Brief an die Mütter

Bagdad, am Nabel der Welt,

den 29. März 1916.

Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß diese Erde noch unter mir

ist und meinen Füßen nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag

meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann ich es ausdrücken, daß es

mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille,

sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt wie in diesen Tagen, und oft

frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen,

Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele

tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind?

Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich am Fleckfieber, und noch

jetzt, Wochen später, erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die

mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen. Seit vielen Monaten

durchzieht eine verheerende Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene

Land. Die türkischen Soldaten haben sie aus den Städten Syriens und

Kleinasiens durch die Steppe herübergetragen, und die Rache des

armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wüste bedecken,

streckt ihre würgende Hand immer tiefer in die Häuser, in die

Hospitäler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen

völlig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Körper vor mir, den der

Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung an meiner

Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen

Halsentzündung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn

abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er

nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu heben.

Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene

ruhelosen Tage und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von

seiner Seite ließen. Nie werde ich diese einsamen Nächte vergessen, in

denen alle Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den Schmerzen des Todes

und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des

Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis

über die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem künstlichen

Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war

und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf

den niedrig geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde Atmen des

Kranken, der einen Schleimkloß im Munde wälzte, von dem er vergeblich

versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten über mir durch

die hölzerne Täfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus

dem Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung nicht fähig war,

im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend,

in der andern seinen schweren, völlig willenlosen Körper, schwankte ich

atemlos, bis wir beide völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen der

Schweiß ausbrach.

Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die

Terrasse des Hofes, in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen

entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die

einst die Frauengemächer eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der

Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich

stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu

betrachten, der einen rötlichen Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf

etwas Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen

schwach beleuchtete Grasbüschel, und merkwürdig, ich dachte: von allen

Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe

auf dem lehmgehärteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in

deinem Gedächtnis zurückbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle

bittere Wehmut der Stunden enthalten.

Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen

wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit

schwacher Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine Ratte von der

Decke ins Zimmer gefallen wäre. Wieder setzte ich mich an seine Seite.

Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte,

ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nächte war.

Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag und die Geschäftigkeit fremden

Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge

erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem

Geräusch der Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend, die

Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit

immer größerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe

anspornend.

Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs

Märchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom

Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, daß er die Lippen kaum

noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen

blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder,

etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich, ihn zu verstehen. Die

trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, während er

verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schüttelte, und nur seine schönen

blauen Augen glänzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls

plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, während wir im

Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß

es den Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben

wollten, nicht mehr möglich war, diese zu finden. Drei Stunden später

fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch, glucksend wie

Spülwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die Ärzte standen

schweigend. Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der

mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite

zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches und

wissenschaftliches Vermögen das der anderen Offiziere so weit übertraf.

Ich drückte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht.

Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prächtige Stute, die mit dem Fuß

in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. »Das

schöne Pferd!« sagte der Stabsarzt der Marine, ärgerlich mit dem Fuße

aufstampfend; aber wie merkwürdig erschien mir in diesem Augenblick sein

Wort, das doch gewiß nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen

erfüllt war. Die bunte Menge des Basars umdrängte uns. Der herrlichste

Frühlingsnachmittag stand über der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel

Jahre hatte ich im Gefängnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren

den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle

Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der

Straße blieb ich stehen, betäubt von Licht und dem Gefühl des Lebens:

daß ich noch bin! daß die Erde noch mein ist!

Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der plötzlichen Dunkelheit des

Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit

trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen Daseins

gewöhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen für den

Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht kamen die Juden, alte Männer

mit weißen Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam zu holen,

der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne

begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden sie in der finsteren

Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt, bis

zum Äußersten erregt, wälzte ich mich in den heißen Decken, während

widerwillig ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann

du?

Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem

Kellergewölbe, völlig entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam.

Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu

beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit

einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein

abgebrochenes Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in

die Fetzen seines Gewandes gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem

Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Häufchen

Schmutz. Rührung ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit des

Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kümmerlichen Bissen

Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein

schien.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begräbnis. Im Hof der

Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit

klagender Stimme einen hebräischen Psalm. Dahinter standen die deutschen

Offiziere, Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende Kerzen in der

Hand haltend. Die Kawassen eröffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen

und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern

jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der Großrabbiner, die

Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und

weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche und türkische Offiziere

und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden

begleiteten den Zug, während hochgeschwungene Fackeln die Finsternis

erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg über die

Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge

schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich

dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen könntet,

wie ich, übernächtigt, die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf und von dem

gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite,

welchen Trost würde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten!

