40. Die Hussitenkämpfe im Erzgebirge unter Friedrich dem Streitbaren.

~a.~ Der Ausbruch des Krieges.

Der Kampf gegen die Hussiten, dessen Last +Kaiser Sigismund+ auf

+Kurfürst Friedrich+ hauptsächlich abgewälzt hatte, begann nicht

glücklich. 1425 erlitten die Meißner unter großen Verlusten eine

Niederlage, sodaß »das Geschrei kam, wie die Hussiten willens wären,

ins Meißner Land einzufallen. Darüber erhub sich ein großer Schrecken.

Allenthalben wurde man rege, besserte Thore und Mauern aus, baute

Schläge und Brustwehren.«

Die zweite große Niederlage des Kurfürsten bei +Außig+ 1426 vermehrte

die allgemeinen Besorgnisse. Nach der von Kurfürst Friedrich

aufgegebenen Belagerung von +Mieß+, wo auf dem Rückzuge an zehntausend

Mann erschlagen worden sein sollen, drangen 1429 die Hussiten über

das Gebirge in das Meißner Land. ~M.~ +Chr. Lehmann+ berichtet, die

Hussiten seien durch den Komotauer Paß und den Kriegwald nach Zöblitz

und durch den Satzunger Paß und den Kriegwald an die Preßnitz gekommen.

Sie haben Lößnitz angegriffen; ob aber dieses der hussitischen

Tyrannei sich erwehrt, habe er nicht erfahren. Dagegen seien ringsum

die Dörfer verwüstet worden. Stadt und Kloster Grünhain, Klösterlein,

Aue, Schwarzenberg am Peler Passe sei ganz eingeäschert, seine drei

Ellen dicke Stadtmauer abgebrochen, Crottendorf ganz ausgeplündert,

Kraxdorf zerstört und als Neudorf wieder aufgebaut, Zwönitz verwüstet,

Burgstädtel, Elterlein, Schlettau, Sehma, Cranzahl, die Waldhäuser am

Bärensteine, in der Gegend des späteren Annaberg einige Dörfer, von

der Schmalzgrube an bis Preßnitz 26 Hammerhütten zerstört, Flecken und

Dörfer ringsum verwüstet, alles mit Brand, Zerstörung, Raub und Mord

heimgesucht worden. Nur Zschopau und Scharfenstein haben sie nicht viel

anhaben können.

Nach Chr. Lehmann.

~b.~ Schrecknisse im Obererzgebirge während des Krieges.

1. Die Schrecknisse, welche die Züge der Hussiten mit sich brachten,

leben noch vielfach in unserer Gegend in der Überlieferung fort, und

die Sage hat manches dichtend hinzugefügt. So hat man die Begebenheiten

in der Schlacht bei Außig auch in die Gegend von Preßnitz verlegt.

Im Osten von +Jöhstadt+ verbreitet sich über steiles und hohes Gebirge

zwischen dem Schwarzwasser und der Preßnitz der Kriegwald, dessen Name

nicht ohne Wahrscheinlichkeit auf ein den Hussiten geliefertes, doch

für Sachsen unglücklich ausgefallenes Treffen bezogen wird. Man hat

ganze Haufen von Totengebeinen gefunden, die mit Moos so verwachsen

waren, daß sie gleichsam wie Stücke alter Mauern erschienen. Ferner

fand man daselbst viele Hufeisen, Pfeilspitzen, Hacken u. s. w. Das

»rote Wässerchen« an der böhmischen Landstraße wurde nach der Volkssage

von dem Blute benannt, das in jener Schlacht darin floß.

Wie die Hussiten sich Meister im Felde sahen, rüsteten sie sich

1426, um die entfremdeten Städte wieder zu erobern. Die Kurfürstin

von Sachsen ließ, inzwischen ihr Gemahl, der Kurfürst Friedrich, in

Ungarn war, bei Freiberg ein großes Heer sammeln, und als dasselbe

über den Wald kam, fand man bei dem Dorfe Preslitz (Preßnitz) den

Feind wohlgerüstet ihrer warten. Die Böhmen deckten sich mit ihren

Schilden und hatten ihr Lager mit einer Burg von 500 Wagen mit Ketten

umschlossen, führten auch lange Haken, mit denen sie die Reiter von

den Pferden zogen. Wiewohl nun die Sächsischen sie tapfer angriffen,

ihnen die Schilde mit Hellebarden vom Leibe zogen und lange fochten,

mußten sie doch endlich, von der Hitze noch mehr ermüdet und vom

Staube geblendet, die Flucht ergreifen. Der Graf von Gleichen und

sein Leutnant, der Graf von Thun, wurden mit 9000 Mann erschlagen,

darunter noch 12 Grafen, 4 Freiherren, viel Ritter und Edle, 21 derer

von Köckeritz und einer von Schönborn mit 5 Söhnen, da der sechste

daheim in der Wiege lag. Konrad von Einsiedel ward gefangen, kam in die

Türkei, ward nach 30 Jahren vor Belgrad wieder gefunden und daheim von

den Seinen fast nicht wieder erkannt. Es ward nachmals eine Kapelle

gebaut an einem Bächlein, das mit dem Blute der Erschlagenen soll

geflossen sein.

