27. Die obererzgebirgischen Ortsnamen.

Bei der anzutretenden Wanderung durch das Gebiet der Ortsnamen des

Obererzgebirges halten wir zuerst eine Umschau über die +Berge+. Die

Namen derselben tragen fast durchgehends deutsches Gepräge und sind

nach den verschiedensten Gesichtspunkten gegeben. Auf die Gestalt

weisen hin: Spitzberg, Ochsenkopf, Hut- und Kanzelberg, Hirnschädel;

auf das Klima oder die Unfruchtbarkeit einzelner Höhen: Kaltes Feld,

Kalter Muff, Kahler Berg, Kahle Höhe und Thürmrich, d. i. Dürrer Berg

(bei Frauenstein); nach den Pflanzen, die auf ihnen wuchsen oder

noch wachsen, sind benannt: Buch-, Eichel-, Ahorn-, Kiefern- und

Fichtelberg; nach den Tieren, die häufig dort angetroffen wurden:

Bären-, Wiesel- und Wolfsstein, Krahstein, d. i. Krähenstein und

Adlerstein; nach Erzen: der Kupferhübel und der Eisenberg. Einzelne,

wie der Kapellenberg, der Hofberg, der Zechenberg verdanken ihren Namen

bestimmten auf ihnen errichteten Gebäuden, andere, wie Andreasberg,

Gastberg, Geringsberg, Richterberg dem Besitzer der Fluren, auf denen

sie lagen. Einer ausdrücklichen Erwähnung verdient noch der Name der

bei Schwarzenberg sich erhebenden Morgenleite. Der zweite Teil dieses

Worten ist das ahd. ~hlita~, mhd. ~lite~, in Norwegen noch in der Form

~Lid~ bekannt. Derselbe bezeichnet eine Berglehne oder einen Abhang

und kommt in dieser Bedeutung im Erzgebirge außerordentlich häufig

vor. Man unterscheidet die Süd- und Nordseite eines Berges als Sommer-

und Winterleite: den ersteren Namen tragen in Annaberg zwei an der

Sommerseite eines Abhanges angelegte Gassen, den letzteren ein Teil

des Geyerschen Waldes; an der unteren Preßnitz heißt ein Abhang die

Hirschleite; in der Nähe von Dorfchemnitz bei Sayda finden sich Buch-

und Thonleite, bei Oederan die Hammerleite. In der sächsischen Holz-

und Forstordnung von 1560 werden aufgeführt: Habichts-, Pech-, Grase-,

Brand- und Trachenleite, und bei Elterlein heißt ein Dorf, in welchem

sich früher eine Bergwäsche befand, Waschleite. Von dem in vielen

unserer Bergnamen hervortretenden Grundworte Hübel, wie bei Lerchen-,

Zeisig- und Hahnenhübel, begegnet uns in oberdeutschen Gegenden in

Orts- und Bergnamen die umgestellte Form Bühel, ahd. ~puhil~. In

unserem Gebirge ist der Ausdruck unbekannt. Es ist durchaus nicht

unwahrscheinlich, daß der ehrwürdige Annaberger Geschichtsschreiber

Jenisius auf dem richtigen Wege ist, wenn er Pöhlberg auf jenes Bühel

zurückführt, aus welchem dann Pihl und Pehl als entstellte Formen

hervorgegangen sein würden.

