»Und hast du, Rāhulo, einen Gedanken gehegt, so sollst du dir

eben diesen Gedanken betrachten: ›Weil ich nun diesen Gedanken

gehegt habe, beschwert er mich da selber, oder beschwert

er etwa andere, oder beschwert er alle beide? Ist es ein

unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet?‹

Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke,

den ich da gehegt habe, der beschwert mich selber, oder er

beschwert andere, oder beschwert alle beide: es ist ein

unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so

hast du dann, Rāhulo, vor diesem Gedanken Grauen, Entsetzen,

Abscheu zu fassen; und hast du Grauen, Entsetzen, Abscheu

gefasst, dich künftighin zu hüten. Wenn du aber, Rāhulo, bei

der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da gehegt

habe, der beschwert weder mich selber, noch beschwert er

andere, beschwert keinen von beiden: es ist ein heilsamer

Gedanke, der Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo,

eben diese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu

pflegen.

»Denn wer immer auch, Rāhulo, von den Asketen oder den 420

Priestern in vergangenen Zeiten seine Thaten geläutert, seine

Worte geläutert, seine Gedanken geläutert hat, ein jeder

hat also und also betrachtend und betrachtend seine Thaten

geläutert, betrachtend und betrachtend seine Worte geläutert,

betrachtend und betrachtend seine Gedanken geläutert. Und wer

immer auch, Rāhulo, von den Asketen oder den Priestern in

künftigen Zeiten seine Thaten läutern, seine Worte läutern,

seine Gedanken läutern wird, ein jeder wird also und also

betrachtend und betrachtend seine Thaten läutern, betrachtend

und betrachtend seine Worte läutern, betrachtend und

betrachtend seine Gedanken läutern. Und wer immer auch, Rāhulo,

von den Asketen oder den Priestern in der Gegenwart seine

Thaten läutert, seine Worte läutert, seine Gedanken läutert,

ein jeder läutert also und also betrachtend und betrachtend

seine Thaten, betrachtend und betrachtend läutert er seine

Worte, betrachtend und betrachtend läutert er seine Gedanken.

»Darum merke hier, Rāhulo: ›Betrachtend und betrachtend wollen

wir unsere Thaten läutern, betrachtend und betrachtend wollen

wir unsere Worte läutern, betrachtend und betrachtend wollen

wir unsere Gedanken läutern‹: so habt ihr euch, Rāhulo, wohl zu

üben.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Rāhulo über das Wort des Erhabenen.[36]

62.

Siebenter Theil Zweite Rede

RĀHULOS ERMAHNUNG

-- II --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Und der

Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging

nach Sāvatthī um Almosenspeise. Und auch der ehrwürdige Rāhulo

nahm, zeitig gerüstet, Mantel und Schaale und folgte dem 421

Erhabenen Schritt um Schritt nach. Und der Erhabene wandte den

Blick und sprach den ehrwürdigen Rāhulo an:

»Was es auch, Rāhulo, für eine Form sei, vergangene,

zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine,

gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit

gemäß, mit vollkommener Weisheit also anzusehn: ›Das gehört mir

nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹«

»Nur etwa die Form, Erhabener, nur etwa die Form, Willkommener?«

»Die Form, Rāhulo, und das Gefühl, Rāhulo, und die Wahrnehmung,

Rāhulo, und die Unterscheidungen, Rāhulo, und das Bewusstsein,

Rāhulo.«

Und der ehrwürdige Rāhulo sagte sich nun: ›Wer wird wohl heute,

vom Erhabenen selbst mit einer Ansprache angeredet, unter die

Leute um Almosen gehn?‹ Und er kehrte um und ging zurück und

setzte sich am Fuß eines Baumes nieder, mit verschränkten

Beinen, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegte der

Einsicht.

Es sah aber der ehrwürdige Sāriputto wie der ehrwürdige Rāhulo

dort saß, am Fuße eines Baumes, mit verschränkten Beinen, den

Körper gerade aufgerichtet, der Einsicht pflegend, und als er

ihn gesehn wandte er sich zu ihm:

»Bedachtsam übe, Rāhulo, Ein- und Ausathmung: Ein- und

Ausathmung, bedachtsam geübt und gepflegt, Rāhulo, lässt hohen

Lohn erlangen, hohe Förderung.«[37]

Als nun der ehrwürdige Rāhulo gegen Abend die Gedenkensruhe

beendet hatte, begab er sich dorthin wo der Erhabene weilte.

Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und

setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der

ehrwürdige Rāhulo also zum Erhabenen:

»Wie muss da bedachtsam, o Herr, Ein- und Ausathmung geübt,

wie gepflegt werden, auf dass sie hohen Lohn, hohe Förderung

verleihe?«

»Was sich irgend, Rāhulo, innerlich einzeln fest und hart

dargestellt hat, als wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne,

Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Mark, Nieren, Herz, Leber,

Zwerchfell, Milz, Lunge, Magen, Eingeweide, Weichtheile, Koth,

oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln fest und hart

dargestellt hat: das nennt man, Rāhulo, innerliche Erdenart.

Was es nun da an innerlicher Erdenart und was es an äußerlicher

Erdenart giebt, ist Erdenart. Und: ›Das gehört mir nicht, das

bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das der

Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das 422

also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit erkannt,

wird man der Erdenart satt, löst den Sinn von der Erdenart ab.

»Was ist nun, Rāhulo, die Wasserart? Die Wasserart mag

innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die

innerliche Wasserart? Was sich innerlich einzeln flüssig und

wässerig dargestellt hat, als wie Galle, Schleim, Eiter, Blut,

Schweiß, Lymphe, Thränen, Serum, Speichel, Rotz, Gelenköl,

Harn, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln

flüssig und wässerig dargestellt hat: das nennt man, Rāhulo,

innerliche Wasserart. Was es nun da an innerlicher Wasserart

und was es an äußerlicher Wasserart giebt, ist Wasserart. Und:

›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein

Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener

Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Wasserart satt,

löst den Sinn von der Wasserart ab.

»Was ist nun, Rāhulo, die Feuerart? Die Feuerart mag innerlich

sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche

Feuerart? Was sich innerlich einzeln flammig und feurig

dargestellt hat, als wie wodurch Wärme erzeugt wird, wodurch

man verdaut, wodurch man sich erhitzt, wodurch gekaute Speise

und geschlürfter Trank einer vollkommenen Umwandlung erliegen,

oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln flammig und

feurig dargestellt hat: das nennt man, Rāhulo, innerliche

Feuerart. Was es nun da an innerlicher Feuerart und was es an

äußerlicher Feuerart giebt, ist Feuerart. Und: ›Das gehört mir

nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist

das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn.

Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit

erkannt, wird man der Feuerart satt, löst den Sinn von der

Feuerart ab.

»Was ist nun, Rāhulo, die Luftart? Die Luftart mag innerlich

sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche

Luftart? Was sich innerlich einzeln flüchtig und luftig

dargestellt hat, als wie die aufsteigenden und die absteigenden

Winde, die Winde des Bauches und Darmes, die Winde, die jedes

Glied durchströmen, die Einathmung und die Ausathmung: dies,

oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln flüchtig

und luftig dargestellt hat, das nennt man, Rāhulo, innerliche

Luftart. Was es nun da an innerlicher Luftart und was es an

äußerlicher Luftart giebt, ist Luftart. Und: ›Das gehört mir

nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist

das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn.

Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit 423

erkannt, wird man der Luftart satt, löst den Sinn von der

Luftart ab.

»Was ist nun, Rāhulo, die Raumart? Die Raumart mag innerlich

sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche

Raumart? Was sich innerlich einzeln räumlich und örtlich

dargestellt hat, als wie die Ohrhöhle, die Nasenhöhle, die

Mundöffnung, wodurch man gekaute Speise und geschlürften

Trank einnimmt, wo gekaute Speise und geschlürfter Trank sich

aufhält, wodurch gekaute Speise und geschlürfter Trank unten

abgeht, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln

räumlich und örtlich dargestellt hat, das nennt man, Rāhulo,

innerliche Raumart. Was es nun da an innerlicher Raumart und

was es an äußerlicher Raumart giebt, ist Raumart. Und: ›Das

gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein

Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener

Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Raumart satt, löst

den Sinn von der Raumart ab.

»Der Erde gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du,

Rāhulo, der Erde gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm

oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie man da,

Rāhulo, auf die Erde Reines hinwirft und Unreines hinwirft,

Kothiges hinwirft und Harniges hinwirft, Schleimiges hinwirft

und Eiteriges hinwirft und Blutiges hinwirft, aber die Erde

sich davor nicht entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun

auch, Rāhulo, sollst du der Erde gleich Uebung üben: denn

übst du, Rāhulo, der Erde gleich Uebung, so kann dein Gemüth,

angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.

»Dem Wasser gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst

du, Rāhulo, dem Wasser gleich Uebung, so kann dein Gemüth,

angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.

