7. Die Binge auf dem Geyersberge bei Geyer.

Einst hätten, so erzählt die Sage, Geier dem Hühnerhof des Rittergutes

Tannenberg argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann

sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp auf der

bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen, er band daher

sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand den Horst der

Rittelgeier auf, er zerstörte denselben, ebenso gelang es ihm, die

alten Vögel zu erlegen. Als er zu seinem Roß zurückkam, hatte es mit

seinen Hufen Zwitter und Zinngraupen entblößt. Der Edelmann steckte

das Erz zu sich, zeigte es Kundigen und auf deren Anraten schlug man

auf derselben Stelle ein. So wurde der Geyersberg fündig. Es geschah

dies nach Tschrans Vermutung zu Anfange des 14. Jahrhunderts. Die

Ansiedelung aber, welche sich wegen der schon früher aufgefundenen

reichen Silber- und Kupfererze in dem Thale gebildet hatte, bekam nach

den Raubvögeln den Namen Geyer, und noch heute führt diese Stadt drei

Geierköpfe im Wappen.

Die Ausbeute des Geyersberges scheint eine sehr reiche gewesen zu

sein, sind doch aus den Gruben nach einer vom Bergamt zu Freiberg

gemachten Zusammenstellung von der Auffindung bis zum Jahre 1845 (die

Ausbeute nach diesem Jahre ist ohne Belang) im ganzen rund 72600

Zentner Zinn gefördert worden, die einen Wert von 7 bis 8 Millionen

Mark darstellen. Das Werk im Geyersberg wurde Zwitterstockwerk

genannt. Unter Zwitter verstand der Bergmann den Zinnstein, ein dem

Gneise verwandtes oder mit ihm durch Übergänge verknüpftes Gestein,

hauptsächlich aus eisenschüssigen Quarzen, mit Chlorit, Arsenkies

und Zinnstein gemengt. Der Zinnstein in Gängen wurde zuweilen, wie

Charpentier berichtet, so reich befunden, daß drei Zentner Zinnerz zwei

Zentner Zinn beim Schmelzen gaben. Mit dem Bergbau im Geyersberg ist

die Geschichte der Stadt auf das Innigste verknüpft, kein Wunder, daß

auch die Sage die Erwerbsquelle umrankt wie der Epheu das verfallene

Bergschloß. Es berichtet eine alte Handschrift, auf dem Geyersberge

hätte sich ein Paar Raben aufgehalten, welche durch ihren hohen oder

niederen Flug Anzeichen von einer bevorstehenden Veränderung gaben,

bestünde dieselbe entweder in der kommenden teuren Zeit oder auch in

einem Unfalle, welcher dem Bergmann im Schoße der Erde zustieße. Das

Rabenpaar habe nie ein anderes neben sich geduldet, selbst die eigenen

Jungen habe es, sobald der Hafer begann, gegen den Schuß hin gelb

zu werden, mit Schnabelhieben davongetrieben. Ob sie auch im Herbst

1704 ein Anzeichen gaben, darüber schweigt die erwähnte Handschrift,

wohl aber geschah es, »daß eine große Wand oder Tagklippe niederging,

durch welchen Bergfall viel Holz verstürzet und die Häuser im Geyer

erschüttert worden, wie von einem Erdbeben«. Es mag eine furchtbare

Erschütterung gewesen sein, als die möglicherweise mit nicht allzu

großer Vorsicht angelegten Höhlen in sich zusammenbrachen, wodurch der

große Tagebruch, die Binge, entstand. Schon nach der ersten Senkung

muß die entstandene Vertiefung eine mächtige gewesen sein; denn als

im Herbste 1773 der Kurfürst und spätere König Friedrich August sein

durch die große Hungersnot heimgesuchtes Gebirge besuchte und auch am

7. September nach Geyer kam, zeigte man demselben den Geyersberg »und

bezeugte Ihro Churfürstliche Durchlaucht nicht undeutlich Höchstdero

Wohlgefallen an dessen grauen Altertume und Seltenheit«. Leider hatte

es mit dem einen Zusammenbruch nicht sein Bewenden, denn der Hauptbruch

erfolgte am 11. Mai 1803. Während die Grubenarbeiter bei dem Bruch

von 1704 durch vorherige Anzeichen in den Gruben gewarnt und daher

geflohen waren, wurden 1803 die beiden Bergleute Christian Gottlieb

Schramm und Johann Gotthilf Zimmermann, welche nach der Senkung

das Werk untersuchen wollten, ob weiterer Broterwerb möglich sei,

verschüttet. Ihre Leichen ruhen noch jetzt im Schoße der Binge. In dem

am Neujahrstage 1804 ausgetragenen Zettel klagt der Kirchner Hofmann:

Zum neuen Jahr sei neues Glück,

Mein Geyer, dir beschieden;

Vergiß das alte Mißgeschick --

Nur Stückwerk ist's hienieden!

Der Geyersberg erzeugte zwar

Uns bittre Thränen-Tage,

Und Teurung blieb im alten Jahr

Der Armen stete Klage.

Ja Kirche, Schule, Rat und Euch,

Geliebte Bürger, schütze

Der gute Gott, er segne Euch

Und sei der Knappschaft Stütze.

Obwohl der Betrieb des Bergbaues im Stockwerk vorläufig infolge

weiterer Brüche eingestellt werden mußte, nahm man ihn später, wenn

auch in geringerem Maße, wieder auf, bis mit dem Jahre 1855 das letzte

Zinnschmelzen stattfand. Die Förderkosten belaufen sich zu hoch im

Vergleich zum Preis des Zinnes, die reichen Gruben des Auslandes gaben

zu große Ausbeute.

Etwas Unheimliches über den Geyersberg berichtet M. Metzler in seinen

Totennachrichten von 1692. Da heißt es: Den 24. Novembris starb Gregor

Schneider, ein Kärner, welchem ein Spectrum am Geyersberge unter die

Augen gespeiet, daß ihm das ganze Angesicht verbrannt und das eine Auge

durch die Nasen ausgeschworen ist.

Heutzutage fürchtet man kein Gespenst mehr am Geyersberge; die Binge

ist vielmehr ein von nah und fern gern besuchter Ausflugspunkt in

unserem Erzgebirge. Nachdem der Wanderer sich an der köstlichen

Fernsicht geweidet hat, schaut er in die grausige Tiefe; das Werk,

welches fleißige Hände im Laufe von Jahrhunderten schufen, ist

zusammengestürzt. Da sieht man noch Spuren von früheren Förder- und

Abbaugängen, von Strecken etc. Die große Binge ist 70 ~m~ tief, gegen

200 ~m~ lang und 160 ~m~ breit. Aus der Ferne gesehen, gleicht sie

einem gewaltigen Krater, das dunkle Gestein ähnelt den Lavablöcken.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 22 / 209 题