Im Herbste 1640 mußte eine Beerdigung bis Sonntag Estomihi, also
Ende Februar, 1641 verschoben werden. Als am 18. Januar 1640 Georg
Ottens 84jährige Witwe begraben wurde, lief, nachdem die Einleitung
der Predigt vorüber war und soeben zur Erklärung geschritten werden
sollte, die Nachricht ein, es seien +Banersche+ Reiter mit etlichem
Vieh in der Nähe. Alle eilen aus der Kirche. Man bringt schnell den
Leichnam ins Ruhekämmerlein. Die Predigt ist nachher am Sonntage
Estomihi gehalten worden. Am 24. Januar ist ein 74jähriger Greis von
Cranzahl von den Soldaten des +Schwedengenerals Königsmarck+, die
hier, in Crottendorf, Neudorf, Weipert, der Sehma und diesem Gebirge
herum drei Tage und Nächte in Quartier gelegen, im Walde ertappt und
so mißhandelt worden, daß er am 30. desselben Monats starb und am 1.
Februar in des Pfarrers Abwesenheit, der sich verborgen halten mußte,
zugleich mit noch einem 78jährigen Manne mit Sang und Klang beerdigt
ward. Beiden ist am Sonntage Invocavit die Predigt gehalten worden.
Den 28. Februar fielen gegen Sonnenuntergang etliche +Banersche+
Reiter so plötzlich ein, daß die meisten es nicht gewahr wurden, bis
schon das Pfarrvieh auf den Platz bei der Brücke getrieben war. Daher
war niemand entwichen und weder Kuh noch Pferd, noch Samengetreide in
Wälder geborgen. Als nun diese Reiter fast alle Ställe geplündert,
kamen sie auch zu +Kaspar Schmiedel+, der sich seine zwei Pferde und
Kühe nicht nehmen lassen wollte, aber von ihnen mit einem Hammer so auf
den Arm geschlagen wurde, daß er ihn wenig mehr würde haben gebrauchen
können; sie hätten ihn auch erschossen, wenn das Gewehr nicht versagt
hätte. Als nun diese Horden das Vieh zusammengeraubt hatten, trieben
sie es nach Preßnitz zu. Um es auszulösen, liefen viele bis nach
Preßnitz nach. Da aber die Reiter weiterziehen und die Nacht anbricht,
bleiben sie dort. Nur Kaspar Schmiedel und Jakob Gruner laufen bis
nach Brunnersdorf. Da haben sich aber etliche böhmische Bauern in einem
Verstecke zusammengerottet und schießen auf die Reiter. Ein Trupp eilt
auf die Seite, zu erspähen, woher die Schüsse fallen, und wird unserer
Ortskinder gewahr. Sie eilen auf sie zu und fragen, wo sie das Rohr
hätten? Als sie sich aber entschuldigen, sie hätten nicht geschossen,
sondern wollten das Vieh von ihnen einlösen, glaubten es die Reiter
nicht, und flugs schießt einer auf Schmiedel, der, ins Herz getroffen,
tot niedersinkt. Auf Gruner aber, den Sohn des 1634 erschossenen Martin
Gruner, schoß ein zweiter Reiter, fehlte ihn jedoch; aber der Reiter
stieg vom Pferde, schlug ihn auf den rechten Arm, daß derselbe fast
herunter war, und stach ihn dermaßen in die Seite, daß er auch starb.
Sie blieben am Wege liegen. Geschehen war's nachts zwischen 12 und
1 Uhr. Am Morgen, einem Sonnabende, wurden sie von den in Preßnitz
Zurückgebliebenen gefunden, auf einen Schlitten aufgebahrt und am
Sonntag Reminiscere früh nach Hause gebracht. Welch Reminiscere!
Montag, den 2. März, hat man sie christlich und ehrlich vor überaus
großem Zudrange Einheimischer und Auswärtiger mit Predigt bestattet.
Schmiedel war 33, Gruner 30 Jahre alt.
Nach ~P.~ Schultze.
~o.~ Wie General Wrangel nach Schlettau kommt.
