Beiderseiterlöster gewesen, oder ein Weisheiterlöster, oder ein 440
Körperzeuge, oder ein Aufgeklärter, oder ein Gläubigerlöster,
oder ein Wissendergebener, oder ein Gläubigergebener?«
»Freilich nicht, o Herr!«
»Bist du, Bhaddāli, damals nicht hohl und leer und verlassen
gewesen?«
»So ist es, o Herr! Ein Vergehn, o Herr, hat mich überkommen,
wie einen Thoren, wie einen Irren, wie einen Missrathenen,
der ich, wo der Erhabene die Regel des Ordens angegeben, wo
die Jüngerschaft die Regel angenommen, von meinem Unvermögen
gesprochen habe! So möge mich, o Herr, der Erhabene das Vergehn
als Vergehn bekennen lassen, um in Zukunft an mich zu halten.«
»In der That hat dich, Bhaddāli, ein Vergehn überkommen, wie
einen Thoren, wie einen Irren, wie einen Missrathenen, der
du, wo ich ein Regelmaaß angegeben, wo die Jüngerschaft die
Regel angenommen, von deinem Unvermögen gesprochen hast. Weil
du nun aber, Bhaddāli, das Vergehn als Vergehn eingesehn und
nach Gebühr bekannt hast, erkennen wir das von dir an. Denn
ein Fortschritt ist es, Bhaddāli, im Orden des Heiligen, ein
Vergehn als Vergehn einzusehn, nach Gebühr zu bekennen, in
Zukunft an sich zu halten.
»Da kommt, Bhaddāli, ein Mönch im Meisterorden der Regel nicht
vollkommen nach. Und er gedenkt bei sich: ›Wie, wenn ich
nun einen abgelegenen Ruheplatz aufsuchte, einen Hain, den
Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen
Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene, 441
auf dass es mir doch etwa möglich wäre das überirdische, reiche
Heilthum der Wissensklarheit zu verwirklichen!‹ Und er sucht
einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Und wie
er dort abgesondert lebt rügt ihn der Meister, oder es rügen
ihn, wohlüberlegt, verständige Ordensbrüder, oder es rügen ihn
Gottheiten, oder er selber rügt sich. Und vom Meister gerügt,
oder, wohlüberlegt, von verständigen Ordensbrüdern gerügt,
oder von Gottheiten gerügt, oder von sich selber gerügt kann
er das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht
verwirklichen. Und warum nicht? Weil es also, Bhaddāli, billig
ist für einen, der im Meisterorden der Regel nicht vollkommen
genügt.
»Da kommt nun, Bhaddāli, ein Mönch im Meisterorden der Regel
vollkommen nach. Und er gedenkt bei sich: ›Wie, wenn ich nun
einen abgelegenen Ruheplatz aufsuchte, einen Hain, den Fuß
eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen
Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene,
auf dass es mir doch etwa möglich wäre das überirdische, reiche
Heilthum der Wissensklarheit zu verwirklichen!‹ Und er sucht
einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Und wie
er dort abgesondert lebt, rügt ihn der Meister nicht, und es
rügen ihn, wohlüberlegt, verständige Ordensbrüder nicht, und
es rügen ihn keine Gottheiten, und er selber rügt sich nicht.
Und vom Meister ungerügt, und, wohlüberlegt, von verständigen
Ordensbrüdern ungerügt, und von Gottheiten ungerügt, und
ungerügt von sich selber kann er das überirdische, reiche
Heilthum der Wissensklarheit verwirklichen. Gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung. Und warum das? Weil es also, Bhaddāli, billig
ist für einen, der im Meisterorden der Regel vollkommen genügt.
»Weiter sodann, Bhaddāli: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Und warum das? Weil es also, Bhaddāli, billig ist für
einen, der im Meisterorden der Regel vollkommen genügt.
»Weiter sodann, Bhaddāli: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten
Schauung. Und warum das? Weil es also, Bhaddāli, billig ist für
einen, der im Meisterorden der Regel vollkommen genügt.
