Bagdad, den 25. Mai 16.
Am Tage der Auferstehung.
Nach so viel stummen und verschwiegenen Grüßen, so viel liebend
gefalteten Büchern und Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den
Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen
Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit
einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: »Küß mich noch
einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite.« Und obwohl wir sie siebenmal
gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht müde,
immer von neuem ihre Züge zu betrachten.
Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von
zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend, sich
mit der Hand über die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das
Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der Boden
unter meinen Füßen, noch begreife ich nicht, daß diese Fülle des Glückes
mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr,
der langen, mühseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglühte
Wüste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener
rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle
Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie
ist es möglich, daß das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und
muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so
immer von neuem liebend an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein,
obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich im Mutterlande erwartet?
Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefühl klammert sich an mich,
das stark genug wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue
ich mich unter der Schar dieser Männer um, unter denen ich fast alleine
zurückblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch
diese Wüste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen
das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen
Feldmarschalls auf mich gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die,
schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten
umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die
Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehüllt, seinem
letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug
mich selber das Boot über den Kühle atmenden Fluß, schwankte ich
fieberdurchglüht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An
dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor
Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich
kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast
deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber
hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich:
also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers öffnet ihren
weißen Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band
ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich
machte, in ihrem Schatten zu leben.
Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Füßen die Meile
des Weges wieder kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von Tag zu
Tag die Mühe unsäglicher wurde, die meinem geschwächten Leibe bereitet
ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter
Palmen mir entgegen: es ist zu spät! Die gelbe Glut einer böse
blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das
Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als
wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben
in den Kellern. Vor unseren Fenstern hängen breite Rahmen aus
Palmblättern, die mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser begossen
werden. Die Hunde vor unsern Türen liegen in einer Pfütze von Schweiß.
Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken,
steigen auf die Dächer, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen
schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über uns wachsen die Sterne, die
goldenen Früchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die
Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflückte sie alle in
Deinen Schoß. Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene ein
Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand
fällt über Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich, ein gefülltes
Segel, und plötzlich rollt unser ganzes Bett über das flache Dach dahin.
Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern,
und der mit Wasser gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht
verdurstend hängen, bricht in Scherben.
Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die Ebene mit einem zarten Licht.
Blaue Dämmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfließt weich in die
Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein
Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in
Mossul, meine Füße rühren an die Trümmer von Babylon. Meine rechte Hand
liegt auf den Dächern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die
Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der
Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die
Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die
Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in
mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die
Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste geworden, von
verdorrenden Gräsern bedeckt und von heißen Winden geschlagen.