18. Die Weihnachtsspiele im Obererzgebirge.

Weihnachtsspiele gab es noch in den beiden ersten Jahrzehnten unseres

Jahrhunderts im Erzgebirge und in dessen Nähe allenthalben, vorzüglich

aber waren sie da heimisch, wo Bergbau getrieben wird, und Bergleute

waren auch meist die Darsteller. Es gab zwei verschiedene Arten von

Christspielen, die Engelschar und die Königschar. Eigentlich hießen

so die Gesellschaften, welche sich gebildet hatten, um die Geburt

Christi darzustellen, aber man bezeichnete die Spiele selbst auch mit

diesem Namen. Die Engelschar bildeten zwei Engel in weißen Kleidern,

mit Flügeln und hohen goldpapiernen Kronen; dann der heilige Christ

selbst, der hier seltsamer Weise in Mannesgestalt auftritt, während die

Geschichte von seiner Geburt aufgeführt wird, der Bischof Martin und

der heilige Nikolaus, statt dessen an andern Orten Petrus auftrat,

welche ebenfalls in langen, weißen Gewändern gingen und Kronen trugen,

während Christus das Zepter, Martin eine Rute, Nikolaus einen grünen

Zweig, Petrus einen großen, gelben Schlüssel in der Hand hielt; ferner

Josef, Maria, der Wirt, zwei Hirten und der Knecht Ruprecht. Diese

zogen von Haus zu Haus. Der heilige Christ fragte nach dem Fleiß und

der Folgsamkeit der Kinder, Martin mußte sie im Katechismus prüfen

und Gebete aufsagen lassen, Ruprecht schreckte die Ungehorsamen durch

seine Drohungen, der heilige Christ aber beschenkte die Artigen; dann

wurden die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem, die Verkündigung

an die Hirten auf dem Felde und die Anbetung der Hirten im Stalle

dargestellt und an passenden Stellen Weihnachtslieder gesungen; zuletzt

verabschiedete sich Christus und die ganze Schar mit einer Ermahnung an

die Kinder.

Diese Art der Weihnachtsspiele ist wahrscheinlich die älteste. Als

unsere Vorfahren noch Heiden waren, so glaubten sie, daß in den zwölf

Nächten nach dem heidnischen Feste der Wintersonnenwende die Götter

sichtbar auf Erden herumzögen, und viele der noch heute üblichen

Weihnachtsgebräuche deuten noch auf diesen Glauben hin; selbst die zu

Weihnachten und zum neuen Jahre in manchen Gegenden vorgeschriebenen

Speisen sollen ursprünglich Opfermahlzeiten gewesen sein. Es ist

leicht möglich, daß in dieser Zeit die heidnischen Priester als Götter

verkleidet umherzogen, um das Volk oder wenigstens die Kinder in

Ehrfurcht vor den Göttern zu erhalten. Als aber die Deutschen Christen

wurden, behielt man die alte Sitte bei, nur traten an die Stelle der

alten Götter Christus, Maria und andere heilige Personen; nur der

Ruprecht, dessen Name »der Ruhmesprächtige« bedeutet und der eigentlich

der Gott Thor der alten Deutschen gewesen sein soll, der Gott des

Donners, blieb noch bei der Schar, aber nicht als Gott, sondern als

schreckende Knechtsgestalt, wie wir ja wissen, daß die Geistlichen,

da sie die Furcht vor den alten Göttern nicht ausrotten konnten, sie

wenigstens als böse oder finstere Mächte darstellten. Bemerkenswert ist

auch der Umstand, daß die Engelschar, wie die Leute sich ausdrücken,

»das Recht zu gehen«, d. h. herumzuziehen, vom ersten Advent bis zum

Neujahr oder Hohenneujahr hatte; vom Hohenneujahr bis zur Lichtmeß

hielt dann die Königschar ihre Umzüge. Diese bestand aus zwei Engeln,

Josef, Maria, dem Wirt, zwei oder drei Hirten, den drei Weisen

oder Königen aus dem Morgenlande, Herodes, seinem Diener und einem

Schriftgelehrten und führte die ganze Geschichte von der Geburt Christi

bis zum Kindermord in Bethlehem auf, und zwar in der Regel nicht von

Haus zu Haus ziehend, sondern in einem größeren Zimmer oder Saal, wo

die Zuschauer sich vorher versammelt hatten. An einigen Orten kennt man

die Engelschar gar nicht, man nennt dann die Spieler auch nicht die

Königschar, sondern die Heiligenchristspieler.