2. An die schreckliche Zeit der Hussiten erinnert uns auch die

Erzählung von dem +Mönchsgesichte an der Schlettauer Kirche+. Der

Pater Benno rettete vor dem mit Unheil drohenden Zuge der Hussiten ein

silbernes Kruzifix, das noch allein auf dem Altar stehen geblieben war,

indem er es um Mitternacht in die Kirchmauer vergrub; denn Altäre,

Bilder und ander heilig Gerät zerstörten die Horden. Am andern Morgen

wurde der Pater von den wilden Ketzern erschlagen. Dies träumte einem

Priester, welcher die Stelle dem Küster offenbarte, der aber Diebstahl

verübte und nun zur Strafe in der Mauer zu sehen ist. In einer

Mauernische der Elterleiner Kirche steht ein Kästchen, welches drei

Hussitenpfeile enthält.

3. Ebenso erinnern an die Züge der Hussiten das +Kreuz und der Kelch+

in der Mitte der etwa 60 ~m~ hohen, steilen Felsenwand, welche sich

an der Zschopau erhebt und das Schloß +Wolkenstein+ trägt. Die beiden

Wahrzeichen sind in Stein gehauen und sollen nach dem Volksmunde daran

erinnern, daß im Jahre 1428 die Hussiten einen katholischen Priester

töteten. Sie bedrohten ihn mit dem Tode. Er wollte aber gleichwohl

seinen Glauben nicht abschwören. Da schleppten sie ihn an den Rand der

steilen Felswand und stießen ihn dort hinab, von wo er in die Zschopau

zerschmettert stürzte.

4. Als im Sommer 1427 ein starker Haufe Hussiten über +Olbernhau+

und +Sayda+ durch das Gebirge herunter nach +Oederan+ zog, galt es

besonders dem Ottomar von Schönberg, welcher den Hussiten aus der

Gefangenschaft entwichen war und nun in seinem Schlosse Reinsberg

wohnte. Täglich wurde jetzt dieses Schloß drei Wochen lang von den

Hussiten gestürmt. Da rettete den geängstigten Schönberg sein Knappe

durch einen unterirdischen Gang, der sich in einem Busche vor dem

Schlosse öffnete. Diese Stelle soll noch heute mit einem Denksteine,

auf dem ein Kreuz eingehauen ist, bezeichnet sein. Ein bereit

gehaltenes Roß trug den Ritter in der dunklen Nacht durch den Forst auf

die nahe Straße nach Freiberg. Hier setzten ihm die wachsamen Hussiten

nach, und hart vor Freiberg hatten sie den fast zum Tode Gehetzten

beinahe eingeholt. Der Turmwächter auf dem Meißner Thore gewahrte in

der Morgendämmerung diese Menschenjagd. Er öffnete dem nahenden Ritter,

welcher ihm sein weißes Tuch entgegenschwang, einen Thorflügel, den er

vor den heransprengenden Hussiten schnell wieder zuschlug. Innerhalb

des Thores aber verließen den Ritter die Kräfte. Auf der Meißner Gasse

stürzte er mit dem Pferde und wurde tot in das nächste Haus getragen.

Auch diese Stelle ward mit einem Steine, den man später an die

Stadtmauer gelehnt hat, zum traurigen Andenken bezeichnet.

5. 1429 zog +Prokopius+ mit 300 der edelsten Hussiten aus der Lausitz

nach Basel zu einem Friedensversuche. Unangefochten zog dabei der

Furchtbare, vor dem die Kinder auf der Gasse davonliefen, über

Dresden und Freiberg durch Oederan. Einer von seinem Gefolge, Bodowin

von Horomirz wird er genannt, kam zwei Tage nachher ganz allein

durch Oederan. Da wurde er sogleich von den Oederanern ergriffen,

hinaus an das Weichbild an der Nossener Straße geschleppt, lebendig

gespießt und ihm ein silberner Helm oben auf den Pfahl genagelt, an

dem der Unglückliche verblutete. Weithin schimmerte in der Sonne diese

Silberkappe, an der sich niemand zu vergreifen wagte. Erst zur Zeit

der Reformation verschwand sie zugleich mit dem daneben errichteten

Heiligenbilde.

