»Gut, Māgandiyo: auch ich hab’ es, Māgandiyo, weder gesehn

noch gehört, dass ein König oder ein Fürst, mit dem Besitz und

Genuss der fünf Begehrungen begabt, ohne die begehrende Lust

verworfen, das begehrende Fieber verleugnet zu haben, den Durst

bezwungen und die Ebbung des eigenen Gemüthes gefunden hat,

oder findet, oder finden wird. Aber wer immer auch, Māgandiyo,

von den Asketen oder den Priestern den Durst bezwungen und die

Ebbung des eigenen Gemüthes gefunden hat, oder findet, oder

finden wird, ein jeder hat eben des Begehrens Entstehn und

Vergehn, Labsal und Elend und Ueberwindung der Wahrheit gemäß

verstanden und die begehrende Lust verworfen, das begehrende

Fieber verleugnet, also den Durst bezwungen und die Ebbung

des eigenen Gemüthes gefunden, oder findet sie, oder wird sie

finden.«

Und der Erhabene ließ bei dieser Gelegenheit folgenden

Ausspruch vernehmen:

»Gesundheit ist das höchste Gut,

Die Wahnerlöschung höchstes Heil,

Der achtmal ächte bester Pfad

Um ewig sicher auszugehn.«

Auf diese Worte sprach Māgandiyo der Pilger zum Erhabenen also:

»Wunderbar, o Gotamo, außerordentlich ist es, o Gotamo, wie da

Herr Gotamo so richtig gesagt hat:

›Gesundheit ist das höchste Gut, 509

Die Wahnerlöschung höchstes Heil.‹

Auch ich hab’ es, o Gotamo, gehört, das Wort der früheren

Pilger und ihrer Meister und Altmeister:

›Gesundheit ist das höchste Gut,

Die Wahnerlöschung höchstes Heil.‹

Mit ihnen, o Gotamo, stimmt es überein!«

»Was du aber da, Māgandiyo, gehört hast, das Wort der früheren

Pilger und ihrer Meister und Altmeister:

›Gesundheit ist das höchste Gut,

Die Wahnerlöschung höchstes Heil‹,

was bedeutet da Gesundheit, was bedeutet da Wahnerlöschung?«

Also gefragt fuhr sich Māgandiyo der Pilger mit der Hand eben

über Augen und Stirne:

»Das, was, o Gotamo, Gesundheit bedeutet, das bedeutet da

Wahnerlöschung; so bin ich jetzt, o Gotamo, gesund, fühle mich

wohl. Nichts gebricht mir.«

»Gleichwie etwa, Māgandiyo, wenn da ein Blindgeborener wäre:

der sähe keine schwarzen und keine weißen Gegenstände, keine

blauen und keine gelben, keine rothen und keine grünen, er

sähe nicht was gleich und was ungleich ist, sähe keine Sterne

und nicht Mond und nicht Sonne. Und er hörte das Wort eines

Sehenden: ›Schicklich, fürwahr, lieber Mann, ist ein weißes

Kleid, gar fein, ohne Flecken und sauber.‹ Und er suchte sich

ein solches zu verschaffen. Und es täuschte ihn ein anderer

Mann mit einem ölrußgeschwärzten Schinderhemde[78]: ›Da hast

du, lieber Mann, ein weißes Kleid, gar fein, ohne Flecken

und sauber.‹ Und er nähm’ es entgegen und bekleidete sich

damit, und damit bekleidet ließ’ er zufrieden fröhliche Rede

ergehn: ›Schicklich, fürwahr, ist das weiße Kleid, gar fein,

ohne Flecken und sauber.‹ Was meinst du wohl, Māgandiyo:

hätte nun etwa dieser Blindgeborene wissend und sehend jenes

ölrußgeschwärzte Schinderhemd entgegengenommen, angelegt und

zufrieden seine fröhliche Rede ergehn lassen, oder weil er dem

Sehenden glaubte?«

»Ohne es zu wissen, freilich, o Gotamo, ohne es zu sehn

hätte der Blindgeborene jenes ölrußgeschwärzte Schinderhemd

entgegengenommen, angelegt und zufrieden seine fröhliche Rede

ergehn lassen, weil er dem Sehenden glaubte.« 510

»Ebenso nun auch, Māgandiyo, sind die anderen Asketen und

Pilger blind und augenlos, wissen nichts von Gesundheit, sehn

nichts von Wahnerlöschung, und doch sagen sie den Spruch:

›Gesundheit ist das höchste Gut,

Die Wahnerlöschung höchstes Heil.‹

Die ehedem dagewesen, Māgandiyo, die Heiligen, vollkommen

Auferwachten haben den Spruch gesagt:

›Gesundheit ist das höchste Gut,

Die Wahnerlöschung höchstes Heil,

Der achtmal ächte bester Pfad

Um ewig sicher auszugehn.‹

Das ist jetzt allmälig im Volke Sprichwort geworden.[79]

Aber dieser Leib da, Māgandiyo, ist ein sieches Ding, ein

bresthaftes Ding, ein schmerzhaftes Ding, ein übles Ding, ein

gebrechliches Ding; und von diesem Leibe, der ein sieches Ding,

ein bresthaftes Ding, ein schmerzhaftes Ding, ein übles Ding,

ein gebrechliches Ding ist, sagst du: ›Das, was, o Gotamo,

Gesundheit bedeutet, das bedeutet da Wahnerlöschung.‹ Dir fehlt

eben, Māgandiyo, das heilige Auge: mit diesem begabt wüsstest

du was Gesundheit ist, sähest die Wahnerlöschung.«

»So viel trau’ ich Herrn Gotamo zu und glaube, Herr Gotamo kann

mir die Lehre derart zeigen, dass ich die Gesundheit gewahren,

die Wahnerlöschung sehn mag!«

»Gleichwie etwa, Māgandiyo, wenn da ein Blindgeborener wäre:

der sähe keine schwarzen und keine weißen Gegenstände, keine

blauen und keine gelben, keine rothen und keine grünen, er

sähe nicht was gleich und was ungleich ist, sähe keine Sterne

und nicht Mond und nicht Sonne. Und seine Freunde und Genossen,

Verwandte und Vettern bestellten ihm einen heilkundigen Arzt,

und dieser heilkundige Arzt gäbe ihm ein Heilmittel, und er

gebrauchte dieses Heilmittel und könnte die Augen nicht lösen,

könnte die Augen nicht läutern. Was meinst du wohl, Māgandiyo:

würde sich da nicht jener Künstler ganz vergeblich geplagt und

abgemüht haben?«

»Allerdings, o Gotamo!«

»Ebenso nun auch, Māgandiyo, mag ich dir wohl die Lehre

darlegen, was da Gesundheit, was da Wahnerlöschung ist, und du

möchtest die Gesundheit nicht wahrnehmen, die Wahnerlöschung

nicht sehn: und es wäre mir Plage gewiss und Anstoß.«

»So viel trau’ ich Herrn Gotamo zu und glaube, Herr Gotamo kann 511

mir die Lehre derart zeigen, dass ich die Gesundheit gewahren,

die Wahnerlöschung sehn mag!«

»Gleichwie etwa, Māgandiyo, wenn da ein Blindgeborener wäre:

der sähe keine schwarzen und keine weißen Gegenstände, keine

blauen und keine gelben, keine rothen und keine grünen, er

sähe nicht was gleich und was ungleich ist, sähe keine Sterne

und nicht Mond und nicht Sonne. Und er hörte das Wort eines

Sehenden: ›Schicklich, fürwahr, lieber Mann, ist ein weißes

Kleid, gar fein, ohne Flecken und sauber.‹ Und er suchte sich

ein solches zu verschaffen. Und es täuschte ihn ein anderer

Mann mit einem ölrußgeschwärzten Schinderhemde: ›Da hast

du, lieber Mann, ein weißes Kleid, gar fein, ohne Flecken

und sauber.‹ Und er nähm’ es entgegen und bekleidete sich

damit. Und seine Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern

bestellten ihm einen heilkundigen Arzt, und dieser heilkundige

Arzt gäbe ihm ein Heilmittel, ließ’ ihn nach oben und nach

unten sich ausleeren, Salbe, Balsam und Nießpulver gebrauchen.

