~a.~ Slawische Dörfer.
Das slawische oder sorbenwendische Dorf, für dessen Anlage noch
zahlreiche Beispiele nördlich vom Erzgebirgsfuße zu finden sind, bildet
ein geschlossenes Ganze und bestätigt schon in seiner äußeren Form und
seinem Grundrisse die Verbindung des Gemeindewesens. Die vorwiegende
Form, gewissermaßen die Urgestalt des altslawischen Dorfes, ist die
+Kreisform+. Die sämtlichen Höfe desselben liegen aneinandergeschlossen
in einem Kreise, und nur ein Eingang führt in das Innere des Dorfes;
während die äußere Umfassung von Hecken oder Lehmwänden gewissermaßen
die erste Verteidigungslinie bildet. In der Mitte des Dorfes liegt
in der Regel ein Teich. Ein von Linden umfaßter Platz bildet die
Stätte der Gemeindeversammlungen und Beratungen. Häufig ist eine
kleine Kapelle neben demselben; während die Kirche in der Reihe der
Höfe liegt. Man kann für diese Dorfform noch zahlreiche Beispiele
sorbenwendischen Ursprungs auf dem unteren Rande und am Fuße des
Erzgebirgsabhanges nachweisen, häufig selbst da, wo die ursprüngliche
Form durch das Anwachsen des Ortes schon bedeutend verändert ist. Auf
dem eigentlichen Gebirgsabhange kommen sie über 250 ~m~ Meereshöhe
nicht mehr vor.
Als oberster Grundsatz allen Besitzes galt, daß die ganze Feldmark
des Dorfes an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldung, Umland und Wüstungen,
Bächen, Teichen u. s. w. der Gemeinde als Gesamtbesitz angehörte
und daß der einzelne Hofbesitzer nur als Mitglied der Gemeinde
gewissermaßen den Nießbrauch eines entsprechenden Teiles des
Gesamtbesitzes hatte.
Nach M. v. Süßmilch.
~b.~ Deutsche Dörfer.
Anders als bei dem slawischen war es bei der Anlage der deutschen
Dörfer im Waldgebiete. Hier wurde das Gesamtgebiet des anzulegenden
Dorfes in so viele Teile geteilt, als Höfe gegründet werden sollten,
und der dieser Zahl entsprechende Raum in so viele geschlossene
aneinander stoßende Hufen zerlegt, als die Dorfgemeinde Höfe
zählen sollte. Daher bildeten die mit dem Gehöfte besetzten Hufe
ein geschlossenes Ganze. Garten, Feld, Wiese, Wald reihten sich im
Zusammenhange aneinander, wenn auch die Reihenfolge dieser Teile des
Ganzen in den einzelnen Fällen eine verschiedene war.
In der Regel wurden die einzelnen Höfe innerhalb der Gemeindeflur
+längs des Hauptweges+ mit entsprechendem Abstande aneinander gereiht.
Da die Niederlassung vorwiegend in breiteren Thalmulden erfolgte, so
wurde auf jeder Seite des Wasserlaufes in entsprechender Höhe über
der Thalsohle ein Hauptweg geführt, längs dessen die Höfe erbaut
wurden. Bei dieser Art von Ansiedelungen in den Thälern, wie sie im
Erzgebirge die vorwiegende ist, lagen innerhalb der Waldungen, welche
die verschiedene Thalgebiete trennenden Höhenrückenzüge bedeckten, die
Grenzlinien zwischen den in gleicher oder ähnlicher Weise angeordneten
Nachbargemeinden.
Ein jeder der Höfe lag in seinem ein unzertrenntes Ganze bildenden
Besitz. In der mehr oder weniger breiten Sohle der Thäler waren die
Wiesen, weiter oben auf dem Abhange und dessen weniger steiler Fläche
das Ackerfeld und auf dem Rande zwischen beiden der Hof mit seinen
Gebäuden und dem Garten. Weiter aufwärts lagen die Hutungen und oben
auf der Höhe der Wald.
Diese Art der Hufenteilung ist die im Erzgebirge bei seiner Besiedelung
vorwiegende gewesen. Weniger gebräuchlich, aber doch auch vorkommend,
ist die z. B. in Thüringen vorherrschende, mit der slawischen oder
sorbenwendischen Hufeneinteilung im Grundgedanken übereinstimmende
Hufengattung, bei welcher die Hufe aus einer großen Anzahl einzelner
Ackerstücke besteht, welche durch die Feldflur der Dorfgemeinde
verstreut liegen. Das gesamte Pflugland wird in eine Anzahl von
Vierecken dergestalt geteilt, daß der Boden eines jeden dieser Vierecke
von möglichst gleicher Beschaffenheit ist. Nun wird ein jedes dieser
Vierecke in so viele Streifen oder Gewende zerlegt, als die Flur Hufen
oder Höfe zählt, sodaß eine Hufe wie die andere aus ganz gleichen
Teilen zusammengesetzt ist.
