An Carl Hauptmann

Bagdad, den 25. Januar 1916.

Diesseits des Tigris.

Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher Freund, daß ich es gewiß

nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem

geliebten Hause verzichten zu müssen und wieder in die Wüste zu ziehen,

ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese

trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese fremden und durchaus nicht

eintönigen Tage! Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im

Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke

vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, wenn ich

selber erzähle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrückungen

verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue

Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen,

daß ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend

entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter

uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.

Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten

Wohnung gewesen, die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in einem

Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tür verschlossen liegt. Ein

höchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau

Maria das stumme Märchen der Möbel zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen

davon erzählt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute!

Welche himmlische Heiterkeit erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist

eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und so schritt ich durch diese

letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das

Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch

fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die

seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert

betrachte ich die Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher

und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche erkennt, was ihm die Tiefe

gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine

vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten

Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon

alle der »Straße mit den tausend Zielen« angehören. Daß ich ein Buch

Erlebnisse aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte ich Ihnen schon, eine

Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser

Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber weitliegenden Plänen,

die ich nur flüchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre.

Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge alle mit dem Kriege

zusammenhängen; was wir ständig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft

am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren

Fleiß zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig jene Unermüdlichkeit

und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück der

Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens,

hinter der Ihr Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, zu dem

wir berufen sind. »Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...«

wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken müssen.

Übrigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines

Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wäldern stehen. Auf daß

ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern Jahren,

haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle

nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten

Bändern geschmückt, über dem neuen Hause, und gewiß ist das Dach

inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich

habe nach Deutschland geschrieben, daß man mir Ihre Bücher schicken

soll, und wenn ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen

Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir

schleppen könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, sie fremden

Menschen zu Gefährten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des

Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu

denen sprechen könnte, die Ohren haben zu hören?

Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte Land leer sei an

edlen und empfängnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in

Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die

ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswürdig und bestrickend,

eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit über die Grenzen

ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem

Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen

ausgeschmückten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank,

saß Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon,

und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier

versammelt sah, hätte glauben mögen, daß draußen vor den Toren der Stadt

armenische Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam erhob sich

der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie

rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte mich der Wohllaut

seiner Stimme, und oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, wenn er

noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft,

mir durch Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm nicht früher

begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen

Menschen schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem Gebäude

wohnt. So weiß ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine

Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer

rüstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein

einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die

Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die stärker als alle Bande des

Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lügen

gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So

fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich

immer wieder beglückt.

Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem Hause es so vortrefflich

gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch

regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer

schärfen und mit mir über die »Apfelsinen-Seele« plaudern. Unter einem

halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten,

und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen

bin, können Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft

ich am Tage an Sie denke.

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 16 / 38 题