hatte ihn ehrerbietig begrüßt und mich seitwärts niedergesetzt.
Und als ich da saß, sprach der Freie Bruder Nāthaputto also
zu mir: ›Gehe, du Königsohn, und nimm den Asketen Gotamo beim
Worte: dann wird man dir mit dem frohen Ruhmesrufe begegnen:
‚Abhayo der Königsohn hat den Asketen Gotamo, den so mächtigen,
so gewaltigen, beim Worte genommen!‘‹ Auf diesen Rath, o Herr,
erwiderte ich dem Freien Bruder Nāthaputto: ›Wie soll ich aber,
o Herr, den Asketen Gotamo, den so mächtigen, so gewaltigen,
beim Worte nehmen?‹ -- ›Gehe, du Königsohn, hin wo der Asket
Gotamo weilt, und sprich dann also zu ihm: ‚Mag wohl, o
Herr, der Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und
unangenehm sind?‘ Wenn dir der Asket Gotamo auf diese Frage
also antwortet: ‚Sagen mag, o Königsohn, der Vollendete Dinge,
die den anderen unlieb und unangenehm sind‘, so hast du also
zu ihm zu reden: ‚Aber was ist dann nur, o Herr, für ein
Unterschied zwischen dir und einem gewöhnlichen Menschen? Denn
auch der gewöhnliche Mensch mag Dinge sagen, die den anderen
unlieb und unangenehm sind.‘ Doch wenn dir der Asket Gotamo
auf deine Frage also antwortet: ‚Nicht mag, o Königsohn, der
Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm
sind‘, so hast du also zu ihm zu reden: ‚Aber hast du denn
nicht, o Herr, von Devadatto gesagt: „Unsälig ist Devadatto,
unrettbar ist Devadatto, Zwecke sucht Devadatto, unheilbar ist
Devadatto“? Und diese deine Worte haben Devadatto zornig und
unzufrieden gemacht!‘ Legst du, o Königsohn, dem Asketen Gotamo
diese doppeldeutige Frage vor, so wird er weder ausschlingen
noch einschlingen können. Gleichwie etwa ein Mann, dem ein
eiserner Ring um den Hals gelegt ist, nicht ausschlingen kann
und nicht einschlingen, ebenso nun auch, o Königsohn, wird der
Asket Gotamo auf diese doppeldeutige Frage weder ausschlingen
noch einschlingen können.‹«
Während dieses Gespräches nun hatte Abhayo der Königsohn einen
zarten Knaben, einen unvernünftigen Säugling auf dem Schooße
sitzen. Da sprach nun der Erhabene zu Abhayo dem Königsohn also:
»Was meinst du wohl, Königsohn: wenn dieser Knabe infolge 395
deiner Nachlässigkeit oder der Nachlässigkeit seiner Amme ein
Holzstück oder einen Scherben in den Mund nähme, was würdest du
mit ihm machen?«
»Ich würd’ es ihm wegnehmen, o Herr! Wenn ich es, o Herr,
nicht gleich von Anfang an wegnehmen könnte, so würd’ ich mit
der linken Hand seinen Kopf halten und mit der rechten einen
Finger krümmen und es ihm, selbst blutig, herausziehen. Und
warum das? Weil mich, o Herr, der Knabe erbarmt.«
»Ebenso nun auch, Königsohn, kennt der Vollendete Worte, von
denen er weiß, dass sie unwahr, unächt, unheilsam und den
anderen unlieb und unangenehm sind, und mag der Vollendete
solche Worte nicht sagen; und kennt der Vollendete Worte, von
denen er weiß, dass sie wahr und ächt und unheilsam und den
anderen unlieb und unangenehm sind, und mag der Vollendete auch
solche Worte nicht sagen; doch kennt der Vollendete Worte,
von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und heilsam und den
anderen unlieb und unangenehm sind, und mag da der Vollendete
die Zeit ermessen, solche Worte zu reden. Es kennt der
Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie unwahr, unächt,
unheilsam und den anderen lieb und angenehm sind, und mag der
Vollendete solche Worte nicht sagen; und kennt der Vollendete
Worte, von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und unheilsam
und den anderen lieb und angenehm sind, und mag der Vollendete
auch solche Worte nicht sagen; doch kennt der Vollendete Worte,
von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und heilsam und den
anderen lieb und angenehm sind, und mag da der Vollendete die
Zeit ermessen, solche Worte zu reden. Und warum das? Weil,
Königsohn, den Vollendeten die Wesen erbarmen.«
»Wenn da, o Herr, gelehrte Fürsten und gelehrte Priester,
gelehrte Bürger und gelehrte Asketen eine Frage zusammenstellen