Zwei bekannte Bergnamen, Auersberg und Rammelsberg, haben insofern noch

eine besondere Bedeutung, als sie auf die Frage nach der Besiedelung

unseres Gebirges führen. Wie die in andere Erdteile Ausgewanderten ihre

neuen Ansiedelungen mit Vorliebe nach heimatlichen Orten benennen,

so haben auch die durch Krieg und Hungersnot leidenden Harzer

Bergleute, die einst massenhaft in die silberhegenden Berge unseres

Vaterlandes einwanderten, Namen aus ihrer alten Heimat auf Wohnsitze

und Örtlichkeiten übertragen. Noch heute finden sich im Harze nicht

nur die erwähnten beiden Bergnamen, sondern auch zahlreiche Ortsnamen

des Gebirges wie Hohenstein, Kirchberg, Stollberg und der bekannte

Name Quedlinburg, den einmal unser Elterlein geführt haben soll. Ein

anderer heute noch im Harze vorkommender Bergname, der Eibenberg, läßt

es kaum zweifelhaft erscheinen, daß auch die Stadt Eibenstock als eine

Niederlassung jener Harzer Bergleute zu gelten habe und daß der Name

derselben wie der jenes Eibenberges auf die in Norddeutschland und auch

im Harze heimische Eibe oder den Taxusbaum zurückzuführen sei.

Wir steigen von den Höhen herab und wenden uns nach den +Waldungen+ und

+Fluren+. Wir beschränken uns namentlich auf Hervorhebung einiger aus

älterer Zeit überlieferter, jetzt unverständlich gewordener Benennungen

von Waldbezirken. Dahin gehören vor allem die mit »Struth« bezeichneten

Waldungen bei Bernsbach, Flöha und Plaue, sowie die obere und niedere

Struth im Westen von Langenau bei Freiberg. In diesem Ausdrucke lebt

noch ein altes deutsches Wort für Wald, Buschwerk oder Dickicht,

das heute nur noch in Hessen gebräuchliche, mhd. die ~strut~ oder

~struot~, fort. Der von Chemnitzer Geschichtsschreibern aufgeführte

Name Bramenwald, der heutige Zeisigwald bei Chemnitz, erklärt sich aus

dem ahd. der ~prâmo~ und die ~prâmà~, d. h. Dornstrauch, Dorngebüsch,

insbesondere Brombeerstrauch. Daß der bei Zöblitz wie bei Satzung

vorkommende Name Kriegwald in Beziehung steht zu den in diesen Wäldern

ausgefochtenen Kämpfen im Hussitenkriege, daran ist wohl um so weniger

zu zweifeln, als man dort noch im 17. Jahrhundert aufgeschichtete

Haufen von Totengebeinen und Waffen gefunden hat. Nicht an den Krieg,

wohl aber an die um Grenze und Rainung geführten Rechtsstreitigkeiten

einzelner Personen oder ganzer Gemeinden mag die in verschiedenen

Gegenden erscheinende Bezeichnung Streitwald erinnern. Die meisten

dieser Wald- und Flurbezeichnungen lehnen sich wiederum an +Tiernamen+

an: von diesen Bildungen seien nur die in Lehmanns »Schauplatz«

angeführten erwähnt: Aus den Lautersteinschen Wäldern: der Drachenwald,

Rabenberg, die Dachslöcher; auf dem Crottendorfer Oberforstgebiete:

die Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, der Säu- und Bärenfang,

Tier- und Saugarten; im Grünhainer Gebiete: der Bärenacker, Fuchs-

und Wolfsstein; auf dem Lauterschen: das Wolfslager, der Hirschstein,

Habichtshübel, die Bärenstallung, der Wolfsgarten, Rabenberg, die

Drachenleite, Bärenlage und Sauwiese.

