›Nicht eher will ich beim Erhabenen das Asketenleben führen,
bis mir der Erhabene mitgetheilt haben wird, ob die Welt ewig
ist oder zeitlich ist, ob die Welt endlich ist oder unendlich
ist, ob Leben und Leib ein und dasselbe oder anders das Leben
und anders der Leib ist, ob der Vollendete nach dem Tode
besteht oder nicht besteht oder besteht und nicht besteht
oder weder besteht noch nicht besteht‹; nicht genug könnte,
Māluṉkyāputto, der Vollendete einem solchen mittheilen: denn er
stürbe hinweg.
»›Wenn die Ansicht ‚Ewig ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto,
›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die
Ansicht ‚Zeitlich ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht,
kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht
‚Ewig ist die Welt‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht
‚Zeitlich ist die Welt‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter
und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung,
deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Endlich ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto,
›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die
Ansicht ‚Unendlich ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht,
kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht
‚Endlich ist die Welt‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht
‚Unendlich ist die Welt‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter
und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung,
deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘‹,
Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt
nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Anders ist das Leben und anders der
Leib‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹:
auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Leben und Leib ist ein
und dasselbe‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Anders
ist das Leben und anders der Leib‘: sicher besteht Geburt,
besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und
Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen
lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘‹,
Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt
nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem
Tode‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹:
auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Der Vollendete besteht
nach dem Tode‚, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Der
Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘: sicher besteht Geburt,
besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und
Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen 431
lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht
nach dem Tode‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum
bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Weder besteht noch
besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘‹, Māluṉkyāputto,
›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob
die Ansicht ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem
Tode‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Weder besteht
noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘: sicher
besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer,
Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei
Lebzeiten kennen lehre.
»Darum also, Māluṉkyāputto, mögt ihr was ich nicht mitgetheilt
als nicht mitgetheilt, und was ich mitgetheilt als mitgetheilt
halten.
»Was aber, Māluṉkyāputto, hab’ ich nicht mitgetheilt? ›Ewig
ist die Welt‹, Māluṉkyāputto, hab’ ich nicht mitgetheilt,
›Zeitlich ist die Welt‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Endlich
ist die Welt‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Unendlich ist die
Welt‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Leben und Leib ist ein
und dasselbe‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Anders ist das
Leben und anders der Leib‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Der
Vollendete besteht nach dem Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt,
›Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‹ hab’ ich nicht
mitgetheilt, ›Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem
Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Weder besteht noch besteht
nicht der Vollendete nach dem Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt.
Und warum hab’ ich das, Māluṉkyāputto, nicht mitgetheilt? Weil
es, Māluṉkyāputto, nicht heilsam, nicht urasketenthümlich ist,
nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung,
nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur
Erwachung, nicht zur Erlöschung führt: darum hab’ ich das nicht
mitgetheilt.
»Was aber, Māluṉkyāputto, hab’ ich mitgetheilt? ›Das ist
das Leiden‹, Māluṉkyāputto, hab’ ich mitgetheilt, ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ hab’ ich mitgetheilt, ›Das ist die
Leidensauflösung‹ hab’ ich mitgetheilt. ›Das ist der zur
Leidensauflösung führende Pfad‹ hab’ ich mitgetheilt. Und
warum hab’ ich das, Māluṉkyāputto, mitgetheilt? Weil es,
Māluṉkyāputto, heilsam, weil es urasketenthümlich ist, weil
es zur Abkehr, Wendung, Auflösung, Aufhebung, Durchschauung,
Erwachung, zur Erlöschung führt: darum hab’ ich das mitgetheilt.
»Darum also, Māluṉkyāputto, mögt ihr was ich nicht mitgetheilt
als nicht mitgetheilt, und was ich mitgetheilt als mitgetheilt 432
halten.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Māluṉkyāputto über das Wort des Erhabenen.
64.
