unterschieden, die acht Dinge, die hier im Orden des Heiligen
den Verkehr abschneiden lassen. Doch nicht nur soweit wird
im Orden des Heiligen ganz und gar überall aller Verkehr
abgeschnitten.«
»Wie aber wird dann, o Herr, im Orden des Heiligen ganz und gar
überall aller Verkehr abgeschnitten? O dass mir, o Herr, der
Erhabene die Lehre derart zeigen möchte, wie da im Orden des
Heiligen ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten wird!«
»So höre denn, Hausvater, und achte wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam Potaliyo der
Hausvater dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Hund, von Hunger und
Schwäche gepeinigt, sich vor der Bank eines Rindschlächters
aufstellte, und es würfe ihm ein geschickter Schlächter oder
Schlächtergeselle ein Knochenstück zu, kahl, abgeschabt, ohne
Fleisch, blutbefleckt; was meinst du wohl, Hausvater: könnte da
dieser Hund, indem er das Knochenstück, das kahle, abgeschabte,
fleischlose, blutbefleckte, rings herum benagt, Hunger und
Schwäche vertreiben?«
»Gewiß nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Das Knochenstück, o Herr, ist ja kahl, abgeschabt, ohne
Fleisch, blutbefleckt, so viel Mühe und Plage auch immer der
Hund sich geben mag.«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Kahlen Knochen gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹: und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig
Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der
einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder
gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Geier oder ein Reiher
oder ein Rabe einen Fleischfetzen packte und fortrisse, und
es stürzten auf ihn andere Geier oder Reiher oder Raben in
Schaaren hernieder und rauften darum; was meinst du wohl
Hausvater: wenn dieser Geier oder Reiher oder Rabe den
Fleischfetzen nicht alsbald fahren ließe, wär’ ihm da Tod
gewiss oder tödtlicher Schmerz?«
»Freilich, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger
bei sich: ›Fleischfetzen gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig 365
Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der
einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder
gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann mit einer flammenden
Strohfackel gegen den Wind ginge; was meinst du wohl,
Hausvater: wenn dieser Mann die flammende Strohfackel nicht gar
eilig von sich fortwürfe, würde sie da seine Hand versengen,
seinen Arm versengen oder andere Glieder des Leibes, und er
also Tod erleiden oder tödtlichen Schmerz?«
»Freilich, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Flammendem Stroh gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹: und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig
Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der
einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder
gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn da eine Grube wäre, tiefer als
Manneshöhe, voll glühender Kohlen, ohne Flammen, ohne Rauch;
und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will,
der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut, und zwei kräftige
Männer ergriffen ihn unter den Armen und schleppten ihn zu
der glühenden Kohlengrube hin; was meinst du wohl, Hausvater:
würde da nun dieser Mann auf jede nur mögliche Weise den Leib
zurückziehn?«
»Gewiss, o Herr!«
»Und warum das?«
»Gar wohl, o Herr, wüsste der Mann: ›Fall’ ich in diese
glühenden Kohlen hinein, so muss ich sterben oder tödtlichen
Schmerz erleiden!‹«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Glühenden Kohlen gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig
Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der
einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder
gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann ein Traumbild sähe,
einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere
Landschaft, einen lichten See, und, wieder erwacht, nichts mehr
erblickte: ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige
Jünger bei sich: ›Traumbilden gleich sind die Begierden, hat
der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig
Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der
einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder
gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann dargeliehenes Gut
entliehe und einen Wagen mit kostbarem Schmuck und Edelgestein
belüde[11], und er führe, mit diesem geborgten Schatze versehn 366
und versorgt, über den Marktplatz hin; und die Leute sähen
ihn und sprächen: ›Reich, wahrlich, ist der Mann, so können
Reiche den Reichthum genießen!‹ Und wo ihn eben etwa die Eigner
träfen, da zögen sie eben etwa das Eigen zurück. Was meinet du