»Weiter sodann, Bhaddāli: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Und warum das? Weil es also, Bhaddāli, billig ist
für einen, der im Meisterorden der Regel vollkommen genügt.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Er erinnert sich mancher verschiedenen früheren
Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je
den eigenartigen Beziehungen. Und warum das? Weil es also, 442
Bhaddāli, billig ist für einen, der im Meisterorden der Regel
vollkommen genügt.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert,
gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,
unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden,
kann er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn,
gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und
unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten
wiederkehren. Und warum das? Weil es also, Bhaddāli, billig ist
für einen, der im Meisterorden der Regel vollkommen genügt.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt
er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da
sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da. Und warum das? Weil es also, Bhaddāli, billig
ist für einen, der im Meisterorden der Regel vollkommen genügt.«
* * * * *
Nach dieser Rede sprach der ehrwürdige Bhaddāli zum Erhabenen
also:
»Was ist wohl, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass man
da manchem Mönche oft und oft eine Bemerkung zu machen hat? Und
was ist wiederum, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass
man da manchem Mönche nicht so oft und oft eine Bemerkung zu
machen hat?«
»Da hat sich, Bhaddāli, ein Mönch wiederholt vergangen, sich
vielfach vergangen: und von den Mönchen ermahnt geht er von
einem auf ein anderes über, schweift vom Gegenstande ab und
legt Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den Tag, er
wendet sich nicht zum Guten, giebt nicht nach, lenkt nicht
versöhnlich ein, ‚Was den Brüdern recht und billig ist, das
will ich thun‘, so spricht er nicht. Da berathen, Bhaddāli,
die Mönche sich also: ›Dieser Mönch, ihr Brüder, hat sich
wiederholt vergangen, vielfach vergangen: und von den Mönchen
ermahnt geht er von einem auf ein anderes über, schweift vom
Gegenstande ab und legt Verdrossenheit, Hass und Misstrauen
an den Tag, er wendet sich nicht zum Guten, giebt nicht nach,
lenkt nicht versöhnlich ein, ‚Was den Brüdern recht und billig
ist, das will ich thun‘, so spricht er nicht. Gut wär’ es, 443
wolltet ihr, Ehrwürdige, bei diesem Mönch darauf achten, dass
ihm unser Vermerk nicht alsbald wieder entschwunden sei.‹ Und
derart, Bhaddāli, achten die Mönche bei diesem Mönche darauf,
dass ihm ihr Vermerk nicht alsbald wieder entschwunden ist.
-- Da hat sich nun, Bhaddāli, ein Mönch wiederholt vergangen,
sich vielfach vergangen: und von den Mönchen ermahnt geht er
von einem nicht auf ein anderes über, schweift vom Gegenstande
nicht ab, legt keine Verdrossenheit, keinen Hass, kein
Misstrauen an den Tag, er wendet sich zum Guten, giebt nach,
lenkt versöhnlich ein, ‚Was den Brüdern recht und billig ist,
das will ich thun‘, so spricht er. Da berathen, Bhaddāli,
die Mönche sich also: ›Dieser Mönch, ihr Brüder, hat sich
wiederholt vergangen, vielfach vergangen: und von den Mönchen
ermahnt geht er von einem nicht auf ein anderes über, schweift
vom Gegenstande nicht ab, legt keine Verdrossenheit, keinen
Hass, kein Misstrauen an den Tag, er wendet sich zum Guten,
giebt nach, lenkt versöhnlich ein, ‚Was den Brüdern recht und
billig ist, das will ich thun‘, so spricht er. Gut wär’ es,
wolltet ihr, Ehrwürdige, bei diesem Mönch darauf achten, dass
ihm unser Vermerk alsbald wieder entschwunden sei.‹ Und derart,
Bhaddāli, achten die Mönche bei diesem Mönche darauf, dass ihm
ihr Vermerk alsbald wieder entschwunden ist.