und den Vollendeten aufsuchen und sie vorlegen, hat da wohl,
o Herr, der Erhabene schon vorher im Geiste daran gedacht:
›Wer mich aufsuchen und befragen wird, dem werd’ ich auf
solche Frage solche Antwort geben‹; oder kommt es eben erst im
Augenblick dem Vollendeten in den Sinn?«
»Da will ich dir nun, Königsohn, eben hierüber eine Frage
stellen: wie’s dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was
meinst du wohl, Königsohn: sind dir die Theile und Stücke des
Wagens genau bekannt?«
»Gewiss, o Herr, genau sind mir die Theile und Stücke des
Wagens bekannt.«
»Was meinst du wohl, Königsohn: wenn man zu dir käme und dich
fragte: ›Was ist denn das für ein Theil und Stück vom Wagen‹,
würdest du etwa schon vorher im Geiste daran gedacht haben:
›Wer mich aufsuchen und befragen wird, dem werd’ ich auf solche 396
Frage solche Antwort geben‹; oder kam’ es dir eben erst im
Augenblick in den Sinn?«
»Ich bin ja, o Herr, ein erfahrener Wagenlenker, genau sind
mir die Theile und Stücke des Wagens bekannt, alle Theile
und Stücke des Wagens hab’ ich wohl erprobt: eben erst im
Augenblicke käm’ es mir in den Sinn.«
»Ebenso nun auch, Königsohn, gehn da gelehrte Fürsten und
gelehrte Priester, gelehrte Bürger und gelehrte Asketen den
Vollendeten mit einer Frage an, und es kommt dem Vollendeten
eben erst im Augenblick in den Sinn. Und warum das? Jene
Eigenart der Dinge hat ja, Königsohn, der Vollendete von Grund
aus erkannt, so dass es durch die gründliche Erkenntniss der
Eigenart der Dinge dem Vollendeten eben erst im Augenblick in
den Sinn kommt.«
Nach diesen Worten wandte sich Abhayo der Königsohn also an den
Erhabenen:
»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa,
o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes
enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die
Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso
auch hat der Erhabene die Lehre gar manigfach gezeigt. Und
so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre
und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich der Erhabene
betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[30]
59.
Sechster Theil Neunte Rede
VIEL DER GEFÜHLE
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Da nun begab sich Pañcakaṉgo der Baumeister dorthin wo der
ehrwürdige Udāyī weilte. Dort angelangt begrüßte er den
ehrwürdigen Udāyī ehrerbietig und setzte sich zur Seite hin.
Zur Seite sitzend sprach nun Pañcakaṉgo der Baumeister also zum
ehrwürdigen Udāyī:
»Wieviel Gefühle hat wohl, Herr Udāyī, der Erhabene angegeben?«
»Drei Gefühle, Hausvater, hat der Erhabene angegeben: das
wohlige Gefühl, das wehe Gefühl und das weder wohlig noch
wehe Gefühl. Das, o Hausvater, sind die drei Gefühle, die der 397
Erhabene angegeben hat.«
»Nicht drei Gefühle, Herr Udāyī, hat der Erhabene angegeben,
zwei Gefühle hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl und
das wehe Gefühl. Was das weder wohlig noch wehe Gefühl anlangt,
o Herr, das hat der Erhabene beim Tüchtigen als auserlesenes
Wohl bezeichnet.«
Und zum zweiten Mal, und zum dritten Mal sprach der ehrwürdige
Udāyī also zu Pañcakaṉgo dem Baumeister:
»Nicht zwei Gefühle, Hausvater, hat der Erhabene angegeben,
drei Gefühle hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl,
das wehe Gefühl und das weder wohlig noch wehe Gefühl. Das, o
Hausvater, sind die drei Gefühle, die der Erhabene angegeben
hat.«
Und zum zweiten Mal, und zum dritten Mal sprach Pañcakaṉgo der
Baumeister also zum ehrwürdigen Udāyī:
»Nicht drei Gefühle, Herr Udāyī, hat der Erhabene angegeben,
zwei Gefühle hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl und
das wehe Gefühl. Was das weder wohlig noch wehe Gefühl anlangt,
o Herr, das hat der Erhabene beim Tüchtigen als auserlesenes
Wohl bezeichnet.«
Und weder vermochte der ehrwürdige Udāyī Pañcakaṉgo den
Baumeister zu überzeugen, noch auch vermochte Pañcakaṉgo der
Baumeister den ehrwürdigen Udāyī zu überzeugen.
