sie zuhause ist?‹; und er gäbe ›Nein‹

zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die du nicht

kennst und nicht siehst, nach der verlangst du, sehnst dich

nach ihr?‹; und er gäbe ›Ja‹ zur Antwort; was meinst du wohl, 366

Kaccāno: hätte nun nicht, bei solcher Bewandtniss, jener Mann

unbegreifliche Antwort gegeben?«

»Allerdings hätte, o Gotamo, bei solcher Bewandtniss jener Mann

unbegreifliche Antwort gegeben.«

»Ebenso nun auch, Kaccāno, hast du gesagt ›Jener Glanz, o

Gotamo, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist

der höchste Glanz‹, und hast diesen Glanz nicht erklärt.«

»Gleichwie etwa, o Gotamo, ein Juwel, ein Edelstein, von reinem

Wasser, achteckig, wohlbearbeitet, auf lichter Decke liegend

leuchtet und funkelt und strahlt, ebenso glänzend ist die

Seele, nach dem Tode genesen.«

»Was meinst du wohl, Kaccāno: ein Juwel, ein Edelstein, der

von reinem Wasser, achteckig, wohlbearbeitet ist, auf lichter

Decke liegend leuchtet und funkelt und strahlt, oder aber ein

Glühwurm, ein Leuchtkäfer in dunkler, finsterer Nacht: wer von

den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Ein Glühwurm, o Gotamo, in dunkler, finsterer Nacht, ein

Leuchtkäfer, dieser von beiden hat da größeren und helleren

Glanz.«

»Was meinst du wohl, Kaccāno: ein Glühwurm in dunkler,

finsterer Nacht, ein Leuchtkäfer, oder aber eine Oellampe in

dunkler, finsterer Nacht: wer von den beiden hat größeren und

helleren Glanz?«

»Eine Oellampe, o Gotamo, in dunkler, finsterer Nacht, diese

von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Kaccāno: eine Oellampe in dunkler, 367

finsterer Nacht, oder aber eine mächtige Fackel in dunkler,

finsterer Nacht: wer von den beiden hat größeren und helleren

Glanz?«

»Eine mächtige Fackel, o Gotamo, in dunkler, finsterer Nacht,

diese von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Kaccāno: eine mächtige Fackel in dunkler,

finsterer Nacht, oder aber der Morgenstern in dämmernder Frühe,

wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind: wer

von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Der Morgenstern, o Gotamo, in dämmernder Frühe, wann die

Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, dieser von

beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Kaccāno: der Morgenstern in dämmernder

Frühe, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden

sind, oder aber am Feiertage im halben Monat, wann die Wolken

und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt um

Mitternacht der Mond: wer von den beiden hat größeren und

helleren Glanz?«

»Der Mond, o Gotamo, am Feiertage im halben Monat, wann die

Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt

um Mitternacht, dieser von beiden hat da größeren und helleren

Glanz.«

»Was meinst du wohl, Kaccāno: der Mond am Feiertage im halben

Monat, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden

sind, unbeschränkt um Mitternacht, oder aber im letzten Monat

der Regenzeit, im Herbste, wann die Wolken und Nebel verzogen

und verschwunden sind, unbeschränkt um Mittag die Sonne: wer 368

von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Die Sonne, o Gotamo, im letzten Monat der Regenzeit, im

Herbste, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden

sind, unbeschränkt um Mittag, diese von beiden hat da größeren

und helleren Glanz.«

»Nun sind es zwar, Kaccāno, mehr als viele der Götter, deren

Licht sich mit dem von Sonne und Mond nicht vergleichen lässt,

und ich kenne sie: dennoch aber sag’ ich nicht ›Ein Glanz, über

den es keinen größeren und helleren giebt‹; während, Kaccāno,

du dagegen von jenem Glanze, der dem Glühwurm, dem Leuchtkäfer

nachsteht, unterlegen ist, sagst ›Das ist der höchste Glanz‹,

und diesen Glanz nicht erklärst. --

»Fünf Begehrungen, Kaccāno, giebt es: welche fünf? Die

durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die

ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem

Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör

ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,

entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,

reizenden: die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden

Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem

Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack

ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,

entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,

reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden

Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,

dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Kaccāno, die

fünf Begehrungen. Was da, Kaccāno, Wohl und Erwünschtes diesen

fünf Begehrungen gemäß geht, das nennt man Begierdengenuss.

So kommt von Begierden Begierdengenuss, von Begierdengenuss

Begierdenhochgenuss, der da hochgeschätzt wird.«

Auf diese Worte sprach Vekhanaso der Pilger zum Erhabenen also:

»Wunderbar, o Gotamo, außerordentlich ist es, o Gotamo, wie

da Herr Gotamo so richtig gesagt hat: ›Von Begierden kommt

Begierdengenuss, von Begierdengenuss Begierdenhochgenuss, der

da hochgeschätzt wird.«

»Schwer wirst du, Kaccāno, dieses verstehn, ohne Deutung, 369

ohne Geduld, ohne Hingabe, ohne Anstrengung, ohne Lenkung,

was Begierde und Begierdengenuss und Begierdenhochgenuss ist.