»Da hat sich, Bhaddāli, ein Mönch nur selten[47] vergangen,
nur wenig vergangen: und von den Mönchen ermahnt geht er
von einem auf ein anderes über, schweift vom Gegenstande ab
und legt Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den Tag, er
wendet sich nicht zum Guten, giebt nicht nach, lenkt nicht
versöhnlich ein, ‚Was den Brüdern recht und billig ist, das
will ich thun‘, so spricht er nicht. Da berathen, Bhaddāli,
die Mönche sich also: ›Dieser Mönch, ihr Brüder, hat sich nur
selten vergangen, nur wenig vergangen: und von den Mönchen
ermahnt geht er von einem auf ein anderes über, schweift vom
Gegenstande ab und legt Verdrossenheit, Hass und Misstrauen
an den Tag, er wendet sich nicht zum Guten, giebt nicht nach,
lenkt nicht versöhnlich ein, ‚Was den Brüdern recht und billig
ist, das will ich thun‘, so spricht er nicht. Gut wär’ es,
wolltet ihr, Ehrwürdige, bei diesem Mönch darauf achten, dass
ihm unser Vermerk nicht alsbald wieder entschwunden sei.‹ Und
derart, Bhaddāli, achten die Mönche bei diesem Mönche darauf,
dass ihm ihr Vermerk nicht alsbald wieder entschwunden ist. --
Da hat sich nun, Bhaddāli, ein Mönch nur selten vergangen, nur 444
wenig vergangen: und von den Mönchen ermahnt geht er von einem
nicht auf ein anderes über, schweift vom Gegenstande nicht ab,
legt keine Verdrossenheit, keinen Hass, kein Misstrauen an den
Tag, er wendet sich zum Guten, giebt nach, lenkt versöhnlich
ein, ‚Was den Brüdern recht und billig ist, das will ich thun‘,
so spricht er. Da berathen, Bhaddāli, die Mönche sich also:
›Dieser Mönch, ihr Brüder, hat sich nur selten vergangen, nur
wenig vergangen: und von den Mönchen ermahnt geht er von einem
nicht auf ein anderes über, schweift vom Gegenstande nicht ab,
legt keine Verdrossenheit, keinen Hass, kein Misstrauen an den
Tag, er wendet sich zum Guten, giebt nach, lenkt versöhnlich
ein, ‚Was den Brüdern recht und billig ist, das will ich thun‘,
so spricht er. Gut wär’ es, wolltet ihr, Ehrwürdige, bei diesem
Mönch darauf achten, dass ihm unser Vermerk alsbald wieder
entschwunden sei.‹ Und derart, Bhaddāli, achten die Mönche
bei diesem Mönche darauf, dass ihm ihr Vermerk alsbald wieder
entschwunden ist.
»Da hat sich, Bhaddāli, ein Mönch aus gewissem Vertrauen zu
uns gesellt, aus gewisser Neigung: und die Mönche, Bhaddāli,
berathen sich also: ›Dieser Mönch, ihr Brüder, hat sich aus
gewissem Vertrauen zu uns gesellt, aus gewisser Neigung; wenn
wir diesem Mönche oft und oft eine Bemerkung zu machen haben,
soll ihm, weil er nur ein gewisses Vertrauen, eine gewisse
Neigung besitzt, nicht auch diese verloren gehn.‹ Gleichwie
etwa, Bhaddāli, bei einem Manne, der ein Auge hat, seine
Freunde und Verwandten dieses eine Auge hüten mögen: ›Nicht
soll ihm, weil er nur dieses eine Auge besitzt, auch dieses
verloren gehn‹: ebenso nun auch, Bhaddāli, hat sich da ein
Mönch aus gewissem Vertrauen zu uns gesellt, aus gewisser
Neigung: und die Mönche, Bhaddāli, berathen sich also: ›Dieser
Mönch, ihr Brüder, hat sich aus gewissem Vertrauen zu uns
gesellt, aus gewisser Neigung; wenn wir diesem Mönche oft und
oft eine Bemerkung zu machen haben, soll ihm, weil er nur ein
gewisses Vertrauen, eine gewisse Neigung besitzt, nicht auch
diese verloren gehn.‹
»Das ist, Bhaddāli, der Anlass, das ist der Grund, dass man da
manchem Mönche oft und oft eine Bemerkung zu machen hat; und
das ist wiederum, Bhaddāli, der Anlass, das ist der Grund, dass
man da manchem Mönche nicht so oft und oft eine Bemerkung zu
machen hat.«
»Was ist wohl, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass es
früher weniger Ordensregeln gab, aber mehr der Mönche gewiss 445
bestanden? Und was ist wiederum, o Herr, der Anlass, was ist
der Grund, dass es heute mehr der Ordensregeln giebt, aber
weniger Mönche gewiss bestehn?«
»Also ist es eben, Bhaddāli, wann die Wesen sich
verschlechtern, wann die wahre Lehre untergeht, dass es mehr
der Ordensregeln giebt, aber weniger Mönche gewiss bestehn.
