An die Mutter[2]

Bagdad, im Mai 16.

Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Auch Du

hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, daß Deine

Kinder reif würden für die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden

Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch einmal. Werde noch

einmal Mutter, daß neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in

den Laufgräben fließe!

O die große Lüge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne,

die über der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn

wofür haben wir gekämpft? Wofür trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele

Jahre hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe,

errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder

weise, kräftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, daß wir

die Menschen näher aneinander rückten, Völker an Völker, Herzen an

Herzen zu binden, die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel

wäre, und die Armut zu töten? O die große Lüge, die große Lüge! So viel

Wunder des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel hätten, Soldaten

schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fänden, zu töten;

bewaffnete Mörder noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer, weise

und klug und tapfer für die Geschäfte des Mordens, und Werkzeuge und

Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in

uns getragen, in die Lüfte zu steigen, und da sie endlich in Erfüllung

ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lüfte und warfen

den Tod vom Himmel auf die Erde herab.

[Fußnote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und

veranlaßte die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.]

So viele Reisen über Gebirge und fremde Länder, so viele Wanderungen

durch Städte, durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie nicht, daß

wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwächen unserer

Brüder, daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer

noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung,

immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes Klappern uns aus halbem

Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem

Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefühle in unserer Brust? Ach,

es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslöschbar

einprägen, daß wir sie niemals vergessen werden.

Gestern kamen die gefangenen Engländer aus Kut-el-Amara an. In langen,

staubigen Zügen trieb man sie durch die Gänge des Basars, durch die

gaffende Menge der Händler und Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn

der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfänden, wie

tief sie gedemütigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare

Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter

aneinandergefesselt, auf ihrem Rücken die traurige Last jener Gestalten

schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwächt, ihre Füße nicht

mehr tragen konnten, die fast aufgehört hatten zu atmen und in leblosen

Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus

ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne geröteten und

geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schälen begann, und mit

langen, dürren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände

ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne Fleisch. Hier wankten

Gestalten, die, barfuß und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre

Stiefel für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln gegeben hatten.

Auf ihren spitzen Schultern hing, wie über einen Stock gezogen, das am

Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblößend, und

zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch

immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der

klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser

gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren gestellt, aber die türkischen

Soldaten drängten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb

eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an

seiner Leine mit einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen, daß die

schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last

schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als müßten,

durcheinandergeschüttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Höhlen

fallen, um im Staub unter den Füßen der Tiere zu sterben, die

wiederkäuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts

gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars

von neuem in die glühende Sonne der Wüste tauchten.

Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche

des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine

schlitzäugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren

fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme

uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch

knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck

des Nicht-dafür-Könnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie

so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst, ganz der steigenden

Kühle des Nachtwindes hingegeben, da mußte ich mir unwillkürlich sagen:

wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter den Füßen dieser Verdammten

gibt, um darauf zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine Sonne

glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei spitzen Pfählen stehen oder auf

einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ... ja, die

Erde ist barmherziger als wir.

Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil

des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um Erlösung

schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine

endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats

bedeutet. »Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer,

zwei französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer Kreuzer

La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken ....« Das sind die

bluttriefenden Trophäen, die ein über alles geliebtes Deutschland gleich

den zahllosen Kopfhäuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an

die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der

Vorstellung besessen, daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern in

wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes

durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Empörung,

hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme

durch einen Brei von Blut und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann

-- und ging nicht hin und riß sich das Haupt von den Schultern, dies

nicht zu Ende zu denken?

O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor

Scham, in einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem Abbild unseres

Herzens gleicht. Auch Du mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht

verehrst. Auch Deine Söhne hängen in den Speichen eines Rades, das sie

zu zerreißen droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten

unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet?

Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie

Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch

die schmale Öffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten

Tiefen zerfleischend.

Dein gefesselter Sohn.

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 23 / 38 题