17. Weihnachten im Obererzgebirge.

Unter allen Festen des Jahres nimmt im Gebirge unstreitig das

Weihnachtsfest die erste Stelle ein. Bereits einige Tage vor dem

heiligen Abend reinigt die Hausfrau mit ihren Töchtern das ganze

Haus, putzt Fenster und Gefäße und fegt die Stube. Auf die Dielen der

Wohnstube streut sie Stroh, welches auch, so lange die Zwölfnächte

dauern, liegen bleibt. Der heilige Abend gilt schon als halber

Feiertag. Erwachsene und Kinder haben ihr Sonntagskleid angelegt.

Aus der Kammer oder aus dem Keller werden die am Andreasabend

gebrochenen Reiser geholt, sie haben in der kurzen Zeit Schößlinge

getrieben. Kaum ist die Sonne zur Rüste gegangen, so vereinigen sich

die Familienglieder zum frohen Mahl, denn heute giebt es »Neunerlei«.

Die sonst so sparsame Hausfrau hat den Ihrigen Klöße, Bratwurst

und Linsen, Sauerkraut, Heidelbeeren und sonstige erzgebirgische

Feiertagsspeisen, sodaß sie neun Gerichte bilden, aufgetischt. Nach

dem Essen bestreut der Hausvater einige Brotschnitten mit Salz und

Nußkernen und giebt sie dem Vieh im Stalle, auch dieses soll wissen,

daß heute Weihnachten ist. Auch die Obstbäume im Garten beschenkt

er am Christabend, indem er sie mit einem Strohseile umwindet, aus

Dankbarkeit tragen sie im kommenden Jahre besser. Brot und Salz bleibt

im Tischtuche eingeschlagen auf dem Speisetisch während der Nacht

liegen, denn nur dann geht das ganze Jahr hindurch der Segen nicht

aus. Viele verbringen die Christnacht wachend, um, wie sie sagen, die

Metten nicht zu verschlafen. Das junge Volk vertreibt sich die Zeit

durch allerhand Kurzweil. In ein mit Wasser gefülltes Gefäß gießen

die Mädchen durch einen Erbschlüssel flüssiges Blei, aus der Form

des plötzlich erstarrten Tropfens suchen sie die Beschäftigung des

zukünftigen Bräutigams zu erraten. Drei Silberpfennige läßt man in

einer mit Wasser gefüllten Schüssel schwimmen, nähern sie sich, so

findet noch im Laufe des Jahres Hochzeit statt, wozu der Pfarrer,

welchen der dritte Pfennig darstellt, seinen Segen giebt. Ein

Auseinanderschwimmen bedeutet die Lösung der angeknüpften Liebschaft.

Die Zwölfzahl, nach den zwölf Monaten, ist bedeutungsvoll bei all

diesen abergläubischen Gebräuchen. Zwölf Schüsseln stellt man auf den

Tisch, worin in der einen ein Brautkranz, in der andern ein Totenkranz,

in der dritten ein Gevattersträußchen u. s. w. liegt, in die vorletzte

aber hat man helles und in die letzte trübes Wasser gegossen. Mit

verbundenen Augen nahet sich die fragende Person; je nach dem Wasser,

wonach dieselbe greift, wird das Jahr trüb oder heiter für sie

sein, wehe, wenn sie nach der Schüssel mit dem Totenkranze die Hand

ausstreckte! Zwölf Häufchen Salz formt der Landmann in der Christnacht

und stellt sie in Zwiebelschalen; nach der Feuchtigkeit, welche sie in

der Nacht angezogen haben, läßt sich bestimmen, welcher Monat trocken

oder feucht sein wird. Sind mehrere Töchter im Hause, so nimmt eine

nach der andern einen Schuh und wirft ihn nach der Thür; zeigt er mit

der Spitze nach dem Ausgange, so verläßt das Mädchen im Laufe des

kommenden Jahres das väterliche Haus.