Nicht eher, Bhaddāli, giebt der Meister den Jüngern die
Regel an, bis da nicht manche auf Wahn beruhende Dinge im
Orden offenbar werden. Sobald nun, Bhaddāli, da manche auf
Wahn beruhende Dinge im Orden offenbar werden, dann giebt
der Meister den Jüngern die Regel an, um eben diese auf Wahn
beruhenden Dinge zurückzuweisen. Nicht eher, Bhaddāli, werden
da manche auf Wahn beruhende Dinge im Orden offenbar, bis
nicht der Orden Größe erreicht hat. Sobald nun, Bhaddāli,
der Orden Größe erreicht hat, dann werden da manche auf Wahn
beruhende Dinge im Orden offenbar, dann giebt der Meister den
Jüngern die Regel an, um eben diese auf Wahn beruhenden Dinge
zurückzuweisen. Nicht eher, Bhaddāli, werden da manche auf Wahn
beruhende Dinge im Orden offenbar, bis nicht der Orden hohe
Gabe, hohen Ruhm, reiches Wissen, späte Jahre erreicht hat.
Sobald nun, Bhaddāli, der Orden hohe Gabe, hohen Ruhm, reiches
Wissen, späte Jahre erreicht hat, dann werden da manche auf
Wahn beruhende Dinge im Orden offenbar, dann giebt der Meister
den Jüngern die Regel an, um eben diese auf Wahn beruhenden
Dinge zurückzuweisen.[48]
»Nicht viele seid ihr, Bhaddāli, damals gewesen, als ich euch
im Gleichniss vom jungen Rosse die Lehre dargelegt habe;
erinnerst du dich, Bhaddāli?«
»Nein, o Herr!«
»Und kannst du, Bhaddāli, den Grund angeben?«
»Doch wohl darum, o Herr, weil ich lange Zeit im Meisterorden
der Regel nicht vollkommen genügt habe.«
»Nicht allein das, Bhaddāli, ist der Anlass, ist der Grund,
denn ich habe dich, Bhaddāli, schon lange, im Geiste geistig
erfassend, erkannt: ›Nicht mag dieser Thor, wann ich die Lehre
darlege, achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe hingegeben,
offenen Ohres die Lehre hören.‹ Aber ich will dir, Bhaddāli, im
Gleichniss vom jungen Rosse die Lehre darlegen: das höre du und
achte wohl auf meine Rede.« 446
»Ja, o Herr!« sagte da der ehrwürdige Bhaddāli aufmerksam zum
Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Gleichwie etwa, Bhaddāli, ein gewandter Rossebändiger, wann
er ein schönes edles Ross erhalten hat, zu allererst am
Gebisse Uebungen ausführen lässt; und während es am Gebisse
Uebungen ausführt zeigt es eben allerlei Ungebührlichkeit,
Ungebärdigkeit, Unbändigkeit, weil es nie zuvor solche Uebungen
ausgeführt hat: aber durch wiederholtes Ueben, durch allmäliges
Ueben giebt es sich damit zufrieden. Sobald nun, Bhaddāli, das
schöne edle Ross durch wiederholtes Ueben, durch allmäliges
Ueben sich damit zufriedengegeben hat, dann lässt es der
Rossebändiger weitere Uebungen ausführen und schirrt es an; und
während es angeschirrt Uebungen ausführt zeigt es eben allerlei
Ungebührlichkeit, Ungebärdigkeit, Unbändigkeit, weil es nie
zuvor solche Uebungen ausgeführt hat: aber durch wiederholtes
Ueben, durch allmäliges Ueben giebt es sich damit zufrieden.