Und er unterzöge sich dieser Behandlung, und die Augen lösten

sich ihm, läuterten sich: und wie er zu sehn begänne verginge

ihm die Lust und Freude an dem ölrußgeschwärzten Schinderhemde;

und er hielte jenen Mann für seinen Feind, hielt’ ihn für

seinen Widersacher und dächte wohl gar daran, daß er ihm nach

dem Leben trachtete: ›Lange Zeit hindurch, wahrlich, bin ich

von jenem Manne betrogen, getäuscht, hintergangen worden mit

dem ölrußgeschwärzten Schinderhemde: ‚Da hast du, lieber Mann,

ein weißes Kleid, gar fein, ohne Flecken und sauber‘‹: Ebenso

nun auch, Māgandiyo, mag ich dir wohl die Lehre darlegen,

was da Gesundheit, was Wahnerlöschung ist, und du möchtest

die Gesundheit wahrnehmen, die Wahnerlöschung sehn: und es

würde dir wie du zu sehn begännest die Lust und Freude an den

fünf Stücken des Anhangens vergehn und du würdest denken:

›Lange Zeit hindurch, wahrlich, bin ich von diesem Herzen

betrogen, getäuscht, hintergangen worden! Denn ich war der

Form eben anhänglich angehangen, dem Gefühl eben anhänglich

angehangen, der Wahrnehmung eben anhänglich angehangen, den

Unterscheidungen eben anhänglich angehangen, dem Bewusstsein

eben anhänglich angehangen. So entsteht mir aus Anhangen

Werden, aus Werden Geburt, aus Geburt Altern und Sterben, Wehe,

Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung: also kommt dieses

gesammten Leidensstückes Entwicklung zustande.‹« 512

»So viel trau’ ich Herrn Gotamo zu und glaube, Herr Gotamo

kann mir die Lehre derart zeigen, dass ich von diesem Sitze

entblindet aufstehe!«

»Wohlan denn, Māgandiyo, sei du den Guten gesellt; und wirst

du, Māgandiyo, den Guten gesellt sein, so wirst du, Māgandiyo,

gute Lehre hören; und wirst du, Māgandiyo, gute Lehre hören,

so wirst du, Māgandiyo, der Lehre gemäß leben; und wirst du,

Māgandiyo, der Lehre gemäß leben, so wirst du, Māgandiyo, eben

selbst erkennen, selbst sehn: ›Das ist das Sieche, Bresthafte,

Schmerzhafte, da wird das Sieche, Bresthafte, Schmerzhafte

ohne Ueberrest aufgelöst. So löst sich mir durch Auflösung

des Anhangens Werden auf, durch Auflösung des Werdens Geburt,

durch Auflösung der Geburt Altern und Sterben, Wehe, Jammer,

Leiden, Gram und Verzweiflung: also kommt dieses gesammten

Leidensstückes Auflösung zustande.‹«

Nach diesen Worten wandte sich Māgandiyo der Pilger also an den

Erhabenen:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie

etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder

Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg zeigte, oder Licht

in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge

sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar manigfach

dargelegt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der

Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir Herr Gotamo Aufnahme

gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«

»Wer da, Māgandiyo, erst einem anderen Orden angehörte und in

diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten

will, der bleibt vier Monate bei uns; und nach Verlauf von

vier Monaten wird er, wenn er also verblieben ist, von innig

erfahrenen Mönchen aufgenommen und eingeweiht in das Mönchthum:

denn ich habe hier manche Veränderlichkeit erfahren.«

»Wenn, o Herr, die früheren Anhänger anderer Orden, welche in

diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten

wollen, vier Monate bleiben, und nach Verlauf von vier Monaten,

wenn sie also verblieben sind, von innig erfahrenen Mönchen

aufgenommen und eingeweiht werden in das Mönchthum, so will ich

vier Jahre bleiben: und nach Verlauf von vier Jahren sollen

mich, wenn ich also verblieben bin, innig erfahrene Mönche

aufnehmen und einweihen in das Mönchthum.«

* * * * *

Es wurde Māgandiyo der Pilger vom Erhabenen aufgenommen, wurde 513

mit der Ordensweihe belehnt.