Siebenter Theil Vierte Rede
DER SOHN DER MĀLUṈKYĀ
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Wisst ihr noch, Mönche, was ich euch als die fünf
niederzerrenden Fesseln gezeigt habe?«
Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Māluṉkyāputto zum
Erhabenen also:
»Ich weiß, o Herr, was der Erhabene als die fünf
niederzerrenden Fesseln gezeigt hat.«
»Inwiefern aber weißt du, Māluṉkyāputto, was ich als die fünf
niederzerrenden Fesseln gezeigt habe?«
»Den Glauben an Persönlichkeit, o Herr, weiß ich, hat der
Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt; den Zweifel, o
Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel
gezeigt; das Klammern an Tugendwerk, o Herr, weiß ich, hat der
Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt; die Begehrlichkeit,
o Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel
gezeigt; die Gehässigkeit, o Herr, weiß ich, hat der Erhabene
als niederzerrende Fessel gezeigt. Also weiß ich, o Herr, wie
der Erhabene die fünf niederzerrenden Fesseln gezeigt hat.«
»Wer hat dir nur, Māluṉkyāputto, weisgemacht, dass ich die
fünf niederzerrenden Fesseln also gezeigt hätte? Könnten
da nicht, Māluṉkyāputto, andersfährtige Pilger mit einem
Gleichnisse vom Kindlein als Gegner entgegentreten? Denn ein
zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling,
weiß ja nichts von Persönlichkeit: woher sollte ihn gar der 433
Glaube an Persönlichkeit versehren? Aber es haftet ihm eben
der Hang an, Persönlichkeit zu glauben. Denn ein zarter Knabe,
Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von
den Dingen: woher sollte ihn gar der Zweifel an den Dingen
versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an, zu zweifeln.
Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger
Säugling, weiß ja nichts von Tugend: woher sollte ihn gar das
Klammern an Tugendwerk versehren? Aber es haftet ihm eben
der Hang an, an Tugendwerk sich zu klammern. Denn ein zarter
Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja
nichts von Begierden: woher sollte ihn gar die Begehrlichkeit
der Begierden versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an,
Begierden zu fröhnen. Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein
unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Mitwesen: woher
sollte ihn gar die Gehässigkeit gegen Mitwesen versehren? Aber
es haftet ihm eben der Hang an, zu hassen. Könnten da nicht,
Māluṉkyāputto, andersfährtige Pilger mit diesem Gleichnisse vom
Kindlein als Gegner entgegentreten?«[42]
Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Ānando zum Erhabenen also:
»Da ist es, Erhabener, Zeit, da ist es, Willkommener, Zeit,
dass der Erhabene die fünf niederzerrenden Fesseln zeige: des
Erhabenen Wort werden die Mönche bewahren.«
»Wohlan denn, Ānando, so höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam der ehrwürdige Ānando
dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Da hat einer, Ānando, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher
Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig,
der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der
Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich. Der
Glaube an Persönlichkeit hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz
umzogen, und wie man dem sehrenden Glauben an Persönlichkeit
entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist
dieser Glaube an Persönlichkeit, weil er ihn erstarken lassen,
nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden. Der
Zweifel hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, und 434
wie man dem sehrenden Zweifel entgehn könne, daran denkt er
nicht der Wahrheit gemäß; dem ist dieser Zweifel, weil er ihn
erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden
Fessel geworden. Das Klammern an Tugendwerk hat sein Herz
umsponnen, hat sein Herz umzogen, und wie man dem sehrenden
Klammern an Tugendwerk entgehn könne, daran denkt er nicht der
Wahrheit gemäß; dem ist dieses Klammern an Tugendwerk, weil er
es erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden
Fessel geworden. Die Begehrsucht hat sein Herz umsponnen,
hat sein Herz umzogen, und wie man der sehrenden Begehrsucht
entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem
ist diese Begehrsucht, weil er sie erstarken lassen, nicht
aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden. Die
Gehässigkeit hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen,
und wie man der sehrenden Gehässigkeit entgehn könne, daran
denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist diese Gehässigkeit,
weil er sie erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur
niederzerrenden Fessel geworden.
»Doch der erfahrene heilige Jünger, Ānando, merkt das
Heilige, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre
wohlzugänglich, merkt das Edle, ist der Lehre der Edlen
kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich. Der Glaube an
Persönlichkeit hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein
Herz nicht umzogen, und wie man dem sehrenden Glauben an
Persönlichkeit entgehn könne, daran denkt er der Wahrheit
gemäß; dem schwindet dieser Glaube an Persönlichkeit haltlos
hinweg. Der Zweifel hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein
Herz nicht umzogen, und wie man dem sehrenden Zweifel entgehn
könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet dieser
Zweifel haltlos hinweg. Das Klammern an Tugendwerk hat sein
Herz nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie
man dem sehrenden Klammern an Tugendwerk entgehn könne, daran
denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet dieses Klammern
an Tugendwerk haltlos hinweg. Die Begehrsucht hat sein Herz
nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie man
der sehrenden Begehrsucht entgehn könne, daran denkt er der
Wahrheit gemäß; dem schwindet diese Begehrsucht haltlos hinweg.