Es erfuhr aber der ehrwürdige Ānando das Gespräch, das
zwischen dem ehrwürdigen Udāyī und Pañcakaṉgo dem Baumeister
stattgefunden. Und der ehrwürdige Ānando begab sich dorthin
wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und
setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend erzählte nun
der ehrwürdige Ānando dem Erhabenen das ganze Gespräch des
ehrwürdigen Udāyī mit Pañcakaṉgo dem Baumeister. Nach diesem
Berichte sprach der Erhabene also zum ehrwürdigen Ānando:
»Einen tauglichen Standpunkt, wahrlich, Ānando, hat Pañcakaṉgo
der Baumeister Udāyī dem Mönche streitig gemacht: und einen
tauglichen Standpunkt, wahrlich, Ānando, hat auch Udāyī der
Mönch Pañcakaṉgo dem Baumeister streitig gemacht. Zwei Gefühle
hab’ ich, Ānando, angegeben je nach dem Standpunkte, und
drei Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und 398
fünf Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und
sechs Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und
achtzehn Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte,
und sechsunddreißig Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem
Standpunkte, und hundertacht Gefühle hab’ ich angegeben je
nach dem Standpunkte.[31] Also hab’ ich, Ānando, je nach dem
Standpunkte die Lehre dargelegt. Wenn sie nun, Ānando, bei
also von mir je nach dem Standpunkte dargelegter Lehre dem
rechten Worte, der rechten Rede nicht gegenseitig zustimmen,
beistimmen, beipflichten wollen, so ist von ihnen zu erwarten,
dass sie zanken und streiten, mit einander hadern und scharfe
Wortgefechte führen werden. Also hab’ ich, Ānando, je nach dem
Standpunkte die Lehre dargelegt. Wenn sie nun, Ānando, bei also
von mir je nach dem Standpunkte dargelegter Lehre dem rechten
Worte, der rechten Rede gegenseitig zustimmen, beistimmen,
beipflichten wollen, so ist von ihnen zu erwarten, dass sie
sich vertragen, einig, ohne Zwist, mild geworden, einander
sanften Auges ansehn werden.
»Fünf Begehrungen, Ānando, giebt es da: und welche fünf?
Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen,
die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Ānando, die
fünf Begehrungen. Was da Wohl und Glück, Ānando, diesen fünf
Begehrungen gemäß geht nennt man Wohl des Begehrens.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich
ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl,
das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber,
Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl
ist? Da weilt, Ānando, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern
von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Das ist,
Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’
ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein 399
Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das
aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes
Wohl ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach Vollendung des
Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit des
Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung
geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. Das
ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes
Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’
ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein
Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das
aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes
Wohl ist? Da verweilt, Ānando, ein Mönch in heiterer Ruhe,
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener
ist als jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’
ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein
Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das
aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes
Wohl ist? Da erwirkt, Ānando, ein Mönch nach Verwerfung der
Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns
und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Das ist,
Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich
ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl,
das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber,
Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl
ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung
der Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen,
Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen in dem Gedanken
›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes.
Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als
jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich
ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl,
das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber,
Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl
ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung
der unbegrenzten Raumsphäre in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das
Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten Bewusstseins. Das ist,
Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich
ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl,
das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber,
Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl
ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung
der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken ›Nichts ist
da‹ das Reich des Nichtdaseins. Das ist, Ānando, ein Wohl, das
besser und erlesener ist als jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich
ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl,
das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber,
Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl
ist? Da erreicht, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung
der Nichtdaseinsphäre die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung.
Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als
jenes Wohl.
»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste 400
Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich
ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl,
das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber,
Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl
ist? Da erreicht, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung
der Gränzscheide möglicher Wahrnehmung die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und
erlesener ist als jenes Wohl.
»Möglich aber, Ānando, wär’ es, dass da die Pilger anderer
Orden sagten: ›Die Auflösung der Wahrnehmbarkeit verkündet der
Asket Gotamo, und er bezeichnet sie als Wohl: was ist es damit,
wie verhält es sich damit?‹ Auf solche Rede, Ānando, wäre den
Pilgern anderer Orden solches zu erwidern: ›Nicht, ihr Brüder,
bezeichnet es der Erhabene in Beziehung auf das wohlige Gefühl
als Wohl; sondern, ihr Brüder: wo eben immerhin Wohl empfunden
wird, das bezeichnet da der Vollendete eben immerhin als Wohl.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Ānando über das Wort des Erhabenen.[32]
60.
Sechster Theil Zehnte Rede
FRAGLOSIGKEIT
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene
im Lande Kosalo von Ort zu Ort und kam, von vielen Mönchen
begleitet, in die Nähe eines kosalischen Brāhmanendorfes Namens
Sālā. Und es hörten die brāhmanischen Hausleute in Sālā reden:
›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe
der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort
und ist mit vielen Mönchen in Sālā angekommen. Diesen Herrn 401
Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe,
so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen
Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene,
der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde,
der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der
Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen
und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und
Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden
und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang
begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn-
und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte
Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn
kann!‘‹
Und die brāhmanischen Hausleute von Sālā begaben sich nun
dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich
einige vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite
nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite
nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen
und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim
Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur
Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder.
Zu den brāhmanischen Hausleuten von Sālā nun, die da zur Seite
saßen, sprach der Erhabene also:
»Habt ihr wohl, Hausväter, einen lieben Meister unter euch, zu
dem ihr gegründetes Vertrauen hegen könnt?«
»Nein, o Herr, wir haben keinen lieben Meister unter uns, zu
dem wir gegründetes Vertrauen hegen können.«
»Habt ihr, Hausväter, keinen lieben Meister gefunden, so mag
euch diese fraglose Lehre zur Weisung dienen. Denn die fraglose
Lehre, Hausväter, befolgt und bewahrt, die wird euch lange zum
Wohle, zum Heile gereichen. Was ist das aber, Hausväter, für
eine fraglose Lehre?
»Es giebt, Hausväter, manche Asketen und Priester, die sagen
und lehren: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden -- es ist
alles eitel; es giebt keine Saat und Ernte guter und böser
Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und
Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat
keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind,
die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen,
anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Nun sagen aber,
Hausväter, manche Asketen und Priester gerade das Gegentheil
davon und behaupten: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden 402
ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser
Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist
vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es; die
Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet
sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich
machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Was meint
ihr wohl, Hausväter: sagen da nicht die einen Asketen und
Priester gerade das Gegentheil von dem, was die anderen sagen?«
»Allerdings, o Herr!«
»Da ist nun, Hausväter, von den einen Asketen und Priestern
zu erwarten, dass sie den guten Wandel in Werken, Worten
und Gedanken, diese drei heilsamen Dinge, aufgeben und den
schlechten Wandel in Werken, Worten und Gedanken, diese drei
unheilsamen Dinge, annehmen werden: und warum das? Weil ja
jene lieben Asketen und Priester der unheilsamen Dinge Elend,
Ungemach, Trübsal, und der heilsamen Dinge, der Entsagung
vorzüglichen, läuternden Einfluss nicht merken. Denn obzwar
es ein Jenseits giebt, erkennt ein solcher: ›Es giebt kein
Jenseits‹; das ist seine falsche Erkenntniss. Denn obzwar es
ein Jenseits giebt, sinnt er: ›Es giebt kein Jenseits‹; das ist
seine falsche Gesinnung. Denn obzwar es ein Jenseits giebt,
redet er: ›Es giebt kein Jenseits‹; das ist seine falsche Rede.