Von den Höhen steigen wir herab in die +Thäler+ und gelangen so zu den

+Flüssen+. Bei ihnen ist die Namengebung ausgegangen vom Laufe und der

Gestalt derselben, der Farbe des Wassers, den anstehenden Pflanzen,

der Umgebung und zuweilen wohl auch von anliegenden Ortschaften. Die

Namen der größeren Flüsse Elbe, Elster und Mulde lassen ohne weiteres

ihren deutschen Ursprung erkennen. Auch die kleineren Gebirgsbäche wie

das Schwarzwasser, der Saubach, Rauschenbach, Sandbach, Schindelbach,

Goldkrönlebach, die zwei letzteren bei Großrückerswalde und Pobershau,

und andere sind von den Deutschen benannt worden. Für eine größere

Anzahl unserer Gebirgswässer läßt sich dagegen eine Ableitung aus dem

Deutschen nicht gewinnen. Aus der slawischen oder sorbenwendischen

Zeit stammen denn auch die zahlreichen slawischen Orts- und Flußnamen

unseres Gebirges. Der Name der Zschopau, nach welchem auch die Stadt

genannt ist, wird zurückgeführt auf slawisch ~Sapawa~ = die Reißende,

Zischende, Tosende; gleiche Bedeutung hat das tschechische ~bistry~,

von welchem die in Urkunden als ~flumen Bistrice~, später ~Wistricz~

aufgeführte Weißeritz den Namen hat; nach der Buche, slawisch ~buky~,

tschechisch ~buk~ ist die Bockau, nach der Birke, slawisch ~briza~ oder

~brschiza~ die Preßnitz, nach dem Biber, slawisch ~bibra~, tschechisch

~bobr~ die Bobritzsch, nach dem Wildschwein, slawisch ~svisnija~

die Zwönitz benannt. Die Chemnitz, urkundlich ~flumen Caminizi~,

heißt Steinbach, nach dem slawischen ~Kameni~ = Stein, und Lößnitz,

urkundlich ~Lessenitz~ aus slawisch ~lêsu~, tschechisch ~les~ = der

Wald oder Busch, bedeutet der Waldbach.

Unsere Wanderung in den Flußthälern auf- und abwärts und über die

Scheiden der Wasserläufe führt uns weiter zu den verschiedenen

+Ortschaften+, den freundlichen Städten und Städtchen und den

friedlichen, sauberen Dörfern unseres Gebirges.

Das Dorf Drebach bei Wolkenstein erscheint urkundlich als ~Träte-~,

~Tretebach~, ~Dratbach~. Der erste Teil diesem Namens, ~Drat~ oder

~Träte~, ist ein gutes deutsches Wort, ahd. ~drâti~, mhd. ~draete~ mit

der Bedeutung schnell, rasch. Dasselbe bezog sich auf den raschen

Lauf des durch den Ort eilenden Baches. Aber da es längst schon dem

Sprachbewußtsein entschwunden ist, suchte man sich den Namen Trätebach

durch Anlehnung an das geläufige Zeitwort drehen verständlich zu machen

und bildete mit Unterdrückung des inlautenden t Drehbach. Daß der

Volksgeist oft mit recht kühnen Deutungen bei der Hand ist, beweist

eine Mitteilung über das Städtchen Geyer, wonach dasselbe seinen Namen

vom Teufel haben soll, der auf einem Spaziergange beim Anblick der

unwirtlichen Gegend ausgerufen habe: »Pfui Geyer!«

Noch 1402 heißt der Ort Cappel bei Chemnitz zu der Capelln, das heißt

zu der zur Nikolaikirche gehörigen Kapelle. Die Namen Altenberg,

Breitenbrunn, Weißenborn heißen dementsprechend ursprünglich zu dem

alten Berge, dem breiten Brunnen, dem weißen Born. Gleiche Bedeutung

haben Neundorf, Naundorf, Neudorf, nämlich zu dem neuen Dorfe.

Siebenhöfen heißt eigentlich zu den sieben Höfen und ist benannt nach

den sieben Wirtschaftsgebäuden, aus welchen der zwischen Tannenberg und

Geyer liegende Ort anfangs bestand. Bei Lengefeld zeigt nur noch die

urkundliche Form Langenfeld die eigentliche Bedeutung.

