Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und äußerst genügsam. Gern steht
er dem Fremden Rede, und im Zwiegespräche sucht er unaufgefordert das
Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von seiner Genügsamkeit zeugen die
einfache Wohnung und die noch einfachere Kost. Dazu kommt Frohsinn,
eine ungemeine Verträglichkeit und große Liebe zur Reinlichkeit.
Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch eifriger musiziert.
Klostergrab und Breitenbrunn, Kupferberg und Gottesgab, vor allem
aber Preßnitz senden Scharen von Musikern hinaus in die Welt. Während
es anderwärts oft nicht gut thut, wenn zwei Familien in demselben
Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge oft drei bis vier Familien in
einer Stube, ohne daß man viel von unfriedfertigen Auftritten hört;
sicherlich ein Beweis, daß die Bewohner sanft und schmiegsam sind.
Der Sinn für Reinlichkeit tritt dem Fremden ungesucht entgegen. Die
Gebäude gefallen meist schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und
Anstrich, und das Innere der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch
die daselbst herrschende Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich
getüncht, die Dielen weiß gescheuert, die Haus- und Küchengeräte
blank geputzt! Und wenn der Maßstab Liebigs richtig ist, daß man
die Kultur von Volksgruppen nach dem von ihnen verbrauchten Quantum
Seife beurteilen könne, so wird den Erzgebirgern eine bevorzugte
Stellung einzuräumen sein; denn nirgends wird wohl mehr als bei ihnen
gewaschen und gescheuert. In der That macht auch der geringe Mann im
Erzgebirge eher den Eindruck eines verarmten Gebildeten, denn eines
armen Natursohnes. Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die
wesentlichste Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher
zur Antwort bekommen: »Die Gemütlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort,
worunter man aber im allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und
anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam
beachtet, nicht nur was man sagt und was man thut. Gewandte Personen
gelten als »manierlich« und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen
werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet.
Durch die genannte »Gemütlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit
erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch
auch die Thatkraft und der Trieb zur Selbsterhaltung abgeschwächt.
Ganz besonders vor dem Niederländer zeichnet sich der Erzgebirger durch
seine Vorliebe für Tanzvergnügen aus; selbst in den kleinsten Dörfern
trifft man oft mehrere, ziemlich groß angelegte Tanzsäle an. Diese
Tanzlust ist vielleicht die Folge sowohl der zum Sitzen zwingenden
Hausindustrie, als auch der Grundlosigkeit der im Winter verschneiten,
im Frühjahr und Herbst aber aufgeweichten Wege; der Tanz bietet dann
oft allein Gelegenheit zu der nötigen Bewegung.
An den alten Resten verschwindenden Volkstums und Volksglaubens hängt
der Erzgebirger mit wunderbarer Festigkeit; Sagen und Mären, die sonst
verschwunden sind, haben sich hier erhalten.
In den erzgebirgischen Familien ist die Überlieferung noch lebendig.
Die alte Ahne im Lehnstuhle, die nicht mehr klöppeln kann, weil ihre
Finger zittern, erzählt den Kleinen die Wundersagen und die besonderen
Geschichten des Thals und des Dorfs, und die bleiben lebendig in den
Herzen und Köpfen und werden von den altgewordenen Hörern weiter
vererbt.
Hier oben ist noch manches lebendig, das anderwärts schon lange tot
ist und mit Moder bedeckt. Hier leben in den langen Winterabenden die
Gestalten der altdeutschen Sagen wieder auf, und leuchtenden Auges
lauschen die Kleinen den Mären von dem reichen Silberherrn, den der
Satan geholt, von dem Bergmann, der die Silberstufen gefunden hat, von
dem grauen Männchen in Schneeberg und dem Schwarzkünstler zu Geyer.
Die erzgebirgische Tracht ist zwar fast ganz verschwunden, -- nur
vereinzelt sieht man noch den roten Brustlatz mit blanken Knöpfen,
öfter noch die schwarzledernen Hosen und den Sammetbartel, -- aber
mit ihr nicht die eigenartige Sitte des Gebirges. Besonders mächtig
ist noch die christliche Sitte. Was im Niederlande schon als überlebt
beiseite geworfen ist, ist in den Bergen noch lebendig. Die christliche
Sitte ist aber nicht nur Äußerlichkeit, sie ist auch ein Ausdruck des
christlichen Sinns des Erzgebirges, der sich nicht nur in seinem Thun
und Treiben, nicht nur in seinem Verhältnisse zur Kirche, sondern
auch in seinen Sprichwörtern und seinen sprichwörtlichen Redensarten
kundgiebt. Gemeinsam mit dem Vogtländer ist ihm die sinnige Feier des
Weihnachtsfestes. Was bei jenem die Krippe, ist bei ihm das Bethlehem,
eine Darstellung des Weihnachtswunders, oft vom Vater geschnitzt,
oft auch in den Familien forterbend, um das sich die Familie zum
Feste sammelt. Die Stelle des Lichterbaumes wird, besonders in den
Bergwerksgegenden, durch einen Bergmann vertreten, der ein Licht hält,
oder auch durch einen großen Leuchter.
Nach Prof. Berlet und Prof. ~Dr.~ Oertel.