Unter allen Festen des Jahres nimmt im Gebirge unstreitig das
Weihnachtsfest die erste Stelle ein. Bereits einige Tage vor dem
heiligen Abend reinigt die Hausfrau mit ihren Töchtern das ganze
Haus, putzt Fenster und Gefäße und fegt die Stube. Auf die Dielen der
Wohnstube streut sie Stroh, welches auch, so lange die Zwölfnächte
dauern, liegen bleibt. Der heilige Abend gilt schon als halber
Feiertag. Erwachsene und Kinder haben ihr Sonntagskleid angelegt.
Aus der Kammer oder aus dem Keller werden die am Andreasabend
gebrochenen Reiser geholt, sie haben in der kurzen Zeit Schößlinge
getrieben. Kaum ist die Sonne zur Rüste gegangen, so vereinigen sich
die Familienglieder zum frohen Mahl, denn heute giebt es »Neunerlei«.
Die sonst so sparsame Hausfrau hat den Ihrigen Klöße, Bratwurst
und Linsen, Sauerkraut, Heidelbeeren und sonstige erzgebirgische
Feiertagsspeisen, sodaß sie neun Gerichte bilden, aufgetischt. Nach
dem Essen bestreut der Hausvater einige Brotschnitten mit Salz und
Nußkernen und giebt sie dem Vieh im Stalle, auch dieses soll wissen,
daß heute Weihnachten ist. Auch die Obstbäume im Garten beschenkt
er am Christabend, indem er sie mit einem Strohseile umwindet, aus
Dankbarkeit tragen sie im kommenden Jahre besser. Brot und Salz bleibt
im Tischtuche eingeschlagen auf dem Speisetisch während der Nacht
liegen, denn nur dann geht das ganze Jahr hindurch der Segen nicht
aus. Viele verbringen die Christnacht wachend, um, wie sie sagen, die
Metten nicht zu verschlafen. Das junge Volk vertreibt sich die Zeit
durch allerhand Kurzweil. In ein mit Wasser gefülltes Gefäß gießen
die Mädchen durch einen Erbschlüssel flüssiges Blei, aus der Form
des plötzlich erstarrten Tropfens suchen sie die Beschäftigung des
zukünftigen Bräutigams zu erraten. Drei Silberpfennige läßt man in
einer mit Wasser gefüllten Schüssel schwimmen, nähern sie sich, so
findet noch im Laufe des Jahres Hochzeit statt, wozu der Pfarrer,
welchen der dritte Pfennig darstellt, seinen Segen giebt. Ein
Auseinanderschwimmen bedeutet die Lösung der angeknüpften Liebschaft.
Die Zwölfzahl, nach den zwölf Monaten, ist bedeutungsvoll bei all
diesen abergläubischen Gebräuchen. Zwölf Schüsseln stellt man auf den
Tisch, worin in der einen ein Brautkranz, in der andern ein Totenkranz,
in der dritten ein Gevattersträußchen u. s. w. liegt, in die vorletzte
aber hat man helles und in die letzte trübes Wasser gegossen. Mit
verbundenen Augen nahet sich die fragende Person; je nach dem Wasser,
wonach dieselbe greift, wird das Jahr trüb oder heiter für sie
sein, wehe, wenn sie nach der Schüssel mit dem Totenkranze die Hand
ausstreckte! Zwölf Häufchen Salz formt der Landmann in der Christnacht
und stellt sie in Zwiebelschalen; nach der Feuchtigkeit, welche sie in
der Nacht angezogen haben, läßt sich bestimmen, welcher Monat trocken
oder feucht sein wird. Sind mehrere Töchter im Hause, so nimmt eine
nach der andern einen Schuh und wirft ihn nach der Thür; zeigt er mit
der Spitze nach dem Ausgange, so verläßt das Mädchen im Laufe des
kommenden Jahres das väterliche Haus.
