»Sieben Arten von Menschen, ihr Mönche, finden sich hier

in der Welt vor: welche sieben? Der Beiderseiterlöste, der

Weisheiterlöste, der Körperzeuge, der Aufgeklärte, der

Gläubigerlöste, der Wissendergebene, der Gläubigergebene.

»Was für einer, ihr Mönche, ist aber der Beiderseiterlöste? Da

hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit

der Formen, keinerlei Form behalten, leibhaftig erfahren und

gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist aufgehoben. Den

heißt man, ihr Mönche, einen Beiderseiterlösten. Und von

einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Nicht muss

er unermüdlich kämpfen.‹ Und warum nicht? Gekämpft hat er

unermüdlich, er kann nicht mehr ermüden.

»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Weisheiterlöste? Da

hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit

der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren

und gefunden, aber des weise Sehenden Wahn ist aufgehoben.

Den heißt man, ihr Mönche, einen Weisheiterlösten. Und auch 478

von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Nicht muss

er unermüdlich kämpfen.‹ Und warum nicht? Gekämpft hat er

unermüdlich, er kann nicht mehr ermüden.

»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Körperzeuge? Da hat,

ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der

Formen, keinerlei Form behalten, leibhaftig erfahren und

gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist zum Theil aufgehoben.

Den heißt man, ihr Mönche, einen Körperzeugen.[63] Und von

einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss

er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser

Ehrwürdige, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit

frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes

Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in

die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit

noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und

erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche

als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich:

›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Aufgeklärte? Da hat,

ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der

Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren

und gefunden, aber des weise Sehenden Wahn ist zum Theil

aufgehoben, und die vom Vollendeten dargelegten Dinge sind

ihm weise klar geworden, bis auf den Grund. Den heißt man,

ihr Mönche, einen Aufgeklärten. Und auch von einem solchen

Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an

geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden,

die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen

edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn,

die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich

offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr

Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit

vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Gläubigerlöste? Da

hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit

der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren

und gefunden, aber des weise Sehenden Wahn ist zum Theil

aufgehoben, und der Glaube an den Vollendeten hat bei ihm Boden

gefunden, Wurzel geschlagen, standgehalten. Den heißt man,

ihr Mönche, einen Gläubigerlösten. Und auch von einem solchen

Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an 479

geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden,

die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen

edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn,

die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich

offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr

Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit

vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Wissendergebene? Da

hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit

der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren

und gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist nicht aufgehoben,

aber die vom Vollendeten dargelegten Dinge kommen ihm allmälig

weise zum Bewusstsein, und folgende Sinneskräfte wirken in

ihm, als da sind: Glaube, Muth, Einsicht, Sammlung, Weisheit.

Den heißt man, ihr Mönche, einen Wissendergebenen. Und auch

von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich

muss er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser

Ehrwürdige, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit

frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes

Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in

die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit

noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und

erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche

als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich:

›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Gläubigergebene?

Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die,

jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig

erfahren und gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist nicht

aufgehoben, aber er hegt Glauben und Liebe zum Vollendeten,

und folgende Sinneskräfte wirken in ihm, als da sind: Glaube,

Muth, Einsicht, Sammlung, Weisheit. Den heißt man, ihr Mönche,

einen Gläubigergebenen. Und auch von einem solchen Mönche, ihr

Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹ Und warum

das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an geeigneten

Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die

Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle

Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die

höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich

offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr

Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit

vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹

»Nicht kann man, sag’ ich, ihr Mönche, gleich im Anfang

Gewissheit erlangen, sondern, ihr Mönche, allmälig sich mühend,

allmälig kämpfend, Schritt um Schritt weiter schreitend erlangt

man Gewissheit. Wie aber, ihr Mönche, erlangt man allmälig sich 480

mühend, allmälig kämpfend, Schritt um Schritt weiter schreitend

Gewissheit? Da kommt, ihr Mönche, ein Gläubigerregter heran.

Herangekommen gesellt er sich zu. Zugesellt giebt er Gehör.

Offenen Ohres hört er die Lehre. Hat er die Lehre gehört behält

er sie. Hat er die Sätze behalten betrachtet er den Inhalt. Hat

er den Inhalt betrachtet gewähren ihm die Sätze Einsicht. Indem

ihm die Sätze Einsicht gewähren billigt er sie. Indem er sie

billigt lässt er sie gelten. Hat er sie gelten lassen wägt er

ab. Hat er abgewogen arbeitet er. Und weil er innig arbeitet

verwirklicht er eben leibhaftig die höchste Wahrheit, und

weise durchbohrend erschaut er sie.

