Traum auf dem Kelek

Auf dem Tigris,

den 10. Dezember 1915.

Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden

Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter

Schilfdächern, auf dem bewegten Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten

und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hühnern, Kisten und

Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch

die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von der Kälte der eisigen Nächte,

die das Wasser in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß dreht

sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das

Ufer berührend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten.

Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß. Aber die Brüste sind

lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch muß

diese Erde getroffen haben, daß sie so voller Erbarmen um Wasser

bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine

Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorüber.

Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit Schwefel

erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge, schwarz, schwarz, blaurot,

Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine

Lippen öffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von

Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden?

Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an einen Stein am Ufer, stolpern

ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein

Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf

zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die

Gedanken, treten aus der Tür und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen

über das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhänge

der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt

sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche plötzliche

Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich

in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen

genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner

Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her.

Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken;

Staub liegt auf der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich müde

geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das

Floß weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt

erst zu schlafen beginnen?

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 15 / 38 题