53. Die Blaufarbenwerke.

~a.~ Besuch eines alten Blaufarbenwerkes.

Elfried von Taura schildert den Besuch eines Blaufarbenwerkes zu

seiner Zeit wie folgt. Bei den Gesamt-Blaufarbenwerken, dem Schlemaer

und beiden gewerkschaftlichen zu Pfannenstiel und dem Schindlerschen

zwischen Aue und Schwarzenberg, ist die Einrichtung getroffen gewesen,

daß kein Werk seine gefertigten Farben für sich verkaufte, sondern

solche in das gemeinschaftliche Lager nach Leipzig und Schneeberg

lieferte. Diese Bestimmung der gleichen Absendung der Farben besorgte

der in Schneeberg wohnende Kommunfaktor. Die Ablieferung geschieht

demnach von allen Werken zu gleichen Teilen, sodaß das Ganze als ein

⁵/₅ betrachtet wird, wovon das königliche als Doppelwerk ⅖ und das

Gesamt Privatwerk ⅗ abliefert. Die Werke haben das Recht, daß alle

Kobalte, die im Lande gefunden werden, an sie verkauft werden müssen,

und darum kommen in jedem Quartal Berg- und Blaufarbenwerk-Offizianten,

zu welchen letztern die Faktore und Farbenmeister gehören, nach

Schneeberg, um die Kobalte chemisch zu untersuchen und nach dem

ausgefallenen Werte den Gruben die Kobalte zu bezahlen. Alle

Kobalterze werden geröstet, gepocht, kalziniert und mit andern

Materialien verschmolzen, um die blauen Farben zu bereiten. Jedes

Farbenwerk hat seine nötigen Schürer oder Schmelzer, Gemengmacher,

Kalzinierer, Waschstübner, Farbereiber, Oxydmacher u. s. w., die alle

den gemeinschaftlichen Namen Farbearbeiter oder Farbebursche führen.

Ihre Erzeugnisse sind Smalte, Safflor, Zaffers, Ultramarin. Zum

Schmelzen des Kobaltglases dient ein besonders eingerichteter Ofen,

in welchen Häfen aus festem, gutem Thon hineingebracht, in welche das

Gemenge eingelegt wird, um dies eben darin zu Glas zu verschmelzen.

Das Kobaltoxyd giebt mit Säure Salze, welche rot gefärbt sind.

Die zur Herstellung der Farben nötigen Hauptmaterialien sind: die

Kobalterze, Pottasche, Quarz, Arseniksäure als Zuschlag. Die Kobalterze

sind entweder schon oxydiert oder müssen oxydiert werden. Dieselben

werden zuvörderst gesaigert und dann geröstet, was in besondern

Öfen geschieht; das geröstete Erz wird gesiebt und so zur weiteren

Verarbeitung aufbewahrt. Der Quarz wird »gebrannt« und dann »gepocht«.

Das Gemenge wird im Schmelzofen geschmolzen, was gewöhnlich 8 Stunden

dauert. Ist die Masse flüssig, so schöpft man das Glas mit eisernen

Löffeln und bringt es in einen daneben stehenden Trog mit Wasser zum

»Abschrecken«. Unter dem Glase befindet sich im Schmelzhafen die

leichter flüssige »Speise«, welche nicht »abgeschreckt«, sondern in

eisernen Eingüssen, in Form von Schüsseln, hart an dem Ofen eingesenkt,

aufgesammelt wird. Die abgeschreckten blanken Gläser werden aus dem

Troge genommen und unter Pochstempeln gepocht, dann gesiebt, auf Mühlen

mit Wasser vermahlen. Der so gewonnene Schlamm kommt in ein Waschfaß,

wo die Abscheidung der Farben durch Niederschlagen erfolgt. Die über

dem Niederschlage stehende Flüssigkeit wird in die »Eschelfässer«

abgezapft, in denen man den »Eschel« gewinnt. Die gewonnene Farbe

sowohl als der Eschel werden wiederholt von den Waschstübnern

verwaschen, bis alles rein ist. Das trübe Wasser, vom Verwaschen der

Eschel bläulichgrau aussehend, setzt zuletzt den schlechtesten Eschel

in den »Sumpf« ab, d. i. »Sumpfeschel«, der den Glasgemengen wieder

beigesetzt wird. Die Farben und Eschel werden getrocknet, sowohl in den

geheizten Trockenstuben als auch von der Luft in Trockenhäusern, dann

zerrieben und gesiebt.