wohl, Hausvater: genügte das, um diesen Mann zu verstören?«
»Allerdings, o Herr!«
»Und warum das?«
»Die Eigner, o Herr, ziehn ja das Eigen zurück.«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Darlehen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene
gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹;
und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener
Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht,
diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit
sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt
wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn sich unfern eines Dorfes
oder einer Stadt ein dichter Forst befände, und ein Baum
stände darin, der reifende Früchte trägt, und keine der
Früchte wäre herabgefallen. Und es käme ein Mann herbei, der
Früchte begehrt, Früchte sucht, nach Früchten ausspäht; und
er gelangte ins Innere des Forstes und gewahrte den Baum, der
reifende Früchte trägt; da gedächte er: ›Dieser Baum ist mit
reifenden Früchten behangen, und keine der Früchte zu Boden
gefallen: aber ich kann ja Bäume erklettern! Wie, wenn ich nun
da hinaufkletterte und mich daran satt äße und den Rockschurz
voll davon pflückte?‹ Und er kletterte hinauf und äße sich
satt und pflückte den Rockschurz voll. Aber ein zweiter Mann
käme herbei, der Früchte begehrt, Früchte sucht, nach Früchten
ausspäht, mit einem scharfen Beile versehn; und er gelangte
ins Innere des Forstes und gewahrte den Baum mit den reifenden
Früchten; da gedächte er: ›Dieser Baum trägt reifende Früchte,
und keine der Früchte liegt auf der Erde, und Bäume erklettern,
das kann ich nicht: wie, wenn ich nun diesen Baum an der Wurzel
fällte und mich dann satt äße und den Rockschurz vollpflückte?‹
Und er fällte den Baum an der Wurzel. Was meinst du wohl,
Hausvater: wenn da jener Mann, der zuerst hinaufgestiegen,
nicht gar eilig herabkletterte, möchte ihm da durch den Sturz
des Baumes die Hand zerschmettert oder der Fuß zerschmettert
oder andere Glieder des Leibes zerschmettert werden, so dass er 367
Tod oder tödtlichen Schmerz erlitte?«
»Freilich, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei
sich: ›Baumfrüchten gleich sind die Begierden, hat der Erhabene
gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹;
und er sieht es also, der Wahrheit gemäß mit vollkommener
Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht,
diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit
sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt
wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Hat nun, Hausvater, ein solcher heiliger Jünger eben diese
letzte, gleichmüthig einsichtige vollkommene Reine erreicht, so
erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen.
»Hat nun, Hausvater, ein solcher heiliger Jünger eben diese
letzte, gleichmüthig einsichtige vollkommene Reine erreicht,
so sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über
menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden
und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne,
glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach
den Thaten wiederkehren.
»Hat nun, Hausvater, ein solcher heiliger Jünger eben diese
letzte, gleichmüthig einsichtige vollkommene Reine erreicht,
so lässt er den Wahn versiegen und macht sich die wahnlose
Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten offenbar,
verwirklicht und erringt sie.
»Soweit nun, Hausvater, wird im Orden des Heiligen ganz und
gar überall aller Verkehr abgeschnitten. Was meinst du wohl,
Hausvater: wie ganz und gar überall aller Verkehr im Orden des
Heiligen abgeschnitten wird, findest du, dass auch ebenso bei
dir der Verkehr abgeschnitten sei?«
»Was bin ich, o Herr, und was ist der Orden des Heiligen, wo
ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten wird! Fern
bin ich, o Herr, davon, dass ich ganz und gar überall allen
Verkehr, dem Orden des Heiligen gemäß, abgeschnitten hätte. --
Ja, wir haben früher, o Herr, die anderen Büßer und Pilger, die
so gewöhnlich sind, für erlesen gehalten, die so gewöhnlich
sind, mit erlesener Speise gespeist, die so gewöhnlich sind,
mit erlesener Ehre geehrt: doch haben wir, o Herr, die Mönche,
die so erlesen sind, für gewöhnlich gehalten, die so erlesen
sind, mit gewöhnlicher Speise gespeist, die so erlesen sind,
mit gewöhnlicher Ehre geehrt. Jetzt aber wollen wir, o Herr,
die anderen Büßer und Pilger, die so gewöhnlich sind, als 368
gewöhnlich erkennen, die so gewöhnlich sind, mit gewöhnlicher
Speise speisen, die so gewöhnlich sind, mit gewöhnlicher Ehre
ehren: doch wollen wir, o Herr, die Mönche, die so erlesen
sind, als erlesen erkennen, die so erlesen sind, mit erlesener
Speise speisen, die so erlesen sind, mit erlesener Ehre ehren.