Das Obererzgebirge war früher der eigentliche Mittelpunkt der

Weihnachtsspiele. In Annaberg gab es selbst eine Gesellschaft, meist

aber kamen die Gesellschaften der umliegenden Ortschaften, die in der

Stadt ihre Christspiele aufführten. In der Umgegend von Annaberg giebt

es fast keinen Ort, der nicht früher seine Engel- oder Königschar oder

beide zugleich hatte. Noch in den 50er Jahren bestand eine Königschar

in Frohnau. 1838 wurde dieselbe das letzte Mal in Wiesa aufgeführt. In

+Hermannsdorf+ hat die Engelschar am Anfange dieses Jahrhunderts ihr

letzte Weihnachtsspiel aufgeführt. 1850 spielte man in Königswalde das

letzte Mal. In +Raschau+ gab es noch 1850 das Dreikönigsspiel; ebenso

in Grünhain und Crottendorf. In Geyer spielte die Engelschar etwa 1810

zum letzten Male. In Grumbach spielte man noch 1836--40. In den 40er

Jahren bestand die Bärensteiner Engelschar noch. Die allerjüngste

Aufführung der Engelschar geschah 1857 in Mildenau. -- In neuester Zeit

sind mehrfach Weihnachtsspiele veröffentlicht und mit Erfolg aufgeführt

worden.

Nach Mosen.

19. Erzgebirgische Heilige Christfahrt aus der Zeit des 30jährigen

Krieges.

Die älteste Form des erzgebirgischen Weihnachtsspieles waren die

einfachen Hirtenspiele, welche die Verkündigung der Geburt Christi

auf dem Felde und die Anbetung des Christkindes durch die Hirten

behandelten. Hierzu kamen dann die »Heilige Christfahrten« und die

»Drei Königsspiele«. Aus der Verbindung der »Heiligen Christfahrt« mit

dem altüblichen Hirtenspiele ging die »Engelschar«, aus der Verbindung

des »Drei Königsspiels« mit demselben die »Königsschar« hervor. Während

»Engelscharen« und »Königsschar« vielfach erhalten sind, finden sich

»Heilige Christfahrten« nur selten.

Eine Komödia, welche am heiligen Weihnachtsabend die Lengenfelder

Jugend aufführt.

1631

+Personen+:

Gabriel.

Der Heiland.

Nikolaus.

Raphael.

Uriel.

Michael.

+Der Engel Gabriel.+

Fried, Freud und ewig Seligkeit

Sei euch allen von Gott bereit,

Auch ein glückselig neues Jahr

Geb euch Gott und immerdar!

Weil heut zu dieser Abendzeit

Die ganze werte Christenheit

Sich freuen thut des heil'gen Christ,

Der jetzt gar noch vorhanden ist,

Insonderheit die Kinderlein

An diesem Abend die frömmsten sein,

Indem sie nach den schönen Gaben

Ein herzliches Verlangen haben,

So hat mich das Christkindelein

Jetzt selbst zu euch gesandt herein,

Daß ich euch seine Gegenwart

Anzeigen soll zu dieser Fahrt,

Und ihm bereite seinen Thron,

Darauf sich setz der Gottessohn.

Darum, ihr lieben Kinderlein,

Seid still, merkt auf und lernet fein

Alles, was euch der heil'ge Christ

Befehlen wird zu dieser Frist.

Hierauf klopft ein anderer Engel oder auch statt des Engels ein

Bauer draußen an die Thür und spricht:

Glück denen, die darinnen sein,

Macht auf, macht auf und laßt uns ein!

Dann tritt der Heiland ein, dem der Engel Michael vorangeht.

+Der Heiland.+

Eine kurze Zeit verlaufen ist,

Daß ich, genannt der heil'ge Christ,

Mein' treuen Diener in alle Land

Nicolaum hab' ausgesandt,

Daß er zum Gebet und Frömmigkeit

Die kindlich Jugend mach bereit.

Weil aber die Zeit vorhanden ist,

In welcher beschert der heil'ge Christ,

So bin ich selber kommen rein,

Zu sehen, ob die Kinderlein

Gelebt han nach mein' Gebot,

Ob sie auch treulich gefürchtet Gott,

Ob sie auch meinen Namen geehrt

Und fleißig Gottes Wort gehört,

Ob sie Vater und Mutter fein

Gehorcht und gehorsam gewest sein.

Darum, ihr Eltern, so saget an,

Wie sich die Kinder gehalten han.

Beklagen sich die Eltern über ihre Kinder, so spricht der

Heiland:

Der Eltern kläglicher Bericht

Erfreut mich itzund wahrlich nicht.