Denn obzwar es ein Jenseits giebt, behauptet er: ›Es giebt kein
Jenseits‹; und den Heiligen, die vom Jenseits wissen, denen
stellt er sich entgegen. Denn obzwar es ein Jenseits giebt,
belehrt er die anderen: ›Es giebt kein Jenseits‹; das ist seine
unrichtige Belehrung. Und um dieser unrichtigen Belehrung
willen brüstet er sich noch und verachtet[33] die anderen.
So hat er was da früher etwa Gutes an ihm war verleugnet und
Schlechtes angenommen: das ist falsche Erkenntniss, falsche
Gesinnung, falsche Rede, Widerstand gegen Heilige, unrichtige
Belehrung, Eigenlob und Nächstentadel. Also entwickeln sich an
ihm diese verschiedenen bösen, unheilsamen Dinge aus falscher
Erkenntniss.
»Da überlegt nun, Hausväter, ein verständiger Mann: ›Wenn 403
es kein Jenseits giebt, so wird dieser liebe Mann bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, heil ausgehn; wenn es
aber ein Jenseits giebt, so wird dieser liebe Mann bei der
Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte
Fährte, zur Tiefe hinab, in höllische Welt gelangen. Mag es
nun immerhin kein Jenseits geben, wahr soll das Wort jener
lieben Asketen und Priester sein: aber dieser liebe Mann zieht
sich ja schon bei Lebzeiten den Tadel Verständiger zu: ‚Es
ist ein gewissenloser Mensch, der die Dinge falsch ansieht,
an nichts glaubt.‘ Wenn es aber doch ein Jenseits giebt, so
hat dieser liebe Mann auf beiden Seiten das Spiel verloren:
erst, weil er sich schon bei Lebzeiten den Tadel Verständiger
zuzieht; und dann, weil er bei der Auflösung des Körpers, nach
dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in
höllische Welt gelangen wird. Also hat er diese fraglose Lehre
übel befolgt und bewahrt, nur ein Ziel gelten und das Gute
verkümmern lassen.‹
»Da ist nun, Hausväter, von den anderen Asketen und Priestern
zu erwarten, dass sie den schlechten Wandel in Werken, Worten
und Gedanken, diese drei unheilsamen Dinge, aufgeben und
den guten Wandel in Werken, Worten und Gedanken, diese drei
heilsamen Dinge, annehmen werden: und warum das? Weil ja jene
lieben Asketen und Priester der unheilsamen Dinge Elend,
Ungemach, Trübsal, und der heilsamen Dinge, der Entsagung
vorzüglichen, läuternden Einfluss merken. Und weil es eben ein
Jenseits giebt, erkennt ein solcher: ›Es giebt ein Jenseits‹;
das ist seine rechte Erkenntniss. Und weil es eben ein Jenseits
giebt, sinnt er: ›Es giebt ein Jenseits‹; das ist seine rechte
Gesinnung. Und weil es eben ein Jenseits giebt, redet er: ›Es
giebt ein Jenseits‹; das ist seine rechte Rede. Und weil es
eben ein Jenseits giebt, behauptet er: ›Es giebt ein Jenseits‹;
und den Heiligen, die vom Jenseits wissen, denen stellt er
sich nicht entgegen. Und weit es eben ein Jenseits giebt,
belehrt er die anderen: ›Es giebt ein Jenseits‹; das ist seine
richtige Belehrung. Und um dieser richtigen Belehrung willen 404
brüstet er sich nicht, verachtet nicht die anderen. So hat er
was da früher etwa Schlechtes an ihm war verleugnet und Gutes
angenommen: das ist rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung,
rechte Rede, kein Widerstand gegen Heilige, richtige Belehrung,
kein Eigenlob und kein Nächstentadel. Also entwickeln sich an
ihm diese verschiedenen heilsamen Dinge aus rechter Erkenntniss.