~a.~ Besuch eines alten Blaufarbenwerkes.
Elfried von Taura schildert den Besuch eines Blaufarbenwerkes zu
seiner Zeit wie folgt. Bei den Gesamt-Blaufarbenwerken, dem Schlemaer
und beiden gewerkschaftlichen zu Pfannenstiel und dem Schindlerschen
zwischen Aue und Schwarzenberg, ist die Einrichtung getroffen gewesen,
daß kein Werk seine gefertigten Farben für sich verkaufte, sondern
solche in das gemeinschaftliche Lager nach Leipzig und Schneeberg
lieferte. Diese Bestimmung der gleichen Absendung der Farben besorgte
der in Schneeberg wohnende Kommunfaktor. Die Ablieferung geschieht
demnach von allen Werken zu gleichen Teilen, sodaß das Ganze als ein
⁵/₅ betrachtet wird, wovon das königliche als Doppelwerk ⅖ und das
Gesamt Privatwerk ⅗ abliefert. Die Werke haben das Recht, daß alle
Kobalte, die im Lande gefunden werden, an sie verkauft werden müssen,
und darum kommen in jedem Quartal Berg- und Blaufarbenwerk-Offizianten,
zu welchen letztern die Faktore und Farbenmeister gehören, nach
Schneeberg, um die Kobalte chemisch zu untersuchen und nach dem
ausgefallenen Werte den Gruben die Kobalte zu bezahlen. Alle
Kobalterze werden geröstet, gepocht, kalziniert und mit andern
Materialien verschmolzen, um die blauen Farben zu bereiten. Jedes
Farbenwerk hat seine nötigen Schürer oder Schmelzer, Gemengmacher,
Kalzinierer, Waschstübner, Farbereiber, Oxydmacher u. s. w., die alle
den gemeinschaftlichen Namen Farbearbeiter oder Farbebursche führen.
Ihre Erzeugnisse sind Smalte, Safflor, Zaffers, Ultramarin. Zum
Schmelzen des Kobaltglases dient ein besonders eingerichteter Ofen,
in welchen Häfen aus festem, gutem Thon hineingebracht, in welche das
Gemenge eingelegt wird, um dies eben darin zu Glas zu verschmelzen.
Das Kobaltoxyd giebt mit Säure Salze, welche rot gefärbt sind.
Die zur Herstellung der Farben nötigen Hauptmaterialien sind: die
Kobalterze, Pottasche, Quarz, Arseniksäure als Zuschlag. Die Kobalterze
sind entweder schon oxydiert oder müssen oxydiert werden. Dieselben
werden zuvörderst gesaigert und dann geröstet, was in besondern
Öfen geschieht; das geröstete Erz wird gesiebt und so zur weiteren
Verarbeitung aufbewahrt. Der Quarz wird »gebrannt« und dann »gepocht«.
Das Gemenge wird im Schmelzofen geschmolzen, was gewöhnlich 8 Stunden
dauert. Ist die Masse flüssig, so schöpft man das Glas mit eisernen
Löffeln und bringt es in einen daneben stehenden Trog mit Wasser zum
»Abschrecken«. Unter dem Glase befindet sich im Schmelzhafen die
leichter flüssige »Speise«, welche nicht »abgeschreckt«, sondern in
eisernen Eingüssen, in Form von Schüsseln, hart an dem Ofen eingesenkt,
aufgesammelt wird. Die abgeschreckten blanken Gläser werden aus dem
Troge genommen und unter Pochstempeln gepocht, dann gesiebt, auf Mühlen
mit Wasser vermahlen. Der so gewonnene Schlamm kommt in ein Waschfaß,
wo die Abscheidung der Farben durch Niederschlagen erfolgt. Die über
dem Niederschlage stehende Flüssigkeit wird in die »Eschelfässer«
abgezapft, in denen man den »Eschel« gewinnt. Die gewonnene Farbe
sowohl als der Eschel werden wiederholt von den Waschstübnern
verwaschen, bis alles rein ist. Das trübe Wasser, vom Verwaschen der
Eschel bläulichgrau aussehend, setzt zuletzt den schlechtesten Eschel
in den »Sumpf« ab, d. i. »Sumpfeschel«, der den Glasgemengen wieder
beigesetzt wird. Die Farben und Eschel werden getrocknet, sowohl in den
geheizten Trockenstuben als auch von der Luft in Trockenhäusern, dann
zerrieben und gesiebt.