»Nun hat aber, ihr Mönche, jener Glaube gefehlt, nun hat aber,

ihr Mönche, jenes Herankommen gefehlt, nun hat aber, ihr

Mönche, jenes Zugesellen gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche,

jenes Gehörgeben gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes

Hören der Lehre gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes

Behalten der Sätze gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes

Betrachten des Inhalts gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche,

jenes Einsichtgewähren der Sätze gefehlt, nun hat aber, ihr

Mönche, jene Billigung gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes

Geltenlassen gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Abwägen

gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Arbeiten gefehlt: in

Irre wandelt ihr, Mönche, auf falscher Fährte wandelt ihr,

Mönche. Wie fern stehn sie doch, ihr Mönche, die Thoren, abseit

von dieser Lehre und Ordnung.

»Es giebt, ihr Mönche, eine viertheilige Darlegung, die, wenn

man sie gegeben hat, von einem verständigen Manne, sogar binnen

kurzem, ihrem Sinne nach weise gefasst werden kann: ich will

sie euch geben, ihr Mönche, ihr werdet mir’s fassen.«

»Wer sind wir, o Herr, und wer sind die Erfasser der Wahrheit!«

»Wer da, ihr Mönche, ein Meister ist, der die Welt liebt, der

Welt nachgeht, mit weltlichen Dingen sich abgiebt, selbst der

wird nicht wie ein Krämer und Trödler behandelt: ›So möchten

wir’s haben, dann wollen wir uns einlassen: können wir’s nicht

so haben, wollen wir uns nicht einlassen‹; warum denn, ihr

Mönche, der Vollendete, der gänzlich von weltlichen Dingen

losgelöst ist? Dem gläubigen Jünger, ihr Mönche, der im Orden

des Meisters mit ernstem Eifer sich übt, geht die Zuversicht

auf: ›Meister ist der Erhabene, Jünger bin ich: der Erhabene

weiß, ich weiß nicht.‹ Dem gläubigen Jünger, ihr Mönche, der im

Orden des Meisters mit ernstem Eifer sich übt, theilt sich der

Orden des Meisters erquickend mit und köstlich. Dem gläubigen

Jünger, ihr Mönche, der im Orden des Meisters mit ernstem

Eifer sich übt, geht die Zuversicht auf: ›Gern soll Haut und 481

Sehnen und Knochen einschrumpfen an meinem Leibe, auftrocknen

Fleisch und Blut: was da durch Mannesgewalt, Manneskraft,

Mannestapferkeit erreicht werden kann, nicht bevor es erreicht

ist wird die Kraft nachlassen.‹ Dem gläubigen Jünger, ihr

Mönche, der im Orden des Meisters mit ernstem Eifer sich

übt, mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei

Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.[64]

ACHTER THEIL

BUCH DER PILGER

71.

Achter Theil Erste Rede

VACCHAGOTTO

-- I --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Um diese

Zeit nun hielt sich der Pilger Vacchagotto im Pilgergarten

der Weißen Lotusrose auf. Und der Erhabene, zeitig gerüstet,

nahm Mantel und Schaale und wanderte gegen Vesālī, um

Almosenspeise. Und es gedachte der Erhabene: ›Allzu früh

ist’s noch, in der Stadt um Almosen zu stehn; wie, wenn ich

nun in den Pilgergarten der Weißen Lotusrose einträte und den

Pilger Vacchagotto besuchte?‹ Und der Erhabene trat in den

Pilgergarten der Weißen Lotusrose ein und begab sich dorthin wo

der Pilger Vacchagotto weilte. Da sah der Pilger Vacchagotto

den Erhabenen von ferne herankommen, und als er den Erhabenen

gesehn sprach er also zu ihm:

»Es komme, o Herr, der Erhabene, gegrüßt sei, o Herr, der

Erhabene! Lange schon, o Herr, hat der Erhabene hoffen lassen,

mich einmal hier zu besuchen. Möge sich, o Herr, der Erhabene

setzen: dieser Sitz ist bereit.«

Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz.

Vacchagotto aber, der Pilger, nahm einen von den niederen

Stühlen zur Hand und setzte sich an die Seite. An der Seite 482

sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger also zum Erhabenen:

»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Der Asket Gotamo weiß alles,

versteht alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich

geh’ oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die

gesammte Wissensklarheit gegenwärtig.‘‹[65] Die da solches, o

Herr, gesagt haben, haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen

Worte gebraucht und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt

und der Lehre gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender

Folgesatz als ungehörig erweisen kann?«

»Die da, Vaccho, solches gesagt haben: ›Der Asket Gotamo weiß

alles, versteht alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit:

‚Ob ich geh‘ oder stehe, schlaf‘ oder wache, jederzeit hab’ ich

die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig’‹, die haben nicht

meine Worte gebraucht und haben mich also ohne Grund und mit

Unrecht angeführt.«

»Wie dann, o Herr, sollten wir reden, um eben die Worte des

Erhabenen zu gebrauchen und den Erhabenen nicht mit Unrecht

anzuführen und der Lehre gemäß zu reden, so dass sich kein

entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte?«

»‚Drei Wissen weiß der Asket Gotamo‘: also redend, Vaccho,

würde man eben meine Worte gebrauchen und mich nicht mit

Unrecht anführen und der Lehre gemäß reden, so dass sich

kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte.

