Bei der anzutretenden Wanderung durch das Gebiet der Ortsnamen des
Obererzgebirges halten wir zuerst eine Umschau über die +Berge+. Die
Namen derselben tragen fast durchgehends deutsches Gepräge und sind
nach den verschiedensten Gesichtspunkten gegeben. Auf die Gestalt
weisen hin: Spitzberg, Ochsenkopf, Hut- und Kanzelberg, Hirnschädel;
auf das Klima oder die Unfruchtbarkeit einzelner Höhen: Kaltes Feld,
Kalter Muff, Kahler Berg, Kahle Höhe und Thürmrich, d. i. Dürrer Berg
(bei Frauenstein); nach den Pflanzen, die auf ihnen wuchsen oder
noch wachsen, sind benannt: Buch-, Eichel-, Ahorn-, Kiefern- und
Fichtelberg; nach den Tieren, die häufig dort angetroffen wurden:
Bären-, Wiesel- und Wolfsstein, Krahstein, d. i. Krähenstein und
Adlerstein; nach Erzen: der Kupferhübel und der Eisenberg. Einzelne,
wie der Kapellenberg, der Hofberg, der Zechenberg verdanken ihren Namen
bestimmten auf ihnen errichteten Gebäuden, andere, wie Andreasberg,
Gastberg, Geringsberg, Richterberg dem Besitzer der Fluren, auf denen
sie lagen. Einer ausdrücklichen Erwähnung verdient noch der Name der
bei Schwarzenberg sich erhebenden Morgenleite. Der zweite Teil dieses
Worten ist das ahd. ~hlita~, mhd. ~lite~, in Norwegen noch in der Form
~Lid~ bekannt. Derselbe bezeichnet eine Berglehne oder einen Abhang
und kommt in dieser Bedeutung im Erzgebirge außerordentlich häufig
vor. Man unterscheidet die Süd- und Nordseite eines Berges als Sommer-
und Winterleite: den ersteren Namen tragen in Annaberg zwei an der
Sommerseite eines Abhanges angelegte Gassen, den letzteren ein Teil
des Geyerschen Waldes; an der unteren Preßnitz heißt ein Abhang die
Hirschleite; in der Nähe von Dorfchemnitz bei Sayda finden sich Buch-
und Thonleite, bei Oederan die Hammerleite. In der sächsischen Holz-
und Forstordnung von 1560 werden aufgeführt: Habichts-, Pech-, Grase-,
Brand- und Trachenleite, und bei Elterlein heißt ein Dorf, in welchem
sich früher eine Bergwäsche befand, Waschleite. Von dem in vielen
unserer Bergnamen hervortretenden Grundworte Hübel, wie bei Lerchen-,
Zeisig- und Hahnenhübel, begegnet uns in oberdeutschen Gegenden in
Orts- und Bergnamen die umgestellte Form Bühel, ahd. ~puhil~. In
unserem Gebirge ist der Ausdruck unbekannt. Es ist durchaus nicht
unwahrscheinlich, daß der ehrwürdige Annaberger Geschichtsschreiber
Jenisius auf dem richtigen Wege ist, wenn er Pöhlberg auf jenes Bühel
zurückführt, aus welchem dann Pihl und Pehl als entstellte Formen
hervorgegangen sein würden.
Zwei bekannte Bergnamen, Auersberg und Rammelsberg, haben insofern noch
eine besondere Bedeutung, als sie auf die Frage nach der Besiedelung
unseres Gebirges führen. Wie die in andere Erdteile Ausgewanderten ihre
neuen Ansiedelungen mit Vorliebe nach heimatlichen Orten benennen,
so haben auch die durch Krieg und Hungersnot leidenden Harzer
Bergleute, die einst massenhaft in die silberhegenden Berge unseres
Vaterlandes einwanderten, Namen aus ihrer alten Heimat auf Wohnsitze
und Örtlichkeiten übertragen. Noch heute finden sich im Harze nicht
nur die erwähnten beiden Bergnamen, sondern auch zahlreiche Ortsnamen
des Gebirges wie Hohenstein, Kirchberg, Stollberg und der bekannte
Name Quedlinburg, den einmal unser Elterlein geführt haben soll. Ein
anderer heute noch im Harze vorkommender Bergname, der Eibenberg, läßt
es kaum zweifelhaft erscheinen, daß auch die Stadt Eibenstock als eine
Niederlassung jener Harzer Bergleute zu gelten habe und daß der Name
derselben wie der jenes Eibenberges auf die in Norddeutschland und auch
im Harze heimische Eibe oder den Taxusbaum zurückzuführen sei.