Erzeugt hat mir, wahrlich, o Herr, der Erhabene Asketenliebe
zu den Asketen, Asketenfreude an den Asketen, Asketenehrfurcht
vor den Asketen. -- Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr!
Gleichwie etwa, o Herr, wenn man Umgestürztes aufstellte,
oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder
Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch ist vom Erhabenen die Lehre gar vielfach
gezeigt worden. Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen
Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger
möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens
getreu.«[12]
55.
Sechster Theil Fünfte Rede
JĪVAKO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Rājagaham, im Mangohaine Jīvakos, des Hofarztes.[13]
Da nun begab sich Jīvako der Hofarzt zum Erhabenen hin,
begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts
nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Jīvako der Hofarzt also
zum Erhabenen:
»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Um des Asketen Gotamo willen
rauben sie das Leben, und der Asket Gotamo nimmt wissentlich
das eigens für ihn bereitete Fleisch an!‹ Die da solches, o
Herr, gesagt haben, haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen
Worte gebraucht und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt
und der Lehre gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender
Folgesatz als ungehörig erweisen kann?«
»Die da, Jīvako, solches gesagt haben: ›Um des Asketen 369
Gotamo willen rauben sie das Leben, und der Asket Gotamo nimmt
wissentlich das eigens für ihn bereitete Fleisch an‹, die haben
nicht meine Worte gebraucht und haben mich also ohne Grund und
mit Unrecht angeführt. Drei Fälle giebt es, Jīvako, wo ich
sage, Fleisch ist nicht zu nehmen: besehn, gehört, vermuthet.
Das sind, Jīvako, die drei Fälle, wo ich sage, Fleisch ist
nicht zu nehmen. Drei Fälle giebt es, Jīvako, wo ich sage,
Fleisch ist zu nehmen: unbesehn, ungehört, unvermuthet. Das
sind, Jīvako, die drei Fälle, wo ich sage, Fleisch ist zu
nehmen.
»Da lebt, Jīvako, ein Mönch in der Umgebung eines Dorfes
oder einer Stadt. Liebevollen Gemüthes weilend strahlt er
nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der
dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach
unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er
die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem,
unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Und es sucht ihn
ein Hausvater auf, oder der Sohn eines Hausvaters, und bittet
ihn, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Mag eben der Mönch
es, Jīvako, annehmen, so sagt er zu. Und am nächsten Morgen,
zeitig gerüstet, nimmt er Mantel und Schaale und begiebt
sich dorthin wo jener Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters,
wohnt. Dort angekommen nimmt er auf dem dargebotenen Sitze
Platz. Und es bedient ihn der Hausvater, oder Sohn eines
Hausvaters, mit ausgewählter Almosenspeise. Da denkt er
nicht: ›Schön, wahrlich, ist es von diesem Hausvater, oder
Sohn eines Hausvaters, mich mit ausgewählter Almosenspeise
zu bewirthen: ach wenn mich doch dieser Hausvater, oder Sohn
eines Hausvaters, auch fernerhin mit ebensolcher ausgewählter
Almosenspeise bewirthen möchte!‹: also etwa denkt er nicht.
Er nimmt diese Almosenbissen unverlockt, unverblendet, nicht
hingerissen, das Elend sehend, der Entrinnung eingedenk, ein.