Am 23. Februar 1646 lief der Waffenstillstand zwischen Kursachsen und
den Schweden zu Ende. Da kam +General Wrangel+ mit 20 Regimentern über
den Preßnitzer Paß und hatte das Hauptlager in +Schlettau+ bezogen. Der
linke Flügel lag im Felde und im Grunde bei den Teichen. Da standen
viele Oberste zu Roß und Fuß bei einem frischen Brünnlein, zogen ihre
silbernen und vergoldeten Becher heraus, schöpften Wasser, löschten
den Durst auf das Annaberger Bier. Sie lobten dabei das gute, gesunde
Wasser viel höher als Bier. Der Brunnen heißt der süße Kühl- und
Löschbrunnen.
An der Straße, die von Schlettau nach Scheibenberg führt, stand früher
ein altes, stark verwittertes Steinkreuz. Dasselbe soll die Stelle
bezeichnen, an welcher im Dreißigjährigen Kriege ein schwedischer
Offizier begraben wurde.
Nach ~Dr.~ Köhler.
~p.~ Wie die Bewohner des Gebirges als Flüchtlinge leben.
Im Jahre 1620 waren 250 Menschen in einem Stollen am Wolfssteine bei
+Cranzahl+ verborgen. Die Wohnungen, die man während des Krieges in den
Wäldern aufschlug, konnten nur ganz dürftige sein und boten daher wenig
Schutz gegen die Witterung. Häufig benutzte man auch gleich natürliche
Tannenzelte, wie man sie von ästereichen oder ineinander verwachsenen
Bäumen gebildet fand. Wenn nun ein Sturmwind kam mit Sausen und Brausen
und mächtige Stämme rings um die Geflüchteten zu Boden geschlagen
wurden, da mußten die Flüchtigen jeden Augenblick darauf gefaßt sein,
von den stürzenden Bäumen zerschmettert zu werden. Am 14. Oktober
1630 wütete ein furchtbarer Sturm. Da erwies der gütige Gott seinen
allgewaltigen Schutz an flüchtigen Gebirgern. 21 Personen hatten ihre
Hütten unter eine dicke Tanne gebaut. Sie fielen unter dem Heulen
des Sturmes auf ihre Knie und beteten. Um 9 Uhr warf der Wind eine
zweiklafterige Tanne auf ihr Obdach. Diese blieb aber eine Elle hoch
über ihrer Hütte am Baume lehnen, und die andächtigen Flüchtlinge kamen
alle mit dem Leben davon.
Das Elend der in die Wälder Geflüchteten war, wenn größere feindliche
Scharen ihren Aufenthalt ausgespürt hatten, überaus schrecklich. Im
Walde wurden Betstunden und Predigten von den Priestern gehalten,
auf Baumstümpfen die unter so traurigen Umständen geborenen Kinder
getauft; sogar Eheschließungen fanden statt. 1639 ist am 8. April im
Walde bei +Cranzahl+, wo sich auch Wölfe und Bären so mehrten, daß sie
in Rudeln von 10 bis 20 den Soldaten nachliefen, um die Überreste vom
geschlachteten Vieh zu verschlingen, in dieser rauhen Jahreszeit ein
Kind getauft worden. Ähnliches wird auch von andern Gegenden berichtet.
Als die Bewohner von +Rabenau+ in die nahen Waldungen flüchteten,
hielten sie auch Gottesdienste im Freien ab. Es heißt der Felsen, von
dem herab die Pfarrer predigten, noch jetzt der +Predigtstuhl+ oder
die Kanzel. Im Gebirge hörte alle Gerechtigkeit, Andacht auf, und
aller Gottesdienst verfiel. In +Scheibenberg+ ist in 10 Wochen keine
Beichte gewesen. Auch sind wenig Predigten verrichtet worden wegen der
Unsicherheit vor den Feinden. Alles Volk hatte sich verlaufen.
Ebenso wurde für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt, so gut es ging.
Wie als Taufsteine, so mußten die Baumstöcke auch als Verkaufstische
für Fleischer und Brotträger dienen. Der Markt mit den Nahrungsmitteln
fand also im Walde statt.
