58. Die erste Baumwollspinnerei Sachsens.

Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden

während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann,

sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in

verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl

noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht;

indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der

Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum

Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern

des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen,

von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und

Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern

verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes

aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen

der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall

in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war,

angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen,

seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!

Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische;

man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere

Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer,

aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre

1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der

Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche

Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts

kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen

Ende des Jahrhunderts führte Karl Friedrich Bernhard das englische

Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen;

sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz

durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als

bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte,

namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen

verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan

Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann.

K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig

vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.

Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales,

Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als

Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst

des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten

Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete

Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden

war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400

Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der

ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf

selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809

Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden

Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu

entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau,

Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen

im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810

brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine

zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst

in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte

Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte

er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung

in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500

Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des

Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener

Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige

Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein

Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche

Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des

Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der

Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in

Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79

Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der

Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.

Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne

des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der

Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne

(~Lacedreath~) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich

vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung

der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und

auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war

Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.

Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein

Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter

allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung«

zur Errichtung eines +Denkmals+ für Evan Evans aufgefordert. Dasselbe

sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen

letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich

durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung

der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer,

welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben

Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.

Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife

gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einer +Evansstiftung+ an den

technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die

Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen

Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen

Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und

Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der

Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu

rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die

größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.

Zu den beiden Faktoren, Steinkohle und Eisen, welche die Welt regieren,

ist als dritter die Baumwolle hinzugekommen. Der dünne, baumwollene

Faden bildet eine starke Kette von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu

Volk, von Werkstatt zu Werkstatt. Tausend fleißige Hände müssen sich

regen, ehe die Baumwolle verarbeitet zu dem Pflanzer und Erbauer

derselben zurückkehrt. Ein Neger z. B. arbeitet in einer Plantage

Brasiliens. Die gewonnene Baumwolle wird dem Händler eingeliefert,

wandert über den Ozean und kommt in eine erzgebirgische Spinnerei.

Als gesponnenes Garn geht sie nach Thum, wird hier gewirkt, und eine

Chemnitzer Weltfirma schickt sie über das Weltmeer zurück nach Amerika,

und hier gelangt sie schließlich als Strumpf wieder in die Hände

desjenigen Negers, welcher sie seiner Zeit als Wolle in der Kapsel von

der Staude pflückte.

Nach Lungwitz.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 118 / 209 题