Die Fenster aller Häuser waren von Menschen erfüllt, in den

Seitenstraßen und auf den Dächern drängte sich die Menge. Sobald der

Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die

Luft. Die Männer schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die

Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen

sich gegen die Brüste, zerfetzten die Kleider, und von den Dächern wogte

ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis

zum Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter den Kolbenschlägen der

Soldaten darum, ein Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem

Lichte der Fackeln umflossen, hoch über den Häuptern des Volkes erhoben

die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete sich das

Feld, die Menge flutete auseinander, und ein kühler Wind strich aus der

Wüste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über Hügel und

Gräben. In Grabtücher gehüllt, versank der Leichnam, von den

verlöschenden Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen Grube

dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten

Tonziegeln übermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu

stürzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wüste nach Hause tappten. --

Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging

in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher sein, wie ein

kranker Baum an Händen und Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel

fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran

zu sterben, als an der Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde

es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und während der widerliche

süße Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Räume des

Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el

Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an

das Ufer gebracht werden, während ich immer wieder erlebe, wie an meiner

Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen,

überkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug!

genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden!

Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der

Verwesung erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo

selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe

Münze?

Draußen steht der Frühling und hat noch den Staub der Wüste mit einem

grünen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren

Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen, daß ihr Flügel zuweilen

den entblößten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle

Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt. Zitronen und Mandarinen

duften schwermütig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter

blühen. Und zuweilen, wenn der Südsturm über die Palmengärten fährt, die

langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes Frauenhaar über ihren Nacken

werfend, setze ich mich an den Fuß der alten Lehmmauern und schließe die

Augen. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der deutschen Wälder

wieder und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne erzittern. Die

Frösche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wüste, und mir ist, als

sähe ich Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, ein altes und

ein alterndes Gesicht. Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und

schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich beschützt hat in allem

Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das

mir alleine zu schwer ist.

Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und

Geliebten[1]

Bagdad, den 18. April 1916.

Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich

erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich, daß auch über

meinem Wege eine gefällte Palme lag.

Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine

Woche pflegte ich ihn, fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah

in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen

haben, aus den Kissen die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte

leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen

schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wäsche

jenes kleine blutgefüllte Tier, das nun seit Monaten schon für uns das

Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte Überträger des

Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wußte ich, wie es um mich stand, und

während mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfüllte,

sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich

des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine

Seffineh stromaufwärts treidelten, immer dachte ich: wie schön ist es,

ihren Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah den Arabern zu, die in

einer Kuffe über den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so

setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter

ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu

betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll

Schönheit mit in die Dunkelheit.

[Fußnote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung

geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen

mußte, nicht wieder zu gesunden.]

Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem

Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu

steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein Zweifel mehr gelten, mein

durch so viele Krankheiten geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes

Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese

feste Gewißheit habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der vergangenen

Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit über mich. Auch der Tod ist nur

eine Gedankenüberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig

überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat

für mich immer darin bestanden, daß es einmal mit dem Tode endet. Nicht

an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er

willkommen sein.

Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer

gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen

schüchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken

des Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen blühen die

Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht über dem Land, und ich

beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von

Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele

gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von furchtbaren Zuckungen

erschüttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre

Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Räume

der Erde flattern, als triebe ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris

auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten des wütenden Stromes

ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere

zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt.

Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner

Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde

verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern und Wohnstätten

emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen

fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein

Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim

Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah,

Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben,

mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der

Mädchen, blaß und hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden Mondes.

Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweißen Frau, weise und mit

rätselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz für mich in dieser

Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu müssen, Dir Leid zu

bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser

Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat.

Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? In so verschüttete

Tiefen sankt Ihr hinab, daß ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil

meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines

bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, ohne

Mädchen, das die Mutter kommender Geschlechter würde. Wie schön, wie

unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel

Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte

-- ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen mußtet, frei zu sein,

als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden!

Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind,

wenn sie sich auf jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, für die

ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, der mein künftiges Leben geopfert

wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser

Stunde, daß ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr

schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen

zu können, was wir vermochten. Für Dich, Du vielgestaltete unendliche

Masse der Völker, die Du, im Elend und im Glücke leidend, an Deinen

Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest.

Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die

Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt für sie,

auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir

war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den

Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu

bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die

Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die Erde in allen Weiten und

Tiefen zu erschöpfen, nicht geringer in mir gewesen ist.

Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grüßt

Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch

Armin Wegner,

im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersättlichkeit des Lebens.

Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 21 / 38 题