Gleichwie man da, Rāhulo, im Wasser Reines wäscht und Unreines

wäscht, Kothiges wäscht und Harniges wäscht, Schleimiges wäscht

und Eiteriges wäscht und Blutiges wäscht, aber das Wasser sich

davor nicht entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch,

Rāhulo, sollst du dem Wasser gleich Uebung üben: denn übst du, 424

Rāhulo, dem Wasser gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm

oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.

»Dem Feuer gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du,

Rāhulo, dem Feuer gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm

oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie da,

Rāhulo, das Feuer Reines brennt und Unreines brennt, Kothiges

brennt und Harniges brennt, Schleimiges brennt und Eiteriges

brennt und Blutiges brennt, aber das Feuer sich davor nicht

entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch, Rāhulo,

sollst du dem Feuer gleich Uebung üben: denn übst du, Rāhulo,

dem Feuer gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder

unangenehm berührt, nicht erregt werden.

»Der Luft gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du,

Rāhulo, der Luft gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm

oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie da,

Rāhulo, die Luft Reines anweht und Unreines anweht, Kothiges

anweht und Harniges anweht, Schleimiges anweht und Eiteriges

anweht und Blutiges anweht, aber die Luft sich davor nicht

entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch, Rāhulo, sollst

du der Luft gleich Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, der Luft

gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm

berührt, nicht erregt werden.

»Dem Raume gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du,

Rāhulo, dem Raume gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm

oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie da,

Rāhulo, der Raum durch nichts begränzt wird, ebenso nun auch,

Rāhulo, sollst du dem Raume gleich Uebung üben: denn übst du,

Rāhulo, dem Raume gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm

oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.

»Liebreich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du,

Rāhulo, liebreich Uebung, so wird was da Hass ist vergehn.

Erbarmend, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo,

erbarmend Uebung, so wird was da Wuth ist vergehn. Freudig,

Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, freudig

Uebung, so wird was da Unlust ist vergehn. Gleichmüthig,

Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo,

gleichmüthig Uebung, so wird was da Widerstreit ist vergehn.

»Des Ekels eingedenk, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst

du, Rāhulo, des Ekels eingedenk Uebung, so wird was da Reiz ist

vergehn.

»Der Vergänglichkeit eingedenk, Rāhulo, sollst du Uebung üben:

denn übst du, Rāhulo, der Vergänglichkeit eingedenk Uebung, so 425

wird was da Dünkel der Ichheit ist vergehn.

»Bedachtsam übe, Rāhulo, Ein- und Ausathmung: Ein- und

Ausathmung, bedachtsam geübt und gepflegt, Rāhulo, lässt hohen

Lohn erlangen, hohe Förderung. Wie muss aber bedachtsam,

Rāhulo, Ein- und Ausathmung geübt, wie gepflegt werden, auf

dass sie hohen Lohn, hohe Förderung verleihe? Da begiebt sich,

Rāhulo, der Mönch ins Innere des Waldes oder unter einen großen

Baum oder in eine leere Klause, setzt sich mit verschränkten

Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der

Einsicht. Bedächtig athmet er ein, bedächtig athmet er aus.

Athmet er tief ein, so weiß er ›Ich athme tief ein‹, athmet er

tief aus, so weiß er ›Ich athme tief aus‹; athmet er kurz ein,

so weiß er ›Ich athme kurz ein‹, athmet er kurz aus, so weiß er

›Ich athme kurz aus‹. ›Den ganzen Körper empfindend will ich

einathmen‹, ›Den ganzen Körper empfindend will ich ausathmen‹,

so übt er sich. ›Diese Körperverbindung besänftigend will

ich einathmen‹, ›Diese Körperverbindung besänftigend will

ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Heiter empfindend will ich

einathmen‹, ›Heiter empfindend will ich ausathmen‹, so übt er

sich. ›Sälig empfindend will ich einathmen‹, ›Sälig empfindend

will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedankenverbindung

empfindend will ich einathmen‹, ›Die Gedankenverbindung

empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Diese

Gedankenverbindung besänftigend will ich einathmen‹, ›Diese

Gedankenverbindung besänftigend will ich ausathmen‹, so übt

er sich. ›Die Gedanken empfindend will ich einathmen‹, ›Die

Gedanken empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich.

›Die Gedanken ermunternd will ich einathmen‹, ›Die Gedanken

ermunternd will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedanken

einigend will ich einathmen‹, ›Die Gedanken einigend will ich

ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedanken lösend will ich

einathmen‹, ›Die Gedanken lösend will ich ausathmen‹, so übt

er sich. ›Die Vergänglichkeit wahrnehmend will ich einathmen‹,

›Die Vergänglichkeit wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt

er sich. ›Die Reizlosigkeit wahrnehmend will ich einathmen‹,

›Die Reizlosigkeit wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er

sich. ›Die Ausrodung wahrnehmend will ich einathmen‹, ›Die

Ausrodung wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die

Entfremdung wahrnehmend will ich einathmen‹, ›Die Entfremdung

wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er sich.