Der Scheibenberger Pfarrer +Chr. Lehmann+ erzählt sehr eingehend von
den Drangsalen des Krieges. Er sagt unter anderem: »Ich habe mit meinen
Augen gesehen, daß im Jahre 1640, da die Schweden die +Gottesgaber
Wälder+ plünderten, einem vermögenden Handelsmanne nachjagten. Der ist
in einen stehenden, hohlen Baum gekrochen. Sein Weib hat die Öffnung
mit Moos artig verdeckt, damit er sicher bliebe. Mein Priesterrock
ist sechs Wochen lang in einem hohlen Baume gesteckt. Um +Steinbach+
und +Wolkenstein+ wachsen viele Eschen, daraus Lanzenschäfte zur
Kriegsrüstung acht und mehr Ellen lang gemacht wurden. Im Jahre 1633
fand der kaiserliche +Oberst Brandstein+ in +Preßnitz+ viel gesottenes
Harz. Er ließ daraus viel Pechkränze machen und damit den +Annabergern+
alle ihre Güter am +Bärensteine+ wegbrennen.«
Eine halbe Meile über +Satzungen+ an einem wilden, mit Kiefern
bewachsenen rauhen Ort ist ins Gevierte 30 Schritt breit und lang ein
Pfuhl mit rotem Moos bewachsen. Niemand soll sich früher gern allein an
diesen Ort gewagt haben. Im dreißigjährigen Kriege sind aber die Leute
auch dorthin geflohen, um sicher vor den Feinden zu sein. Doch haben
sie daselbst von den Gespenstern des Sees manche Anfechtung erdulden
müssen.
Nach Chr. Lehmann.
~q.~ Wie die Landwirtschaft darniederliegt.
Während des Dreißigjährigen Krieges unterblieb das Bestellen der Felder
oft gänzlich. Man warf den Samen gleich auf die Stoppeln aus und mußte
ihn dort aus Furcht vor umherstreifenden feindlichen Abteilungen oft
vier bis fünf Wochen lang uneingeeggt liegen lassen. Höchstens wagte
man sich bei Nacht einmal an die Arbeit; dann spannten sich Männer und
Weiber an die Eggen. Mit dem Vieh lagen sie am Tage im Walde. Häufig
aber ersparten ihnen das Eggen, freilich auch das Einernten, die wilden
Schweine, welche nachts in Haufen kamen und den Samen »aufleckten«.
Zum Schutze gegen sie wurden die Zäune anderthalb Ellen hoch, fest und
dicht gemacht; aber es half doch nichts. Brachen die Tiere einmal im
Herbste in einen Acker ein, so verdarben sie in einer einzigen Nacht
ein großes Stück.
Nach Chr. Lehmann.
~r.~ Die letzte Schlacht auf sächsischem Gebiete.
Für Sachsen endigte im allgemeinen 1645 mit dem +Waffenstillstande+
zu +Kötzschenbroda+ die persönliche Gefahr der Einwohner, sowie Raub
und Brand. Dagegen sah das sächsische Hochland noch an mehreren Orten
die früheren Greuel erneuert, indem die Schweden, die in Böhmen
hausten, die Flüchtlinge oft bis nach Sachsen verfolgten. +Annaberg+,
das mit seiner Umgebung seit 1632 fort und fort alljährlich teils von
kaiserlichen, teils von schwedischen Heerhaufen vielfach gelitten,
hatte in dieser ganzen Zeit des Waffenstillstandes eine sächsische
Besatzung. Eine Abteilung derselben traf am 15. Januar 1648 auf eine
kaiserliche Streifhorde bei dem Städtchen +Thum+, wo sofort ein
hitziges Reitergefecht entstand, weil man vergeblich die Kaiserlichen
für Schweden hielt. Die Leichen der Gefallenen blieben längere Zeit
liegen und davon heißt noch heute der Wiesengrund zwischen Thum und
Herold »+Das Elend+«. Dies war der letzte Kampf des Dreißigjährigen
Krieges auf sächsischem Boden. Zum Andenken daran hat man an der Straße
von +Thum+ nach +Ehrenfriedersdorf+ im Jahre 1848 eine Spitzsäule mit
Inschrift errichtet.
Nach ~Dr.~ Spieß.
~s.~ Wie es nach dem Kriege im Gebirge aussah.