Die Gehässigkeit hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein Herz
nicht umzogen, und wie man der sehrenden Gehässigkeit entgehn
könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet diese
Gehässigkeit haltlos hinweg.
»Dass einer, Ānando, hat er den Weg, hat er den Pfad nicht
betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt,
diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann: das ist
unmöglich. Gleichwie man etwa, Ānando, bei einem großen, kernig
dastehenden Baume, hat man die Rinde, hat man das Grünholz
nicht weggeschnitten, unmöglich das Kernholz ausschneiden kann:
ebenso nun auch, Ānando, ist es unmöglich, dass einer, hat
er den Weg, hat er den Pfad nicht betreten, der aus den fünf
niederzerrenden Fesseln entführt, diese kennen oder sehn oder
ihnen entgehn kann.
»Dass aber einer, Ānando, hat er den Weg, hat er den Pfad
betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt, 435
diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann: das ist
möglich. Gleichwie man etwa, Ānando, bei einem großen, kernig
dastehenden Baume, hat man die Rinde, hat man das Grünholz
weggeschnitten, wohl das Kernholz ausschneiden kann: ebenso nun
auch, Ānando, ist es möglich, dass einer, hat er den Weg, hat
er den Pfad betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln
entführt, diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann.
»Gleichwie etwa, Ānando, wenn der Gangesstrom, voll von
Wasser, bis zum Rande reicht, Krähen schlürfbar; und es käme
ein schwächlicher Mann herbei; ›Ich werde diesen Gangesstrom
queer mit dem Arme durchkreuzen und heil an das andere Ufer
gelangen‹; der könnte nicht den Gangesstrom queer mit dem Arme
durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen: ebenso
nun auch, Ānando, ist da ein jeder, dessen Gemüth sich beim
Darlegen der Auflösung der Persönlichkeit nicht angeregt, nicht
erheitert, nicht beruhigt, nicht erleichtert fühlt, etwa jenem
schwächlichen Manne zu vergleichen.
»Gleichwie etwa, Ānando, wenn der Gangesstrom, voll von Wasser,
bis zum Rande reicht, Krähen schlürfbar; und es käme ein
kräftiger Mann herbei: ›Ich werde diesen Gangesstrom queer mit
dem Arme durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen‹;
der könnte den Gangesstrom queer mit dem Arme durchkreuzen und
heil an das andere Ufer gelangen: ebenso nun auch, Ānando, ist
da ein jeder, dessen Gemüth sich beim Darlegen der Auflösung
der Persönlichkeit angeregt, erheitert, beruhigt, erleichtert
fühlt, etwa jenem kräftigen Manne zu vergleichen.[43]
»Was ist das aber, Ānando, für ein Weg, was für ein Pfad, der
aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt? Da gewinnt,
Ānando, ein Mönch, weil er dem Anhaften ausweicht, weil er
die unheilsamen Dinge meidet, weil er die groben körperlichen
Regungen gänzlich beschwichtigt hat, gar fern von Begierden,
fern von unheilsamen Dingen die sinnend gedenkende ruhegeborene
sälige Heiterkeit, die Weihe der ersten Schauung. Und was
dabei noch formbar, fühlbar, wahrnehmbar, unterscheidbar,
bewusstbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar, wehe,
siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig,
hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen
säubert er sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen
gesäubert, so lenkt er es zu ewiger Artung hin: ›Das ist die 436
Ruhe, das ist das Ziel: dieses Aufgehn aller Unterscheidung,
die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die
Wendung, Auflösung, Erlöschung.‹ Und dahin gekommen erlangt
er die Wahnversiegung. Erlangt er aber die Wahnversiegung
nicht, so wird er eben bei seiner Begier nach Wahrheit,
bei seinem Genusse der Wahrheit die fünf niederzerrenden
Fesseln vernichten und emporsteigen, um von dort aus zu
erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt. Das ist
aber, Ānando, der Weg, das ist der Pfad, der aus den fünf
niederzerrenden Fesseln entführt.
»Weiter sodann, Ānando: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung -- die Weihe der dritten Schauung -- die Weihe
der vierten Schauung. Und was dabei noch formbar, fühlbar,
wahrnehmbar, unterscheidbar, bewusstbar ist, solche Dinge
sieht er als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft,
übel, gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig
an. Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er
sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu
ewiger Artung hin: ›Das ist die Ruhe, das ist das Ziel: dieses
Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das
Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung.‹
Und dahin gekommen erlangt er die Wahnversiegung. Erlangt er
aber die Wahnversiegung nicht, so wird er eben bei seiner
Begier nach Wahrheit, bei seinem Genusse der Wahrheit die fünf
niederzerrenden Fesseln vernichten und emporsteigen, um von
dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener
Welt. Das ist aber, Ānando, der Weg, das ist der Pfad, der aus
den fünf niederzerrenden Fesseln entführt.