Nun ist noch auf die äußeren Gründe einzugehen, von welchen sich

die einstigen Ansiedler bei der Benennung ihrer +Wohnplätze+ haben

leiten lassen. Als natürlichster Ausgangspunkt erscheint zunächst die

+Bodenerhebung+, das heißt, ob ein Ort auf oder an dem Berge, im Thale

oder in der Ebene angelegt wurde. Zahlreich sind die Zusammensetzungen,

wie die Städtenamen: Schneeberg, Schwarzenberg, Freiberg, und die

Dorfnamen: Grünthal, Blauenthal, Rothenthal. Auf die Höhenlage weisen

hin: Steinhübel, Berggießhübel, Scharfenstein, Wolkenstein. Höhen-

und Thallage zugleich deuten an Ober- und Unterwiesenthal. Nach der

Bodenbeschaffenheit ist benannt der Ort Sand bei Freiberg. Auch die

beiden Dörfer Grießbach bei Wolkenstein und Schneeberg haben ihren

Namen von dem Sande erhalten, den die hier fließenden Bäche an ihren

Ufern absetzen; denn der Ausdruck Grieß (mhd. ~griez~) bedeutet den

Sand am Ufer oder Grunde des Wassers. Bei den mit Haide gebildeten

Namen müssen wir an Orte denken, die im Heidelande gegründet wurden.

Kühnhaide oder ~Kienhain~ heißt eigentlich Fichtenheide.

Namengebend dient auch der +Wald+. Bildungen wie in Königswalde,

Fürstenwalde u. a. lassen sich schon seit dem 8. Jahrhundert

nachweisen. Ein Wäldchen nennen wir jetzt Hain; früher bedeutete das

aus ~hagan~ zusammengezogene Wort einen Dornbusch. Hierher gehören

Namen wie Grünhain, Altenhain, Pfaffenhain. Eine weitere Gruppe lehnt

sich an +Tier-+ und +Pflanzennamen+ an. Dem Worte Gablenz liegt zu

Grunde das Wort ~jablu~, der Apfelbaum, Geyer stammt von ~jawor~, der

Ahorn, Gelenau von ~jeleni~, der Hirsch. Zahlreiche Orte verdanken

dem Wasser ihre Namen. Flußnamen kehren als Ortsnamen wieder: Sehma,

Pöhla, Preßnitz. Dorfschaften wie Krumbach, Steinbach, Lauterbach sind

nach dem Laufe oder der besondern Eigentümlichkeit des sie berührenden

Gewässers benannt. Benennung wie Furth bei Chemnitz weisen auf

Übergangsstellen über die Gewässer hin.

Auch auf Personennamen sind Ortsnamen zurückzuführen. So ist es

bei den vier Städten, die nach der heiligen Familie genannt sind:

Annaberg, Marienberg, Jöhstadt, Joachimsthal; Johanngeorgenstadt,

Ober- und Niederneuschönberg sind in Anknüpfung an Johann Georg

I. und Caspar von Schönberg auf Pfaffroda benannt. Ohne weiteres

verständlich sind: Hermannsdorf, Erdmannsdorf. Cunersdorf weist auf

~Cunradisdorf~ und dies auf einen Konrad. Leukersdorf bei Zwönitz

wird noch 1306 ~Leutgersdorf~ genannt. Leutger ist der alte Namen

~Liutger~. Seifersdorf bei Dippoldiswalde, 1312 ~Syvirdisdorf~, führt

auf Siegfried, Röhrsdorf bei Chemnitz, urkundlich ~Rudigersdorf~

auf Rüdiger, Hilbersdorf, um 1290 ~Hillebrandisdorf~ auf Hildebrand

und Dittersbach bei Frankenberg, ehemals ~Dyterychsbach~, auf den

vielberühmten Namen Dietrich. Die letzten fünf Namen finden sich

sämtlich in Volksepos der Nibelungen; ihnen ließe sich leicht eine

Reihe anderer erzgebirgischer Ortsnamen anfügen, in denen uns

Personennamen aus der ältesten Zeit unserer deutschen Geschichte

entgegentreten.

Nach Prof. ~Dr.~ Göpfert.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 55 / 209 题