Jedes Werk wird verwaltet vom Faktor, dem bei dem königlichen Werke

noch ein Chemiker, bei dem Privatwerke zu Pfannenstiel noch ein

technischer Faktor (zugleich mit für das Schindlersche Werk) beigegeben

ist. Die Farbenbereitung leiten die Blaufarbenmeister. Sämtliche

Blaufarbenwerker müssen beim Läuten des Hüttenglöckleins punkt 5 Uhr

im Werke eintreffen: zuerst wird gebetet und gesungen, um 6 Uhr ist

alles in voller Thätigkeit. Abends um 6 Uhr, nachdem wieder gebetet und

gesungen worden, wird Schicht gemacht. Die Arbeiter haben bei Paraden

ihre besondere Tracht, bestehend in einem weißen Leinwandbergkittel

mit blauem Steh- und Hängekragen, weißen Leinwandhosen, blauem Schurz,

schwarzem Schachthut, den die Sachsenkokarde ziert. Die Offizianten

haben nach ihrem Range ganz die Uniform wie die Bergoffizianten. Ihr

Gruß ist »Glück auf«, ihre Zeichen sind Krücke und Kratze. -- Jeder

Arbeiter beginnt seine Laufbahn als Taglöhner. Zeigt er sich als

Taglöhner brav und brauchbar, so wird er »wirklicher Arbeiter« und darf

nun als Auszeichnung die weiße Schürze bei der Arbeit tragen.

~b.~ Sage von der Erfindung der Blaufarbenbereitung.

Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich

sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber,

so oder Kobold nannte man das taube Erz, welches das Silberausbringen

erschwerte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn

aus Westfalen, landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach

Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie und Naturlehre wohlerfahrener

junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige

Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Annas, der Tochter des

Hüttenmeisters Rauh, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen

das Jawort ihres Vaters, sodaß die Hochzeit auf das nächste Bergfest

bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, drohte Schürers Unstern

alle seine Hoffnungen zu vernichten. Nämlich in seiner Forschgier war

er auf den Gedanken geraten, den vielverrufenen Kobold, den verhaßten

Silberräuber, durch chemische Zubereitungen zu etwas Nützlichem

umzugestalten. Er machte demnach insgeheim in einer Schmelzhütte in

Oberschlema vielfache Versuche, und trieb es damit oft die ganze Nacht

hindurch, so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchymisterei und

Schwarzkünstelei geriet. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich

bei seinem früheren Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde

und durch seine Kenntnisse und sein Ansehen Neider gemacht hatte,

mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer

gewesen sei und man seine Auslieferung forderte, gebot der

Bürgermeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte

mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Fron, ihn festzunehmen,

fand aber die äußere Thür verschlossen und meldete es dem Bergmeister.

Diesen, sowie den Hüttenmeister Rauh und einige Geschworne trieb

jetzt die Neugier, mitzugehen. Die Thür wurde aufgesprengt, und mit

freudefunkelnden Augen trat der gesuchte Verbrecher den Eintretenden

entgegen. Aber wie staunte er, als der Fron ihn griff und ihn einen

Zauberer, Dieb und Partierer schalt! »Männer,« rief er, schnell sich

fassend, mit fester Stimme, »Männer, prüfet, ehe Ihr entscheidet!

Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet

her! Seht, dies wollte ich gewinnen und, Gott sei Dank, endlich ist's

gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Somit

reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehles hin.

Die Bergherren staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er

solche schöne Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig

und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei.

Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach,

alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu

erweisen. Dies gelang auch dem wackern Manne bald, und Schürer erhielt

nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen

blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder nannte, zu großen

Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters

glücklicher Eidam!

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 113 / 209 题