»Also muss da, Rāhulo, Ein- und Ausathmung geübt, also

gepflegt werden, auf dass sie hohen Lohn, hohe Förderung

verleihe. Bei also geübter, Rāhulo, also gepflegter Ein- und 426

Ausathmung gehn auch die letzten Athemzüge bewusst aus, nicht

unbewusst.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Rāhulo über das Wort des Erhabenen.[38]

63.

Siebenter Theil Dritte Rede

DER SOHN DER MĀLUṈKYĀ

-- I --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da kam nun dem ehrwürdigen Māluṉkyāputto, während er einsam

zurückgezogen sann, folgender Gedanke in den Sinn: ›Es giebt da

manche Ansichten, die der Erhabene nicht mitgetheilt, gemieden,

zurückgewiesen hat, als wie ‚Ewig ist die Welt‘ oder ‚Zeitlich

ist die Welt‘, ‚Endlich ist die Welt‘ oder ‚Unendlich ist die

Welt‘, ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘ oder ‚Anders ist

das Leben und anders der Leib‘, ‚Der Vollendete besteht nach

dem Tode‘ oder ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘

oder ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘

oder ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach

dem Tode‘.[39] Das hat mir der Erhabene nicht mitgetheilt.

Und dass es mir der Erhabene nicht mitgetheilt hat, das

gefällt mir nicht, das behagt mir nicht. So will ich denn zum

Erhabenen gehn und ihn darum befragen. Wenn es mir der Erhabene

mittheilen kann, so will ich beim Erhabenen das Asketenleben

führen: wenn es mir aber der Erhabene nicht mittheilen kann, so

werd’ ich die Askese aufgeben und zur Gewohnheit zurückkehren.‹

Als nun der ehrwürdige Māluṉkyāputto gegen Abend die 427

Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der

Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen

ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend

sprach nun der ehrwürdige Māluṉkyāputto also zum Erhabenen:

»Während ich da, o Herr, einsam zurückgezogen sann, kam mir

folgender Gedanke in den Sinn: ›Es giebt da manche Ansichten,

die der Erhabene nicht mitgetheilt, gemieden, zurückgewiesen

hat, als wie ‚Ewig ist die Welt‘ oder ‚Zeitlich ist die Welt‘,

‚Endlich ist die Welt‘ oder ‚Unendlich ist die Welt‘, ‚Leben

und Leib ist ein und dasselbe‘ oder ‚Anders ist das Leben

und anders der Leib‘, ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘

oder ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘ oder ‚Der

Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘ oder ‚Weder

besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘.

Das hat mir der Erhabene nicht mitgetheilt. Und dass es mir

der Erhabene nicht mitgetheilt hat, das gefällt mir nicht,

das behagt mir nicht. So will ich denn zum Erhabenen gehn

und ihn darum befragen. Wenn es mir der Erhabene mittheilen

kann, so will ich beim Erhabenen das Asketenleben führen:

wenn es mir aber der Erhabene nicht mittheilen kann, so werd’

ich die Askese aufgeben und zur Gewohnheit zurückkehren.‹

Wenn der Erhabene weiß ‚Ewig ist die Welt‘, so soll mir der

Erhabene mittheilen ‚Ewig ist die Welt‘; wenn der Erhabene weiß

‚Zeitlich ist die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen

‚Zeitlich ist die Welt‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob

die Welt ewig ist oder zeitlich ist, so geziemt es eben einem,

der das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich

weiß es nicht, ich seh’ es nicht.‘ Wenn der Erhabene weiß

‚Endlich ist die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen

‚Endlich ist die Welt‘; wenn der Erhabene weiß ‚Unendlich ist

die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Unendlich ist

die Welt‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob die Welt

endlich ist oder unendlich ist, so geziemt es eben einem, der

das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß

es nicht, ich seh’ es nicht.‘ Wenn der Erhabene weiß ‚Leben und

Leib ist ein und dasselbe‘, so soll mir der Erhabene mittheilen

‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘; wenn der Erhabene weiß

‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, so soll mir der

Erhabene mittheilen ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘:

wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob Leben und Leib ein und

dasselbe oder das Leben anders und anders der Leib ist, so

geziemt es eben einem, der das nicht weiß und nicht sieht,

nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht, ich seh’ es nicht.‘

Wenn der Erhabene weiß ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘,

so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Der Vollendete besteht

nach dem Tode‘; wenn der Erhabene weiß ‚Der Vollendete besteht

nicht nach dem Tode‘, so soll mir der Erhabene mittheilen

‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘: wenn aber der

Erhabene nicht weiß, ob der Vollendete nach dem Tode besteht

oder nicht besteht, so geziemt es eben einem, der das nicht

weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht,

ich seh’ es nicht‘ Wenn der Erhabene weiß ‚Der Vollendete

besteht und besteht nicht nach dem Tode‘, so soll mir der 428

Erhabene mittheilen ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht

nach dem Tode‘; wenn der Erhabene weiß ‚Weder besteht noch

besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘, so soll mir der

Erhabene mittheilen ‚Weder besteht noch besteht nicht der

Vollendete nach dem Tode‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß,

ob der Vollendete nach dem Tode besteht und nicht besteht oder

weder besteht noch nicht besteht, so geziemt es eben einem, der

das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß

es nicht, ich seh’ es nicht.‘«

»Wie, hab’ ich denn, Māluṉkyāputto, also zu dir gesprochen:

›Komm’, o Māluṉkyāputto, führe bei mir das Asketenleben: ich

will dir mittheilen, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist,

ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib

ein und dasselbe oder anders das Leben und anders der Leib ist,

ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht

oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht

besteht‹?«

»Das nicht, o Herr!«

»Oder hast etwa du also zu mir gesprochen: ›Ich will, o Herr,

beim Erhabenen das Asketenleben führen: der Erhabene wird mir

mittheilen, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist, ob die

Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib ein

und dasselbe oder anders das Leben und anders der Leib ist,

ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht

oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht

besteht‹?«

»Das nicht, o Herr!«

»So ist klar, Māluṉkyāputto, dass weder ich dergleichen zu

dir gesagt habe, noch auch du dergleichen zu mir gesagt hast.

Ist es also, eitler Mann, wer bist du und wen bezichtigst du?

-- Wer da, Māluṉkyāputto, also spräche: ›Nicht eher will ich

beim Erhabenen das Asketenleben führen, bis mir der Erhabene

mitgetheilt haben wird, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist,

ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib

ein und dasselbe, oder anders das Leben und anders der Leib

ist, ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht

oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht

besteht‹, dem könnte, Māluṉkyāputto, der Vollendete nicht genug

mittheilen: denn jener stürbe hinweg.[40] 429

»Gleichwie etwa, Māluṉkyāputto, wenn ein Mann von einem Pfeile

getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und

seine Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern bestellten

ihm einen heilkundigen Arzt; er aber spräche: ›Nicht eher will

ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer jener

Mann ist, der mich getroffen hat, ob es ein Krieger oder ein

Priester, ein Bürger oder ein Bauer ist‹; er aber spräche:

›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht

weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, wie er heißt,

woher er stammt oder hingehört‹; er aber spräche: ›Nicht eher

will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer

jener Mann ist, der mich getroffen hat, ob es ein großer oder

ein kleiner oder ein mittlerer Mensch ist‹; er aber spräche:

›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht

weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, ob seine

Hautfarbe schwarz oder braun oder gelb ist‹; er aber spräche:

›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht

weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, in welchem

Dorf oder welcher Burg oder welcher Stadt er zuhause ist‹; er

aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn

bevor ich den Bogen nicht kenne, der mich getroffen hat, ob

es der kurze oder der lange gewesen‹; er aber spräche: ›Nicht

eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich die Sehne

nicht kenne, die mich getroffen hat, ob es eine Saite, ein

Draht oder eine Flechse, ob es Schnur oder Bast war‹; er aber

spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor

ich den Schaft nicht kenne, der mich getroffen hat, ob er aus

Rohr oder Binsen ist‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich

diesen Pfeil herausziehn bevor ich den Schaft nicht kenne, der

mich getroffen hat, mit was für Federn er versehn ist, ob mit

Geierfedern oder Reiherfedern, mit Rabenfedern, Pfauenfedern

oder Schnepfenfedern‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich

diesen Pfeil herausziehn bevor ich den Schaft nicht kenne, der

mich getroffen hat, mit was für Leder er umwickelt ist, mit

Rindleder oder Büffelleder, mit Hirschleder oder Löwenleder‹;

er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn

bevor ich die Spitze nicht kenne, die mich getroffen hat, ob

sie gerade oder krumm oder hakenförmig ist[41], oder ob sie wie

ein Kalbzahn oder wie ein Oleanderblatt aussieht‹: nicht genug 430

könnte, Māluṉkyāputto, dieser Mann erfahren: denn er stürbe

hinweg.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band · 第 9 / 45 段