»Weiter sodann, Ānando: nach völliger Ueberwindung der
Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen,
Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes -- gewinnt der Mönch nach völliger Ueberwindung der
unbegränzten Raumsphäre in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das
Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten Bewusstseins --
gewinnt der Mönch nach völliger Ueberwindung der unbegränzten
Bewusstseinsphäre in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich
des Nichtdaseins. Und was dabei noch fühlbar, wahrnehmbar,
unterscheidbar, bewusstbar ist, solche Dinge sieht er
als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel,
gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig an.
Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er sein
Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu ewiger
Artung hin: ›Das ist die Ruhe, das ist das Ziel: dieses
Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das
Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung.‹
Und dahin gekommen erlangt er die Wahnversiegung. Erlangt er 437
aber die Wahnversiegung nicht, so wird er eben bei seiner
Begier nach Wahrheit, bei seinem Genusse der Wahrheit die fünf
niederzerrenden Fesseln vernichten und emporsteigen, um von
dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener
Welt.
»Das ist nun, Ānando, der Weg, das ist der Pfad, der aus den
fünf niederzerrenden Fesseln entführt.«
»Ist dieses, o Herr, der Weg, dieses der Pfad, der aus den fünf
niederzerrenden Fesseln entführt, woher kommt es dann, dass da
manche Mönche gemütherlöst und manche weisheiterlöst sind?«
»Das kommt nun, sag’ ich, Ānando, von der Verschiedenheit ihrer
Anlagen her.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Ānando über das Wort des Erhabenen.[44]
65.
Siebenter Theil Fünfte Rede
BHADDĀLI
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Ich nehme, ihr Mönche, einmal des Tages Nahrung zu mir: einmal
des Tages Nahrung, ihr Mönche, zu mir nehmend wahr’ ich mir
Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. So
nehmet auch ihr denn, Mönche, einmal des Tages Nahrung zu
euch: einmal des Tages Nahrung, ihr Mönche, zu euch nehmend
werdet auch ihr Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und
Wohlsein euch wahren.«[45]
Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Bhaddāli zum Erhabenen
also:
»Ich, o Herr, vermag es nicht, einmal des Tages Nahrung zu mir
zu nehmen: nur einmal des Tages Nahrung zu mir zu nehmen möchte
mich verdrießen, möchte mich gereuen!«
»Dann also, Bhaddāli, magst du wo man dir Speise giebt einen
Theil dort verzehren und einen Theil mitnehmen und später
verzehren: auch also, Bhaddāli, darf Speise dich fristen.« 438
»Auch also kann mich, o Herr, Speise nicht fristen: denn auch
diese Fristung möchte mich verdrießen, möchte mich gereuen.«
Und der ehrwürdige Bhaddāli sprach da, wo der Erhabene ein
Regelmaaß angab, wo die Jüngerschaft die Regel annahm, von
seinem Unvermögen. Und der ehrwürdige Bhaddāli ließ sich diese
ganzen drei Monate nicht vor dem Erhabenen sehn, weil er da im
Meisterorden der Regel nicht vollkommen nachkam.
Um diese Zeit nun war eine Anzahl Mönche damit beschäftigt,
die Kleidung des Erhabenen auszubessern: »Ist die Kleidung
fertig, so wird der Erhabene, da drei Monate um sind, wieder
die Wanderschaft antreten.«
Da ging nun der ehrwürdige Bhaddāli zu jenen Mönchen hin,
wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit
ihnen und setzte sich zur Seite nieder. Und den ehrwürdigen
Bhaddāli, der zur Seite saß, sprachen nun jene Mönche also an:
»Wir machen hier, Bruder Bhaddāli, die Kleidung des Erhabenen
zurecht: ist die Kleidung fertig, so wird der Erhabene, da drei
Monate um sind, wieder die Wanderschaft antreten. Sieh’ wohl
zu, Bruder Bhaddāli, und lass’ dir diesen Wink gegeben sein,
auf dass es dir später nicht schwerer falle.«
»Freilich, Brüder!« erwiderte da zustimmend der ehrwürdige
Bhaddāli jenen Mönchen. Und er begab sich dorthin wo der
Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen
ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend
sprach nun der ehrwürdige Bhaddāli zum Erhabenen also:
»Ein Vergehn, o Herr, hat mich überkommen, wie einen Thoren,
wie einen Irren, wie einen Missrathenen, der ich, wo der
Erhabene ein Regelmaaß angegeben, wo die Jüngerschaft die Regel
angenommen, von meinem Unvermögen gesprochen habe! So möge
mich, o Herr, der Erhabene das Vergehn als Vergehn bekennen
lassen, um in Zukunft an mich zu halten.
