24. Der Streittag.

Streiten ist an sich keine löbliche Eigenschaft, und am allerwenigsten

scheint ein sittlicher Grund vorzuliegen, die Erinnerung an einen

Streit in einem alljährlich wiederkehrenden, festlich begangenen Tage

festzuhalten und auf die kommenden Geschlechter zu vererben. Und doch

haben unsere biederen sächsischen Bergleute dies Ungeheuerliche fertig

gebracht und sie feiern alljährlich ihren »Streittag« als einziges

und höchstes Bergfest, im Schneeberger Bergrevier und auch wohl in

anderen am Tage Maria Magdalena, den 22. Juli. Die Grundlage dieses

Festes bildet das gewiß begreifliche Verlangen der geplagten Bergleute,

wenigstens an einem Tage im Jahre von ihrer saueren Arbeit »tief

unter der Erd'« ausruhen zu dürfen. Denn im Dienste der Sicherheit

und Regelmäßigkeit des Betriebes giebt es bekanntlich im Bergbau

keine eigentliche »Sonntagsruhe«, sondern unablässig arbeitet im

Schachte das sogenannte »Kunstgezeug« weiter, wie das von dem auf der

Halde stehenden Zechenhäuschen erklingende Bergglöckchen mit seinem

regelmäßigen »Kling« anzeigt. Zur Bedienung des »Kunstgezeugs« aber,

das den gesamten für den Grubenbau unentbehrlichen Maschinenbetrieb

zur Entfernung bez. Nutzbarmachung der Grubengewässer, der Förderung

des Gesteins, Beförderung der Belegschaft, d. h. der Mannschaften,

u. s. w. zu ordnen hat, sind Menschenkräfte unentbehrlich, und

würde einmal plötzlich das Bergglöckchen sein eintöniges »Kling«

nicht vernehmen lassen, so wäre die bange Furcht, daß die finsteren

Mächte des Abgrundes wieder einmal ihr unheimliches Zerstörungswerk

begonnen haben, leider nur allzusehr begründet. Da haben nun vor

Zeiten -- urkundlich läßt sich das Datum nicht genau feststellen

-- die Bergleute sich jenen Tag »erstritten«, um frei von den

Sorgen ihres schweren Berufs einmal sich und ihren Familien ganz

angehören zu können. Damit soll nicht gesagt sein, daß an diesem

Tage der Bergwerksbetrieb gänzlich eingestellt sei, das ist eben

nach unseren obigen Darlegungen undenkbar. Aber die nur irgendwie

abkömmlichen Mannschaften feiern an diesem Tage, und wer sonst, um

seinen Verdienst zu erhöhen, neben der Nacht- noch eine Tagschicht

verfuhr -- jede annähernd 10 Stunden umfassend -- der verzichtet

heute gewiß auf letztere und jede anderweite Nebenbeschäftigung

(Holzschnitzerei, Musikmachen, Garten- und Feldbau u. a.). Daß man

aber den Tag als höchstes Fest begeht, zeigt auch die Paradeuniform,

die heute selbst den einfachsten Ganghäuer schmückt. Die schönste

Zierde des Festes aber, will uns bedünken, und zugleich ein rührendes

Ueberbleibsel aus der oft zu Unrecht verspotteten »guten, alten Zeit«

bildet die feierliche Kirchenparade der Belegschaft des Reviers mit

nachfolgendem Festgottesdienst in der Hauptkirche. Die Bergleute waren

es bekanntlich, deren unverfälschter frommer Sinn frühzeitig die

Irrlehren der römischen Kirche erkannte und sich dem evangelischen

Glauben zuwandte. Noch heute erinnert ein mit einem Bibelbuch und

einem Kelche (aus Eisen) geschmückter gewaltiger Granitwürfel inmitten

des Schneeberger Grubenreviers auf dem »hohen Gebirge« an die

Knappschaftskapelle zu »St. Anna«, in der schon im Jahre der Uebergabe

der Augsburger Konfession (1530) evangelisch gepredigt wurde.

