28. Die Dörfer.

~a.~ Slawische Dörfer.

Das slawische oder sorbenwendische Dorf, für dessen Anlage noch

zahlreiche Beispiele nördlich vom Erzgebirgsfuße zu finden sind, bildet

ein geschlossenes Ganze und bestätigt schon in seiner äußeren Form und

seinem Grundrisse die Verbindung des Gemeindewesens. Die vorwiegende

Form, gewissermaßen die Urgestalt des altslawischen Dorfes, ist die

+Kreisform+. Die sämtlichen Höfe desselben liegen aneinandergeschlossen

in einem Kreise, und nur ein Eingang führt in das Innere des Dorfes;

während die äußere Umfassung von Hecken oder Lehmwänden gewissermaßen

die erste Verteidigungslinie bildet. In der Mitte des Dorfes liegt

in der Regel ein Teich. Ein von Linden umfaßter Platz bildet die

Stätte der Gemeindeversammlungen und Beratungen. Häufig ist eine

kleine Kapelle neben demselben; während die Kirche in der Reihe der

Höfe liegt. Man kann für diese Dorfform noch zahlreiche Beispiele

sorbenwendischen Ursprungs auf dem unteren Rande und am Fuße des

Erzgebirgsabhanges nachweisen, häufig selbst da, wo die ursprüngliche

Form durch das Anwachsen des Ortes schon bedeutend verändert ist. Auf

dem eigentlichen Gebirgsabhange kommen sie über 250 ~m~ Meereshöhe

nicht mehr vor.

Als oberster Grundsatz allen Besitzes galt, daß die ganze Feldmark

des Dorfes an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldung, Umland und Wüstungen,

Bächen, Teichen u. s. w. der Gemeinde als Gesamtbesitz angehörte

und daß der einzelne Hofbesitzer nur als Mitglied der Gemeinde

gewissermaßen den Nießbrauch eines entsprechenden Teiles des

Gesamtbesitzes hatte.

Nach M. v. Süßmilch.

~b.~ Deutsche Dörfer.

Anders als bei dem slawischen war es bei der Anlage der deutschen

Dörfer im Waldgebiete. Hier wurde das Gesamtgebiet des anzulegenden

Dorfes in so viele Teile geteilt, als Höfe gegründet werden sollten,

und der dieser Zahl entsprechende Raum in so viele geschlossene

aneinander stoßende Hufen zerlegt, als die Dorfgemeinde Höfe

zählen sollte. Daher bildeten die mit dem Gehöfte besetzten Hufe

ein geschlossenes Ganze. Garten, Feld, Wiese, Wald reihten sich im

Zusammenhange aneinander, wenn auch die Reihenfolge dieser Teile des

Ganzen in den einzelnen Fällen eine verschiedene war.

In der Regel wurden die einzelnen Höfe innerhalb der Gemeindeflur

+längs des Hauptweges+ mit entsprechendem Abstande aneinander gereiht.

Da die Niederlassung vorwiegend in breiteren Thalmulden erfolgte, so

wurde auf jeder Seite des Wasserlaufes in entsprechender Höhe über

der Thalsohle ein Hauptweg geführt, längs dessen die Höfe erbaut

wurden. Bei dieser Art von Ansiedelungen in den Thälern, wie sie im

Erzgebirge die vorwiegende ist, lagen innerhalb der Waldungen, welche

die verschiedene Thalgebiete trennenden Höhenrückenzüge bedeckten, die

Grenzlinien zwischen den in gleicher oder ähnlicher Weise angeordneten

Nachbargemeinden.

Ein jeder der Höfe lag in seinem ein unzertrenntes Ganze bildenden

Besitz. In der mehr oder weniger breiten Sohle der Thäler waren die

Wiesen, weiter oben auf dem Abhange und dessen weniger steiler Fläche

das Ackerfeld und auf dem Rande zwischen beiden der Hof mit seinen

Gebäuden und dem Garten. Weiter aufwärts lagen die Hutungen und oben

auf der Höhe der Wald.

Diese Art der Hufenteilung ist die im Erzgebirge bei seiner Besiedelung

vorwiegende gewesen. Weniger gebräuchlich, aber doch auch vorkommend,

ist die z. B. in Thüringen vorherrschende, mit der slawischen oder

sorbenwendischen Hufeneinteilung im Grundgedanken übereinstimmende

Hufengattung, bei welcher die Hufe aus einer großen Anzahl einzelner

Ackerstücke besteht, welche durch die Feldflur der Dorfgemeinde

verstreut liegen. Das gesamte Pflugland wird in eine Anzahl von

Vierecken dergestalt geteilt, daß der Boden eines jeden dieser Vierecke

von möglichst gleicher Beschaffenheit ist. Nun wird ein jedes dieser

Vierecke in so viele Streifen oder Gewende zerlegt, als die Flur Hufen

oder Höfe zählt, sodaß eine Hufe wie die andere aus ganz gleichen

Teilen zusammengesetzt ist.

