57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge.

Zahlreiche Erzgebirger früherer Zeit wanderten in jedem Jahre

monatelang gleich Zugvögeln in die Fremde, um dann wieder zur

heimischen Scholle zurückzukehren, die ihnen als das schönste

Erdenfleckchen erschien und darum über alles teuer war.

Die im Anschlusse an den erzgebirgischen Bergbau auf Eisen und andere

Metalle betriebenen Gewerbe erzeugten eine mannigfaltige Menge von

Gegenständen. Zahlreiche Bewohner fanden nicht nur unmittelbar beim

Eisenbergbau, sondern auch in den Hammerwerken, Walz- und Drahtwerken,

sowie bei der weiteren Bearbeitung des Eisens und Stahls zu Löffeln,

Nägeln, Nadeln, Schneidewerkzeugen Beschäftigung und Brot. Neben

den Waren aus verzinntem Blech wurden auch solche aus Schwarzblech

gefertigt. Im Raschauer Grunde war die Nagelfabrikation ein

Jahrhunderte alter Erwerbszweig.

Alle die genannten Erzeugnisse der Handarbeit unserer Erzgebirger

wurden nun von zahlreichen Personen im Kleinhandel vertrieben. So

bildete sich ein Wanderleben, das lange Zeit eine Eigentümlichkeit

vieler Bewohner des Erzgebirges gewesen ist. Schon 1628 besuchten die

+Bockauer+ mit hölzernen und blechernen Waren die Jahrmärkte viele

Meilen weit. Im 17. Jahrhunderte führten die Händler auch Eisenwaren

mit sich.

Die mit Blechwaren hausierenden +Schönheider+ nannte man

»Röhrenschieber«. Mit ihnen waren es auch +Bärenwalder+, +Bernsbacher+

und +Beierfelder+, welche auf Schiebkarren oder kleinen selbstgezogenen

Wagen die schwarzen Blech- und Eisenwaren von Ort zu Ort fuhren und so

lange von ihrem Dorfe fortblieben, bis sie alles verkauft hatten.

Neben den Haarnadeln und anderen in das Nadlergewerbe einschlagenden,

aus Stahl gefertigten Gegenständen lieferte Oberwiesenthal vor etwa

100 Jahren besonders auch Stecknadeln, zu denen der Messingdraht aus

Rodewisch bezogen wurde.

Unter den von erzgebirgischen Hausierern geführten Waren sind auch

Farben aus den obererzgebirgischen Blaufarbenwerken gewesen.

Als Landreisende können wir die Bergfertigen, alten oder kranken

Bergleute bezeichnen, welche mit Nachbildungen von Berg- und Pochwerken

umherzogen, um sie bei Jahrmärkten auf den Straßen, in Wirtsstuben oder

in den Schulen zu zeigen und zu erklären.

Als der Bergbau erlag, wandte man sich vielfach anderer Beschäftigung

zu. Zunächst bot der Wald mit seinem billigen Holze dazu Gelegenheit.

Aus kleinen Anfängen entstand die Holzwarenindustrie. »Seiffner

Waren« nannte man die Schachteln, Nadelbüchsen, Knöpfe, Spindeln und

dergleichen. Im Vogtlande nicht nur, auch im Erzgebirge und besonders

im Amte Schwarzenberg fanden viele Bewohner durch Pechsieden und

Rußbrennen Beschäftigung und Verdienst.

Die Rußbuttenmänner zogen Handel treibend im Lande umher. 1501 erhielt

Wilhelm von Tettau durch den Kurfürsten Friedrich den Weisen die

Belehnung über die Pechwälder der Herrschaft Schwarzenberg. In der

Neuzeit ist das Pechsieden untersagt.

Wie die Rußbuttenmänner, so sind auch die Bernsbacher, Beierfelder,

Neuhausener, Oberwiesenthaler und Wolkensteiner Händler mit

Feuerschwamm verschwunden. Der aus Buchenschwämmen bereitete

Feuerschwamm wurde nicht nur auf Messen und Jahrmärkten, sondern auch

im Hausierhandel verkauft.

In +Lauter+ bildet noch gegenwärtig die Korbflechterei einen

hervorragenden Erwerbszweig. Nicht nur aus Weidenruten, auch aus

Holzspänen und Wurzeln verfertigt man Körbe.

Besonders zahlreich waren die mit allerhand Arzneien, Ölen

umherziehenden Händler. Ihre Absatzgebiete waren außer den sächsischen

Erblanden die Ober- und Niederlausitz, Thüringen, Bayern, Mecklenburg,

Polen, Schwaben, Schweden, selbst die Türkei. Ausgedehnt war besonders

der Handel mit Schneeberger Schnupftabak. Der Hauptort seiner

Herstellung war Bockau. Aus heilkräftigen Kräutern wurden allerhand

Arzneien von den »Laboranten« hergestellt. 1782 waren in Bockau 20

»Laboratorien« im Gange. Noch 1799 beschäftigten sich 41 Personen mit

Herstellung von Arzneien oder dem Wurzel- und Kräuterhandel. Der Handel

blühte besonders am Anfange unseres Jahrhunderts in Bockau, Eibenstock,

Sosa, Jöhstadt, Jugel, Neudorf, Crottendorf, Johanngeorgenstadt,

Hundshübel, Lauter, Schneeberg.

Von dem Boden und seinen Erzeugnissen unabhängig entstanden die

Spitzenklöppelei, Posamenten- und Bürstenfabrikation. Auch diese

Erwerbszweige waren auf die Hausierer angewiesen, welche die Waren an

den Mann brachten.

Viele Hunderte zogen noch am Anfange unseres Jahrhunderts fast den

größten Teil des Jahres mit Blechwaren, blauer Farbe, Schwefel, mit

Spielzeug, Bändern und Spitzen, mit Schneeberger Schnupftabak, Pillen

und Pflastern, Schönheider Pinseln und Bürsten umher. Aber zum Winter

kehrten sie heim, wie die Strichvögel, und verzehrten, umnebelt von

Dünsten des vaterländischen Bodens, von Hütten und Hohofendampf, und

oft in verschneiter Heimat den sauer erworbenen Verdienst mit Weib und

Kind.

Nach ~Dr.~ Köhler und Engelhardt.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 117 / 209 题