liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche
Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne
zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht.
Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden;
obzwar ich nicht behaupte, dass wir die Welt durchwandern
und durchwandeln müssen, bis wir dem Leiden ein Ende machen
werden. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister,
nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu
sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem
Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht,
Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber
Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe
Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir,
dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹
Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich
unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.
»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,
dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als vierte
Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, wo ein 519
verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er
sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann. Das
sind nun, Sandako, die vier Arten, die von Ihm, dem Erhabenen,
dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten,
als unächte Asketenschaft gekennzeichnet worden sind, wo ein
verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie
aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.«
»Wunderbar, o Ānando, außerordentlich ist es, o Ānando, wie da
von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen,
vollkommen Erwachten, die vier Arten wirklich unächter
Asketenschaft als unächte Asketenschaft gekennzeichnet worden
sind, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben
wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken
kann. Wie aber, o Ānando, mögen die vier Arten beschaffen
sein, die von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem
Heiligen, vollkommen Erwachten, als unerquickliche Askese
gezeigt worden sind, wo ein verständiger Mann sicherlich keine
Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames
Recht erwirken kann?«
»Da giebt es, Sandako, einen Meister, der weiß alles, versteht
alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ›Ob ich geh’ oder
stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte
Wissensklarheit gegenwärtig.‹[89] Aber er besucht ein Haus wo
niemand da ist, aber er bekommt keine Almosenspeise, aber er
wird von einem Hunde gebissen, aber er begegnet einem rasenden
Elephanten, aber ein scheues Ross rennt ihm entgegen, aber ein
wüthender Stier stürzt auf ihn zu; aber er fragt ein Weib und
einen Mann um Namen und Stand, aber er fragt nach dem Namen
und dem Wege von Dorf und Stadt. Und wenn ihn einer angeht:
›Was ist das?‹, antwortet er: ›Ich sollte in das unbewohnte
Haus eintreten, darum bin ich eingetreten; ich sollte keine
Almosenspeise bekommen, darum hab’ ich keine bekommen; ich
sollte von einem Hunde gebissen werden, darum bin ich gebissen
worden; ich sollte einem rasenden Elephanten begegnen,
darum bin ich ihm begegnet; es sollte mir ein scheues Ross
entgegenrennen, darum ist es mir entgegengerannt; es sollte
ein wüthender Stier auf mich zustürzen, darum ist er auf mich
zugestürzt; ich sollte ein Weib und einen Mann um Namen und
Stand fragen, darum hab’ ich gefragt; ich sollte nach dem Namen
und dem Wege von Dorf und Stadt fragen, darum hab’ ich gefragt.‹
»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser liebe
Meister, der weiß alles, versteht alles, bekennt unbeschränkte
Wissensklarheit: ‚Ob ich geh’ oder stehe, schlaf’ oder wache,
jederzeit hab’ ich die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig.‘
Aber solches begegnet ihm, aber solche Rede geht von ihm aus.‹
Und er merkt: ›Es ist unerquickliche Askese‹, und wendet sich
unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.
»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,
dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als erste Art
unerquicklicher Askese gezeigt worden, wo ein verständiger 520
Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht
Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.
»Und wieder, Sandako, giebt es einen Meister, der weiß vom
Hörensagen her, hat die Wahrheit vom Hörensagen überkommen;
nach dem Hörensagen, auf Treu und Glauben hin, wie ein Korb
von Hand zu Hand weitergeht, überliefert er die Lehre.[90]
Ein Meister aber, Sandako, der vom Hörensagen her weiß, die
Wahrheit vom Hörensagen überkommen hat, der erinnert sich gut
und erinnert sich schlecht, berichtet so und berichtet anders.
»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser
liebe Meister, der weiß vom Hörensagen her, hat die Wahrheit
vom Hörensagen überkommen; nach dem Hörensagen, auf Treu
und Glauben hin, wie ein Korb von Hand zu Hand weitergeht,
überliefert er die Lehre. Ein Meister aber, der vom Hörensagen
her weiß, die Wahrheit vom Hörensagen überkommen hat, der
erinnert sich gut und erinnert sich schlecht, berichtet so
und berichtet anders.‹ Und er merkt: ›Es ist unerquickliche
Askese‹, und wendet sich unbefriedigt von solchem Asketenthum
ab.
»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,
dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als zweite Art
unerquicklicher Askese gezeigt worden, wo ein verständiger
Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht
Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.
»Und wieder, Sandako, giebt es einen Meister, der ist ein
Grübler und ein Forscher; der trägt eine grüblerisch vernagelte
Lehre vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht hat. Ein
Meister aber, Sandako, der ein Grübler ist und Forscher, der
grübelt gut und grübelt schlecht, berichtet so und berichtet
anders.[91]
»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser
liebe Meister, der ist ein Grübler und Forscher; der trägt
eine grüblerisch vernagelte Lehre vor, die er selbst ersonnen
und ausgedacht hat. Ein Meister aber, der ein Grübler ist und
Forscher, der grübelt gut und grübelt schlecht, berichtet so
und berichtet anders.‹ Und er merkt: ›Es ist unerquickliche
Askese‹, und wendet sich unbefriedigt von solchem Asketenthum
ab.