Sobald nun, Bhaddāli, das schöne edle Ross durch wiederholtes
Ueben, durch allmäliges Ueben sich damit zufriedengegeben hat,
dann lässt es der Rossebändiger weitere Uebungen ausführen
und im Schritt gehn, im Trab gehn, Galopp laufen[49], er
lässt es rennen und springen, bringt ihm königlichen Gang
und königliche Haltung bei, er macht es zum schnellsten und
flüchtigsten und verlässlichsten der Pferde; und während es
also Uebungen ausführt zeigt es eben allerlei Ungebührlichkeit,
Ungebärdigkeit, Unbändigkeit, weil es nie zuvor solche
Uebungen aufgeführt hat: aber durch wiederholtes Ueben, durch
allmäliges Ueben giebt es sich damit zufrieden. Sobald nun,
Bhaddāli, das schöne edle Ross durch wiederholtes Ueben, durch
allmähliges Ueben sich damit zufriedengegeben hat, dann lässt
ihm der Rossebändiger noch die letzte Strählung und Striegelung
angedeihen. Das sind, Bhaddāli, die zehn Eigenschaften, die ein
schönes edles Ross dem Könige schicklich, dem Könige tauglich,
eben als ›Königsgut‹ erscheinen lassen. Ebenso nun auch,
Bhaddāli, sind es zehn Dinge, die einen Mönch Opfer und Spende,
Gabe und Gruß verdienen, heiligste Stätte der Welt sein lassen:
und welche zehn? Da eignet, Bhaddāli, einem Mönche untrüglich
rechte Erkenntniss, untrüglich rechte Gesinnung, untrüglich
rechte Rede, untrüglich rechtes Handeln, untrüglich rechtes
Wandeln, untrüglich rechtes Mühn, untrüglich rechte Einsicht,
untrüglich rechte Einigung, untrüglich rechte Weisheit, 447
untrüglich rechte Erlösung. Das sind, Bhaddāli, die zehn Dinge,
die einen Mönch Opfer und Spende, Gabe und Gruß verdienen,
heiligste Stätte der Welt sein lassen.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Bhaddāli über das Wort des Erhabenen.[50]
66.
Siebenter Theil Sechste Rede
DAS GLEICHNISS VON DER WACHTEL
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im
Lande der Aṉguttarāper, bei einer Burg der Aṉguttarāper
Namens Āpaṇam. Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel
und Schaale und ging nach Āpaṇam um Almosenspeise. Und als
der Erhabene, von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten,
kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und begab sich dann in
ein nahe gelegenes Waldgehölz, für den Tag. Im Inneren dieses
Waldgehölzes setzte sich der Erhabene am Fuß eines Baumes
nieder, bis gegen Sonnenuntergang da zu verweilen.
Und auch der ehrwürdige Udāyī ging, zeitig gerüstet, mit Mantel
und Schaale versehn, nach Āpaṇam um Almosenspeise. Und als er,
von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück,
nahm das Mahl ein und begab sich dann in dieses Waldgehölz,
für den Tag. Und er setzte sich im Inneren des Waldgehölzes
am Fuß eines Baumes nieder, bis gegen Sonnenuntergang da zu
verweilen.
Da kam nun dem ehrwürdigen Udāyī, während er einsam
zurückgezogen sann, folgender Gedanke in den Sinn: ›Viel
unsälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel
sälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben! Viel
unheilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel
heilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben!‹
Als nun der ehrwürdige Udāyī gegen Abend die Gedenkensruhe
beendet hatte, begab er sich dorthin wo der Erhabene weilte,
begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts
nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Udāyī also 448
zum Erhabenen:
»Während ich da, o Herr, einsam zurückgezogen sann, kam mir
folgender Gedanke in den Sinn: ›Viel unsälige Dinge, wahrlich,
hat uns der Erhabene genommen, viel sälige Dinge, wahrlich,
hat uns der Erhabene gegeben! Viel unheilsame Dinge, wahrlich,
hat uns der Erhabene genommen, viel heilsame Dinge, wahrlich,
hat uns der Erhabene gegeben!‹ Denn wir haben früher, o Herr,