Wir steigen von den Höhen herab und wenden uns nach den +Waldungen+ und
+Fluren+. Wir beschränken uns namentlich auf Hervorhebung einiger aus
älterer Zeit überlieferter, jetzt unverständlich gewordener Benennungen
von Waldbezirken. Dahin gehören vor allem die mit »Struth« bezeichneten
Waldungen bei Bernsbach, Flöha und Plaue, sowie die obere und niedere
Struth im Westen von Langenau bei Freiberg. In diesem Ausdrucke lebt
noch ein altes deutsches Wort für Wald, Buschwerk oder Dickicht,
das heute nur noch in Hessen gebräuchliche, mhd. die ~strut~ oder
~struot~, fort. Der von Chemnitzer Geschichtsschreibern aufgeführte
Name Bramenwald, der heutige Zeisigwald bei Chemnitz, erklärt sich aus
dem ahd. der ~prâmo~ und die ~prâmà~, d. h. Dornstrauch, Dorngebüsch,
insbesondere Brombeerstrauch. Daß der bei Zöblitz wie bei Satzung
vorkommende Name Kriegwald in Beziehung steht zu den in diesen Wäldern
ausgefochtenen Kämpfen im Hussitenkriege, daran ist wohl um so weniger
zu zweifeln, als man dort noch im 17. Jahrhundert aufgeschichtete
Haufen von Totengebeinen und Waffen gefunden hat. Nicht an den Krieg,
wohl aber an die um Grenze und Rainung geführten Rechtsstreitigkeiten
einzelner Personen oder ganzer Gemeinden mag die in verschiedenen
Gegenden erscheinende Bezeichnung Streitwald erinnern. Die meisten
dieser Wald- und Flurbezeichnungen lehnen sich wiederum an +Tiernamen+
an: von diesen Bildungen seien nur die in Lehmanns »Schauplatz«
angeführten erwähnt: Aus den Lautersteinschen Wäldern: der Drachenwald,
Rabenberg, die Dachslöcher; auf dem Crottendorfer Oberforstgebiete:
die Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, der Säu- und Bärenfang,
Tier- und Saugarten; im Grünhainer Gebiete: der Bärenacker, Fuchs-
und Wolfsstein; auf dem Lauterschen: das Wolfslager, der Hirschstein,
Habichtshübel, die Bärenstallung, der Wolfsgarten, Rabenberg, die
Drachenleite, Bärenlage und Sauwiese.
Von den Höhen steigen wir herab in die +Thäler+ und gelangen so zu den
+Flüssen+. Bei ihnen ist die Namengebung ausgegangen vom Laufe und der
Gestalt derselben, der Farbe des Wassers, den anstehenden Pflanzen,
der Umgebung und zuweilen wohl auch von anliegenden Ortschaften. Die
Namen der größeren Flüsse Elbe, Elster und Mulde lassen ohne weiteres
ihren deutschen Ursprung erkennen. Auch die kleineren Gebirgsbäche wie
das Schwarzwasser, der Saubach, Rauschenbach, Sandbach, Schindelbach,
Goldkrönlebach, die zwei letzteren bei Großrückerswalde und Pobershau,
und andere sind von den Deutschen benannt worden. Für eine größere
Anzahl unserer Gebirgswässer läßt sich dagegen eine Ableitung aus dem
Deutschen nicht gewinnen. Aus der slawischen oder sorbenwendischen
Zeit stammen denn auch die zahlreichen slawischen Orts- und Flußnamen
unseres Gebirges. Der Name der Zschopau, nach welchem auch die Stadt
genannt ist, wird zurückgeführt auf slawisch ~Sapawa~ = die Reißende,
Zischende, Tosende; gleiche Bedeutung hat das tschechische ~bistry~,
von welchem die in Urkunden als ~flumen Bistrice~, später ~Wistricz~
aufgeführte Weißeritz den Namen hat; nach der Buche, slawisch ~buky~,
tschechisch ~buk~ ist die Bockau, nach der Birke, slawisch ~briza~ oder
~brschiza~ die Preßnitz, nach dem Biber, slawisch ~bibra~, tschechisch
~bobr~ die Bobritzsch, nach dem Wildschwein, slawisch ~svisnija~
die Zwönitz benannt. Die Chemnitz, urkundlich ~flumen Caminizi~,
heißt Steinbach, nach dem slawischen ~Kameni~ = Stein, und Lößnitz,
urkundlich ~Lessenitz~ aus slawisch ~lêsu~, tschechisch ~les~ = der
Wald oder Busch, bedeutet der Waldbach.
Unsere Wanderung in den Flußthälern auf- und abwärts und über die
Scheiden der Wasserläufe führt uns weiter zu den verschiedenen
+Ortschaften+, den freundlichen Städten und Städtchen und den
friedlichen, sauberen Dörfern unseres Gebirges.
Das Dorf Drebach bei Wolkenstein erscheint urkundlich als ~Träte-~,
~Tretebach~, ~Dratbach~. Der erste Teil diesem Namens, ~Drat~ oder
~Träte~, ist ein gutes deutsches Wort, ahd. ~drâti~, mhd. ~draete~ mit
der Bedeutung schnell, rasch. Dasselbe bezog sich auf den raschen
Lauf des durch den Ort eilenden Baches. Aber da es längst schon dem
Sprachbewußtsein entschwunden ist, suchte man sich den Namen Trätebach
durch Anlehnung an das geläufige Zeitwort drehen verständlich zu machen
und bildete mit Unterdrückung des inlautenden t Drehbach. Daß der
Volksgeist oft mit recht kühnen Deutungen bei der Hand ist, beweist
eine Mitteilung über das Städtchen Geyer, wonach dasselbe seinen Namen
vom Teufel haben soll, der auf einem Spaziergange beim Anblick der
unwirtlichen Gegend ausgerufen habe: »Pfui Geyer!«
Noch 1402 heißt der Ort Cappel bei Chemnitz zu der Capelln, das heißt
zu der zur Nikolaikirche gehörigen Kapelle. Die Namen Altenberg,
Breitenbrunn, Weißenborn heißen dementsprechend ursprünglich zu dem
alten Berge, dem breiten Brunnen, dem weißen Born. Gleiche Bedeutung
haben Neundorf, Naundorf, Neudorf, nämlich zu dem neuen Dorfe.
