15. Der Volkscharakter der Erzgebirger.

Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und äußerst genügsam. Gern steht

er dem Fremden Rede, und im Zwiegespräche sucht er unaufgefordert das

Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von seiner Genügsamkeit zeugen die

einfache Wohnung und die noch einfachere Kost. Dazu kommt Frohsinn,

eine ungemeine Verträglichkeit und große Liebe zur Reinlichkeit.

Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch eifriger musiziert.

Klostergrab und Breitenbrunn, Kupferberg und Gottesgab, vor allem

aber Preßnitz senden Scharen von Musikern hinaus in die Welt. Während

es anderwärts oft nicht gut thut, wenn zwei Familien in demselben

Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge oft drei bis vier Familien in

einer Stube, ohne daß man viel von unfriedfertigen Auftritten hört;

sicherlich ein Beweis, daß die Bewohner sanft und schmiegsam sind.

Der Sinn für Reinlichkeit tritt dem Fremden ungesucht entgegen. Die

Gebäude gefallen meist schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und

Anstrich, und das Innere der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch

die daselbst herrschende Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich

getüncht, die Dielen weiß gescheuert, die Haus- und Küchengeräte

blank geputzt! Und wenn der Maßstab Liebigs richtig ist, daß man

die Kultur von Volksgruppen nach dem von ihnen verbrauchten Quantum

Seife beurteilen könne, so wird den Erzgebirgern eine bevorzugte

Stellung einzuräumen sein; denn nirgends wird wohl mehr als bei ihnen

gewaschen und gescheuert. In der That macht auch der geringe Mann im

Erzgebirge eher den Eindruck eines verarmten Gebildeten, denn eines

armen Natursohnes. Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die

wesentlichste Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher

zur Antwort bekommen: »Die Gemütlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort,

worunter man aber im allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und

anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam

beachtet, nicht nur was man sagt und was man thut. Gewandte Personen

gelten als »manierlich« und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen

werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet.

Durch die genannte »Gemütlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit

erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch

auch die Thatkraft und der Trieb zur Selbsterhaltung abgeschwächt.

Ganz besonders vor dem Niederländer zeichnet sich der Erzgebirger durch

seine Vorliebe für Tanzvergnügen aus; selbst in den kleinsten Dörfern

trifft man oft mehrere, ziemlich groß angelegte Tanzsäle an. Diese

Tanzlust ist vielleicht die Folge sowohl der zum Sitzen zwingenden

Hausindustrie, als auch der Grundlosigkeit der im Winter verschneiten,

im Frühjahr und Herbst aber aufgeweichten Wege; der Tanz bietet dann

oft allein Gelegenheit zu der nötigen Bewegung.

An den alten Resten verschwindenden Volkstums und Volksglaubens hängt

der Erzgebirger mit wunderbarer Festigkeit; Sagen und Mären, die sonst

verschwunden sind, haben sich hier erhalten.

In den erzgebirgischen Familien ist die Überlieferung noch lebendig.

Die alte Ahne im Lehnstuhle, die nicht mehr klöppeln kann, weil ihre

Finger zittern, erzählt den Kleinen die Wundersagen und die besonderen

Geschichten des Thals und des Dorfs, und die bleiben lebendig in den

Herzen und Köpfen und werden von den altgewordenen Hörern weiter

vererbt.

Hier oben ist noch manches lebendig, das anderwärts schon lange tot

ist und mit Moder bedeckt. Hier leben in den langen Winterabenden die

Gestalten der altdeutschen Sagen wieder auf, und leuchtenden Auges

lauschen die Kleinen den Mären von dem reichen Silberherrn, den der

Satan geholt, von dem Bergmann, der die Silberstufen gefunden hat, von

dem grauen Männchen in Schneeberg und dem Schwarzkünstler zu Geyer.

Die erzgebirgische Tracht ist zwar fast ganz verschwunden, -- nur

vereinzelt sieht man noch den roten Brustlatz mit blanken Knöpfen,

öfter noch die schwarzledernen Hosen und den Sammetbartel, -- aber

mit ihr nicht die eigenartige Sitte des Gebirges. Besonders mächtig

ist noch die christliche Sitte. Was im Niederlande schon als überlebt

beiseite geworfen ist, ist in den Bergen noch lebendig. Die christliche

Sitte ist aber nicht nur Äußerlichkeit, sie ist auch ein Ausdruck des

christlichen Sinns des Erzgebirges, der sich nicht nur in seinem Thun

und Treiben, nicht nur in seinem Verhältnisse zur Kirche, sondern

auch in seinen Sprichwörtern und seinen sprichwörtlichen Redensarten

kundgiebt. Gemeinsam mit dem Vogtländer ist ihm die sinnige Feier des

Weihnachtsfestes. Was bei jenem die Krippe, ist bei ihm das Bethlehem,

eine Darstellung des Weihnachtswunders, oft vom Vater geschnitzt,

oft auch in den Familien forterbend, um das sich die Familie zum

Feste sammelt. Die Stelle des Lichterbaumes wird, besonders in den

Bergwerksgegenden, durch einen Bergmann vertreten, der ein Licht hält,

oder auch durch einen großen Leuchter.

Nach Prof. Berlet und Prof. ~Dr.~ Oertel.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 40 / 209 题