Einst hätten, so erzählt die Sage, Geier dem Hühnerhof des Rittergutes
Tannenberg argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann
sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp auf der
bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen, er band daher
sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand den Horst der
Rittelgeier auf, er zerstörte denselben, ebenso gelang es ihm, die
alten Vögel zu erlegen. Als er zu seinem Roß zurückkam, hatte es mit
seinen Hufen Zwitter und Zinngraupen entblößt. Der Edelmann steckte
das Erz zu sich, zeigte es Kundigen und auf deren Anraten schlug man
auf derselben Stelle ein. So wurde der Geyersberg fündig. Es geschah
dies nach Tschrans Vermutung zu Anfange des 14. Jahrhunderts. Die
Ansiedelung aber, welche sich wegen der schon früher aufgefundenen
reichen Silber- und Kupfererze in dem Thale gebildet hatte, bekam nach
den Raubvögeln den Namen Geyer, und noch heute führt diese Stadt drei
Geierköpfe im Wappen.
Die Ausbeute des Geyersberges scheint eine sehr reiche gewesen zu
sein, sind doch aus den Gruben nach einer vom Bergamt zu Freiberg
gemachten Zusammenstellung von der Auffindung bis zum Jahre 1845 (die
Ausbeute nach diesem Jahre ist ohne Belang) im ganzen rund 72600
Zentner Zinn gefördert worden, die einen Wert von 7 bis 8 Millionen
Mark darstellen. Das Werk im Geyersberg wurde Zwitterstockwerk
genannt. Unter Zwitter verstand der Bergmann den Zinnstein, ein dem
Gneise verwandtes oder mit ihm durch Übergänge verknüpftes Gestein,
hauptsächlich aus eisenschüssigen Quarzen, mit Chlorit, Arsenkies
und Zinnstein gemengt. Der Zinnstein in Gängen wurde zuweilen, wie
Charpentier berichtet, so reich befunden, daß drei Zentner Zinnerz zwei
Zentner Zinn beim Schmelzen gaben. Mit dem Bergbau im Geyersberg ist
die Geschichte der Stadt auf das Innigste verknüpft, kein Wunder, daß
auch die Sage die Erwerbsquelle umrankt wie der Epheu das verfallene
Bergschloß. Es berichtet eine alte Handschrift, auf dem Geyersberge
hätte sich ein Paar Raben aufgehalten, welche durch ihren hohen oder
niederen Flug Anzeichen von einer bevorstehenden Veränderung gaben,
bestünde dieselbe entweder in der kommenden teuren Zeit oder auch in
einem Unfalle, welcher dem Bergmann im Schoße der Erde zustieße. Das
Rabenpaar habe nie ein anderes neben sich geduldet, selbst die eigenen
Jungen habe es, sobald der Hafer begann, gegen den Schuß hin gelb
zu werden, mit Schnabelhieben davongetrieben. Ob sie auch im Herbst
1704 ein Anzeichen gaben, darüber schweigt die erwähnte Handschrift,
wohl aber geschah es, »daß eine große Wand oder Tagklippe niederging,
durch welchen Bergfall viel Holz verstürzet und die Häuser im Geyer
erschüttert worden, wie von einem Erdbeben«. Es mag eine furchtbare
Erschütterung gewesen sein, als die möglicherweise mit nicht allzu
großer Vorsicht angelegten Höhlen in sich zusammenbrachen, wodurch der
große Tagebruch, die Binge, entstand. Schon nach der ersten Senkung
muß die entstandene Vertiefung eine mächtige gewesen sein; denn als
im Herbste 1773 der Kurfürst und spätere König Friedrich August sein
durch die große Hungersnot heimgesuchtes Gebirge besuchte und auch am
7. September nach Geyer kam, zeigte man demselben den Geyersberg »und
bezeugte Ihro Churfürstliche Durchlaucht nicht undeutlich Höchstdero
Wohlgefallen an dessen grauen Altertume und Seltenheit«. Leider hatte
es mit dem einen Zusammenbruch nicht sein Bewenden, denn der Hauptbruch
erfolgte am 11. Mai 1803. Während die Grubenarbeiter bei dem Bruch
von 1704 durch vorherige Anzeichen in den Gruben gewarnt und daher
geflohen waren, wurden 1803 die beiden Bergleute Christian Gottlieb
Schramm und Johann Gotthilf Zimmermann, welche nach der Senkung
das Werk untersuchen wollten, ob weiterer Broterwerb möglich sei,
verschüttet. Ihre Leichen ruhen noch jetzt im Schoße der Binge. In dem
am Neujahrstage 1804 ausgetragenen Zettel klagt der Kirchner Hofmann:
Zum neuen Jahr sei neues Glück,
Mein Geyer, dir beschieden;
Vergiß das alte Mißgeschick --
Nur Stückwerk ist's hienieden!
Der Geyersberg erzeugte zwar
Uns bittre Thränen-Tage,
Und Teurung blieb im alten Jahr
Der Armen stete Klage.
Ja Kirche, Schule, Rat und Euch,
Geliebte Bürger, schütze
Der gute Gott, er segne Euch
Und sei der Knappschaft Stütze.
Obwohl der Betrieb des Bergbaues im Stockwerk vorläufig infolge
weiterer Brüche eingestellt werden mußte, nahm man ihn später, wenn
auch in geringerem Maße, wieder auf, bis mit dem Jahre 1855 das letzte
Zinnschmelzen stattfand. Die Förderkosten belaufen sich zu hoch im
Vergleich zum Preis des Zinnes, die reichen Gruben des Auslandes gaben
zu große Ausbeute.
Etwas Unheimliches über den Geyersberg berichtet M. Metzler in seinen
Totennachrichten von 1692. Da heißt es: Den 24. Novembris starb Gregor
Schneider, ein Kärner, welchem ein Spectrum am Geyersberge unter die
Augen gespeiet, daß ihm das ganze Angesicht verbrannt und das eine Auge
durch die Nasen ausgeschworen ist.
Heutzutage fürchtet man kein Gespenst mehr am Geyersberge; die Binge
ist vielmehr ein von nah und fern gern besuchter Ausflugspunkt in
unserem Erzgebirge. Nachdem der Wanderer sich an der köstlichen
Fernsicht geweidet hat, schaut er in die grausige Tiefe; das Werk,
welches fleißige Hände im Laufe von Jahrhunderten schufen, ist
zusammengestürzt. Da sieht man noch Spuren von früheren Förder- und
Abbaugängen, von Strecken etc. Die große Binge ist 70 ~m~ tief, gegen
200 ~m~ lang und 160 ~m~ breit. Aus der Ferne gesehen, gleicht sie
einem gewaltigen Krater, das dunkle Gestein ähnelt den Lavablöcken.