6. Zur Zeit der Hussitenkriege zogen die Scharen des gefürchteten

+Ziska+, nachdem sie die Stadt Komotau in Asche gelegt hatten,

auch auf die Stadt +Görkau+ und das Schloß +Rotenhaus+ los, um

unter den dortigen katholischen Bewohnern ebenfalls mit Blut und

Mord aufzuräumen. Es war am Schutzengelfeste, als sie durch einen

äußerst dichten Nebel auf ihrem Zuge dahin aufgehalten wurden und

sich erst dann wieder in Bewegung setzten, als sie ein aus der Ferne

herschallendes Hahnengeschrei vernahmen, welchem sie irre führte. Sie

gelangten in die Gegend östlich von der Stadt und kehrten nicht zurück.

Zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung ließen die Bewohner von

Görkau ein Kreuz anfertigen und auf dem Friedhofe aufstellen. Jetzt

steht es an der Straße von Udwitz nach Görkau und bei ihm eine Linde.

7. Auf dem Schlosse +Hartenberg+ lebte im Hussitenkriege eine

schöne, achtzehnjährige Jungfrau. Der mutterlosen Waise entriß auch

das Schwert eines wütenden Hussiten den Vater. Der noch vorhandene

Anverwandte, Jodok von Pichlberg, war eifriger Kelchdiener und wollte

sie, als sie ihn um Schutz anflehte, zum Übertritt bewegen. Sie

wollte die Lehren ihrer Mutter nicht abschwören und vertraute Gott,

dem Beschützer ihres Glaubens. Sie versah die Burg mit Lebensmitteln,

ließ Mauern, Streittürme und Befestigungen ausbessern und Schießpulver

herbeischaffen. -- In einer finstern Nacht rötete sich der Himmel

von mächtigen Feuersäulen, die aus den benachbarten, von den

Hussiten in Brand gesteckten Dörfern emporstiegen. Bald begehrte ein

Hussitenschwarm mit drohend grimmigen Worten Einlaß und Übergabe. Auf

die Verweigerung aber schrien hundert Stimmen schimpfend nach Sturm,

Pfeilen und Pechkränzen. Zdenka von Hartenberg ließ die Feuerschlünde

donnern; Steinregen fiel auf die Stürmenden; heißes Pech troff auf

sie herab. Da wiederholter Sturm nichts nützte, sollte die Burg

ausgehungert werden. Bald trat Nahrungsmangel ein; denn das verzagte

Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite ausgesteckte Notfahne

herbeirufen sollte, hatte die Gegend verlassen. In höchster Not ging

die Jungfrau in die Burgkapelle und stärkte sich im Gebete. Das letzte

Rehviertel wurde vors Thor geworfen, und durch Hornrufe wurden die

Belagerer ins Schloß gelockt. Man wollte bei freiem Abzuge die Burg

ergeben. Als die Brücke niederrasselte, zogen sechzehn alte, bleiche

Männer mit der alten Wärterin ab, und der Hussitenführer stürzte herein

mit seinen Horden. An einer Halle blieben sie stehen; denn in einem

Gemache stand Zdenka in bräutlichem Schmucke mit lodernder Fackel neben

einem Pulverfasse. Sie wollte die Burg in die Luft sprengen, um nicht

den Feinden in die Hände zu fallen. Da wälzte sich ein brausendes

Getöse gegen die Burg heran. Ein Haufen bewaffneten Landvolkes eilte

zum Entsatze herbei und überwältigte die Feinde. Gott dankend, sank

Zdenka auf die Knie.

8. In einem Gange des ehemaligen Benediktinerklosters zu Chemnitz

befand sich ein hölzernes +Christusbild+ mit einem krummen oder

schiefen Munde. Da nun die Hussiten in das Kloster einfielen und alles

darin verwüsteten, soll einer von ihnen das Bild verspottet haben. Von

Stund' an hatte derselbe nun einen solchen Mund und ist stumm geworden.

Nach Chr. Lehmann, ~Dr.~ Spieß, ~Dr.~ Köhler.

~c.~ Wüste Marken im Obererzgebirge aus der Zeit der Hussitenkriege.

1. Mancher Ort ist durch die Hussiten zerstört worden, und nur noch

wüste Marken erinnern an sein einstiges Vorhandensein. Wo jetzt das

Dorf +Waschleite+ bei +Schwarzenberg+ liegt, hat ehedem das Dorf

Gleßberg am Fuße des Gleßberges oder des Schatzensteines gestanden.

Es erstreckte sich am oberen Teile des Oswaldbaches hin. Die Hussiten

haben es zerstört. Auf einem Teile der Gleßberger Fluren entstand das

jetzige Dorf Waschleite. Seinen Ursprung und Namen hat es von den

Erzwäschereien genommen, welche der reiche Hammerherr Kaspar Klinger

1500 nebst einer Schmelzhütte am Oswaldbache anlegte.