Wie es am Ende des Krieges in Sachsen und fast in jedem Orte
desselben aussah, schildert ein Zeitgenosse jenes Elends in folgender
ergreifenden Weise: »Ihr wisset, wie über Euch fliegende Drachen,
zerreißende Bären und Löwen gekommen sind, die Eure Städte ausgebrannt,
Eure Ernten, Ochsen und Schafe vor Euren Augen verzehrt, viele Tausende
Bürger und Bauern zu Tode gemartert und so barbarisch gehaust haben,
daß aller Menschen Sinne es nicht begreifen können. Wie jämmerlich
stehen Eure Städte und Flecken; da liegen sie verbrannt, zerstört, daß
weder Dach, Gesperr, Thüren oder Fenster zu sehen sind. Man wandert
oft zehn Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh, nicht
einen Sperling. In allen Dörfern sind die Häuser voller Leichname,
Mann, Weib, Kinder, Gesinde, Pferde, Schweine, Kühe und Ochsen, neben
und unter einander von Pest und Hunger erwürgt, voller Maden und Würmer
und von Wölfen, Hunden und Krähen zerfressen, weil niemand ist, der
sie begraben hat. Ihr wisset, wie Lebendige sich unter einander in
Kellern und Winkeln zerrissen, totgeschlagen und gegessen haben; daß
Eltern ihre toten Kinder, und Kinder ihre toten Eltern gegessen, daß
viele um einen toten Hund oder eine Katze gebettelt und das Aas aus den
Schindergruben genommen und verzehret haben.«
Zehn Jahre nach Beendigung des Krieges schrieb der Rat der Stadt
+Buchholz+: »Dieses offene Städtlein ist bei dem verderblichen
Kriegswesen durch vielfältige Einfälle, Ausplünderung, Durchzüge,
Einquartierung, hohe und schwere Kriegskosten und Auflagen gänzlich
verderbt und ruiniert worden, also, daß öfters in keinem Hause ein
Schloß, Band, Fenster, Ofen und anderer Hausrat gelassen, sondern alles
weggenommen, eingeschlagen und verbrannt, ja auch eine große Anzahl
Häuser und öffentliche Gebäude ganz und gar verwüstet und eingerissen
worden, sodaß sie noch jetzt öde und wüste liegen.«
Auch sind im Dreißigjährigen Kriege im Erzgebirge manche Orte von Grund
aus zerstört worden und als +wüste Marken+ liegen geblieben. Westlich
vom Morgenberge bei +Neudorf+ an der Sehma kamen die Waldarbeiter
nach einem Orte im Walde, wo früher ein Dorf mit Namen +Eibendorf+
gestanden hat, das in jener Zeit zerstört worden sein soll. Ein nach
+Frankenstein+ gepfarrtes Dorf +Ailitz+ soll vor dem Kriege zwischen
Frankenstein, Memmendorf und Hartha gestanden haben. Ebenso bezeichnet
man unterhalb Wingendorf eine Stelle am Kemnitzbache als diejenige,
wo das Dorf +Kuhren+ zerstört worden ist. Zwischen dem Städtchen
+Bärenstein+ und den Dörfern +Falkenhain+ und +Jahnsbach+ lag einst das
Dorf +Greifenbach+. Ebenso liegt zwischen Bärenstein und Börnichen die
Wüstung des Dorfes +Elend+.
Nach dem Dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern, wie
anderwärts so auch in +Scharfenstein+ Räuber und Wildschützen umher,
welche entlassene Söldlinge waren, denen das wüste Leben nun Gewohnheit
war. Ein +Herr von Einsiedel+, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß,
den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von
ihnen zu säubern. Es gelang ihm endlich, zwei derselben gefangen zu
nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That
ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr hatte einen
starken, lebenden Hirsch einfangen lassen. Die Diebe sollten auf ihn
gebunden werden. Das war einem zehnfachen Tode gleich zu achten. Man
hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere
ihre schreckliche Last zerfleischt und doch noch lebend mit sich
herumschleppten. Die Missethäter flehten da inständig um Gnade. Die
soll ihnen gewährt worden sein, weil sie versprochen haben, in drei
Tagen und Nächten einen Stollen durch die Felsenrippe am Fuße des
Schloßberges zu treiben, damit das Zschopauwasser mit viel Fall eine
Mühle treiben könne.
Nach Holzhaus, ~Dr.~ Spieß und ~Dr.~ Köhler.