* * * * *

Nicht lange aber war der ehrwürdige Māgandiyo in den Orden

aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich,

in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich

vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel

des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,

verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet

das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹

verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Māgandiyo der

Heiligen geworden.

76.

Achter Theil Sechste Rede

SANDAKO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Kosambī[80], im Stiftungsgarten.

Zu dieser Zeit nun hielt sich der Pilger Sandako in der Großen

Feigenbaumgrotte auf, in Gesellschaft vieler Pilger, von

fünfhundert Pilgern umgeben.

Als nun der ehrwürdige Ānando gegen Abend die Gedenkensruhe

beendet hatte, wandte er sich an die Mönche und sprach:

»Kommt, ihr Brüder, wir wollen nach der Götterkluft[81] gehn

und uns die Grotte betrachten.«

»Gern, Bruder!« erwiderten da jene Mönche, dem ehrwürdigen

Ānando zustimmend.

Und der ehrwürdige Ānando begab sich nun, von vielen Mönchen

begleitet, nach der Götterkluft.

Um diese Zeit aber war Sandako der Pilger, im weiten Kreise der

Pilgerschaar sitzend, in lebhaftem Gespräche begriffen; und

sie machten lauten Lärm, großen Lärm, und unterhielten sich

über allerhand gemeine Dinge, als wie über Könige, über Räuber,

über Fürsten und Soldaten, über Krieg und Kampf, über Speise

und Trank, über Kleidung und Bett, über Blumen und Düfte, über

Verwandte, über Fuhrwerk und Wege, über Dörfer und Burgen, über

Städte und Länder, über Weiber und Weine, über Straßen und

Märkte, über die Altvorderen und über die Veränderungen, über

Volksgeschichten und Seegeschichten, über dies und das und

dergleichen mehr.

Und Sandako der Pilger sah den ehrwürdigen Ānando von ferne 514

herankommen, und als er ihn gesehn mahnte er die Umsitzenden

zur Ruhe:

»Seid nicht so laut, ihr Lieben, macht keinen Lärm, ihr Lieben:

da kommt ein Jünger des Asketen Gotamo heran, der Asket Ānando!

Von jenen Jüngern des Asketen Gotamo, die sich da in Kosambī

aufhalten, ist dieser auch einer, der Asket Ānando. Und sie

lieben nicht lauten Lärm, diese Ehrwürdigen, Ruhe ist ihnen

recht, Ruhe preisen sie; vielleicht mag ihn der Anblick einer

lautlosen Versammlung bewegen seine Schritte hierher zu lenken.«

Und so schwiegen denn diese Pilger still. Und der ehrwürdige

Ānando kam näher zu Sandako dem Pilger heran. Und Sandako der

Pilger sprach also zum ehrwürdigen Ānando:

»Es komme Herr Ānando, gegrüßt sei Herr Ānando! Lange schon hat

Herr Ānando hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge

sich Herr Ānando setzen: dieser Sitz ist bereit.«

Es setzte sich der ehrwürdige Ānando auf den angebotenen Sitz.

Sandako aber, der Pilger, nahm einen von den niederen Stühlen

zur Hand und setzte sich an die Seite. Und an Sandako den

Pilger, der da beiseite saß, wandte sich nun der ehrwürdige

Ānando also:

»Zu welchem Gespräche, Sandako, seid ihr jetzt hier

zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«

»Sei es, o Ānando, um jenes Gespräch, warum wir hier

zusammenkommen: es wird Herrn Ānando schwerlich etwas entgehn,

auch wenn er es später vernimmt. Gut wär’ es, fürwahr, wenn es

eben Herrn Ānando gefiele ein Gespräch über die Lehre seines

Meisters zu halten!«

»Wohlan denn, Sandako, so höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, Herr!« erwiderte da aufmerksam Sandako der Pilger dem

ehrwürdigen Ānando. Der ehrwürdige Ānando sprach also:

»Es sind hier, Sandako, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem

Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, vier Arten unächter

Asketenschaft gekennzeichnet, und vier Arten unerquicklicher

Askese gezeigt worden, wo ein verständiger Mann sicherlich

keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes,

heilsames Recht erwirken kann.«

»Welche vier Arten, o Ānando, mögen es wohl sein, die von Ihm,

dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen

Erwachten, als unächte Asketenschaft gekennzeichnet worden

sind, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben

wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken 515

kann?«

»Da behauptet, Sandako, ein Meister diese Meinung, diese

Ansicht: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden -- es ist

alles eitel; es giebt keine Saat und Ernte guter und böser

Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und

Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt

hat keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet

sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich

machen, anschaulich vorstellen und erklären können. Aus den

vier Hauptstoffen hier ist der Mensch entstanden; wann er

stirbt geht das Erdige in die Erde ein, in die Erde über, geht

das Flüssige in das Wasser ein, in das Wasser über, geht das

Feurige in das Feuer ein, in das Feuer über, geht das Luftige

in die Luft ein, in die Luft über, in den Raum hinaus wandern

die Sinne. Mit der Bahre zufünft schreiten die Leute mit dem

Todten hinweg. Bis zur Verbrennung werden Sprüche gesungen.

Dann bleichen die Knochen. Opfer werden entflammt, Geschenke

ausgetheilt als Almosen. Unsinn, Lüge, Gefasel bringen sie

vor, die da behaupten, es gebe etwas. Seien es Thoren, seien

es Weise: bei der Auflösung des Körpers zerfallen sie, gehn

zugrunde, sind nicht mehr nach dem Tode.‹[82]

»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser

liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche

Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne

zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht.

Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar

ich nicht behaupte, dass wir, bei der Auflösung des Körpers,

zerfallen, zugrunde gehn, nicht mehr sein werden nach dem

Tode. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister,

nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu

sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem

Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht,

Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber

Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe

Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir,

dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹

Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich

unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.

»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,

dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als erste

Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, wo ein

verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie

aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann. 516

»Und wieder, Sandako, behauptet da ein Meister diese Meinung,

diese Ansicht: ›Was einer begeht und begehn lässt: wer zerstört

und zerstören lässt, wer quält und quälen lässt, wer Kummer und

Plage schafft, wer schlägt und schlagen heißt, wer Lebendiges

umbringt, Nichtgegebenes nimmt, in Häuser einbricht, fremdes

Gut raubt, wer stiehlt, betrügt, Ehefrauen verführt[83], Lügen

spricht: was einer begeht, er begeht keine Schuld. Und wer da

gleich mit einer scharfgeschliffenen Schlachtscheibe alles

Lebendige auf dieser Erde zu einer einzigen Masse Mus, zu einer

einzigen Masse Brei machte, so hat er darum keine Schuld,

begeht kein Unrecht. Und wer auch am südlichen Ufer des Ganges

verheerend und mordend dahinzöge, zerstörte und zerstören

ließe, quälte und quälen ließe, so hat er darum keine Schuld,

begeht kein Unrecht: und wer auch am nördlichen Ufer des Ganges

spendend und schenkend dahinzöge, Almosen gäbe und geben ließe,

so hat er darum kein Verdienst, begeht nichts Gutes. Durch

Milde, Sanftmuth, Selbstverzicht, Wahrhaftigkeit erwirbt man

kein Verdienst, begeht nichts Gutes.‹[84]

»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser

liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche

Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne

zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht.

Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar

ich nicht behaupte, dass wir durch unsere Thaten keine Schuld

begehn. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister,

nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu

sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem

Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht,

Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber

Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe

Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir,

dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹

Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich

unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.

»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,

dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als zweite

Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, wo ein

verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie

aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.