Man achte auf die durch das Kochen des Wassers im Ofentopf entstandene
Musik, sie prophezeit das kommende Jahr. Um Mitternacht aber,
so lange die Turmuhr die zwölfte Stunde verkündet, spendet das
Brunnenrohr draußen im Hofe lautren Wein! Verschiedene Mitglieder
der Kantoreibrüderschaft steigen nach Mitternacht die steilen Stufen
im alten Wachtturme bis zur Türmerwohnung empor und singen da
Weihnachtslieder. Durch die offenen Fenster schallt der Choral: »Vom
Himmel hoch, da komm' ich her etc.« in die schweigende Winternacht
hinaus. Noch ist das Licht der Sterne nicht erblichen, da rufen die
Kirchenglocken zur Christmette. Reich und arm, groß und klein geht zum
Gotteshaus, wohl das ganze Jahr hindurch sieht dasselbe selten eine so
zahlreiche Menge Andächtiger, als an diesem Morgen. Vom Chore herab
ertönt das alte lateinische Weihnachtslied, das in der Übersetzung
lautet:
Den die Hirten lobten sehre,
und die Engel noch viel mehre,
fürcht euch fürbaß nimmermehre,
euch ist geboren der König der Ehre.
Zu dem Kön'ge kam'n geritten,
Gold, Weihrauch, Myrrhen brachten sie mite,
sie fielen nieder auf ihre Knie,
gelobt seist du, Herr, allhie!
Freut euch alle mit Maria
in des Himmels Hierarchia,
da die Engel singen alle,
In dem höchsten Thron mit Schalle.
Lobet alle Leut' zugleiche
Gottes Sohn vom Himmelreiche,
uns zu Trost ist er geboren,
Lob und Ehr' sei Gott dem Herrn!
Auch die Weissagung aus dem Propheten Jesaias, welche im 9. Kapitel
steht und mit den Worten anhebt: »Das Volk, so im Finstern wandelt,
sieht ein großes Licht etc.« wird gesungen. Ein jeder Kirchgänger hat
sein eigenes Mettenlicht mitgebracht, der Lichtstumpf wird später
daheim heilig aufbewahrt, denn zündet man denselben während eines
Gewitters an, so schlägt der Blitz nicht ein, so behauptet wenigstens
der Aberglaube. Die letzten Klänge der Orgel sind kaum verklungen,
so eilt schon die frohe Kinderschar den elterlichen Wohnungen zu, in
ihrer Abwesenheit hat ja das Christkind seine Gaben ausgebreitet.
Der Leuchter, welcher auch in der ärmsten Hütte nicht fehlt, ist
angezündet, die Pyramide dreht sich, der »Berg« strahlt im hellsten
Kerzenlicht. Der Berg ist ein in der Stubenecke terrassenförmig
aufgebauter Paradiesgarten mit Hirsch und Jäger, mit Stall und Krippe,
mit Engel und Stern, kurz mit allem, was der Vater in den langen
Winterabenden für seine Lieblinge zusammenbaute. Heller jedoch als die
Lichtlein strahlen die Augen der beglückten Kleinen.
Die Christnacht ist die erste Nacht der Zwölfnächte. Da muß man
auf die Träume achten, da sie in Erfüllung gehen. Die Zwölfnächte
werden im Erzgebirge auch wohl Innert- oder Internächte genannt, also
Zwischennächte, da sie zwischen dem heiligen Abend vor der Christnacht
und demjenigen vom Hohenneujahrstage liegen.
In Geyer knüpft sich an den Mettenbesuch folgende Sage: Ein altes
Mütterchen, welches von Kindheit an gewöhnt war, die Christmetten zu
besuchen, legte sich nicht schlafen, damit sie den Ruf der Glocken
nicht überhöre. Die Wanduhr war stehen geblieben, da schien es ihr, als
riefen die Glocken zur Kirche. Rasch macht sie sich zum Kirchgange auf,
die großen Bogenfenster der Kirche waren auch schon hell erleuchtet.
Wie früher hatte ein jeder Kirchgänger sein Mettenlicht angezündet, die
Weissagung wurde gesungen, so auch das ~Quem pastores~. Nur däuchte
es ihr, als ob die Andächtigen bleicher als sonst aussähen und als
sie näher hinschaute, waren es lauter Verstorbene. Eine Nachbarin
zupfte sie am Kleid und wisperte ihr ins Ohr: »Gevatterin, Ihr seid
zu früh und deshalb in die Totenmetten gekommen, dort seht Ihr die
Schattenbilder derer, die in dem kommenden Jahre die unseren werden.
Damit Ihr nicht auch dazu kommt, so werft beim Verlassen der Kirche
Euern Mantel ab.« Erschreckt verließ das Mütterchen die Kirche, that
aber, wie ihr die Gevatterin geheißen. Am andern Morgen fanden die
Kirchgänger auf jedem Grabe des Friedhofes, welcher die Kirche umgiebt,
ein Stückchen von dem Mantel, den die alte Frau beim Besuch der
Totenmetten getragen hatte.
Nach Spieß.