Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden
während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann,
sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in
verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl
noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht;
indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der
Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum
Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern
des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen,
von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und
Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern
verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes
aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen
der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall
in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war,
angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen,
seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!
Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische;
man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere
Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer,
aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre
1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der
Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche
Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts
kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen
Ende des Jahrhunderts führte Karl Friedrich Bernhard das englische
Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen;
sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz
durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als
bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte,
namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen
verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan
Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann.
K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig
vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.
Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales,
Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als
Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst
des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten
Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete
Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden
war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400
Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der
ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf
selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809
Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden
Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu
entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau,
Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen
im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810
brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine
zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst
in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte
Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte
er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung
in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500
Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des
Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener
Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige
Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein
Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche
Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des
Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der
Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in
Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79
Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der
Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.
Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne
des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der
Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne
(~Lacedreath~) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich
vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung
der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und
auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war
Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.
Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein
Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter
allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung«
zur Errichtung eines +Denkmals+ für Evan Evans aufgefordert. Dasselbe
sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen
letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich
durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung
der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer,
welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben
Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.
Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife
gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einer +Evansstiftung+ an den
technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die
Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen
Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen
Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und
Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der
Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu
rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die
größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.
Zu den beiden Faktoren, Steinkohle und Eisen, welche die Welt regieren,
ist als dritter die Baumwolle hinzugekommen. Der dünne, baumwollene
Faden bildet eine starke Kette von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu
Volk, von Werkstatt zu Werkstatt. Tausend fleißige Hände müssen sich
regen, ehe die Baumwolle verarbeitet zu dem Pflanzer und Erbauer
derselben zurückkehrt. Ein Neger z. B. arbeitet in einer Plantage
Brasiliens. Die gewonnene Baumwolle wird dem Händler eingeliefert,
wandert über den Ozean und kommt in eine erzgebirgische Spinnerei.
Als gesponnenes Garn geht sie nach Thum, wird hier gewirkt, und eine
Chemnitzer Weltfirma schickt sie über das Weltmeer zurück nach Amerika,
und hier gelangt sie schließlich als Strumpf wieder in die Hände
desjenigen Negers, welcher sie seiner Zeit als Wolle in der Kapsel von
der Staude pflückte.
Nach Lungwitz.