»Das aber, Sandako, ist von ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,
dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als dritte Art
unerquicklicher Askese gezeigt worden, wo ein verständiger
Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht
Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.
»Und wieder, Sandako, giebt es einen Meister, der ist verstockt
und verstört; aus Verstocktheit und Verstörtheit bringt er, um
dies oder das befragt, verwickelte Worte vor, eine verwickelte
Nabelschnur: ›Dergleichen passt mir nicht, und auch so passt 521
es mir nicht, und auch anders passt es mir nicht, und auch mit
nein passt es mir nicht, und auch mit nicht nein passt es mir
nicht.‹[92]
»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser liebe
Meister, der ist verstockt und verstört; aus Verstocktheit und
Verstörtheit bringt er, um dies oder das befragt, verwickelte
Worte vor, eine verwickelte Nabelschnur: ›Dergleichen passt
mir nicht, und auch so passt es mir nicht, und auch anders
passt es mir nicht, und auch mit nein passt es mir nicht, und
auch mit nicht nein passt es mir nicht.‹ Und er merkt: ›Es
ist unerquickliche Askese‹, und wendet sich unbefriedigt von
solchem Asketenthum ab.
»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,
dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als vierte Art
unerquicklicher Askese gezeigt worden, wo ein verständiger
Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht
Aechtes, heilsames Recht erwirken kann. Das sind nun, Sandako,
die vier Arten, die von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als unerquickliche
Askese gezeigt worden sind, wo ein verständiger Mann sicherlich
keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes,
heilsames Recht erwirken kann.«
»Wunderbar, o Ānando, außerordentlich ist es, o Ānando, wie da
von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen,
vollkommen Erwachten, die vier Arten der eben unerquicklichen
Askese als unerquickliche Askese gezeigt worden sind, wo ein
verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er
sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann. Was
aber, o Ānando, kündigt und zeigt einen Meister an, bei dem ein
verständiger Mann sicherlich Askese üben mag, und übt er sie,
Aechtes, heilsames Recht erwirken kann?«
»Da erscheint, Sandako, der Vollendete in der Welt, der
Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,
der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter
der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen,
der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er
sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die
Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende
begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen
geläuterte, geklärte Asketenthum dar.
»Diese Lehre hört ein Hausvater, oder der Sohn eines
Hausvaters, oder einer, der in anderem Stande neugeboren ward.
Nachdem er diese Lehre gehört hat, fasst er Vertrauen zum
Vollendeten. Von diesem Vertrauen erfüllt denkt und überlegt er
also: ›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel;
der freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es,
wenn man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig
geklärte Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn
ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande
bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ So
giebt er denn später einen kleinen Besitz oder einen großen
Besitz auf, hat einen kleinen Verwandtenkreis oder einen großen 345
Verwandtenkreis verlassen und ist mit geschorenem Haar und
Barte, im fahlen Gewande von Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen.
»Er ist nun Pilger geworden und hat die Ordenspflichten der
Mönche auf sich genommen. Lebendiges umzubringen hat er
verworfen, Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock,
ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt er zu allen
lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu nehmen hat
er verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern:
Gegebenes nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht diebisch
gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die Unkeuschheit hat er
verworfen, keusch lebt er: fern zieht er hin, entrathen der
Paarung, dem gemeinen Gesetze. Lüge hat er verworfen, von Lüge
hält er sich fern: die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist
er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, kein Häuchler und
Schmeichler der Welt. Das Ausrichten hat er verworfen, vom
Ausrichten hält er sich fern: was er hier gehört hat erzählt er
dort nicht wieder, um jene zu entzweien, und was er dort gehört
hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien; so
einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht macht ihn
froh, Eintracht freut ihn, Eintracht beglückt ihn, Eintracht
fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von
barschen Worten hält er sich fern: Worte, die frei von Schimpf
sind, dem Ohre wohlthuend, liebreich, zum Herzen dringend,
höflich, viele erfreuend, viele erhebend, solche Worte spricht
er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, von Plappern und
Plaudern hält er sich fern: zur rechten Zeit spricht er, den
Thatsachen gemäß, auf den Sinn bedacht, der Lehre und Ordnung
getreu, seine Rede ist reich an Inhalt, gelegentlich mit
Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, ihrem Gegenstande
angemessen.
