34. Die Pässe des Erzgebirges.

Die größeren Städte und Verkehrsmittelpunkte am Fuße des höheren

Erzgebirges verdanken ihre Entstehung nicht den Verkehrsstraßen. Es

haben vielmehr die Städte, die ursprünglich Mittelpunkte der Kultur

fruchtbarer Landstriche oder ergiebiger Bergbaugebiete waren, mit

der Zeit bewirkt, daß sich aus der Fülle möglicher Straßen bestimmte

Gruppen ausschieden.

Über den Kamm des Erzgebirges bestanden schon sehr früh verschiedene

Übergangspunkte. So bestand ein wichtiger Gebirgsübergang des Passes

von Dohna am Mückenberge. Der Name des »Langenbrückeberges« bei

Häselich scheint darauf hinzuweisen, daß sumpfige Strecken durch

Knüppeldämme wegsam gemacht waren. Die Pirnaer Straße kreuzte das

Gottleubathal und erreichte Nollendorf. Die Straßen bestanden, bevor

Dresden 1455 das Niederlagsrecht für die nach Böhmen gehenden Güter

erhalten hatte. Freiberg ist ebenfalls jünger als die Gebirgsübergänge

im Quellgebiete der östlichen Mulde und Flöha. Der Verkehr zog sich

hier über den Paß von Sayda. Diese auf dem hohen Gebirge gelegene

Stadt mußte als ein Ruhepunkt und wahrscheinlich auch als ehemalige

Grenz- und Zollstätte einzig durch die Straße nach Böhmen an Bedeutung

gewinnen. Übergangspunkte von Chemnitzer Straßen waren die Pässe von

Reitzenhain und Preßnitz. Es gab noch eine Anzahl Straßen, in der sich

die Chemnitzer Straße fächerartig spaltete.

Während im östlichen Gebirge auf böhmischer Seite die Stadt Teplitz

einen Teil der Straßen auf sich lenkte, fehlte nach Westen ein solcher

Mittelpunkt. So überschritten die von Chemnitz kommenden und nach

Prag Reisenden die Eger an einem andern Punkte als die, welche das

restliche Böhmen besuchten. Die Prager Straße lief über Reitzenhain

und überschritt bei Saaz oder Bostelberg die Eger, der westliche Paß

dagegen, der von Preßnitz, führte auf Kaaden.

Das westliche Erzgebirge haben immer nachbarliche Beziehungen mit

Böhmen verbunden. Wenn auch infolge der Silberfunde von Annaberg,

Joachimsthal, Schneeberg und Marienberg und dem Anwachsen der Einwohner

neue Straßen entstanden, so hat sich die Zahl der eigentlichen Pässe

nicht vermehrt, da der Abfluß des Silbers nach Norden in die Münze

des Landesherrn stattfand und so der Austausch der Waren auch dorthin

wies. Jedoch hat es weder vor noch nach der Blütezeit des Bergbaues

ganz an Verkehrsstraßen über das Gebirge gefehlt. So führte eine

solche von Zwickau über Eibenstock, Wildenthal, Sauersack, Frühbuß

und Schönlind. Eine Ablenkung von dieser Richtung von Wildenthal über

Johanngeorgenstadt, Platten und Bäringen nach Karlsbad ist erst durch

Aufblühen Johanngeorgenstadts veranlaßt worden.

Von Zwickau führte außerdem eine Straße über Lindenau, Zschorlau,

Bockau und Konradswiese nach Schwarzenberg und spaltete sich hier

in zwei Linien, deren eine über Bermsgrün, Crandorf, Breitenbrunn,

Wittigsthal, Platten und Bäringen sich nach Karlsbad wandte, die

andere dagegen den Paß aufsuchte, der dem Chemnitzer Straßenzuge

angehörte, also die Ortschaften Grünstädtel, Raschau, Crottendorf,

Cranzahl, Pleil, Preßnitz berührte. Karlsbad als Endpunkt der Zwickauer

Straßenzüge kommt erst seit dem Aufblühen der Stadt nach 1347 in

Betracht, vorher dürften Elbogen oder Falkenau die Straßenausgänge

beherrscht haben.

Die Pässe des Erzgebirges werden nur in Einzelheiten durch das Gelände

bestimmt. Die Flußthäler werden im Gebirge sorgfältig vermieden. Die

Eisenbahnen dringen meist bis zum Kamme in den Thälern vor. Die alten

Straßen teilen sich auf dem Kamme gewöhnlich in mehrere Züge. Sie sind

vom Verkehr zäh festgehalten worden.

Nach Prof. ~Dr.~ Schurtz.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 62 / 209 题