Was meinst du wohl, Hausvater: hat etwa da der Mönch bei dieser
Gelegenheit eigene Verletzung im Sinne, oder hat er anderer
Verletzung im Sinne, oder hat er beider Verletzung im Sinne?«
»Das nicht, o Herr!«
»Nimmt also, Jīvako, nicht der Mönch bei dieser Gelegenheit
eben untadelhafte Nahrung ein?«
»Allerdings, o Herr! -- Reden hab’ ich gehört, o Herr: ›Brahmā
ist liebevoll.‹ Dafür hab’ ich, o Herr, den Erhabenen bürgen
sehn: denn der Erhabene, o Herr, ist liebevoll.«
»Jene Gier, Jīvako, jener Hass, jener Wahn, wo Verderben in 370
den Sinn käme, solche Gier, solcher Hass, solcher Wahn ist vom
Vollendeten verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem
Palmstumpf gleichgemacht, ausgerodet worden, kann sich ferner
nicht mehr entwickeln. Wenn deine Worte, Jīvako, das gemeint
haben, geb’ ich es dir zu.«
»Eben das, freilich, o Herr, haben meine Worte gemeint.«
»Da lebt, Jīvako, ein Mönch in der Umgebung eines Dorfes oder
einer Stadt. Erbarmenden Gemüthes, freudevollen Gemüthes,
unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach
der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in
allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit
erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe, mit unbewegtem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem. Und es sucht ihn ein Hausvater auf, oder der
Sohn eines Hausvaters, und bittet ihn, am nächsten Tage bei ihm
zu speisen. Mag eben der Mönch es, Jīvako, annehmen, so sagt er
zu. Und am nächsten Morgen, zeitig gerüstet, nimmt er Mantel
und Schaale und begiebt sich dorthin wo jener Hausvater, oder
Sohn eines Hausvaters, wohnt. Dort angekommen nimmt er auf dem
dargebotenen Sitze Platz. Und es bedient ihn der Hausvater,
oder Sohn eines Hausvaters, mit ausgewählter Almosenspeise. Da
denkt er nicht: ›Schön, wahrlich, ist es von diesem Hausvater,
oder Sohn eines Hausvaters, mich mit ausgewählter Almosenspeise
zu bewirthen: ach wenn mich doch dieser Hausvater, oder Sohn
eines Hausvaters, auch fernerhin mit ebensolcher ausgewählter
Almosenspeise bewirthen möchte!‹: also etwa denkt er nicht.
Er nimmt diese Almosenbissen unverlockt, unverblendet, nicht
hingerissen, das Elend sehend, der Entrinnung eingedenk, ein.
Was meinst du wohl, Hausvater: hat etwa da der Mönch bei dieser
Gelegenheit eigene Verletzung im Sinne, oder hat er anderer
Verletzung im Sinne, oder hat er beider Verletzung im Sinne?«
»Das nicht, o Herr!«
»Nimmt also, Jīvako, nicht der Mönch bei dieser Gelegenheit
eben untadelhafte Nahrung ein?«
»Allerdings, o Herr! -- Reden hab’ ich gehört, o Herr: ›Brahmā
ist unbewegt.‹ Dafür hab’ ich, o Herr, den Erhabenen bürgen
sehn: denn der Erhabene, o Herr, ist unbewegt.«
»Jene Gier, Jīvako, jener Hass, jener Wahn, wo Wuth, wo Unlust,
wo Widerstreit in den Sinn käme, solche Gier, solcher Hass,
solcher Wahn ist vom Vollendeten verleugnet, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, ausgerodet
worden, kann sich ferner nicht mehr entwickeln. Wenn deine
Worte, Jīvako, das gemeint haben, geb’ ich es dir zu.«
»Eben das, freilich, o Herr, haben meine Worte gemeint.« 371
»Wer da, Jīvako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers
willen das Leben raubt, der erwirbt zu fünf Malen schwere
Schuld. Weil er da also befiehlt: ›Geht hin und bringt
jenes Thier dort herbei!‹, darum erwirbt er zum ersten Mal
schwere Schuld. Weil dann das Thier, zitternd und zagend
herbeigeführt, Schmerz und Quaal empfindet, darum erwirbt er
zum zweiten Mal schwere Schuld. Weil er dann spricht: ›Geht
hin und tödtet dieses Thier!‹, darum erwirbt er zum dritten
Mal schwere Schuld. Weil dann das Thier im Tode Schmerz und
Quaal empfindet, darum erwirbt er zum vierten Mal schwere
Schuld. Weil er dann den Vollendeten oder des Vollendeten
Jünger ungebührend laben lässt, darum erwirbt er zum fünften
Mal schwere Schuld. Wer da, Jīvako, um des Vollendeten oder
Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu
diesen fünf Malen schwere Schuld.«
* * * * *
Nach diesen Worten sprach Jīvako der Hofarzt also zum
Erhabenen:
»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr! Gebührende
Nahrung, wahrlich, o Herr, nehmen die Mönche ein, untadelhafte
Nahrung, wahrlich, o Herr, nehmen die Mönche ein. --
Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Als Anhänger
möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens
getreu.«[14]
56.