Die Wiesen werden auch bei dieser Hufengattung besonders verteilt. In
der Regel erhielt eine jede Hufe Wiesenanteile in den drei schon im
frühesten Mittelalter unterschiedenen Wiesenlagen, und zwar Thal- oder
Bewässerungswiesen, Wiesen an den Hängen oder Thalhängen und Berg- oder
Höhenwiesen. Jede aus dieser Hufengattung bestehende Dorfflur bildet
ebenfalls ein geschlossenes Ganzes; die Hufe ist sogar vollständig
abgeschlossen, wie bei der ersten Hufengattung: denn jedes neugerodete
Stück Land liegt außerhalb der Hufe. Daher kommen neben der Hufe häufig
noch einzelne Äcker vor, besonders dann, wenn der Wald ursprünglich
geschlossenes Gemeindeeigentum war. -- Die zu dieser Hufengattung
gehörigen Hoferaithen liegen stets zu einem geschlossenen Dorfe
vereinigt beisammen.
Für die große Mehrzahl aller Dörfer im Erzgebirge, wenigstens soweit
sie mit Ackerbau und Viehzucht in Verbindung stehen oder wenigstens in
Verbindung gestanden haben, kann man die Ansiedelung der Dorfgemeinde
im ganzen als die Regel annehmen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß
eine kleine Ansiedelung durch Zuzug einer geschlossenen Menge neuer
Ansiedler mit einem Male oder durch allmählichen Zuwachs nach und nach
im Laufe der Jahrhunderte wesentlich vergrößert worden ist.
Nach M. v. Süßmilch.
~c.~ Reste der sorbischwendischen Sprache.
Noch heuzutage sind auf dem Abhange des Erzgebirges mancherlei Wörter
und Bezeichnungen inmitten einer vollkommen deutsch erscheinenden
Bevölkerung gebräuchlich, welche auf sorbenwendischen Ursprung
zurückweisen. In der bergmännischen Sprache begegnen wir den Wörtern
»Halde« für eine Aufschüttung von Gesteinen, was auf ~halda~ =
der Weiler führt; »Perl«, der Breithammer, auf ~perlik~; »Kaue«,
das Stollenhaus, auf ~kavna~ = die Hütte; »Tscherper«, das Messer
der Bergleute, auf ~serp~ = die Sichel; »Nusche«, das schlechte
Messer (auch Kutternusche), auf ~nuz~ = das Messerchen; »Schragen«,
Holzschragen, ein bestimmtes Maß Holz auf ~srak~ = das Gestell (zum
Messen des Holzes); »Bähnert«, ein runder Korb, auf ~bane~ = der
Flechtkorb. Unter anderen Benennungen deuten »Latschen«, schlechte
oder geringe Schuhe, auf ~hlacice~ = Strümpfe; »Hütsche« auf ~hecna~ =
die niedere Bank; »Hurkel« auf ~hurka~ = der Hügel, Buckel; »Zieche«
auf ~cicha~ = der Bettüberzug. Ferner »Schlottig« auf ~slota~ =
Lumpengesindel; »Klike«, die Gesellschaft, auf ~klika~ = das Gespann,
Joch; »Schmant« auf ~smanta~ = Schmutz; ferner weist »Wischka« auf
~miska~ = der Eber; »Kunzen« auf ~cunce~ = das männliche Spanferkel.
An Orts- und Richtungsbezeichnungen und dergl. kann man aufführen:
»Nische« von ~nize~ = schrägüber; »lätsch« von ~lezny~ = falsch;
»quatsch« von ~kvaz~ = das Gekrächze; »pritsch« von ~pric~ = fort;
dergleichen an Zeitwörtern »hätscheln« von ~hejckám~ = auf dem Arme
schaukeln; »bischen«, das Kind auf dem Arme tragen und einsingen, von
~pisenka~ = das Lied; »dahlen« von ~dal~ = weitläufig (sprechen);
»tatschen« von ~tacim~ = im Kreise drehen (mit seiner Rede); »pesteln«
von ~pestam~ = vorsorgen, pflegen; »pitzeln« von ~piclam~ = mit
stumpfem Messer schneiden; »anfuzen«, jemand grob anreden, von ~fucim~
= sausen; »balzen« von ~palcivy~ = hitzig sein; »Husche« von ~husa~
(Hus) = Gans; »Kaluppe« oder Schaluppe (schlechte Hütte) von ~chalupa~
= Hütte; »paddeln« von ~padlám~ = in der Erde wühlen; »pomäle«
(behaglich, bequem) von ~pomalu~ = langsam; »ketscheln« von ~kecam~ =
spritzen, sudeln, besudeln u. a.
Nach ~Dr.~ Göpfert u. M. v. Süßmilch.