16. Die obererzgebirgische Kirmes.

Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und

mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest

des Landmanns, die Kirmes. Es setzt schon lange voraus Herzen und

Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die

Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine

neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre

Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann, und die Botenfrau

muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen

häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat

ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie schon den Rahm

gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben, und bereitet

nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf

daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker,

um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel

der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. -- Aber noch

andere Opfer sind nötig. Ein Schwein soll geschlachtet, Sauleed oder

Krumbeh, Schlachtfest gehalten werden. Der Fleischer ist bestellt,

der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennholz sind schon

am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon

knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und

herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch

gemandelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit

Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher

mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht

das tote Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen

Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird

geteilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich

ertönt der Ruf: »Das Wurstfleisch ist fertig« und alles eilt herbei,

um an dem leckern Genuß sich zu laben. Das Schwertelfleisch wird an

die Hausgenossen und Nachbarn verschickt. Nun folgt das Bereiten und

Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein

tüchtiges Bratstück ist zur Kirmes ausgesucht und der Abend schließt

mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art

Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Die ärmeren Nachbarn holen

sich die Wurstbrühe. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall

wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmessonntag ist da.

Beim Aufgange der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme

durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle

in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. Die gute Kaffeekanne

dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Türmen von

Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre an,

und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst

wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag,

ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen

die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute

in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche,

deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik

nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge,

jeder seiner Wohnung zu. -- Welche Freude giebt es bei der Heimkunft.

Der Vetter aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus

einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen.

Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbsterbautem

Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten

Kartoffelklöße und Sauerkraut, weißes Brot und Bier, vielleicht auch

eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im

silberweißen Haar rückt seinen altertümlichen Lehnstuhl heran und von

seinem wirtlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem

ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet.

Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige

Kuchenteller bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins

Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen ihre Lust, wo auf Wegen und

Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen

und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neuesten Geschichten. Die

rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch

und Genuß vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man

wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr

begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen

Skat, auch Schafkopf oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr

geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich

zugerüstet ist. Alt und jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und

bald ist alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt

Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, oder Schinken mit Sauerkraut, dann

Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein,

selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch

eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo

nun auch die Verheirateten am Tanz sich beteiligen, bald einen Walzer,

bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die

Kirmeslust beschlossen und mit Kuchenpäckchen beladen ziehen die Gäste

dankend heim. -- Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich

an der Mittwoch Haus und Arbeit allmählich wieder in das ruhigere Gleis

einlenken. -- Am nächsten Sonntag verhallen in der Klein-Kirmes die

letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch

und die Hoffnung, daß nächstes Jahr wieder Kirmes ist.

Nach Spieß.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 41 / 209 题