Im 16. Jahrhunderte verpflanzten ausgewanderte Schweizer die Musselin-
und Schleierweberei nach dem Vogtlande und dem daranliegenden
Erzgebirge. Nach den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges vermehrte
sich die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser
gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von
böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der
Heimat vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten
ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft
mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte
Dorf als Wüstung liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue
Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenige Jahre nach
dem Westfälischen Friedensschlusse, im Jahre 1654, von böhmischen
Vertriebenen angelegt worden.
Doch half auch zur Hebung des Gebirges, daß in den nächsten Jahrzehnten
neue Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde
Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden Baumwoll-Industrie,
der sich später die Wollindustrie anschloß. Der damalige Faden war
Handgespinst, und es mußten Tausende von Leuten sich rühren, um
den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf
Handmaschinen, von denen jede 10--30 Spulen zählte. Noch zu Anfange
unseres Jahrhunderts gab es 18000 Menschen, welche auf solche Art
Baumwolle spannen. -- Zu der Spinnerei gesellte sich die Weberei und
Strumpfwirkerei. Vor dem Dreißigjährigen Kriege hatte in Chemnitz
außer der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei
geblüht. Nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollweberei zu und
fertigte anfangs 1717 Barchent und dann 1725 Musseline und Kattune und
allerlei bunte Waren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen Bahn
mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein.
Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden. Sie
gewann aber erst große Bedeutung, als es dem Kaufmann Esche in Limbach
1776 gelungen war, mit Hilfe zweier geschickter Arbeiter den von dem
Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.
Auch das erzgebirgische Frauengewerbe erhielt im Laufe des 18.
Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige +Klara
Angermann+, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock
vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das Tambourieren oder
Sticken mit einer Häkelnadel gelernt und verpflanzte es 1775 nach
Eibenstock.
Rechnet man zu dem allen, daß der Bergbau durch die 1765 in Freiberg
errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun
im stande war, einen größeren »Teufen« abzubauen und minder edle
Erze zu verhütten, so wird man begreifen, daß schon im verflossenen
Jahrhunderte das Erzgebirge ein Hauptindustriegebiet für Sachsen, ja
für ganz Deutschland wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die
Großindustrie erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des
fabrikmäßigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der
Spinnmaschine, die 1775 durch +Richard Arkwright+ in England verbessert
wurde, die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen
Webstuhles wirkten entscheidend. Trotzdem daß die Handspinnmaschinen in
die Rumpelkammer verwiesen, das Weberschifflein der Hand des Arbeiters
entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten
beschränkt wurde, so wuchs die Erzeugung von Waren doch ungemein und
wurden überhaupt viel mehr Leute beschäftigt denn früher.
Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf, so die
1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete
Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und
ferner die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche
200--500 Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum
nicht zu verwickelte Muster um einen geringen Preis liefert. Beide
Maschinen machten der Frauenarbeit gefährlichen Wettbewerb, drückten
die Löhne herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das
Spinnrad und neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das
Strick- und Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel
zu entwinden. Aber durch den Übergang zu künstlicheren Mustern und die
Verbindung von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen,
sich neben und mit den Maschinen zu behaupten.
Im Sehmathale herrscht die Posamentenerzeugung als Hausindustrie und
zieht sich in starkbevölkerten Dörfern über Annaberg und Buchholz
bis zu dem Fichtelberge hinauf, an dessen Fuße die vier Städtlein
Wiesenthal liegen. Die Mannigfaltigkeit der Posamentenerzeugung läßt
sich nur andeuten; alles, was Kleiderbesatz und Garnitur heißt,
Ornamente, Knopf, Borte, Franse, Quaste, Schnur, wird gewirkt und
geschlungen, gedreht und genäht. Geht das Geschäft flott, wie
1844--1849, in den 60er Jahren, auch in den ersten 70er Jahren
noch, dann sind Tausende von Posamentierstühlen, Hunderte von
Mühlstühlen und Chenillemaschinen im Gange. Im Jahre 1863 hat ein
Annaberger Geschäft für 600000 Mark umgesetzt. Die Jahresausfuhr
nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welches ein Konsulat
in Annaberg unterhält, beträgt ungefähr 5½ Mill. Mark. Annaberg hat
über 100, Buchholz 30 Posamenten- und Spitzenhandlungen, Buchholz
100 Posamentenfabrikanten und Verleger. In Annaberg wohnen über
600, in Buchholz über 450 Posamentierer. In beiden Städten giebt es
zusammen 20 Schnurenfabriken. Besonders merkwürdige Erzeugnisse sind
Gold- und Silberspitzen in Annaberg und Kleinrückerswalde, sowie
gedrehte und geklöppelte Theater- und Uniformschnüre. Je nach der
herrschenden Mode werden fast auf dem ganzen Gebirge durch Frauen-
und Kinderhände Zwirn-, Woll- und Seidenspitzen geklöppelt. Der
Verdienst der Klöpplerinnen ist sehr gering, dennoch mögen manchmal
im Annaberg-Buchholzer Arbeitsbezirke 20000 Klöppelkissen in
Thätigkeit gewesen sein. Neue Geschäftszweige, welche bei gänzlichen
Modeveränderungen und umfänglichen Geschäftsstockungen allgemeine
Notstände nicht mehr aufkommen lassen, sind beispielsweise in
Buchholz durch 8 Kartonnagenfabriken und 6 Prägeanstalten vertreten.
Da werden Pappkartons, von den einfachsten Apothekerschächtelchen
bis zu den feinsten Bonbonnieren und Ostereiern, mit kostbaren
Stickereien und Gemälden, Holzkästen, von den billigsten Sparbüchsen
und Federkästchen bis zu den schönsten Schreibschatullen, Zigarren-
und Nähkästen hergestellt. Die Prägeanstalten liefern aus Gold- und
Silberpapier Sargverzierungen, welche das letzte Haus der Sterblichen
mit Randschmuck und sinnigen Bildern und Inschriften bedecken und in
teueren Formen besonders in Österreich, Ungarn, Spanien und Südamerika
beliebt sind, und fertigen aus Silber- und Papierkanevas tausenderlei
Unterlagen zu Stickereien, von den Buch- und Lesezeichen an bis zu
Lampen-Tellern und -Schirmen, Papierlaternen, Puppenstubenmöbeln und
dergleichen. Sie bringen »papierne Zinnsoldaten«, unter dem Christbaume
aufzustellende »Krippen«, »Christgeburten«, Jagden u. a. in den
Handel. Holzbildhauerwerkstätten liefern Schrankgesimse und Leisten,
Sargfüße und Flaschenpfropfen und dergleichen. -- Andere Geschäfte
versenden Kränze von Moos und trockenen Blumen, andere wieder Sträuße,
Borten und Kartons, Papier-Manschetten und -Spitzen. Auf eigenartigen
Stühlen werden Perlengewebe, Sessel, Kissen, Ofenschirme und Fußbänke
angefertigt, ein Ersatz kostspieliger Stickereien.
In der ganzen Umgegend von Annaberg und Buchholz ist denn auch
die Landwirtschaft von untergeordneter, die Industrie von weit
überwiegender Bedeutung. Ja, bezeichnend genug für die späte und doch
so schnelle Entwickelung des Obererzgebirges ist es, daß man auf der
alten Poststraße, ohne mehr als zwei Dörfer zu berühren, zwölf Städte
besuchen kann: Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Elterlein,
Zwönitz, Geyer, Thum, Ehrenfriedersdorf (Stadt), Wolkenstein,
Marienberg, Zöblitz.
Nach Prof. Berlet und ~Dr.~ Manke.