31. Der erzgebirgische Kirchenbau.

Die Grundrisse der erzgebirgischen Kirchen verraten eine gemeinsame

Kunstanschauung. Die zu Annaberg besteht aus drei Schiffen, von welchen

das mittlere nur wenig breiter ist als die äußeren. Gegen Osten sind

drei aus dem Achteck gebildete Chorbauten angeordnet. Der Bau bildet im

übrigen ein Rechteck, welches etwa doppelt so lang als breit ist.

Die Kirche zu Pirna entspricht der Annaberger fast völlig. In dieser

Planbildung sehen wir die ältere Schule jener Gegend; denn die Pirnaer

Kirche entstand seit 1504. Ihr Meister dürfte jener +Peter von Pirna+

sein, von dem wir wissen, daß er vor +Jakob von Schweinfurt+ in

Annaberg baute.

Diese Grundrißform war keine neue. Ihre Wahl war vielleicht durch

Jerusalem beeinflußt; dort stand die Abtei St. Anna, die im 12.

Jahrhunderte von den Kreuzfahrern über der Gruft der Großmutter Christi

errichtet worden war. Auch sie zeigt jene Form und war eine jener

Heilstätten, die damals kein Wallfahrer unberührt ließ. Schwerlich ist

aber die Annenkirche in Jerusalem allein maßgebend gewesen. Das Vorbild

der Teynkirche zu Prag und verwandter Bauten wirkte jedenfalls mit.

Das dortige Chor findet sich schon 1388 an der Moritzkirche zu Halle

wiederholt.

Aber zwischen allen diesen Bauten und dem Annaberger besteht ein sehr

einschneidender Unterschied. Dort sind die Umfassungsmauern zwischen

die inneren Endungen der Strebepfeiler gestellt, sodaß diese nach

außen die Wandfläche gliedern; hier ist die Außenwand völlig glatt

gebildet, sind die Streben ganz nach innen gezogen. Ursprünglich

war die Hallenkirche geplant. Die folgenden Meister gingen erst

zur Emporenkirche über, wie in der Wolfgangskirche zu Schneeberg

und der Kirche zu Laun. Der Emporenumgang über den eingebauten

Kapellen erstreckte sich in Brüx nun auch über das Chor. Die reiche,

bildnerische Ausschmückung der Emporenbrüstungen, die feine Gliederung

der Pfeiler, die die Decke zu einem ganzen zusammenfassende Bildung

der sich durchdringenden Kurvenrippen, die Stellung der Kanzel -- alles

dies giebt solchen Kirchen im hohen Grade den Eindruck des Saalartigen,

des Gemeindebaues, der Predigtkirche, soweit dies bei gotischen

Formen überhaupt erreichbar ist. Ähnlich ist die Schneeberger Kirche

gestaltet. Schon hielt man hier nicht mehr für nötig, dem Mittelschiffe

einen chorartigen Abschluß zu geben. Der Altar steht frei vor der

ringsumlaufenden, den Eindruck des Raumes künstlerisch beherrschenden

Empore. Diese Form war entlehnt von der Marienkirche zu Zwickau, welche

1465--1475 erbaut wurde.

In der Kirche zu Oederan aber, wie in jenen zu Penig und Geithain

und sämtlichen kleineren Orten des Erzgebirges, ließ man auch die

Pfeiler als Dachstützen fort und schuf lediglich den von den Emporen

umgebenen Saal, an den das Chor als etwas Selbständiges sich anlegt.

Am entschiedensten und merkwürdigsten zeigt sich die neue Richtung an

der Kirche zu Joachimsthal, die erst nach dem Beginne der lutherischen

Reformation angelegt wurde. Die böhmische Bergstadt ist in vielen

Beziehungen eine Tochter Annabergs. Die ganze Anlage der Kirche ist

sehr nüchtern. Sie ist durchaus protestantisch, durchaus zweckmäßig,

durchaus im bewußten Gegensatze zu der Altarkirche des alten Glaubens

errichtet, sodaß hier dem Katholizismus ernste Schwierigkeiten

erwuchsen, als er den Bau für seinen Gottesdienst einrichten ließ.

