56. Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge.

~a.~ Barbara Uttmann.

O rauhes Erzgebirge, von Sturm und Frost gewiegt,

Wohl klagt die Armut, weinend an deine Brust geschmiegt.

Doch reich wie du im Innern an stufigblankem Erz,

Schmückt dich auch, gottergeben, manch treues Menschenherz.

Doch all dein Seelenreichtum und all dein Herzenswert

In einer Frauenblume ward wunderhold verklärt.

Sie stieg aus deinen Gründen als tröstend mildes Licht,

Das um den Herd des Elends das Band der Liebe flicht.

Das Band der Menschenliebe: denn sieh, da Nächte lang

Sie still in Mitleidsthränen nach Kraft von oben rang,

Gott bittend, sie zu lehren ein Werk, das fromm und frei,

Die fleiß'ge Hand belohnend, der Armut Labung sei.

Sie, als sie stand früh morgens im kalten Kämmerlein,

Durch winterliche Scheiben umhaucht von Frührotschein,

Ihr dämmerdunkles Sinnen ward plötzlich auch zum Tag:

»Ich hab's, ich hab's gefunden, wenn Gott mir helfen mag!

Du blumiges Gewebe an dir, lieb Fensterlein,

Du bist der Hauch des Engels, der mir will gnädig sein!

Lehr' mich, gefrorner Odem, nachahmen dein Gewand --

Gewonnen sei den Bergen die Kunst vom Niederland!«

Und emsig, fromm und freudig regt Hand und Nadel sich.

Vergeblich mancher Anfang, umsonst wohl mancher Stich!

Doch endlich, fest und sicher, gelingt's dem treuen Fleiß.

Es ranken sich zu Blumen die Spitzen fein und weiß!

Und aus den Hütten jubelnd herbei kommt klein und groß.

Welch emsig Müh'n und Schaffen rings um der Mutter Schoß!

Herdflammen knistern fröhlich, die Müh lohnt fern und nah:

Das kam vom Segenswirken der edlen Barbara!

Zu Annaberg, im Kirchhof, leis' rauscht der Lindenbaum,

In schlanken Wipfeln flüstert's, wie sel'ger Geister Traum.

Treu dankbar netzt den Hügel der Armut Thränentau

Und preist des Erzgebirges verklärte Engelsfrau!

Richard v. Meerheimb.

~b.~ Das Spitzenklöppeln im Obererzgebirge.

Aus früherer Zeit wird uns über das Spitzenklöppeln im Erzgebirge

folgendes Bild von +Berthold Sigismund+ entworfen:

Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster

eifrige Klöpplerinnen. In der schönen Jahreszeit trifft man ganze

Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien.

Im Winter kommen die Klöppelmädchen abends zusammen und arbeiten

gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der

Klöpplerinnen ist allerdings nicht sonderlich anmutig, indem sie beim

Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugen.

Die gewandten Bewegungen der Hände aber lassen sich ebenso schwer

darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers.

Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleiche zum

Gebrauche der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Die Verwunderung über die

Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das

äußerst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient.

Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuß langen, mit Kattun

umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelsack oder Klöppelkissen,

das mit einer großen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der

Klöppel selbst ist ein 10 ~cm~ langes, zur Form eines Trommelstockes

gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne

Hülse von 4 cm Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte

Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man

um einige Pfennige. Das Köpfchen ziert eine Perle. Jede Klöpplerin

sucht ihren Stolz in einer bunten Mannigfaltigkeit der letzteren. Zu

schmalen Spitzen gehören 2--4, zu breiten wohl 100 Paare. Um die Mitte

des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchen das Muster

durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief,

geschlungen. Zunächst werden soviele Fäden, als das Muster erfordert,

auf ebensoviele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten

geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln,

welches im wesentlichen nicht anders ist, als eine kunstvolle Art zu

flechten. Die Arbeiterin faßt mit den Fingerspitzen bald der rechten,

bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung

derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu

einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch

bunte, glasköpfige Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten.

Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben

gebraucht wurden und bis auf weiteres entbehrlich sind, dadurch,

daß sie dieselben mit einer großen Aufstecknadel seitlich am Kissen

feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der

Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder

sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter

zu arbeiten. -- Es ist begreiflich, daß die Fertigkeit, mit welcher die

Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur

durch Übung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch

Kinder schon im vierten und fünften Lebensjahre zu klöppeln anfangen.

Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst außer den Familien

mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.

Nach Berthold Sigismund.

~c.~ Die Namen der Spitzenmuster.

Erbsgrund, Batzen, Wickelkind,

Töpfe, worin Blumen sind,

Rohrstuhl, Mücken, Steingeränder,

Wanzen und auch Schlangenbänder,

Auch Pantoffeln, Hirschgeweih,

Quärche, Schwanzbirn, Stickerei,

Hummeln, türkisch zahm gemacht,

Schneeball gar in schwarzer Pracht,

Himmelswägel, Stiefelknecht,

Maul vom Frosch -- ist auch nicht schlecht --,

Katzenbuckel, Kuchenschieber,

Wässerle, bald hell, bald trüber,

Hacke, um das Kraut zu reißen,

Kirchenfenster und Hufeisen

Derart nennen, die da schwitzen

An den Klöppeln, ihre Spitzen.

Nach ~Dr.~ Otto Krause.

~d.~ Maria im Erzgebirge.

Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter

das kärgliche tägliche Brot erwerben. Da wurde ihm einst von der

reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin,

der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein

reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe

pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher

Lohn werden; beim Gegenteile erwartet sie dagegen Spott und bitterer

Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit. Doch

als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes

erwehren, und sie wankte todmüde an das Bett der Mutter hin. Aber

wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele.

Die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Schein, und leise trat eine

holde Frau ein mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die

Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen, und

die Klöppel flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen

war, sodaß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet

dalag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand

bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum

es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug

es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin

und belohnte die Arbeit so reichlich, wie nie zuvor. In dem Kleide

jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der

strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.

Nach Bowitsch und ~Dr.~ Köhler.

~e.~ Die jetzigen Klöppelschulen.

In der Kreishauptmannschaft Zwickau bestehen 27 vom Staate

beaufsichtigte und unterstützte Spitzenklöppelschulen. Die Orte, in

denen sich die Schulen befinden, sind: Albernau, Aue, Bermsgrün,

Breitenbrunn, Crandorf, Elterlein, Grünhain, Hammerunterwiesenthal,

Haßlau (I und II), Hundshübel, Jöhstadt, Neustädtel, Oberwiesenthal,

Planitz (I und II), Pöhla, Rittersgrün (I, II und III), Rothenkirchen,

Schlema, Schneeberg, Schwarzenberg, Unterwiesenthal, Wilkau (Abteilung

~A~ und ~B~) und Zschorlau. Diese Schulen wurden im Jahre 1896 von

1303 Schülerinnen besucht. Der gesamte Arbeitsverdienst betrug

30177 M 48 Pf, durchschnittlich 23 M 16 Pf. Die gesamten Einnahmen

beliefen sich auf 22718 M 36 Pf und die Ausgaben auf 20717 M 51 Pf.

Als Staatsbeihilfen wurden 15580 M gewährt. Das Gesamtsparguthaben

der Klöppelschülerinnen bestand am Schlusse des Jahres 1896 in

29935 M 45 Pf. In der Kreishauptmannschaft Dresden besteht nur eine

Spitzenklöppelschule, nämlich in Brand bei Freiberg. Außerdem besteht

in Schneeberg die Königl. Spitzenklöppelmusterschule.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 116 / 209 题