Jedes Werk wird verwaltet vom Faktor, dem bei dem königlichen Werke
noch ein Chemiker, bei dem Privatwerke zu Pfannenstiel noch ein
technischer Faktor (zugleich mit für das Schindlersche Werk) beigegeben
ist. Die Farbenbereitung leiten die Blaufarbenmeister. Sämtliche
Blaufarbenwerker müssen beim Läuten des Hüttenglöckleins punkt 5 Uhr
im Werke eintreffen: zuerst wird gebetet und gesungen, um 6 Uhr ist
alles in voller Thätigkeit. Abends um 6 Uhr, nachdem wieder gebetet und
gesungen worden, wird Schicht gemacht. Die Arbeiter haben bei Paraden
ihre besondere Tracht, bestehend in einem weißen Leinwandbergkittel
mit blauem Steh- und Hängekragen, weißen Leinwandhosen, blauem Schurz,
schwarzem Schachthut, den die Sachsenkokarde ziert. Die Offizianten
haben nach ihrem Range ganz die Uniform wie die Bergoffizianten. Ihr
Gruß ist »Glück auf«, ihre Zeichen sind Krücke und Kratze. -- Jeder
Arbeiter beginnt seine Laufbahn als Taglöhner. Zeigt er sich als
Taglöhner brav und brauchbar, so wird er »wirklicher Arbeiter« und darf
nun als Auszeichnung die weiße Schürze bei der Arbeit tragen.
~b.~ Sage von der Erfindung der Blaufarbenbereitung.
Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich
sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber,
so oder Kobold nannte man das taube Erz, welches das Silberausbringen
erschwerte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn
aus Westfalen, landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach
Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie und Naturlehre wohlerfahrener
junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige
Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Annas, der Tochter des
Hüttenmeisters Rauh, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen
das Jawort ihres Vaters, sodaß die Hochzeit auf das nächste Bergfest
bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, drohte Schürers Unstern
alle seine Hoffnungen zu vernichten. Nämlich in seiner Forschgier war
er auf den Gedanken geraten, den vielverrufenen Kobold, den verhaßten
Silberräuber, durch chemische Zubereitungen zu etwas Nützlichem
umzugestalten. Er machte demnach insgeheim in einer Schmelzhütte in
Oberschlema vielfache Versuche, und trieb es damit oft die ganze Nacht
hindurch, so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchymisterei und
Schwarzkünstelei geriet. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich
bei seinem früheren Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde
und durch seine Kenntnisse und sein Ansehen Neider gemacht hatte,
mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer
gewesen sei und man seine Auslieferung forderte, gebot der
Bürgermeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte
mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Fron, ihn festzunehmen,
fand aber die äußere Thür verschlossen und meldete es dem Bergmeister.
Diesen, sowie den Hüttenmeister Rauh und einige Geschworne trieb
jetzt die Neugier, mitzugehen. Die Thür wurde aufgesprengt, und mit
freudefunkelnden Augen trat der gesuchte Verbrecher den Eintretenden
entgegen. Aber wie staunte er, als der Fron ihn griff und ihn einen
Zauberer, Dieb und Partierer schalt! »Männer,« rief er, schnell sich
fassend, mit fester Stimme, »Männer, prüfet, ehe Ihr entscheidet!
Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet
her! Seht, dies wollte ich gewinnen und, Gott sei Dank, endlich ist's
gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Somit
reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehles hin.
Die Bergherren staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er
solche schöne Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig
und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei.
Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach,
alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu
erweisen. Dies gelang auch dem wackern Manne bald, und Schürer erhielt
nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen
blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder nannte, zu großen
Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters
glücklicher Eidam!