Streiten ist an sich keine löbliche Eigenschaft, und am allerwenigsten
scheint ein sittlicher Grund vorzuliegen, die Erinnerung an einen
Streit in einem alljährlich wiederkehrenden, festlich begangenen Tage
festzuhalten und auf die kommenden Geschlechter zu vererben. Und doch
haben unsere biederen sächsischen Bergleute dies Ungeheuerliche fertig
gebracht und sie feiern alljährlich ihren »Streittag« als einziges
und höchstes Bergfest, im Schneeberger Bergrevier und auch wohl in
anderen am Tage Maria Magdalena, den 22. Juli. Die Grundlage dieses
Festes bildet das gewiß begreifliche Verlangen der geplagten Bergleute,
wenigstens an einem Tage im Jahre von ihrer saueren Arbeit »tief
unter der Erd'« ausruhen zu dürfen. Denn im Dienste der Sicherheit
und Regelmäßigkeit des Betriebes giebt es bekanntlich im Bergbau
keine eigentliche »Sonntagsruhe«, sondern unablässig arbeitet im
Schachte das sogenannte »Kunstgezeug« weiter, wie das von dem auf der
Halde stehenden Zechenhäuschen erklingende Bergglöckchen mit seinem
regelmäßigen »Kling« anzeigt. Zur Bedienung des »Kunstgezeugs« aber,
das den gesamten für den Grubenbau unentbehrlichen Maschinenbetrieb
zur Entfernung bez. Nutzbarmachung der Grubengewässer, der Förderung
des Gesteins, Beförderung der Belegschaft, d. h. der Mannschaften,
u. s. w. zu ordnen hat, sind Menschenkräfte unentbehrlich, und
würde einmal plötzlich das Bergglöckchen sein eintöniges »Kling«
nicht vernehmen lassen, so wäre die bange Furcht, daß die finsteren
Mächte des Abgrundes wieder einmal ihr unheimliches Zerstörungswerk
begonnen haben, leider nur allzusehr begründet. Da haben nun vor
Zeiten -- urkundlich läßt sich das Datum nicht genau feststellen
-- die Bergleute sich jenen Tag »erstritten«, um frei von den
Sorgen ihres schweren Berufs einmal sich und ihren Familien ganz
angehören zu können. Damit soll nicht gesagt sein, daß an diesem
Tage der Bergwerksbetrieb gänzlich eingestellt sei, das ist eben
nach unseren obigen Darlegungen undenkbar. Aber die nur irgendwie
abkömmlichen Mannschaften feiern an diesem Tage, und wer sonst, um
seinen Verdienst zu erhöhen, neben der Nacht- noch eine Tagschicht
verfuhr -- jede annähernd 10 Stunden umfassend -- der verzichtet
heute gewiß auf letztere und jede anderweite Nebenbeschäftigung
(Holzschnitzerei, Musikmachen, Garten- und Feldbau u. a.). Daß man
aber den Tag als höchstes Fest begeht, zeigt auch die Paradeuniform,
die heute selbst den einfachsten Ganghäuer schmückt. Die schönste
Zierde des Festes aber, will uns bedünken, und zugleich ein rührendes
Ueberbleibsel aus der oft zu Unrecht verspotteten »guten, alten Zeit«
bildet die feierliche Kirchenparade der Belegschaft des Reviers mit
nachfolgendem Festgottesdienst in der Hauptkirche. Die Bergleute waren
es bekanntlich, deren unverfälschter frommer Sinn frühzeitig die
Irrlehren der römischen Kirche erkannte und sich dem evangelischen
Glauben zuwandte. Noch heute erinnert ein mit einem Bibelbuch und
einem Kelche (aus Eisen) geschmückter gewaltiger Granitwürfel inmitten
des Schneeberger Grubenreviers auf dem »hohen Gebirge« an die
Knappschaftskapelle zu »St. Anna«, in der schon im Jahre der Uebergabe
der Augsburger Konfession (1530) evangelisch gepredigt wurde.