Die da, Kaccāno, heilige Mönche, Wahnversieger, Endiger sind,

das Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das Heil errungen, die

Daseinsfesseln zerstört haben, in vollkommener Weisheit erlöst

sind, die mögen es verstehn, was Begierde und Begierdengenuss

und Begierdenhochgenuss ist.«

So berichtet wurde Vekhanaso der Pilger unwillig und

unzufrieden: und den Erhabenen lästernd und den Erhabenen

tadelnd und den Erhabenen warnend -- ›Ob wohl der Asket Gotamo

vollbracht hat‹ -- sprach er also zum Erhabenen:

»Ebenso auch reden da gar manche Asketen und Priester, die vom

Anfang nichts wissen, das Ende nicht sehn, und dabei ›Versiegt

ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk,

nicht mehr ist diese Welt‹ von sich behaupten: denen gereicht

diese Rede nur zum Spotte, zum bloßen Namen, erweist sich ganz

eitel und nichtig.«

»Die da, Kaccāno, Asketen und Priester sind, und vom Anfang

nichts wissen, das Ende nicht sehn, und dabei ›Versiegt ist

die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht

mehr ist diese Welt‹ von sich behaupten, denen freilich kommt

diese Rüge mit Recht zu. Aber, Kaccāno, sei es um den Anfang,

sei es um das Ende: willkommen sei mir ein verständiger Mann,

kein Häuchler, kein Gleißner, ein gerader Mensch; ich führ’ ihn 370

ein, ich lege die Satzung dar. Der Führung folgend wird er in

gar kurzer Zeit eben selber merken, selber sehn, dass man also

ganz von der Fessel befreit wird, nämlich von der Fessel des

Nichtwissens.

»Gleichwie etwa, Kaccāno, wenn ein zarter Knabe, ein

unvernünftiger Säugling, mit dem Nacken zufünft in Fesseln

eingewickelt, eingeschnürt wäre; und wie er erwüchse und

die Sinne sich weiterentwickelten, befreite man ihn von den

Fesseln; und ›Frei bin ich‹ merkte er da, und keine Fessel:

ebenso nun auch, Kaccāno, sei mir ein verständiger Mann

willkommen, kein Häuchler, kein Gleißner, ein gerader Mensch.

Ich führ’ ihn ein, ich lege die Satzung dar. Der Führung

folgend wird er in gar kurzer Zeit eben selber merken, selber

sehn, dass man also ganz von der Fessel befreit wird, nämlich

von der Fessel des Nichtwissens.«

* * * * *

Nach diesen Worten wandte sich Vekhanaso der Pilger also an den

Erhabenen:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Als Anhänger

möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens

getreu.«[132]

NEUNTER THEIL

BUCH DER KÖNIGE

81.

Neunter Theil Erste Rede

GHAṬĪKĀRO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im 371

Lande Kosalo von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet.

Und der Erhabene bog ab vom Wege und ließ, an eine bestimmte

Stelle gekommen, ein Lächeln sehn. Und der ehrwürdige Ānando

gedachte da: ›Was ist wohl der Grund, was ist die Ursach, dass

der Erhabene ein Lächeln gezeigt hat? Nicht ohne Anlass lächeln

Vollendete.‹ Und der ehrwürdige Ānando schlug den Oberrock um

die eine Schulter, faltete die Hände gegen den Erhabenen und

sprach also:

»Was ist wohl, o Herr, der Grund, was ist die Ursach, dass der

Erhabene ein Lächeln gezeigt hat? Nicht ohne Anlass lächeln

Vollendete.«

»Einst war, Ānando, hier im Umkreis eine Burgstadt gebaut,

Vebhaliṉgam genannt, blühend, gedeihend, volkreich, von vielen

Menschen bewohnt. Nahe bei dieser Burgstadt aber, Ānando,

hielt sich Kassapo auf, der Erhabene, der Heilige, vollkommen

Erwachte. Und hier, Ānando, war Kassapos, des Erhabenen, des

Heiligen, vollkommen Erwachten, Gartenbereich; und hier,

Ānando, pflegte Kassapo, der Erhabene, der Heilige, vollkommen

Erwachte, zu sitzen[133] und seine Jünger zu lehren.«

Und der ehrwürdige Ānando legte den Mantel, vierfach gefaltet,

zu Boden und wandte sich also an den Erhabenen:

»Wohlan denn, o Herr, möge der Erhabene Platz nehmen: da

wird dieser Ort zwei Heiligen, vollkommen Erwachten gedient

haben.«[134]

Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Platz. Und als

der Erhabene saß sprach er also zum ehrwürdigen Ānando:

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 23 / 45 段