»In der That hat dich, Bhaddāli, ein Vergehn überkommen, wie
einen Thoren, wie einen Irren, wie einen Missrathenen, der du,
wo ich ein Regelmaaß angegeben, wo die Jüngerschaft die Regel
angenommen, von deinem Unvermögen gesprochen hast. Den Umstand
aber, Bhaddāli, hast du wohl nicht beachtet: ›Der Erhabene
weilt in Sāvatthī, und der Erhabene wird von mir erfahren:
‚Bhaddāli, heißt es, der Mönch, kommt im Meisterorden der Regel
nicht vollkommen nach.‘‹ Diesen Umstand nun hast du, Bhaddāli,
wohl nicht beachtet. Den Umstand aber, Bhaddāli, hast du wohl
nicht beachtet: ›Gar viele Mönche bringen die Regenzeit in
Sāvatthī zu, und auch diese werden von mir erfahren: ‚Bhaddāli, 439
heißt es, der Mönch, kommt im Meisterorden der Regel nicht
vollkommen nach.‘‹ Auch diesen Umstand hast du, Bhaddāli,
wohl nicht beachtet. Den Umstand aber, Bhaddāli, hast du wohl
nicht beachtet: ›Gar viele Nonnen bringen die Regenzeit in
Sāvatthī zu, und auch diese werden von mir erfahren: ‚Bhaddāli,
heißt es, der Mönch, kommt im Meisterorden der Regel nicht
vollkommen nach.‘‹ Auch diesen Umstand hast du, Bhaddāli, wohl
nicht beachtet. Den Umstand aber, Bhaddāli, hast du wohl nicht
beachtet: ›Gar viele Anhänger, gar viele Anhängerinen befinden
sich in Sāvatthī, und auch diese werden von mir erfahren:
‚Bhaddāli, heißt es, der Mönch, kommt im Meisterorden der
Regel nicht vollkommen nach.‘‹ Auch diesen Umstand hast du,
Bhaddāli, wohl nicht beachtet. Den Umstand aber, Bhaddāli, hast
du wohl nicht beachtet: ›Gar viele und verschiedene Büßer,
Asketen und Priester, bringen die Regenzeit in Sāvatthī zu, und
auch diese werden von mir erfahren: ‚Bhaddāli, heißt es, der
Mönch, ein Jünger des Asketen Gotamo, einer der Oberen, kommt
im Meisterorden der Regel nicht vollkommen nach.‘‹ Auch diesen
Umstand hast du, Bhaddāli, wohl nicht beachtet.«
»Ein Vergehn, o Herr, hat mich überkommen, wie einen Thoren,
wie einen Irren, wie einen Missrathenen, der ich, wo der
Erhabene ein Regelmaaß angegeben, wo die Jüngerschaft die Regel
angenommen, von meinem Unvermögen gesprochen habe! So möge
mich, o Herr, der Erhabene das Vergehn als Vergehn bekennen
lassen, um in Zukunft an mich zu halten.«
»In der That hat dich, Bhaddāli, ein Vergehn überkommen,
wie einen Thoren, wie einen Irren, wie einen Missrathenen,
der du, wo ich ein Regelmaaß angegeben, wo die Jüngerschaft
die Regel angenommen, von deinem Unvermögen gesprochen
hast. Was meinst du wohl, Bhaddāli: es sei hier ein Mönch
ein Beiderseiterlöster, und ich spräche also zu ihm: ›Geh’
mir, du Mönch, und steige in Staub hinein‹: würde der nun
hineinsteigen, oder aber seine Schritte anderswo hinlenken oder
›Nein‹ sagen?«
»Das nicht, o Herr!«
»Was meinst du wohl, Bhaddāli: es sei hier ein Mönch ein
Weisheiterlöster, sei ein Körperzeuge, ein Aufgeklärter,
ein Gläubigerlöster, ein Wissendergebener, sei ein
Gläubigergebener[46], und ich spräche also zu ihm: ›Geh’
mir, du Mönch, und steige in Staub hinein‹: würde der nun
hineinsteigen, oder aber seine Schritte anderswo hinlenken oder
›Nein‹ sagen?«
»Das nicht, o Herr!«