»Das trifft nicht zu, o Gotamo, weil ja das Feuer, o Gotamo,

das durch Heu und Holz unterhalten brannte, dieses verzehrt hat

und, nicht weiter genährt, eben ohne Nahrung ausgegangen heißt.«

»Ebenso nun auch ist, Vaccho, jede Form, durch welche man den

Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, vom Vollendeten

überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf

gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht

mehr sich entwickeln kann: von der Art der Form abgelöst,

Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu

erforschen, gleichwie etwa der Ozean: ‚Auferstehn‘, das trifft

nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn

und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so

wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jedes Gefühl, 488

durch welches man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen

wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel

abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass

es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von

der Art des Gefühls abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete,

tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der

Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘,

das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das

trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘,

das trifft nicht zu. Jede Wahrnehmung, durch welche man den

Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten

überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf

gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr

sich entwickeln kann: von der Art der Wahrnehmung abgelöst,

Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu

erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft

nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn

und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig

wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jede Unterscheidung,

durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte,

ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten,

einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht

mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art

der Unterscheidungen abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete,

tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der

Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘,

das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das

trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘,

das trifft nicht zu. Jedes Bewusstsein, durch welches man den

Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten

überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf

gleichgemacht worden, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr

sich entwickeln kann: von der Art des Bewusstseins abgelöst,

Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu

erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft

nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn

und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig

wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu.«

* * * * *

Nach dieser Rede sprach Vacchagotto der Pilger zum Erhabenen

also:

»Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn sich da in der Nähe eines

Dorfes oder einer Stadt ein großer Kronbaum befände, und

vergänglich wechselnd fielen Blätter und Zweiglein von ihm ab,

fiele Geäst und Rinde und Grünholz ab, so dass er späterhin,

frei von Blättern und Zweiglein, frei von Geäst und Rinde,

frei von Grünholz, rein aus Kernholz bestände: ebenso nun

auch ist hier des Herrn Gotamo Darstellung, frei von Blättern

und Zweiglein, frei von Geäst und Rinde, frei von Grünholz,

rein aus Kernholz bestanden. -- Vortrefflich, o Gotamo,

vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob man

Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder

Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss

hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat 489

Herr Gotamo die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’

ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der

Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten,

von heute an zeitlebens getreu.«

73.

Achter Theil Dritte Rede

VACCHAGOTTO

-- III --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen.

Da nun begab sich Vacchagotto der Pilger dorthin wo der

Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite

nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger

also zum Erhabenen:

»Seit langem pfleg’ ich mit Herrn Gotamo Gespräch. O wohl, wenn

mir Herr Gotamo in Kürze das Gute und das Böse darlegen möchte!«

»In Kürze kann ich dir, Vaccho, das Gute und das Böse darlegen,

und ausführlich kann ich dir, Vaccho, das Gute und das Böse

darlegen; aber ich will es dir, Vaccho, in Kürze künden, das

Gute und das Böse: das höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Vacchagotto der Pilger dem

Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Sucht ist, Vaccho, das Böse: Suchtlosigkeit das Gute. Hass

ist, Vaccho, das Böse: Hasslosigkeit das Gute. Irre ist,

Vaccho, das Böse: Irrlosigkeit das Gute. So sind hier, Vaccho,

drei Dinge bös und drei Dinge gut. Tödten ist, Vaccho, das

Böse: Ueberwindung des Tödtens das Gute. Stehlen ist, Vaccho,

das Böse: Ueberwindung des Stehlens das Gute. Ausschweifen

ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Ausschweifens das

Gute. Lüge ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung der Lüge das

Gute. Verleumdung ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung der 490

Verleumdung das Gute. Barsche Rede ist, Vaccho, das Böse:

Ueberwindung barscher Rede das Gute. Schwätzen ist, Vaccho, das

Böse: Ueberwindung des Schwätzens das Gute. Gier ist, Vaccho,

das Böse: Gierlosigkeit das Gute. Wuth ist, Vaccho, das Böse:

Wuthlosigkeit das Gute. Falsche Erkenntniss ist, Vaccho, das

Böse: rechte Erkenntniss das Gute. So sind hier, Vaccho, zehn

Dinge bös und zehn Dinge gut. Wenn da nun, Vaccho, ein Mönch

den Lebensdurst verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem

Palmstumpf gleichgemacht hat, so dass er nicht mehr keimen,

nicht mehr sich entwickeln kann, dann ist er ein heiliger

Mönch, ein Wahnversieger, Endiger, hat das Werk gewirkt, die

Bürde abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln zerstört,

ist in vollkommener Weisheit erlöst.«

»Sei es Herr Gotamo: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur

einen Mönch als Jünger, der den Wahn versiegt und die wahnlose

Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich

offenbar gemacht, verwirklicht und errungen hat?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder

dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr

der Mönche, die als meine Jünger den Wahn versiegt und die

wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten

sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen haben.«

»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche: giebt es aber bei

Herrn Gotamo auch nur eine Nonne als Jüngerin, die den Wahn

versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch

bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen

hat?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder

dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr

der Nonnen, die als meine Jüngerinen den Wahn versiegt und die

wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten

sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen haben.«

»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen:

giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Anhänger als

Jünger, der, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend,

nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigt,

um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach

jener Welt?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert

oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern

noch mehr der Anhänger, die als meine Jünger, im Hause lebend,

weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf

niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu

erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.« 491

»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen,

seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch

entsagend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen

Anhänger als Jünger, der, im Hause lebend, weiß gekleidet,

Wünsche genießend, ordensgetreu ist, der Belehrung zugänglich,

zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in

erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilt?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert

oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch

mehr der Anhänger, die als meine Jünger, im Hause lebend, weiß

gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu sind, der Belehrung

zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen

trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters

verweilen.«

»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen,

seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet,

keusch entsagend, seien es die Anhänger, im Hause lebend,

weiß gekleidet, Wünsche genießend: giebt es aber bei Herrn

Gotamo auch nur eine Anhängerin als Jüngerin, die, im Hause

lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der

fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigt, um von dort aus zu

erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert

oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern

noch mehr der Anhängerinen, die als meine Jüngerinen, im Hause

lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der

fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu

erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.«

»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen,

seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch

entsagend, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß

gekleidet, Wünsche genießend, seien es die Anhängerinen, im

Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend: giebt es aber

bei Herrn Gotamo auch nur eine Anhängerin als Jüngerin, die im

Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu

ist, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne

Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum

Orden des Meisters verweilt?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert

oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern

noch mehr der Anhängerinen, die als meine Jüngerinen, im Hause

lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu sind,

der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken,

keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des

Meisters verweilen.«

»Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo

erlangt worden wäre und nicht von den Mönchen, dann wäre 492

dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber,

o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den

Mönchen erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen,

eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von

Herrn Gotamo und den Mönchen erlangt worden wäre und nicht

von den Nonnen, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen,

eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn

Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen erlangt

worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern.

Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo

und den Mönchen und den Nonnen erlangt worden wäre und nicht

von den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch

entsagend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben

insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn

Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den

Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend,

erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben

insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn

Gotamo und den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern,

im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, erlangt

worden wäre und nicht von den Anhängern, im Hause lebend, weiß

gekleidet, Wünsche genießend, dann wäre dieses Asketenthum

unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese

Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den

Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet,

keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß

gekleidet, Wünsche genießend, erlangt worden ist, ist dieses

Asketenthum vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o

Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen und

den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet,

keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß

gekleidet, Wünsche genießend, erlangt worden wäre und nicht von

den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch 493

entsagend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben

insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo

sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern,

im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den

Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend,

und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet,

keusch entsagend, erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum

vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese

Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen und den Nonnen

und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch

entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet,

Wünsche genießend, und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß

gekleidet, keusch entsagend, erlangt worden wäre und nicht von

den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche

genießend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben

insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo

sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern,

im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den

Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend,

und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch

entsagend, und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß

gekleidet, Wünsche genießend, erlangt worden ist, ist dieses

Asketenthum vollkommen, eben insofern.

»Gleichwie etwa, o Gotamo, der Gangesstrom nach dem Meere sich

neigt, nach dem Meere sich beugt, nach dem Meere sich hinsenkt

und angekommen am Meere stillesteht: ebenso auch ist hier des

Herrn Gotamo Gefolge, so Pilger wie Bürger, zur Erlöschung

geneigt, zur Erlöschung gebeugt, zur Erlöschung hingesenkt

und bleibt angekommen bei ihr stillestehn. -- Vortrefflich, o

Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als

ob einer Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte,

oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss

hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat

Herr Gotamo die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’

ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der

Jüngerschaft: möge mir Herr Gotamo Aufnahme gewähren, die

Ordensweihe ertheilen!«

»Wer da, Vaccho, erst einem anderen Orden angehörte und in 494

diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten

will, der bleibt vier Monate bei uns; und nach Verlauf von

vier Monaten wird er, wenn er also verblieben ist, von innig

erfahrenen Mönchen aufgenommen und eingeweiht in das Mönchthum:

denn ich habe hier manche Veränderlichkeit erfahren.«

»Wenn, o Herr, die früheren Anhänger anderer Orden, welche in

diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten

wollen, vier Monate bleiben, und nach Verlauf von vier Monaten,

wenn sie also verblieben sind, von innig erfahrenen Mönchen

aufgenommen und eingeweiht werden in das Mönchthum, so will ich

vier Jahre bleiben: und nach Verlauf von vier Jahren sollen

mich, wenn ich also verblieben bin, innig erfahrene Mönche

aufnehmen und einweihen in das Mönchthum.«

Es wurde Vacchagotto der Pilger vom Erhabenen aufgenommen,

wurde mit der Ordensweihe belehnt.