Man achte auf die durch das Kochen des Wassers im Ofentopf entstandene

Musik, sie prophezeit das kommende Jahr. Um Mitternacht aber,

so lange die Turmuhr die zwölfte Stunde verkündet, spendet das

Brunnenrohr draußen im Hofe lautren Wein! Verschiedene Mitglieder

der Kantoreibrüderschaft steigen nach Mitternacht die steilen Stufen

im alten Wachtturme bis zur Türmerwohnung empor und singen da

Weihnachtslieder. Durch die offenen Fenster schallt der Choral: »Vom

Himmel hoch, da komm' ich her etc.« in die schweigende Winternacht

hinaus. Noch ist das Licht der Sterne nicht erblichen, da rufen die

Kirchenglocken zur Christmette. Reich und arm, groß und klein geht zum

Gotteshaus, wohl das ganze Jahr hindurch sieht dasselbe selten eine so

zahlreiche Menge Andächtiger, als an diesem Morgen. Vom Chore herab

ertönt das alte lateinische Weihnachtslied, das in der Übersetzung

lautet:

Den die Hirten lobten sehre,

und die Engel noch viel mehre,

fürcht euch fürbaß nimmermehre,

euch ist geboren der König der Ehre.

Zu dem Kön'ge kam'n geritten,

Gold, Weihrauch, Myrrhen brachten sie mite,

sie fielen nieder auf ihre Knie,

gelobt seist du, Herr, allhie!

Freut euch alle mit Maria

in des Himmels Hierarchia,

da die Engel singen alle,

In dem höchsten Thron mit Schalle.

Lobet alle Leut' zugleiche

Gottes Sohn vom Himmelreiche,

uns zu Trost ist er geboren,

Lob und Ehr' sei Gott dem Herrn!

Auch die Weissagung aus dem Propheten Jesaias, welche im 9. Kapitel

steht und mit den Worten anhebt: »Das Volk, so im Finstern wandelt,

sieht ein großes Licht etc.« wird gesungen. Ein jeder Kirchgänger hat

sein eigenes Mettenlicht mitgebracht, der Lichtstumpf wird später

daheim heilig aufbewahrt, denn zündet man denselben während eines

Gewitters an, so schlägt der Blitz nicht ein, so behauptet wenigstens

der Aberglaube. Die letzten Klänge der Orgel sind kaum verklungen,

so eilt schon die frohe Kinderschar den elterlichen Wohnungen zu, in

ihrer Abwesenheit hat ja das Christkind seine Gaben ausgebreitet.

Der Leuchter, welcher auch in der ärmsten Hütte nicht fehlt, ist

angezündet, die Pyramide dreht sich, der »Berg« strahlt im hellsten

Kerzenlicht. Der Berg ist ein in der Stubenecke terrassenförmig

aufgebauter Paradiesgarten mit Hirsch und Jäger, mit Stall und Krippe,

mit Engel und Stern, kurz mit allem, was der Vater in den langen

Winterabenden für seine Lieblinge zusammenbaute. Heller jedoch als die

Lichtlein strahlen die Augen der beglückten Kleinen.

Die Christnacht ist die erste Nacht der Zwölfnächte. Da muß man

auf die Träume achten, da sie in Erfüllung gehen. Die Zwölfnächte

werden im Erzgebirge auch wohl Innert- oder Internächte genannt, also

Zwischennächte, da sie zwischen dem heiligen Abend vor der Christnacht

und demjenigen vom Hohenneujahrstage liegen.

In Geyer knüpft sich an den Mettenbesuch folgende Sage: Ein altes

Mütterchen, welches von Kindheit an gewöhnt war, die Christmetten zu

besuchen, legte sich nicht schlafen, damit sie den Ruf der Glocken

nicht überhöre. Die Wanduhr war stehen geblieben, da schien es ihr, als

riefen die Glocken zur Kirche. Rasch macht sie sich zum Kirchgange auf,

die großen Bogenfenster der Kirche waren auch schon hell erleuchtet.

Wie früher hatte ein jeder Kirchgänger sein Mettenlicht angezündet, die

Weissagung wurde gesungen, so auch das ~Quem pastores~. Nur däuchte

es ihr, als ob die Andächtigen bleicher als sonst aussähen und als

sie näher hinschaute, waren es lauter Verstorbene. Eine Nachbarin

zupfte sie am Kleid und wisperte ihr ins Ohr: »Gevatterin, Ihr seid

zu früh und deshalb in die Totenmetten gekommen, dort seht Ihr die

Schattenbilder derer, die in dem kommenden Jahre die unseren werden.

Damit Ihr nicht auch dazu kommt, so werft beim Verlassen der Kirche

Euern Mantel ab.« Erschreckt verließ das Mütterchen die Kirche, that

aber, wie ihr die Gevatterin geheißen. Am andern Morgen fanden die

Kirchgänger auf jedem Grabe des Friedhofes, welcher die Kirche umgiebt,

ein Stückchen von dem Mantel, den die alte Frau beim Besuch der

Totenmetten getragen hatte.

Nach Spieß.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 42 / 209 题