Die Kirchenparade der Bergleute am 22. Juli gestaltet sich besonders in

der ehrwürdigen Bergstadt Schneeberg zu einem hervorragend merkwürdigen

und glänzenden Schauspiele. Nicht nur, daß sich die Bergleute in ihrer

altertümlichen Tracht hier auch in größerer Anzahl beteiligen -- jetzt

etwa 500 Mann, vor 20 Jahren mochten es über 800 gewesen sein --,

sondern auch des gewaltigen Gotteshauses wegen, wohin sich der Zug

zur Festfeier bewegt. Die Schneeberger Hauptkirche, auf dem höchsten

Gipfel des Berges gelegen, welcher der Stadt ihren Namen gab, ist,

aus dem Ertrage der Gruben erbaut, schon in ihrem gewaltigen Umfange

ein Zeugnis frommen Bergmannssinnes und dem Bergheiligen St. Wolfgang

geweiht. Weit und licht, ohne beengende Emporen, an deren Stelle ein

in drittel Höhe um das ganze Gotteshaus herumlaufender Prozessionsgang

tritt -- der Bau wurde im Jahre 1516 katholisch begonnen, im Jahre

1540 aber vollendet und die Kirche evangelisch eingeweiht --, gehört

das Gotteshaus, das entsprechend seiner spätgotischen Bauart vor

nicht zu langer Zeit innerlich prächtig erneuert ward, zu Sachsens

größten Kirchen, dem nicht einmal die St. Annakirche in Annaberg

trotz ihrer gewaltigen Größe gleichkommt. Die ehernen Zungen des

harmonischen Geläutes (~G-dur~), darunter Sachsens größte Glocke,

die weit über 100 Zentner schwere »Donnerglocke«, begrüßen die in

festlichem Zuge Nahenden. Eine besondere Gruppe, die wegen ihrer

kleidsamen und eigenartigen Tracht stets ungeteilteste Aufmerksamkeit

erregt, sind die Blaufarbenarbeiter. Ihre blinkend weißen, faltigen

Blusenhemden, geschmückt mit den nötigen Rang- und Arbeitsabzeichen,

stehen seltsam mit den schwarzen, grün gesäumten Paradeuniformen

der übrigen Bergleute, deren Lederzeug (Berg- und Knieleder) heute

blankgeputzt ist. Altertümlich nimmt sich bei allen auch der

federgeschmückte Tschacko aus, während die bergmännischen Werkzeuge

-- Hammer, Schlägel, Fäustel, Spitzhacke etc. -- dem Ganzen ein etwas

militärisches Gepräge verleihen. Weniger soldatisch mutet uns die

eigenartige Gangart der Bergleute an, die ihnen offenbar infolge ihrer

Berufsarbeit zur andern Natur geworden ist: wir meinen das Vorbeugen

der Knie bei jedem Schritt. Der Volkswitz nennt daher den uralten

Marsch, nach dessen getragenen Klängen der Einzug erfolgt, nicht übel

den »Kniebiegel«. Im Gotteshause gebührt der Berggemeinde an diesem

Tage der unbedingte Vorrang, ja, in früheren Jahren mußten ihr sogar

die sogenannten »gelösten« Kirchenstühle aufgeschlossen und freigegeben

werden. Als Zeugnis für die festliche Bedeutung des Tages mag endlich

noch der Hinweis dienen, daß, wie an hohen Festen, auch der jeweilige

Oberpfarrer und Superintendent die »Bergpredigt« zu halten hat. Nach

beendetem Festgottesdienst zerstreut sich die Berggemeinde, die sich

übrigens nur aus den männlichen Familiengliedern zusammensetzt, soweit

diese beim Bergbau beschäftigt sind, in alle vier Winde.

Leider hat selbst unter den einst ihrer Frömmigkeit wegen bekannten

Bergleuten die Vergnügungssucht weit mehr Platz gegriffen, als bei der

einfachen Lebensführung, zu der die meisten dieser Familien genötigt

sind, erwartet werden dürfte und ihnen gut ist. Das junge Volk begiebt

sich zu Spiel und Tanz bei Bier und Branntwein und nur wenige der

Bergleute von altem Schrot und Korn ziehen es vor, daheim bei Weib

und Kind zu feiern und beim Klange der immer mehr in Vergessenheit

geratenden, teilweise recht anmutigen Bergmannslieder, die höchstens

noch um Weihnachten allgemeiner gehört werden, oder im harmlosen

Gespräch über des liebgewonnenen Standes Würde und Bürde die schönere

Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken. Einige suchen wohl auch die

benachbarten schattigen Wälder auf, um die gerade ihnen so überaus

nötige ozonreiche, würzige Luft zu genießen. Denn im allgemeinen ist

der Bergmann wie der Erzgebirger ein Stubenhocker, der beim geringsten

Luftzug zu erkranken fürchtet und daher äußerst selten, und auch dann

nur mit wohlverwahrtem Hals und Kopf, das Freie aufsucht, wobei ihn

manchmal selbst im Hochsommer ein Bedauern überkommen mag, daß nicht

auch hier, wie daheim, ein lustiges Feuer im Ofen prasselt. Gleichwohl

bildet der »Streittag« als einziges wirkliches Bergfest einen der

seltenen Lichtblicke im Leben des anspruchslosen schwarzen Völkchens

droben, und wenn es an demselben mit sprichwörtlicher Zähigkeit

festhält, so begreifen und billigen wir das nicht bloß vom materiellen,

sondern weit mehr vom idealen Standpunkte aus. Denn gerade in dieser

Zeit der Ernüchterung und des platten Materialismus ist es mehr denn je

geboten, die spärlichen Reste von Poesie und idealem Sinn, die unser

Volks- und Berufsleben noch aufweist, sorgsam zu hüten und zu bewahren.

Ein solcher Hauch von Poesie verklärte auch dereinst das harte

Bergmannsleben, und wer nur ein einziges Mal Anackers leider jetzt

so selten gewordenen »Bergmannsgruß«, der, wie Verfasser sich wohl

entsinnt, früher selbst in den Schulbüchern zu finden war, mit seiner

mächtig ergreifenden »Steiger-Arie«, seinen zarten Familienszenen u.

s. w. gehört hat, der wird auch verstehen, warum der echte und rechte

Bergmann selbst heute noch mit Begeisterung an seinem schweren Berufe

hängt; es ist etwas von dem Himmelssegen, den auch dieser Beruf in sich

trägt, wenn anders nur die, welche ihm angehören, sich aus der Tiefe

nach oben zu erheben wissen. Und das bedeutet auch der alte sinnige

Bergmannsgruß: »Glück auf!«

Nach dem Wochenblatte.

Dritter Abschnitt.

Die Besiedelung des Obererzgebirges.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 48 / 209 题