Nicht lange aber war der ehrwürdige Vacchagotto in den Orden

aufgenommen, vierzehn Tage war er in den Orden aufgenommen, da

ging er zum Erhabenen hin, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig

und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun

der ehrwürdige Vacchagotto also zum Erhabenen:

»So viel man, o Herr, mit kämpfender Weisheit, mit kämpfendem

Wissen gewinnen kann, das hab’ ich gewonnen: weiter möge mir

der Erhabene die Lehre darlegen!«

»Dann also, Vaccho, erwirb dir noch weiter zwei Dinge: Ruhe

und Klarsicht. Und hast du dir, Vaccho, diese zwei Dinge noch

weiter erworben, Ruhe und Klarsicht, so werden sie dir zur

Zerlegung der einzelnen Artungen taugen.

»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Geläng’ es mir doch

auf manigfaltige Weise Machtentfaltung zu erfahren, als nur

einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder

einer zu sein, oder sichtbar und unsichtbar zu werden[69],

auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch

die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im

Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie

auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren

wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond

und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, mit der

Hand zu befühlen und zu berühren[70], etwa gar bis zu den

Brahmawelten den Körper in meiner Gewalt zu haben‹: was da je

zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.

»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Wenn ich doch mit dem 495

himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen

hinausreichenden, beide Arten der Töne hörte, die himmlischen

und die irdischen, die fernen und die nahen‹: was da je zu

verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.

»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Wär’ es mir doch

gegeben, der anderen Wesen, der anderen Personen Herz im Herzen

zu schauen und zu erkennen, das begehrliche Herz als begehrlich

und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als

gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz

als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte

Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das

hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte

Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das

gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und

das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und

das gefesselte Herz als gefesselt‹: was da je zu verwirklichen

ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.

»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Wär’ ich doch

imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu

erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an

drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an

zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben,

dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert

Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben,

dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann

an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die

Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen,

‚Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich

an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe

habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden

trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen

Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war

mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich

erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich

hier wieder ins Dasein‘, wär’ ich doch also imstande, mich

an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern, mit

je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen

Beziehungen‹[71]: was da je zu verwirklichen ist wirst du

gewinnen, je nach der Wirkensart. 496

»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Hätt’ ich doch das

himmlische Auge, das geläuterte, über menschliche Gränzen

hinausreichende, die Wesen zu sehn, wie sie dahinschwinden

und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne,

glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je

nach den Thaten wiederkehren, ‚Diese lieben Wesen sind freilich

in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten

zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges,

achten Verkehrtes, thun Verkehrtes, bei der Auflösung des

Leibes, nach dem Tode, gerathen sie auf den Abweg, auf

schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt; jene lieben

Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem

Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht

Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes, bei der Auflösung des

Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige

Welt‘, könnt’ ich doch also mit dem himmlischen Auge, dem

geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die

Wesen erkennen, wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen,

gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und

unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je nach den Thaten

wiederkehren[72]: was da je zu verwirklichen ist wirst du

gewinnen, je nach der Wirkensart.

»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›O könnte ich

doch den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung,

Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar machen,

verwirklichen und erringen‹: was da je zu verwirklichen ist

wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.«

Und der ehrwürdige Vacchagotto war durch des Erhabenen Rede

erfreut und befriedigt; und er stand von seinem Sitze auf,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und

entfernte sich.

Und der ehrwürdige Vacchagotto, einsam, abgesondert,

unermüdlich, in heißem, innigem Ernste verweilend, hatte

gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die

Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch

bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.

›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt

das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer

war nun der ehrwürdige Vacchagotto der Heiligen geworden.

Um diese Zeit nun waren viele Mönche unterwegs, den Erhabenen

zu besuchen. Es sah aber der ehrwürdige Vacchagotto jene Mönche

wie sie von ferne heranzogen, und als er sie gesehn ging er

ihnen entgegen und sprach also zu ihnen: 497

»Wohlan, wo geht ihr, Ehrwürdige, denn hin?«

»Den Erhabenen, o Bruder, wollen wir besuchen.«

»So geht, ihr Brüder, und bringt dem Erhabenen zu Füßen meinen

Gruß dar: ›Vacchagotto, o Herr, der Mönch, bringt dem Erhabenen

zu Füßen Gruß dar, und er lässt sagen:

Bedient von mir ist unser Herr,

Bedient von mir der hohe Held.‹«

»Gern, o Bruder!« sagten da jene Mönche, dem ehrwürdigen

Vacchagotto zustimmend.

Und jene Mönche begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte.

Dort angelangt begrüßten sie den Erhabenen ehrerbietig und

setzen sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun

jene Mönche zum Erhabenen also:

»Der ehrwürdige Vacchagotto, o Herr, bringt dem Erhabenen zu

Füßen Gruß dar, und er lässt sagen:

›Bedient von mir ist unser Herr,

Bedient von mir der hohe Held.‹«

»Schon hab’ ich, ihr Mönche, Vacchagotto den Mönch, im Geiste

geistig erfassend, erkannt: ›Drei Wissen weiß Vacchagotto der

Mönch, hat hohe Macht, hohe Gewalt.‹ Und auch Gottheiten haben

es mir angezeigt: ›Drei Wissen weiß, o Herr, Vacchagotto der

Mönch, hat hohe Macht, hohe Gewalt.‹«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

74.

Achter Theil Vierte Rede

DĪGHANAKHO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Rājagaham, am Geierkulm, zu Eberswühl.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 16 / 45 段