Siebenhöfen heißt eigentlich zu den sieben Höfen und ist benannt nach
den sieben Wirtschaftsgebäuden, aus welchen der zwischen Tannenberg und
Geyer liegende Ort anfangs bestand. Bei Lengefeld zeigt nur noch die
urkundliche Form Langenfeld die eigentliche Bedeutung.
Nun ist noch auf die äußeren Gründe einzugehen, von welchen sich
die einstigen Ansiedler bei der Benennung ihrer +Wohnplätze+ haben
leiten lassen. Als natürlichster Ausgangspunkt erscheint zunächst die
+Bodenerhebung+, das heißt, ob ein Ort auf oder an dem Berge, im Thale
oder in der Ebene angelegt wurde. Zahlreich sind die Zusammensetzungen,
wie die Städtenamen: Schneeberg, Schwarzenberg, Freiberg, und die
Dorfnamen: Grünthal, Blauenthal, Rothenthal. Auf die Höhenlage weisen
hin: Steinhübel, Berggießhübel, Scharfenstein, Wolkenstein. Höhen-
und Thallage zugleich deuten an Ober- und Unterwiesenthal. Nach der
Bodenbeschaffenheit ist benannt der Ort Sand bei Freiberg. Auch die
beiden Dörfer Grießbach bei Wolkenstein und Schneeberg haben ihren
Namen von dem Sande erhalten, den die hier fließenden Bäche an ihren
Ufern absetzen; denn der Ausdruck Grieß (mhd. ~griez~) bedeutet den
Sand am Ufer oder Grunde des Wassers. Bei den mit Haide gebildeten
Namen müssen wir an Orte denken, die im Heidelande gegründet wurden.
Kühnhaide oder ~Kienhain~ heißt eigentlich Fichtenheide.
Namengebend dient auch der +Wald+. Bildungen wie in Königswalde,
Fürstenwalde u. a. lassen sich schon seit dem 8. Jahrhundert
nachweisen. Ein Wäldchen nennen wir jetzt Hain; früher bedeutete das
aus ~hagan~ zusammengezogene Wort einen Dornbusch. Hierher gehören
Namen wie Grünhain, Altenhain, Pfaffenhain. Eine weitere Gruppe lehnt
sich an +Tier-+ und +Pflanzennamen+ an. Dem Worte Gablenz liegt zu
Grunde das Wort ~jablu~, der Apfelbaum, Geyer stammt von ~jawor~, der
Ahorn, Gelenau von ~jeleni~, der Hirsch. Zahlreiche Orte verdanken
dem Wasser ihre Namen. Flußnamen kehren als Ortsnamen wieder: Sehma,
Pöhla, Preßnitz. Dorfschaften wie Krumbach, Steinbach, Lauterbach sind
nach dem Laufe oder der besondern Eigentümlichkeit des sie berührenden
Gewässers benannt. Benennung wie Furth bei Chemnitz weisen auf
Übergangsstellen über die Gewässer hin.
Auch auf Personennamen sind Ortsnamen zurückzuführen. So ist es
bei den vier Städten, die nach der heiligen Familie genannt sind:
Annaberg, Marienberg, Jöhstadt, Joachimsthal; Johanngeorgenstadt,
Ober- und Niederneuschönberg sind in Anknüpfung an Johann Georg
I. und Caspar von Schönberg auf Pfaffroda benannt. Ohne weiteres
verständlich sind: Hermannsdorf, Erdmannsdorf. Cunersdorf weist auf
~Cunradisdorf~ und dies auf einen Konrad. Leukersdorf bei Zwönitz
wird noch 1306 ~Leutgersdorf~ genannt. Leutger ist der alte Namen
~Liutger~. Seifersdorf bei Dippoldiswalde, 1312 ~Syvirdisdorf~, führt
auf Siegfried, Röhrsdorf bei Chemnitz, urkundlich ~Rudigersdorf~
auf Rüdiger, Hilbersdorf, um 1290 ~Hillebrandisdorf~ auf Hildebrand
und Dittersbach bei Frankenberg, ehemals ~Dyterychsbach~, auf den
vielberühmten Namen Dietrich. Die letzten fünf Namen finden sich
sämtlich in Volksepos der Nibelungen; ihnen ließe sich leicht eine
Reihe anderer erzgebirgischer Ortsnamen anfügen, in denen uns
Personennamen aus der ältesten Zeit unserer deutschen Geschichte
entgegentreten.
Nach Prof. ~Dr.~ Göpfert.