Sechster Theil Sechste Rede
UPĀLI
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Nāḷandā, im Mangohaine Pāvārikos. Um diese Zeit nun hielt sich
der Freie Bruder Nāthaputto[15] bei Nāḷandā auf, mit einer
großen Schaar Freier Brüder.
Da begab sich nun Dīghatapassī, ein Freier Bruder, nach Nāḷandā
um Almosenspeise, kehrte wieder zurück, nahm das Mahl ein,
und suchte dann den Mangohain Pāvārikos auf, ging dorthin wo
der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, 372
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und stellte sich seitwärts
hin. Und an Dīghatapassī den Freien Bruder, der seitwärts
stand, wandte sich der Erhabene also:
»Es sind hier, Tapassī, Sitze bereit: wenn du willst setze
dich.«
Also angeredet nahm Dīghatapassī der Freie Bruder einen von den
niederen Stühlen zur Hand und setzte sich beiseite nieder. Und
zu Dīghatapassī dem Freien Bruder, der beiseite saß, sprach der
Erhabene also:
»Wieviel Arten, Tapassī, von Thaten giebt wohl der Freie Bruder
Nāthaputto als möglich an, um böse That zu thun, um böse That
zu begehn?«
»Nicht steht es, Bruder Gotamo, dem Freien Bruder Nāthaputto
an, eine Handlung schlechthin als That zu bezeichnen: als
Streich schlechthin, Bruder Gotamo, steht es dem Freien Bruder
Nāthaputto an, eine Handlung zu bezeichnen.«
»Wieviel Arten, Tapassī, von Streichen giebt also der Freie
Bruder Nāthaputto als möglich an, um böse That zu thun, um böse
That zu begehn?«
»Drei Arten, Bruder Gotamo, von Streichen giebt der Freie
Bruder Nāthaputto als möglich an, um böse That zu thun, um böse
That zu begehn: nämlich Streiche in Werken, Streiche in Worten,
Streiche in Gedanken.«
»Wie denn, Tapassī: sind Streiche in Werken Eines, und Streiche
in Worten ein Anderes, und Streiche in Gedanken wieder ein
Anderes?«
»Eines, Bruder Gotamo, sind Streiche in Werken, und ein
Anderes Streiche in Worten, und wieder ein Anderes Streiche in
Gedanken.«[16]
»Welche dieser drei Arten aber, Tapassī, von Streichen, die
also eingetheilt, also unterschieden werden, giebt der Freie
Bruder Nāthaputto als übelste an, um böse That zu thun, um böse
That zu begehn: die Streiche in Werken, oder die Streiche in
Worten, oder die Streiche in Gedanken?«
»Von diesen drei Arten, Bruder Gotamo, der Streiche, die also
eingetheilt, also unterschieden werden, giebt der Freie Bruder
Nāthaputto die Streiche in Werken als übelste an, um böse That
zu thun, um böse That zu begehn: nicht so sehr die Streiche in
Worten, nicht so sehr die Streiche in Gedanken.«
»Die Streiche in Werken, sagst du, Tapassī?«
»Die Streiche in Werken, sag’ ich, Bruder Gotamo.«
»Die Streiche in Werken, sagst du, Tapassī?«
»Die Streiche in Werken, sag’ ich, Bruder Gotamo.«
»Die Streiche in Werken, sagst du, Tapassī?«