War also das Aufgeben der malerisch reizvollen Grundrißformen der

Gotik zu Gunsten einer möglichst klaren, einheitlichen Raumgestaltung

ein Werk des Bestrebens, Predigt- und Gemeindekirchen zu schaffen, so

zeigt sich dies auch in der Pfeilerbildung. Die Pfeiler wurden nun

fast notwendige Übel. Man bildete sie deshalb so einfach als möglich

und suchte einen Stolz darin, die Zahl der Stützen unter den Gewölben

thunlichst zu beschränken. In Schneeberg ist die sehr nüchterne Führung

der Gewölblinien in allen drei Schiffen dieselbe; in Laun tritt eine

Eigentümlichkeit der Spätzeit der Gotik auf, nämlich die, daß die

Rippennetze aus Bogen gebildet sind, eine Erscheinung, die sich in

Brüx, am Hauptchor in Pirna, am Chor der Stadtkirche zu Lommatzsch

und an der Annaberger Kirche wiederholt. Diese Formen finden sich

auch wieder am Wradislavsaale des Schlosses auf dem Hradschin und

in dem erst durch +Jakob von Schweinfurt+ errichteten Wappensaale

der Albrechtsburg in Meißen. -- Von besonderer Wichtigkeit ist, zu

sehen, wie die Baumeister sich den Emporen gegenüber verhielten. Man

errichtete neben den Pfeilern des Mittelschiffes der alten Kirche

die neuen, schwächeren Pfeiler, spannte die Gewölbe ein und konnte

dann die alte Kirche aus dem Innern der neuen entfernen. So geschah

es in Annaberg. In Annaberg entwickelte sich der Emporenbau nur

schrittweise; der älteste Teil ist die »Musika«, die Orgelempore. In

der Marienberger Kirche (1558--1564 erbaut) liegt die Sakristei hinter

der Empore, welche den ganzen Bau umzieht. Das Chor als solches ist

ganz aus dem Plane gestrichen. In der Bergkirche zu Annaberg ruhen die

Emporen auf Säulen und ziehen sich ringsum. Jemehr die Strebepfeiler

nach innen rückten, desto ungegliederter wurde das Äußere. In Laun,

Freiberg, Schneeberg, Oederan, Buchholz erscheinen die Streben als

mehr oder minder schwache Wandstreifen. In Brüx und Annaberg sind die

Umfassungswände ebenso glatt wie an den meisten Schloßkapellen. Die Art

der Gotik ist umgewendet.

Während an dem Dome zu Köln, wie an den großen französischen Kirchen

eine gewaltige Zahl von Nebenkapellen, Strebepfeilern und Bogen,

Fialen, Brüstungen und Wimpergen sich äußerlich zeigt, die ein

schmales, schlank aufsteigendes Mittelschiff als eigentlichen Hauptraum

der Kirche umrahmen, erscheint hier ein äußerlich schmuckloser, ganz

nach innen gekehrter Hallenbau; während dort das Ganze in seinen

zahlreichen Teilen, seinen verschiedenen Schiffen und Kapellen dem

Wesen der Heiligen-, Klerikerkirche entspricht, ist hier der Predigtbau

bei allem Bauaufwande doch in seiner zweckdienlichen Einfachheit

ausgebildet, ein durchaus neues, zwar aus der Gotik entwickeltes, aber

keineswegs mehr mittelalterliches Werk geschaffen.

Licht! lautet eine Grundforderung der erzgebirgischen Bauten. Die

Meister der erzgebirgischen Predigtkirche fanden auch statt der

Abteilung des Baues in verschieden heilige Teile eine einheitliche

Form durch unbefangene Ausgestaltung der Forderungen des neuen

Gottesdienstes.

Nach Gurlitt.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 59 / 209 题