2. Vor der Gründung von +Neudorf+ an der Sehma, das mitten im Walde

aus Holzarbeiter-, Köhler- und Flößerhütten entstand, soll in seiner

Nähe nach Crottendorf zu ein Dorf mit Namen Kraxdorf oder Kraftsdorf

gestanden haben, wovon früher, und zwar auf dem westlich im Walde

gelegenen Morgenberge, noch Mauerreste, alte Schlösser und Schlüssel

gefunden wurden.

In einem kleinen Thale, welches Neudorf oberhalb der Kirche von West

nach Ost durchschneidet, hat man beim Wegräumen von Teichdämmen auf

dem Grunde derselben berußte Steine gefunden, die ihre Schwärze sehr

wahrscheinlich einst von einem Feuerherde erhalten hatten.

3. Unweit der Stadt Zöblitz, an den Ufern der Pockau, liegen die

Ruinen der alten Burgen +Ober-+ und +Niederlauterstein+. Die Burg

Oberlauterstein, welche eine Viertelstunde westlich von Zöblitz

über dem rechten Pockauufer auf einer felsigen Bergecke liegt,

wurde im Jahre 1430 von den Hussiten, die eben von der Verwüstung

der Schneeberger Bergwerke herkamen, geschleift. Das Schloß

Niederlauterstein, das nur einige Minuten unterhalb davon am linken

Pockauufer liegt, erhielt sich über 20 Jahre länger. Vieles erzählt man

sich von den früheren Besitzern desselben, den Herren von Berbisdorf,

deren einer 1520 bei einem Brande des Schlosses auf schreckliche Weise

sein Leben verlor. Es war Georg von Berbisdorf, ein gebrechlicher Greis

von 90 Jahren. Um ihn vom Flammentode zu retten, wollte man ihn, in

Tücher gewickelt, zu einem Fenster herablassen; allein die in Eile

nicht festgeknüpften Knoten lösten sich und der unglückliche Alte wurde

an den Felsen zerschmettert. 1559 kaufte +Kurfürst August+ das Schloß

von Kaspar von Berbisdorf und bestimmte es zum Sitze eines Amtes. Im

dreißigjährigen Kriege wurde es zerstört.

4. Sachsens »Kirchengallerie« erzählt, daß man in der Gegend von

+Johnsgrün+ öfters alte Schlüssel gefunden hat. Man schließt daraus,

daß die Gegend von Johnsgrün vor der Zeit des Hussitenkrieges stark

bevölkert gewesen sei.

5. Bei +Augustusburg+ giebt es wüste Marken, die auch an Hussitengreuel

erinnern. Zwischen Hennersdorf und Dorf Schellenberg verbreitet sich

der von Augustusburg bis in die Nähe von Waldkirchen reichende, große

+Mörbitzwald+, welcher von einem darin gestandenen Dorfe seinen Namen

haben soll. -- Der zwischen Borstendorf, Eppendorf, Lippersdorf,

Reifland in der dortigen Gegend gelegene Staatswald +Röthenbach+

enthält eine Wüstung und einen Bach gleichen Namens, an welchem das im

Hussitenkriege verschwundene, nach Borstendorf gepfarrt gewesene Dorf

Röthenbach lag. -- In dem im Staatsforste zwischen Euba, Bernsdorf und

Flöha gelegenen »+Strutwald+« soll auch vor dem Hussitenkriege ein Dorf

gestanden haben. Man hat dort beim Nachgraben Überreste von Häusern und

selbst von Gassen, sowie Brunnen und andere Spuren gefunden.

6. Da wo Wüstenbrand bei Hohenstein-Ernstthal liegt, hat das Dorf

+Gecksdorf+ der Sage nach gelegen, welches auch im Hussitenkriege

zerstört worden sein soll.

7. Der Sage nach ist der Anbau von +Mittel-+ mit +Ober-+ und

+Niedersayda+ in der Zeit des Hussitenkrieges unter Ziska und Prokopius

zwischen 1419 und 1435 geschehen, da viele der bedrängten Hussiten

auswanderten und sich in den waldigen Gegenden des Erzgebirges

anbauten. Noch in diesem Jahrhunderte lebten in Obersayda zwei

Familien, die Seyfertsche und Zimmermannsche, deren Vorfahren zu den

Ausgewanderten gehörten. Das wäre also ein seltenes Beispiel, wonach

auch die Hussiten einen Ort errichteten, anstatt zu zerstören.

Nach ~Dr.~ Herzog, ~Dr.~ Köhler u. a.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 77 / 209 题