»Sämereien und Pflanzungen anzulegen hat er verschmäht. Einmal
des Tags nimmt er Nahrung zu sich, nachts ist er nüchtern,
fern liegt es ihm zur Unzeit zu essen. Von Tanz, Gesang,
Spiel, Schaustellungen hält er sich fern. Kränze, Wohlgerüche,
Salben, Schmuck, Zierrath, Putz weist er ab. Hohe, prächtige
Lagerstätten verschmäht er. Gold und Silber nimmt er nicht
an. Rohes Getreide nimmt er nicht an. Rohes Fleisch nimmt er
nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an. Diener und
Dienerinen nimmt er nicht an. Ziegen und Schaafe nimmt er nicht
an. Hühner und Schweine nimmt er nicht an. Elephanten, Rinder
und Rosse nimmt er nicht an. Haus und Feld nimmt er nicht an.
Botschaften, Sendungen, Aufträge übernimmt er nicht. Von Kauf
und Verkauf hält er sich fern. Von falschem Maaß und Gewicht
hält er sich fern. Von den schiefen Wegen der Bestechung, 346
Täuschung, Niedertracht hält er sich fern. Von Raufereien,
Schlägereien, Händeln, vom Rauben, Plündern und Zwingen hält er
sich fern.
»Er ist zufrieden mit dem Gewande, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
pilgert, nur mit dem Gewande und der Almosenschaale versehn
pilgert er. Gleichwie da etwa ein beschwingter Vogel, wohin er
auch fliegt, nur mit der Last seiner Federn fliegt, ebenso auch
ist der Mönch mit dem Gewande zufrieden, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
wandert, nur damit versehn wandert er.
»Durch die Erfüllung dieser heiligen Tugendsatzung empfindet er
ein inneres fleckenloses Glück.
»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so fasst er
keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gesicht, er wacht eifrig über das
Gesicht.
»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,
»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,
»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,
»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,
»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so fasst er keine
Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das
Gedenken.
»Durch die Erfüllung dieser heiligen Sinnenzügelung empfindet
er ein inneres ungetrübtes Glück.[93]
»Klar bewusst kommt er und geht er, klar bewusst blickt er
hin, blickt er weg, klar bewusst regt und bewegt er sich, klar
bewusst trägt er des Ordens Gewand und Almosenschaale, klar
bewusst isst und trinkt, kaut und schmeckt er, klar bewusst
entleert er Koth und Harn, klar bewusst geht und steht und
sitzt er, schläft er ein, wacht er auf, spricht er und schweigt
er.
»Treu dieser heiligen Tugendsatzung, treu dieser heiligen
Sinnenzügelung, treu dieser heiligen klaren Einsicht sucht er
einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach
dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt
er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche 347
Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von
Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen,
hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu
allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit.
Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei;
das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein
Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist
frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein
Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der
Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom
Schwanken läutert er sein Herz.[94]
»Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken
des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames 522
Recht erwirken.
»Weiter sodann, Sandako: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames
Recht erwirken.
»Weiter sodann, Sandako: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten
Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames
Recht erwirken.
»Weiter sodann, Sandako: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames
Recht erwirken.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. So kann er sich an manche verschiedene
frühere Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an
zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an
fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann
an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig
Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an
hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen
Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein
Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,
so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo
wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,
dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein
Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein
Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‹: so 348
erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames
Recht erwirken.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert,
gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,
unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. So kann er mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen
sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und
unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten
wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten
dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan,
in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten
Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes,
nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte
Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen
sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten
zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht
Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung
des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte,
in sälige Welt‹: so kann er mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann
erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames
Recht erwirken.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß.
»Also erkennend, also sehend wird da sein Gemüth erlöst
vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom
Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese
Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das
Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so
ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger
Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames
Recht erwirken.«
»Und wer da nun, o Ānando, ein heiliger Mönch ist, ein
Wahnversieger, Endiger, der das Werk gewirkt, die Last
abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln
vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat: mag
der Wünsche genießen?«
»Wer da, Sandako, ein heiliger Mönch ist, ein Wahnversieger, 523
Endiger, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil
sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch
vollkommene Erkenntniss erlöst hat, der kann nicht mehr in
einen der fünf Fälle gerathen: es kann nicht der wahnversiegte
Mönch wissentlich ein Wesen des Lebens berauben; es kann nicht
der wahnversiegte Mönch Ungegebenes, was man Diebstahl nennt,
sich nehmen; es kann nicht der wahnversiegte Mönch der Paarung
pflegen; es kann nicht der wahnversiegte Mönch wissentlich eine
Lüge sagen; es kann nicht der wahnversiegte Mönch gemächlich
Wünsche genießen wie etwa einst im Hause. Wer da, Sandako,
ein heiliger Mönch ist, ein Wahnversieger, Endiger, der das
Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die
Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss
erlöst hat, der kann nicht mehr in einen dieser fünf Fälle
gerathen.«
»Und wer da nun, o Ānando, ein heiliger Mönch ist, ein
Wahnversieger, Endiger, der das Werk gewirkt, die Last
abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln
vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat: hat
der, ob er eben geht oder steht, schläft oder wacht, jederzeit
die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig: ›Versiegt ist mein
Wahn‹?«