~a.~ Die Besiedelung des Erzgebirges in vorwettinischer Zeit.
Im 4. Jahrhundert rückten die +slawischen Stämme+ von Osten her vor.
Zwischen 454 und 495 drangen die Tschechen in Böhmen ein. Ungefähr zu
gleicher Zeit kamen aus der Weichsel- und Odergegend die Milczener,
Lutizier, Obotriten und Sorben bis in die später sächsischen, mecklen-
und brandenburgischen Länder. Von diesen rückten die Sorben oder
Serben, deren Name sie ganz besonders als ackerbautreibendes Volk
bezeichnet, in das spätere Meißnische und, da 531 von den Franken und
Sachsen das mächtige Reich der Thüringer vernichtet wurde, westwärts
bis zur Saale vor. Die +Sorben+ waren demnach die unmittelbar
nördlichen Nachbarn des alten Miriquidi. Sie gründeten sehr bald in den
fruchtbaren Niederungen und Thälern Orte und bebauten das Land. Aber
noch wurde dieses Volk von der Ansiedelung auf den rauhen, unwirtlichen
Waldhöhen abgeschreckt, bis endlich nach den langen Vernichtungskämpfen
der mächtigen deutschen Kaiser im 9. Jahrhundert, denen die Erbauung
der Burg Meißen folgte, und ganz besonders, als unter +Otto I.+
die Grafen Hermann Billung und Gero glücklich die letzte Erhebung
an der niederen Elbe und in den Lausitzen niederschlagen, die Macht
der Slaven völlig gebrochen war. Der Zinspflichtigkeit zu entgehen,
festhaltend an dem Glauben ihrer Väter, erfüllt mit tiefem Haß
gegen die christliche Geistlichkeit, welche von ihren Einkünften
an Getreide und Vieh, Leinwand, Honig und Wachs den zehnten Teil
forderte, zogen sich nun nach den für ihr Volk unglücklichen Kämpfen
zahlreiche sorbische Familien in das unfreundliche und von wilden
Tieren bevölkerte, aber ihnen doch Freiheit und Sicherheit gegen ihre
Besieger verheißende Erzgebirge zurück. So wurden bereits gegen Ende
des 10. Jahrhunderts von diesen slawischen Einwanderern daselbst
einzelne feste Niederlassungen gegründet. Immer höher stiegen sie,
vorzugsweise wohl in den Thälern und so dem Laufe der Gewässer
entgegen, auf der nordwestlichen Senkung des Gebirges bis ungefähr
zur Linie Eibenstock-Schlettau-Zöblitz-Sayda auf. Erst vom 12.
Jahrhundert an, da das Gebirge durch die Entdeckung reicher Silbererze
zum Erzgebirge wurde, drangen auch die +Deutschen+ zahlreicher vor,
gründeten Städte und Dörfer. Das germanische Element verschlang sehr
bald die slavischen Reste, wo sich dieselben bis dahin noch in einiger
Selbständigkeit erhalten hatten. Wohl erhielt sich noch, wenigstens
am Fuße des eigentlichen Gebirges, ihre Sprache; denn im Jahre 1327
wurde der Gebrauch derselben bei den Zwickauer Gerichten und in
Meißen sogar erst 1424 verboten; jedoch auch in den höher gelegenen
slavischen Ansiedelungen wird die Muttersprache nach Berührung mit den
später vorgedrungenen Deutschen nicht sobald erloschen sein, da viele
slavische Wörter, die selbst in der Gegenwart nicht verschwunden sind,
von den Deutschen festgehalten wurden.
Nach ~Dr.~ Köhler.
~b.~ Die Besiedelung des oberen Erzgebirges in wettinischer Zeit.