Die Kirchenparade der Bergleute am 22. Juli gestaltet sich besonders in
der ehrwürdigen Bergstadt Schneeberg zu einem hervorragend merkwürdigen
und glänzenden Schauspiele. Nicht nur, daß sich die Bergleute in ihrer
altertümlichen Tracht hier auch in größerer Anzahl beteiligen -- jetzt
etwa 500 Mann, vor 20 Jahren mochten es über 800 gewesen sein --,
sondern auch des gewaltigen Gotteshauses wegen, wohin sich der Zug
zur Festfeier bewegt. Die Schneeberger Hauptkirche, auf dem höchsten
Gipfel des Berges gelegen, welcher der Stadt ihren Namen gab, ist,
aus dem Ertrage der Gruben erbaut, schon in ihrem gewaltigen Umfange
ein Zeugnis frommen Bergmannssinnes und dem Bergheiligen St. Wolfgang
geweiht. Weit und licht, ohne beengende Emporen, an deren Stelle ein
in drittel Höhe um das ganze Gotteshaus herumlaufender Prozessionsgang
tritt -- der Bau wurde im Jahre 1516 katholisch begonnen, im Jahre
1540 aber vollendet und die Kirche evangelisch eingeweiht --, gehört
das Gotteshaus, das entsprechend seiner spätgotischen Bauart vor
nicht zu langer Zeit innerlich prächtig erneuert ward, zu Sachsens
größten Kirchen, dem nicht einmal die St. Annakirche in Annaberg
trotz ihrer gewaltigen Größe gleichkommt. Die ehernen Zungen des
harmonischen Geläutes (~G-dur~), darunter Sachsens größte Glocke,
die weit über 100 Zentner schwere »Donnerglocke«, begrüßen die in
festlichem Zuge Nahenden. Eine besondere Gruppe, die wegen ihrer
kleidsamen und eigenartigen Tracht stets ungeteilteste Aufmerksamkeit
erregt, sind die Blaufarbenarbeiter. Ihre blinkend weißen, faltigen
Blusenhemden, geschmückt mit den nötigen Rang- und Arbeitsabzeichen,
stehen seltsam mit den schwarzen, grün gesäumten Paradeuniformen
der übrigen Bergleute, deren Lederzeug (Berg- und Knieleder) heute
blankgeputzt ist. Altertümlich nimmt sich bei allen auch der
federgeschmückte Tschacko aus, während die bergmännischen Werkzeuge
-- Hammer, Schlägel, Fäustel, Spitzhacke etc. -- dem Ganzen ein etwas
militärisches Gepräge verleihen. Weniger soldatisch mutet uns die
eigenartige Gangart der Bergleute an, die ihnen offenbar infolge ihrer
Berufsarbeit zur andern Natur geworden ist: wir meinen das Vorbeugen
der Knie bei jedem Schritt. Der Volkswitz nennt daher den uralten
Marsch, nach dessen getragenen Klängen der Einzug erfolgt, nicht übel
den »Kniebiegel«. Im Gotteshause gebührt der Berggemeinde an diesem
Tage der unbedingte Vorrang, ja, in früheren Jahren mußten ihr sogar
die sogenannten »gelösten« Kirchenstühle aufgeschlossen und freigegeben
werden. Als Zeugnis für die festliche Bedeutung des Tages mag endlich
noch der Hinweis dienen, daß, wie an hohen Festen, auch der jeweilige
Oberpfarrer und Superintendent die »Bergpredigt« zu halten hat. Nach
beendetem Festgottesdienst zerstreut sich die Berggemeinde, die sich
übrigens nur aus den männlichen Familiengliedern zusammensetzt, soweit
diese beim Bergbau beschäftigt sind, in alle vier Winde.
Leider hat selbst unter den einst ihrer Frömmigkeit wegen bekannten
Bergleuten die Vergnügungssucht weit mehr Platz gegriffen, als bei der
einfachen Lebensführung, zu der die meisten dieser Familien genötigt
sind, erwartet werden dürfte und ihnen gut ist. Das junge Volk begiebt
sich zu Spiel und Tanz bei Bier und Branntwein und nur wenige der
Bergleute von altem Schrot und Korn ziehen es vor, daheim bei Weib
und Kind zu feiern und beim Klange der immer mehr in Vergessenheit
geratenden, teilweise recht anmutigen Bergmannslieder, die höchstens
noch um Weihnachten allgemeiner gehört werden, oder im harmlosen
Gespräch über des liebgewonnenen Standes Würde und Bürde die schönere
Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken. Einige suchen wohl auch die
benachbarten schattigen Wälder auf, um die gerade ihnen so überaus
nötige ozonreiche, würzige Luft zu genießen. Denn im allgemeinen ist
der Bergmann wie der Erzgebirger ein Stubenhocker, der beim geringsten
Luftzug zu erkranken fürchtet und daher äußerst selten, und auch dann
nur mit wohlverwahrtem Hals und Kopf, das Freie aufsucht, wobei ihn
manchmal selbst im Hochsommer ein Bedauern überkommen mag, daß nicht
auch hier, wie daheim, ein lustiges Feuer im Ofen prasselt. Gleichwohl
bildet der »Streittag« als einziges wirkliches Bergfest einen der
seltenen Lichtblicke im Leben des anspruchslosen schwarzen Völkchens
droben, und wenn es an demselben mit sprichwörtlicher Zähigkeit
festhält, so begreifen und billigen wir das nicht bloß vom materiellen,
sondern weit mehr vom idealen Standpunkte aus. Denn gerade in dieser
Zeit der Ernüchterung und des platten Materialismus ist es mehr denn je
geboten, die spärlichen Reste von Poesie und idealem Sinn, die unser
Volks- und Berufsleben noch aufweist, sorgsam zu hüten und zu bewahren.
Ein solcher Hauch von Poesie verklärte auch dereinst das harte
Bergmannsleben, und wer nur ein einziges Mal Anackers leider jetzt
so selten gewordenen »Bergmannsgruß«, der, wie Verfasser sich wohl
entsinnt, früher selbst in den Schulbüchern zu finden war, mit seiner
mächtig ergreifenden »Steiger-Arie«, seinen zarten Familienszenen u.
s. w. gehört hat, der wird auch verstehen, warum der echte und rechte
Bergmann selbst heute noch mit Begeisterung an seinem schweren Berufe
hängt; es ist etwas von dem Himmelssegen, den auch dieser Beruf in sich
trägt, wenn anders nur die, welche ihm angehören, sich aus der Tiefe
nach oben zu erheben wissen. Und das bedeutet auch der alte sinnige
Bergmannsgruß: »Glück auf!«
Nach dem Wochenblatte.
Dritter Abschnitt.
Die Besiedelung des Obererzgebirges.