Die Wiesen werden auch bei dieser Hufengattung besonders verteilt. In

der Regel erhielt eine jede Hufe Wiesenanteile in den drei schon im

frühesten Mittelalter unterschiedenen Wiesenlagen, und zwar Thal- oder

Bewässerungswiesen, Wiesen an den Hängen oder Thalhängen und Berg- oder

Höhenwiesen. Jede aus dieser Hufengattung bestehende Dorfflur bildet

ebenfalls ein geschlossenes Ganzes; die Hufe ist sogar vollständig

abgeschlossen, wie bei der ersten Hufengattung: denn jedes neugerodete

Stück Land liegt außerhalb der Hufe. Daher kommen neben der Hufe häufig

noch einzelne Äcker vor, besonders dann, wenn der Wald ursprünglich

geschlossenes Gemeindeeigentum war. -- Die zu dieser Hufengattung

gehörigen Hoferaithen liegen stets zu einem geschlossenen Dorfe

vereinigt beisammen.

Für die große Mehrzahl aller Dörfer im Erzgebirge, wenigstens soweit

sie mit Ackerbau und Viehzucht in Verbindung stehen oder wenigstens in

Verbindung gestanden haben, kann man die Ansiedelung der Dorfgemeinde

im ganzen als die Regel annehmen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß

eine kleine Ansiedelung durch Zuzug einer geschlossenen Menge neuer

Ansiedler mit einem Male oder durch allmählichen Zuwachs nach und nach

im Laufe der Jahrhunderte wesentlich vergrößert worden ist.

Nach M. v. Süßmilch.

~c.~ Reste der sorbischwendischen Sprache.

Noch heuzutage sind auf dem Abhange des Erzgebirges mancherlei Wörter

und Bezeichnungen inmitten einer vollkommen deutsch erscheinenden

Bevölkerung gebräuchlich, welche auf sorbenwendischen Ursprung

zurückweisen. In der bergmännischen Sprache begegnen wir den Wörtern

»Halde« für eine Aufschüttung von Gesteinen, was auf ~halda~ =

der Weiler führt; »Perl«, der Breithammer, auf ~perlik~; »Kaue«,

das Stollenhaus, auf ~kavna~ = die Hütte; »Tscherper«, das Messer

der Bergleute, auf ~serp~ = die Sichel; »Nusche«, das schlechte

Messer (auch Kutternusche), auf ~nuz~ = das Messerchen; »Schragen«,

Holzschragen, ein bestimmtes Maß Holz auf ~srak~ = das Gestell (zum

Messen des Holzes); »Bähnert«, ein runder Korb, auf ~bane~ = der

Flechtkorb. Unter anderen Benennungen deuten »Latschen«, schlechte

oder geringe Schuhe, auf ~hlacice~ = Strümpfe; »Hütsche« auf ~hecna~ =

die niedere Bank; »Hurkel« auf ~hurka~ = der Hügel, Buckel; »Zieche«

auf ~cicha~ = der Bettüberzug. Ferner »Schlottig« auf ~slota~ =

Lumpengesindel; »Klike«, die Gesellschaft, auf ~klika~ = das Gespann,

Joch; »Schmant« auf ~smanta~ = Schmutz; ferner weist »Wischka« auf

~miska~ = der Eber; »Kunzen« auf ~cunce~ = das männliche Spanferkel.

An Orts- und Richtungsbezeichnungen und dergl. kann man aufführen:

»Nische« von ~nize~ = schrägüber; »lätsch« von ~lezny~ = falsch;

»quatsch« von ~kvaz~ = das Gekrächze; »pritsch« von ~pric~ = fort;

dergleichen an Zeitwörtern »hätscheln« von ~hejckám~ = auf dem Arme

schaukeln; »bischen«, das Kind auf dem Arme tragen und einsingen, von

~pisenka~ = das Lied; »dahlen« von ~dal~ = weitläufig (sprechen);

»tatschen« von ~tacim~ = im Kreise drehen (mit seiner Rede); »pesteln«

von ~pestam~ = vorsorgen, pflegen; »pitzeln« von ~piclam~ = mit

stumpfem Messer schneiden; »anfuzen«, jemand grob anreden, von ~fucim~

= sausen; »balzen« von ~palcivy~ = hitzig sein; »Husche« von ~husa~

(Hus) = Gans; »Kaluppe« oder Schaluppe (schlechte Hütte) von ~chalupa~

= Hütte; »paddeln« von ~padlám~ = in der Erde wühlen; »pomäle«

(behaglich, bequem) von ~pomalu~ = langsam; »ketscheln« von ~kecam~ =

spritzen, sudeln, besudeln u. a.

Nach ~Dr.~ Göpfert u. M. v. Süßmilch.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 56 / 209 题