»Und wieder, Sandako, behauptet da ein Meister diese Meinung,

diese Ansicht: ›Es giebt keinen Anlass, es giebt keinen Grund

der Verderbniss der Wesen; ohne Anlass, ohne Grund werden

die Wesen verderbt. Es giebt keinen Anlass, es giebt keinen

Grund der Läuterung der Wesen; ohne Anlass, ohne Grund werden

die Wesen lauter. Es giebt keine Macht und keine Kraft, es

giebt keine Mannesgewalt und keine Mannestapferkeit. Alle 517

Wesen, alle Lebendigen, alle Gewordenen, alle Geborenen sind

willenlos, machtlos, kraftlos. Nothwendig kommen sie zustande

und entwickeln sich zur Reife und empfinden je nach den sechs

Arten von Dasein Wohl und Wehe.‹[85]

Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser

liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche

Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne

zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht.

Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar

ich nicht behaupte, dass wir ohne Anlass, ohne Grund lauter

werden. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister,

nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu

sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem

Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht,

Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber

Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe

Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir,

dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹

Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich

unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.

»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner,

dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als dritte

Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, wo ein

verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie

aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.

»Und wieder, Sandako, behauptet da ein Meister diese Meinung,

diese Ansicht: ›Sieben Elemente giebt es, Urstoffe,

urstoffartig, ungebildet, ungeformt, starr, giebelständig,

grundfest gegründet.[86] Sie regen sich nicht, verändern sich

nicht, wirken nicht auf einander ein, können sich gegenseitig

nicht wohlthun, nicht wehthun, nicht wohl- und wehthun.

Welche sieben sind es? Erde, Wasser, Feuer, Luft, Wohl, Wehe

und siebentens Leben. Diese sieben Elemente sind Urstoffe,

urstoffartig, ungebildet, ungeformt, starr, giebelständig,

grundfest gegründet. Sie regen sich nicht, verändern sich

nicht, wirken nicht auf einander ein, können sich gegenseitig

nicht wohlthun, nicht wehthun, nicht wohl- und wehthun. Da

giebt es keinen der mordet oder tödten lässt, keinen der hört

oder hören lässt, keinen der weiß oder wissen lässt.[87]

Wenn auch einer mit scharfem Schwerdte das Haupt abschlägt,

so raubt keiner irgend wem das Leben: nur eben zwischen dem

Abstande der sieben Elemente fährt das Schwerdt hindurch. Und

es giebt vierzehnmal hunderttausend und sechzigmal hundert und

sechsmal hundert besondere Schooße der Entstehung; und der

Thaten giebt es fünfmal hundert, und fünf Thaten, und drei

Thaten, und eine That, und halbe That; und zweiundsechzig

Pfade giebt es, und zweiundsechzig Zwischenalter der Welt;

und sechs Arten von Dasein; und es giebt acht Stätten für

Menschen, und fünfzig weniger einmal hundert Lebensweisen,

und fünfzig weniger einmal hundert Pilgerorden, und fünfzig

weniger einmal hundert Schlangenreiche; und zwanzigmal hundert 518

Sinneskräfte, und dreißigmal hundert Höllenwege giebt es; und

sechsunddreißig Leidenschaften, und sieben bewusste Gebiete,

sieben unbewusste Gebiete, sieben entbundene Gebiete; sieben

der Götter, sieben der Menschen, sieben der Gespenster; sieben

Seen, sieben Strudel; sieben Felsen, sieben Abgründe; sieben

Träume, siebenmal hundert Träume giebt es. Vierundachtzigmal

hunderttausend der großen Weltalter müssen die Thoren wie die

Weisen durchwandern, durchwandeln, bis sie dem Leiden ein Ende

machen werden. Da geht es nicht an: ›Durch solche Uebungen oder

Gelübde, Kasteiung oder Entsagung will ich das noch nicht reif

gewordene Werk zur Reife bringen, oder das reif gewordene Werk

nach und nach zunichte machen‹: das geht eben nicht. Nach dem

Maaße bemessen ist Wohl und Wehe. Die Wandelwelt hat bestimmte

Gränzen; und man kann sie nicht mehren und nicht mindern, nicht

schwellen und nicht schwinden lassen. Gleichwie sich etwa ein

Fadenknäul unten, den man aufwinden muss, nicht heranziehn

lässt, ebenso auch müssen die Thoren wie die Weisen die Welt

durchwandern und durchwandeln, bis sie dem Leiden ein Ende

machen werden.‹[88]

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 18 / 45 段