Denn nach Belieben, Vaccho, erinnere ich mich an manche

verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein Leben,

dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben,

dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig

Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an

fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben,

dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während

mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während

mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher

Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen

Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein

Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,

so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo

wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,

dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies

mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war

mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins

Dasein.‹ So erinnere ich mich mancher verschiedenen früheren

Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je

den eigenartigen Beziehungen. Und nach Belieben, Vaccho,

seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über

menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden

und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne,

glückliche und unglückliche, ich erkenne wie die Wesen je nach

den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich

in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten

zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges,

achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des

Körpers, nach dem Tode, gelangen sie abwärts, auf schlechte

Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen

sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten

zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht

Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung

des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte,

in sälige Welt.‹ So seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem

geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die

Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,

schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkenne

wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Und ich habe,

Vaccho, den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung,

Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar gemacht,

verwirklicht und errungen. ‚Drei Wissen weiß der Asket Gotamo‘:

also redend, Vaccho, würde man eben meine Worte gebrauchen und 483

mich nicht mit Unrecht anführen und der Lehre gemäß reden, so

dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen

könnte.«

Nach diesen Worten sprach Vacchagotto der Pilger zum Erhabenen

also:

»Giebt es nun wohl, o Gotamo, irgend einen Hausgewohnten, der

ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung

des Körpers, dem Leiden ein Ende macht?«

»Nicht giebt es, Vaccho, irgend einen Hausgewohnten, der, ohne

die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des

Körpers, dem Leiden ein Ende macht.«

»Giebt es aber, o Gotamo, irgend einen Hausgewohnten, der, ohne

die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des

Körpers, in himmlische Welt gelangt?«

»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder

dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr

Hausgewohnte, die, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben,

bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangen.«

»Und giebt es, o Gotamo, irgend einen Nackten Büßer, der, bei

der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht?«

»Nicht giebt es, Vaccho, irgend einen Nackten Büßer, der, bei

der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht.«

»Doch giebt es, o Gotamo, irgend einen Nackten Büßer, der, bei

der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangt?«

»Von heute, Vaccho, zurück bis zum einundneunzigsten Weltalter,

dessen ich gedenke, weiß ich von keinem Nackten Büßer, der

in himmlische Welt gelangt wäre, einen ausgenommen: der aber

glaubte an eigene That und eigenes Handeln.«

»So ist freilich, o Gotamo, jenes Büßerthum eitel, sogar um in

himmlische Welt zu gelangen?«

»So ist freilich, Vaccho, jenes Büßerthum eitel, sogar um in

himmlische Welt zu gelangen.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Vacchagotto der

Pilger über das Wort des Erhabenen.[66]

72.

Achter Theil Zweite Rede

VACCHAGOTTO

-- II --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich Vacchagotto der Pilger dorthin wo der 484

Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite

nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger

also zum Erhabenen:

»Wie doch wohl, o Gotamo: ‚Ewig ist die Welt; dies nur ist

Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Ewig ist die Welt;

dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Wie dann, o Gotamo: ‚Zeitlich ist die Welt; dies nur ist

Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Zeitlich ist die

Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Und wie nun, o Gotamo: ‚Endlich ist die Welt; dies nur ist

Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Endlich ist die Welt;

dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Wie dann, o Gotamo: ‚Unendlich ist die Welt; dies nur ist

Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Unendlich ist die

Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Und wie nun, o Gotamo: ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe;

dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche

Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Leben und Leib ist

ein und dasselbe; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Wie dann, o Gotamo: ‚Anders ist das Leben und anders der Leib;

dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche

Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Anders ist das Leben

und anders der Leib; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Und wie nun, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode;

dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche

Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete

besteht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Wie dann, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem

Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo

solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete

besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn

anderes.‘«

»Und wie nun, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht und besteht

nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘:

hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete 485

besteht und besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit,

Unsinn anderes.‘«

»Und wie nun, o Gotamo: ‚Weder besteht noch besteht nicht

der Vollendete nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn

anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«

»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Weder besteht noch

besteht nicht der Vollendete nach dem Tode; dies nur ist

Wahrheit, Unsinn anderes.‘«

»Wie denn nun, o Gotamo: zu keiner dieser Ansichten bekennst du

dich! Was findet wohl Herr Gotamo für arg daran, um sich also

dieser Anschauungen gänzlich zu begeben?«

»‚Ewig ist die Welt‘: das ist, Vaccho, eine Gasse der

Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, ein

Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten,

voll von Leid und Quaal, Verzweiflung und Jammer, führt nicht

zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur

Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht

zur Erlöschung. ‚Zeitlich ist die Welt‘, ‚Endlich ist die

Welt‘, ‚Unendlich ist die Welt‘, ‚Leben und Leib ist ein und

dasselbe‘, ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, ‚Der

Vollendete besteht nach dem Tode‘, ‚Der Vollendete besteht

nicht nach dem Tode‘, ‚Der Vollendete besteht und besteht

nicht nach dem Tode‘, ‚Weder besteht noch besteht nicht der

Vollendete nach dem Tode‘: das ist, Vaccho, eine Gasse der 486

Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, ein

Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten,

voll von Leid und Quaal, Verzweiflung und Jammer, führt nicht

zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur

Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht

zur Erlöschung. Das find’ ich, Vaccho, für arg daran, um mich

also dieser Anschauungen gänzlich zu begeben.«

»Bekennt nun aber Herr Gotamo irgend eine Ansicht?«

»‚Eine Ansicht‘, Vaccho, die kommt dem Vollendeten nicht

zu. Denn der Vollendete, Vaccho, hat es gesehn: ›So ist die

Form, so entsteht sie, so löst sie sich auf: so ist das

Gefühl, so entsteht es, so löst es sich auf; so ist die

Wahrnehmung, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind

die Unterscheidungen, so entstehn sie, so lösen sie sich auf;

so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.‹

Darum, sag’ ich, ist der Vollendete durch aller Meinungen

und aller Vermuthungen, durch aller Ichheit und Eigenheit

und Dünkelsucht Versiegung, Abweisung, Aufhebung, Ausrodung,

Entäußerung ohne Hangen erlöst.«[67]

»Und ein also gemütherlöster Mönch, o Gotamo, wo ersteht der

auf?«

»‚Auferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«

»Dann also, o Gotamo, ersteht er nicht auf?«

»‚Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«

»Dann also, o Gotamo, ersteht er auf und nicht aufersteht er?«

»‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«

»Dann also, o Gotamo, ersteht er weder auf, noch ersteht er

nicht auf?«

»‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft

nicht zu.«

»So giebst du mir nun, o Gotamo, auf meine Fragen immer die

Antwort: ›Das trifft nicht zu.‹ Jetzt bin ich, o Gotamo, in 487

Unwissenheit gerathen, bin jetzt in Verwirrung gerathen, und

was ich da bei dem früheren Gespräche mit Herrn Gotamo an

Vertrauen gewonnen hatte, das ist mir nun wieder verloren

gegangen.«[68]

»Genug denn, Vaccho, deiner Unwissenheit, genug der Verwirrung!

Gar tief ist, Vaccho, diese Lehre, schwer zu entdecken, schwer

zu gewahren, still, erlesen, unbekrittelbar, innig, Weisen

erfindlich: die wirst du schwer verstehn ohne Deutung, ohne

Geduld, ohne Hingabe, ohne Anstrengung, ohne Lenkung. So will

ich dir, Vaccho, eben darüber Fragen stellen: wie es dir

gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Vaccho:

wenn da vor dir ein Feuer brennte, wüsstest du: ›Hier brennt

ein Feuer vor mir‹?«

»Wenn da vor mir, o Gotamo, ein Feuer brennte, wüsst’ ich:

›Hier brennt ein Feuer vor mir‹.«

»Wenn dich nun, Vaccho, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da

vor dir brennt, wodurch brennt es?‹ Also gefragt, Vaccho,

würdest du was antworten?«

»Wenn mich, o Gotamo, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor

dir brennt, wodurch brennt es?‹, würd’ ich auf solche Frage

also antworten: ›Dieses Feuer, das da vor mir brennt, das

brennt indem es durch Heu und Holz unterhalten wird‹.«

»Wenn da, Vaccho, dieses Feuer vor dir ausginge, wüsstest du:

›Dieses Feuer vor mir ist ausgegangen‹?«

»Wenn da, o Gotamo, dieses Feuer vor mir ausginge, wüsst’ ich:

›Dieses Feuer vor mir ist ausgegangen.‹«

»Wenn dich nun, Vaccho, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da

vor dir ausgegangen ist, wo ist es hingegangen, nach welcher

Richtung, nach Osten oder nach Westen, nach Norden oder nach

Süden?‹ Also gefragt, Vaccho, würdest du was antworten?«

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 15 / 45 段