»Die Streiche in Werken, sag’ ich, Bruder Gotamo.«
Also ließ da der Erhabene Dīghatapassī den Freien Bruder diese
Frage des Gesprächs dreimal bestimmt beantworten. Und nun 373
wandte sich Dīghatapassī der Freie Bruder an den Erhabenen und
fragte:
»Du aber, Bruder Gotamo: wieviel Arten von Streichen giebst du
als möglich an, um böse That zu thun, um böse That zu begehn?«
»Nicht steht es, Tapassī, dem Vollendeten an, eine Handlung
schlechthin als Streich zu bezeichnen: als That schlechthin,
Tapassī, steht es dem Vollendeten an, eine Handlung zu
bezeichnen.«
»Wieviel Arten, Bruder Gotamo, von Thaten giebst du also als
möglich an, um böse That zu thun, um böse That zu begehn?«
»Drei Arten, Tapassī, von Thaten gebe ich als möglich an, um
böse That zu thun, um böse That zu begehn: nämlich Thaten in
Werken, Thaten in Worten, Thaten in Gedanken.«
»Wie denn, Bruder Gotamo: sind Thaten in Werken Eines, und
Thaten in Worten ein Anderes, und Thaten in Gedanken wieder ein
Anderes?«
»Eines, Tapassī, sind Thaten in Werken, und ein Anderes Thaten
in Worten, und wieder ein Anderes Thaten in Gedanken.«
»Welche dieser drei Arten aber, Bruder Gotamo, von Thaten, die
also eingetheilt, also unterschieden werden, giebst du als
übelste an, um böse That zu thun, um böse That zu begehn: die
Thaten in Werken, oder die Thaten in Worten, oder die Thaten in
Gedanken?«
»Von diesen drei Arten, Tapassī, der Thaten, die also
eingetheilt, also unterschieden werden, gebe ich die Thaten in
Gedanken als übelste an, um böse That zu thun, um böse That zu
begehn: nicht so sehr die Thaten in Werken, nicht so sehr die
Thaten in Worten.«
»Die Thaten in Gedanken, sagst du, Bruder Gotamo?«
»Die Thaten in Gedanken, sag’ ich, Tapassī.«
»Die Thaten in Gedanken, sagst du, Bruder Gotamo?«
»Die Thaten in Gedanken, sag’ ich, Tapassī.«
»Die Thaten in Gedanken, sagst du, Bruder Gotamo?«
»Die Thaten in Gedanken, sag’ ich, Tapassī.«
Also ließ da Dīghatapassī der Freie Bruder den Erhabenen diese
Frage des Gesprächs dreimal bestimmt beantworten. Dann stand er
von seinem Stuhle auf und begab sich zu Nāthaputto dem Freien
Bruder.
Zu dieser Zeit nun saß der Freie Bruder Nāthaputto inmitten
einer großen Schaar von Hausleuten, die ihm thöricht zugethan
waren, Upāli zuvörderst. Und der Freie Bruder Nāthaputto sah
Dīghatapassī den Freien Bruder von ferne herankommen, und als
er ihn gesehn rief er ihm zu:
»Ei, wo kommst du denn her, Tapassī, so zeitig am Nachmittag?«
»Von dort, o Herr, vom Asketen Gotamo komme ich.«
»Hast du wohl, Tapassī, mit dem Asketen Gotamo irgend eine
Unterredung gehabt?«
»Allerdings hab’ ich, o Herr, mit dem Asketen Gotamo eine 374
Unterredung gehabt.«
»Was war denn das, Tapassī, für eine Unterredung, die du mit
dem Asketen Gotamo gehabt hast?«