Darum ich billig Ursach hab,

Diesen Kindern durchaus keine Gab

Zu geben. Drum nehmt, ihr Diener mein,

Die Gaben, so ihr bracht herein.

Ich weiß noch frömmer Kinderlein,

Da woll'n wir jetzund kehren ein

Und ihnen geben die schönen Gaben,

Die sie gar wohl verdienet haben.

Beklagen sie sich aber nicht, so hebt Uriel an zu klagen:

Ja, lieben Eltern, es wäre fein,

Wenn eure lieben Kinderlein

Sich so verhielten, wie ihr bericht,

Mein Mund aber ein andres spricht.

Als ich und der vor wenig Tagen

Vor diesem Haus vorüber zogen,

War ein groß Geschrei und großer Saus

Von euern Kindern in euerm Haus.

Sie schrien und blökten so schrecklich,

Daß wir beide entsetzten sich.

Solchs ich nun nicht verschweigen kann,

Sondern dem heil'gen Christ zeigen an.

+Darauf der Heiland+:

Meines Knechts kläglicher Bericht

Erfreut mich itzund wahrlich nicht

u. s. w. (wie oben).

Nikolaus tritt für die Kinder ein und spricht:

O frommer Christe, Gottes Sohn,

Der armen Kindlein doch verschon.

Siehe doch, wie ihre Äugelein

Und Mündlein auf dich gerichtet sein.

Ach sieh, wie stehen sie so traurig,

Ach sollt es nicht erbarmen dich,

Bist du doch sonst gütig und milde,

Freundlich und rechter Lieb ein Bilde,

Insonderheit den Kindelein

Pflegst du hold und gewogen sein,

Sie sein unverständig und klein,

Wissen noch nicht, was recht mag sein.

Drum laß dein Zorn bald vergehen

Und bleib allhier bei ihnen stehen.

Thu anhören die Kinderlein!

Vielleicht sie frömmer werden sein.

+Der Heiland.+

Nikolaus, du treuer Knecht,

Du erinnerst mich jetzund recht,

Drum geh jetzt hin und stell vor dich

Die Kinderlein fein ordentlich.

+Nikolaus.+

Das der heil'ge Christ befohl'n allzeit

Treulich zu thun bin ich bereit.

Darum, ihr lieben Kinderlein,

Stellt euch hier in die Ordnung fein

Und thut hersagen, was ihr habt

Gelernt nach meinem Mandat.

+Der Heiland.+

Für mich dürft ihr euch fürchten nicht,

Euch guts zu thun bin ich verpflicht.

Mein Nam' ist Gott, mein Thun ist gut,

Mein Feind ist der, so Schaden thut.

Ich hab mit mir viel schöner Gaben

Für Mägdlein und für junge Knaben,

Welche ich denen thu geben,

Die schön und hübsch können beten.

Drum kommt, ihr lieben Kinderlein,

Heran zu mir und betet fein!

Nachdem die Kinder ihre Gebete hergesagt, spricht der Heiland:

Das gefällt mir aus der Maßen wohl,

Drum ich euch billig lohnen soll.

Wohlan, Nikolaus, Diener mein,

Teil aus die Gaben den Kinderlein!

+Nikolaus.+

Es soll geschehen, drum nehmet jetzt

Die Gaben, die der heil'ge Christ

Jetzt geben thut euch Kinderlein,

Dieweil ihr noch könnt beten fein.

+Der Heiland.+

Ihr Kinderlein, nehmt so vor gut

Und habt damit ein' guten Mut.

Wenn ihr hinfort werd't frömmer sein,

So will ich thun den Dienern mein

Befehl'n, daß sie euch viel mehr

Gaben heut diese Nacht bescher'n.

Ich will euch auch geben allzeit

Langes Leben und gute Gesundheit.

Desgleichen all mein Engelein

Soll'n euer Hüter und Wächter sein.

Wohlauf, ihr Diener, allzumal

Singt und lobt Gott mit Freudenschall.

Dann singt man ein Lied und Michael sagt zum Schluß:

Hiermit von hinnen scheiden wir

Und wünsche, daß mögt erleben ihr

In Fried und guter Gesundheit

Das künftig Jahr und allezeit.

Darzu auch denn der Engel Schar

Wünscht ein glückselig neues Jahr.

Ihr Kindlein habt ein gute Nacht,

Was ihr gehört, fleißig betracht.

Der Segen Gottes sei mit euch,

Zu teil werd euch das Himmelreich.

Guter Fried sei stets in dem Haus

Allen, die gehen ein und aus!

Nach den Kirchl. Mitteilungen aus Zwickau und Umgegend.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 43 / 209 题