sowohl am Abend als am Morgen und zu Mittag, außer der Zeit,
gegessen. Es war einmal, o Herr, ein Anlass, wo der Erhabene
die Mönche ermahnte: ›Wohlan, ihr Mönche, jenes Mittagessen,
außer der Zeit, sollt ihr lassen.‹ Da wurden wir nur betrübt,
o Herr, wurden traurig: ›Was uns gläubige Hausleute mittags,
außer der Zeit, an Speise und Trank Gutes darreichen, das
hat uns der Erhabene zu lassen geheißen, das hat uns der
Willkommene verleugnen geheißen.‹ Weil wir nun, o Herr, zum
Erhabenen Liebe und Zutrauen hegten, schaamhaft und dehmüthig
waren, so ließen wir davon ab, mittags, außer der Zeit, zu
essen. Und so aßen wir denn, o Herr, abends und morgens. Es
war aber einst ein Anlass, o Herr, wo der Erhabene die Mönche
ermahnte: ›Wohlan, ihr Mönche, jenes Abendessen, außer der
Zeit, sollt ihr lassen.‹ Da wurden wir wieder betrübt, o Herr,
wurden traurig: ›Was für Mahlzeit von den beiden uns als die
bessere gilt, die hat uns der Erhabene zu lassen geheißen, die
hat uns der Willkommene verleugnen geheißen.‹ Einst hatte, o
Herr, ein Mann zu Mittag ein Gericht erhalten, und er sprach
also: ›Hebt es mir doch auf, abends wollen wir alle gemeinsam
speisen.‹ Alles, o Herr, wird für den Abend bereitet, wenig
für den Tag. Weil wir aber, o Herr, zum Erhabenen Liebe und
Zutrauen hegten, schaamhaft und dehmüthig waren, so ließen wir
davon ab, abends, außer der Zeit, zu essen. Einst gingen die
Mönche, o Herr, im Dunkel der Dämmerung auf Almosen aus und
geriethen in Pfützen, fielen in Tümpel, verstiegen sich in
Dickicht, traten auf eine schlafende Kuh, kamen mit Menschen
zusammen, mit feiernden oder beschäftigten, oder Weiber luden
sie auf ungehörige Weise ein. Einst ging ich, o Herr, im Dunkel
der Dämmerung auf Almosen aus. Da sah mich, o Herr, eine Frau,
die im Rinnstein Geschirr wusch, und als sie mich gesehn rief
sie entsetzt aus: ›Ha, weh’ mir, ein Gespenst!‹ Ich aber, o
Herr, sprach also zur Frau: ›Kein Gespenst, o Schwester, ein
Mönch steht um Almosen.‹ -- ›So bringt wohl ein Mönch den 449
Leib um, so bringt wohl ein Mönch ein Weib um![51] Besser
wär’ es dir, o Mönch, mit scharfem Schlachtmesser den Bauch
aufschlitzen und nicht im Dunkel der Dämmerung um des Bauches
willen auf Almosen ausgehn!‹ -- Und weil ich, o Herr, mich
dessen erinnerte, gedacht’ ich bei mir: ›Viel unsälige Dinge,
wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel sälige Dinge,
wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben! Viel unheilsame Dinge,
wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel heilsame Dinge,
wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben!‹«
»Ebenso nun aber, Udāyī, haben da gar manche Thoren, von mir
ermahnt ›Das mögt ihr lassen‹, dann also gesprochen: ›Was wird
es auf solche Kleinigkeit, Winzigkeit ankommen? Allzu peinlich
genau ist doch dieser Asket!‹[52] Und sie lassen nicht davon
ab und setzen in Misstrauen zu mir die Mönche, die sich eifrig
üben. Denen wird das, Udāyī, eine feste Fessel, eine tüchtige
Fessel, eine zähe Fessel, keine faule Fessel, ein schwerer
Block. Gleichwie etwa, Udāyī, eine Wachtel, mit einem Bande
aus faulem Baste gebunden, eben dadurch in Verderben, in Noth
oder Tod geräth: wer nun da, Udāyī, also spräche, ›Das Band
aus faulem Baste, womit diese Wachtel gebunden ist und wodurch
sie in Verderben, in Noth oder Tod geräth, das ist ja für sie
kein festes Band, ist ein schwaches Band, ein faules Band, ein
haltloses Band‹, würde der also, Udāyī, recht reden?«
»Gewiss nicht, o Herr! Das Band aus faulem Baste, o Herr, womit
diese Wachtel gebunden ist und wodurch sie in Verderben, in
Noth oder Tod geräth, das ist ja für sie ein festes Band, ein
tüchtiges Band, ein zähes Band, kein faules Band, ein schwerer
Block.«